Achim H. Pollert: Das Versteck hinter dem Zitat

Achim H. Pollert, Journalist und Ghostwriter, über das Zitieren

Nun hat sich also etwas ereignet, das ich mit grösster Ueberraschung aufgefangen habe.

Ich bin in meinem Leben gar vielen Stinkstiefeln begegnet. Nicht zuletzt auch innerhalb des unmittelbaren Familienkreises

Und immer wieder musste ich mich auch mit deren Argumentationstechnik auseinandersetzen.

Eins der vordringlichen Bestreben des Stinkstiefels ist nun, seine Mitmenschen planmässig zu zermürben. Das erreicht man nicht zuletzt sehr einfach mit abwertenden, verletzenden, demütigenden, zurücksetzenden Anmerkungen. Die beschäftigen den betreffenden Menschen dann oft noch lange Zeit danach, konfrontieren ihn immer wieder mit Aerger und sonstigen negativen Gefühlen – selbst wenn gar niemand dabei ist. Während Sie sich nachts schwarz ärgern und sich selber regelrecht kaputt machen, ist der Stinkstiefel vielleicht schon wieder dabei, sein Leben zu geniessen. Oder jemand anderen mit so einer Anmerkung zu impfen. Oder beides.

Und dabei spielt das ZITAT eine wichtige Rolle.

Denn so viel einfacher als sich selber auf eine Debatte einzulassen, ist es für den Stinkstiefel ja, die – tatsächliche oder angebliche – Aussage eines anderen zu zitieren.

Anstatt also zu sagen: „Du solltest abnehmen, weil ich finde, dass Du zu dick bist“, ist es für einen Stinkstiefel als Mutter viel einfacher, zu ihrem halbwüchsigen Sohn zu sagen: „Die nette junge Frau im Nachbarhaus hat mich gestern auf der Strasse angesprochen. Sie hat mich gefragt, ob Du nicht auch ein bisschen abnehmen willst. Sie fände, Du würdest doch viel schöner aussehen, wenn du schlanker wärst.“

Natürlich wird der fünfzehnjährige Sohn nicht bei der verheirateten Nachbarin anklopfen, um nachzufragen, wie sie dazu kommt, solche Urteile über ihn abzugeben. Ganz im Gegenteil: Solche Zitate sorgen beim Opfer für mitunter lange Nachwehen, Selbstzweifel und innere Aushöhlungen. Sie machen das Opfer für spätere An- und Eingriffe weiter empfänglich und zerbrechen seine Fähigkeit zum inneren Widerstand.

Und so ist es für den Stinkstiefel ohnehin einfacher – und in seinen Zielsetzungen viel produktiver -, anstatt für eine eigene Ansicht einzutreten einen anderen zu zitieren. Nicht zuletzt würde sich die Mutter, stellte man sie in einem solchen Fall zur Rede, standardmässig darauf zurückziehen, dass sie selber das gar nicht gesagt habe. Vielmehr habe das ja die Nachbarin gesagt.

Sich hinter dem Zitat verstecken

Solche Zitate brauchen dabei nicht einmal eigens erstunken und erlogen zu sein. Etwa im wissenschaftlichen Bereich gibt es durchaus auch die Praxis, im Fundus der Vorgeschichte nach einem Zitat zu suchen, hinter dem man sich verstecken kann.

„Nicht ich habe das behauptet!“ so dann der grossmaulige Nachtrag. „Karl Marx hat gesagt, Religion wäre Opium für das Volk.“

Und nicht ich habe etwas gegen die Juden gesagt. Sondern Martin Luther hat so furchtbar über die Juden geschimpft. Nicht ich habe behauptet. Sondern das steht so da und da. Und so weiter.

Bei intellektuell und charakterlich entsprechend schwach begabten Menschen kann sich dies nun ohne weiteres auch zur Gewohnheit entwickeln. Anstatt selber eine Meinung zu vertreten, die sich auf eigene Einsicht und Erkenntnis stützt, ist es doch viel einfacher, sich hinter einem Zitat zu verstecken.

