Achim H. Pollert: Gegen den Strom

Achim H. Pollert (*) über einen Grundpfeiler der Wirtschaftstheorie ///—///

Kontakt zu Achim H. Pollert: http://texteservice.bplaced.net/

„Kalt erwischt“ wurden die Staaten des Westens im Jahr 2008. Viele von ihnen, nicht zuletzt auch Deutschland, hatten begonnen, ihre über Jahrzehnte angehäuften Staatsschulden in den Griff zu bekommen.

Obwohl man wohl aus Schweizer Optik in vielen dieser Staaten nicht von Besteuerung sondern eher von Beschlagnahmung reden könnte, war natürlich an eine Rückzahlung dieser Milliarden und Abermilliarden von Schulden nicht zu denken. Aber immerhin hatte beispielsweise die deutsche Bundeskasse für dieses vergangene Jahr fest ins Auge gefasst, zum ersten Mal seit Jahrzehnten keine neuen Schulden mehr aufzunehmen.

Und dann eine solche Finanzkrise, die noch dazu – damit man sie auch entsprechend ernst nimmt – von einer Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ bestimmt wurde!

Nun droht die Rezession, möglicherweise die Depression! Gefahr für den Wohlstand der halben Welt!

Und da wird es wohl nichts werden mit dem, was die grossen indirekten Demokratien des Westens mitunter als ausgeglichenen Haushalt bezeichnen. Ganz im Gegenteil: Hier und da hört man, die Milliarden an Rettungssubventionen für die Finanz- und die Automobilindustrie, die Garantien für die verschiedenen Sicherungsfonds der Kleinsparer und all dergleichen würde für ein neues Rekorddefizit sorgen.

Ganz zu schweigen davon, dass durch die gebremste Wirtschaftsentwicklung im kommenden Jahr auch noch für geringere Steuereinnahmen sorgen wird.

Und damit nicht genug!

Nun sieht sich in Zeiten der drohenden Krise der Staat auch wieder dem Zwang ausgesetzt, Geld unter die Leute zu bringen.

Da kommt dann der – möglicherweise – groteske Vorschlag, dem Volk Konsumgutscheine abzugeben. Wenn der Bürger selber von seinem Gesparten 200 Euro bringt, würde der Staat dann mit einem Gutschein 500 Euro daraufsetzen. Dadurch soll dann Geld in den Kreislauf kommen. Wahrscheinlich wäre es einfacher, wenn gleich schon mehr Banknoten gedruckt werden.

Da wird dann in Erwägung gezogen, die Strassenverkehrsabgabe zurückzufahren, was dann pro Kopf der Bevölkerung 200 Euro im Jahr „bringen“ würde. Oder es entbrennt eine schier endlose Debatte, ob nun die Kosten für ersten 20 Kilometer Arbeitsweg steuerlich absetzbar sind oder nicht.

Auch wenn solche Massnahmen unrealistisch und, falls realisiert, viel zu wenig effektvoll wären, auch wenn solche Vorgänge vielleicht beim Schweizer Beobachter vornehmlich Kopfschütteln verursachen, so bezeichnen sie doch eine grundlegende Notwendigkeit der Wirtschaftspolitik.

Im wesentlichen geht diese Erkenntnis zurück auf John Maynard Keynes, den legendären Pionier der Oekonomie. Der nämlich legte den Grundstein für den Gedanken, dass der Staatshaushalt nicht nur dazu da ist, die Aufgaben des Staats zu finanzieren, sondern auch – und vor allem – als

Steuerungsinstrument der Wirtschaftspolitik

Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach und einleuchtend, wenn sie auch zu ihrer Zeit möglicherweise politisch eher als links eingestuft wurde.

Demnach soll der Staat eben nicht die Wirtschaft als etwas komplett Eigenständiges betrachten und alles dem freien Spiel der Kräfte des Markts überlassen, sondern eben selber in Beziehung zu diesen Marktkräften treten.