Wird das Ganze gut aufgenommen, dann hat man etwas in Gang gebracht. Und wenn die Proteste zu heftig werden, dann war alles eben – wieder einmal und wie so oft – das berüchtigte „Missverständnis“.

Nicht zuletzt auch unter den Profis im religiösen Bereich wird dergleichen gepflegt.

Dort heisst es dann eben auch, dass nicht der Prediger hier seine Meinung vertritt, sondern dass es eben in „der Schrift“ steht. Somit bildet dies dann auch gleich das ideale Versteck für den etwas Minderbegabten, nämlich das Zitat des vorgeblichen Wort Gottes.

„Passt Dir also dieses oder jenes nicht, was ich sage, dann wende Dich doch an den Herrgott direkt.“

So der Prediger.

Es mag sein, dass der Prediger nicht so menschenfeindliche Ziele verfolgt wie der Stinkstiefel. Und es mag auch sein, dass sich in einem tieferen psychologischen Zusammenhang die beiden dann doch wieder sehr stark ähneln, indem es sich bei dieser Zitat-Masche grundsätzlich darum handelt, dass Menschen ihre minderen Eigenschaften zu kaschieren versuchen.

Hier die schräge Machtausübung und Manipulation von Menschen. Dort das Verbergen eigener intellektueller Unzulänglichkeiten. Hier ein Charakterfiesling. Dort ein dummer Hund.

Möglicherweise beides.

Was bezweckt das Zitat?

Natürlich: Wie alles Unschöne kann man sich auch dieses Zitieren einfach als schlechte Angewohnheit zulegen.

Eine gewisse Portion an Selbstkritik kann also auch hier – wieder einmal – nicht schaden.

Wen will ich womit zitieren? Um was zu verdeutlichen? Und auf welcher allgemeinen Basis?

Ist für die Zuhörer der tiefere Hintergrund meiner Argumentation erkennbar? Verstehen die auf Anhieb, wofür ich eigentlich im Rahmen dieses Zitats stehe? Oder müssten die zunächst einmal rückfragen?

In diesem Sinne ist etwa im wissenschaftlichen Umfeld ein Zitat immer nur dann wirklich seriös und ernst zu nehmen, wenn der Zitierende dann wirklich auch gleich zu Anfang klipp und klar erklärt, ob er sich mit diesem Zitat solidarisiert oder ob er es ablehnt, was er mit diesem Zitat ganz konkret be- oder widerlegen will, wie er gerade hier und jetzt darauf kommt und wie er sich selber im Verhältnis zu diesem Zitat sieht.

Bleibt diese klar Standortbestimmung aus, dann ist das Zitat nichts weiter als fieses Stinkstiefel-Geschwätz oder das Gelabere eines Dummbeutels, dem die Fähigkeit fehlt, einen eigenen Standpunkt souverän und in sich schlüssig zu manifestieren – selbst wenn das Zitat als solches (wie so oft bei Stinkstiefeln) wahrheitsgemäss erfolgt.

Wie etwa sieht es aus als Vorgesetzter im Mittelfeld einer grossen Organisation? Soll man sich da ebenfalls hinter den Geschäftsführern verstecken und seinen Untergebenen gegenüber stets die allmächtigen Direktoren zitieren? Ist das dann die Kombination von beidem? Einerseits die massive Drohung mit dem Zitat eines Mächtigen und somit die fiese Manipulation. Andererseits das geistige Minderbemitteltsein und keinen klaren eigenen Standpunkt beziehen können.

Als Opfer kann man – wie meistens – auch hier eine Verhaltensregel im alltäglichen Umgang mit Stinkstiefeln entwickeln.

Kommt nämlich von einem solchen Haustyrannen und schwierigen Menschen ein solches Zitat, dann möge man ihn sofort befragen, wie er selber dazu steht, warum er dies gerade hier und jetzt von sich gibt und was er damit zu dokumentieren sucht. So kann es durchaus auch hilfreich sein, einen schwachen Gruppenchef direkt zu fragen, ob er denn auch dieser Meinung sei, die der allmächtige Direktor da angeblich geäussert hat, dass nämlich alle immer eine Viertelstunde zu spät kämen.

Ist er selber nämlich dieser Meinung, dann wird man ihn in einem nächsten Schritt nämlich fragen können, wie er denn diese Behauptung des ständigen Zuspätkommens belegen kann. Ist er dagegen nicht dieser Meinung, dann wird man ihn fragen können, wieso er seine Leute eigentlich gegenüber oben so schlecht in Schutz nimmt.

Das Beispiel aus der Praxis

Irgendwie unerwartet kam in diesem Sinne nun das Beispiel eines bedeutenden Religionsführers, der auf Grund seines Amts moralische Instanz ist und stets als der messerscharf denkende Parade-Intellektuelle gehandelt wurde. Zudem bis anhin in Deutschland allseits beliebt, weil er Deutscher ist.

Der hat nämlich gerade auch zitiert.

Und zwar hat er einen Professor aus Münster zitiert, der seinerseits die Aussagen des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos herausgibt. Im Jahre 1391 soll dieser gelehrte byzantinische Herrscher im Winterlager zu Ankara gesagt haben, der Schöpfer des Islam – der Prophet Mohammed – habe an Neuem „nur Schlechtes und Inhumanes“ in die Welt gebracht „wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Wohlgemerkt: Obwohl die Aussage als Ganzes schon sehr fragwürdig ist, soll hier weder über dieses Urteil über einen Religionsstifter gesprochen werden. Noch soll etwa darüber diskutiert werden, ob und inwieweit dergleichen etwa den strafrechtlichen Tatbestand der Verächtlichmachung einer Religion erfüllt.

Aber was ist mit unserem Religionsführer?

Er zitiert einen mittelalterlichen Herrscher, der sich seinerseits in übelster Art und Weise über eine konkurrierende Religion geäussert hat.

Bedenklich ist das äusserst typische Verhalten, das diese moralische Instanz danach an den Tag legt.

Zunächst wurde nämlich aus dem Ganzen „NUR EIN ZITAT“. Man könnte die Erregung der Muslime über den Religionsführer gar nicht verstehen, so die ersten Erklärungen. Schliesslich habe nicht er die abschätzigen Bemerkungen getätigt, sondern eben jener Manuel II Palaeologos vor über 600 Jahren. Mit anderen Worten: „Haltet euch doch an den!“

Dann folgte, etwa einen Tag später, das berüchtigte „MISSVERSTAENDNIS“. Da hiess es dann, man habe natürlich in keiner Weise das muslimische Glaubensbekenntnis abwerten wollen. Vielmehr sei es doch darum gegangen, die Unvereinbarkeit von Gottgläubigkeit und Gewalt darzulegen. Mit anderen Worten: „Um zu belegen, dass alle Gewalt dem Wesen Gottes widerspricht, haben wir mit dem Finger auf Mohammed und seine Lehre gezeigt – und zwar ohne jede Abwertung!“

Danach folgte dann „BEDAUERN“. Der Religionsführer sei betrübt, dass die Moslems so verärgert auf seine „wissenschaftliche Vorlesung“ reagiert hätten. Schliesslich habe er doch nur ein „GESPRAECHSANGEBOT“ gemacht. Anstatt sich nun empört zu zeigen, sollten die Muslime der Welt dieses Angebot doch annehmen und einen Dialog über den grundsätzlich friedliebenden Gott beginnen. Mit anderen Worten: „Ein bisschen Autorität bleibe ich eben doch! Und könnt ja beweisen, dass ich unrecht habe, indem ihr euch anders benehmt!“

Oder eben doch ganz anders…

Wie auch immer. Wir wissen ja jetzt vielleicht etwas genauer, was wir von solchem Verhalten – dem Zitieren und dem späteren Lamentieren – in unserer Umgebung zu halten haben. Das Eine oder das Andere.

Oder beides?

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net/

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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