In Zeiten der Hochkonjunktur, wenn die Wirtschaft so richtig rund läuft und oft kaum noch hinter der aufgeheizten Nachfrage her kommt, wenn die Inflation den Wert des Geldes bedroht, soll der Staat seine eigenen Ausgaben senken.

Weniger soll dann vom Staat in Auftrag gegeben werden. Weniger Strassenbau, weniger Anschaffungen, weniger Neubauten sollen die ohnehin schon hoch belastete Wirtschaft von zusätzlichem Auftragsdruck befreien. Weniger neues Personal soll der Wirtschaft auf dem Arbeitsmarkt mehr Ressourcen zur Verfügung stellen.

Auch soll der Staat dann die Steuern tendeziell eher anheben.

Durch die geringeren Ausgaben und die höheren Einnahmen soll dann Geld zur Verfügung stehen, um aus der Vergangenheit bestehende staatliche Schulden zurückzuzahlen.

Der Staat soll sich also bremsend dem Boom entgegenstellen.

Wenn nun der Boom vorübergeht, wenn die Nachfrage sich abkühlt, wenn die Konsumentenstimmung so ganz langsam aus den höchsten Höhen heruntersinkt, wenn mehr und mehr Firmen Pleite gehen und mehr und mehr Arbeitnehmer auf der Strasse stehen und keinen Job mehr finden, dann sollte der Staat mit seiner Zurückhaltung aufhören.

In der Krise soll die öffentliche Hand sich eben auch entgegengesetzt verhalten.

Dann soll Geld ausgegeben werden. Neues Personal soll der Staat vermehrt in diesen Krisenzeiten anstellen, damit nicht allzu viele Leute auf dem Arbeitsmarkt herumlungern. Dann sollen die neuen Strassen, Tunnel, Brücken und Gebäude gebaut werden. Dann sollen die neuen Polizeiautos, Militärjets, Schulcomputer und Verkehrsampeln angeschafft werden. Mit diesen Aufträgen wird auf dem schwächelnden Markt Nachfrage geschaffen. Firmen überleben die Krise und müssen weniger Leute entlassen.

In solchen Krisenzeiten soll der Staat dann die Steuern auch eher senken. Durch die Steuersenkung kommt mehr Geld in den Kreislauf, das den Konsum und somit die Wirtschaft am Laufen hält. Nötigenfalls soll der Staat durchaus dann auch Schulden machen.

Ebenso wie in Zeiten des Booms soll sich die öffentliche Hand eben auch in der Krise entgegengesetzt verhalten.

Die Wirtschaftslehre spricht hier vom antizyklischen Verhalten des Staates.

In der Theorie wunderbar

Es mag sein, dass in der Schweiz dieses antizyklische Verhalten auch in weiten Teilen noch existiert. Wenn etwa die Gemeindeversammlung Kassensturz macht und feststellt, wieviel man eigentlich hat, ob es einem örtlichen Handwerker gut tun würde, dass das Dach des Schulhauses nun endlich neu gedeckt werden muss u.s.w., dann stellt sich solches Verhalten eher auf natürlichem Wege ein.

Folgerichtig und logisch ist die Handlungsmaxime der Theorie auf jeden Fall.

Das Gemeinwesen wirkt dann den Extremen gegenüber ausgleichend und sorgt so nicht nur für eine gewisse Kontinuität des Wirtschaftsgangs, sondern federt auch die sozialen Auswüchse ab. Etwas, wofür der Staat auch gut ist: dass nämlich der einzelne Mensch ein Stück mehr Sicherheit und Beruhigung hat.

Warum nun funktioniert das in den grossen Volkswirtschaften des Westens nicht so richtig?

Warum beginnt dort alles irgendwie zu wanken, wenn es um die Antizyklik geht?

Warum stecken die Staaten des Westens jetzt, in der Zeit der Krise, in diesem Dilemma?

Einerseits haben diese Regierungen gewaltige Summen zur Verfügung, jeweils wahrscheinlich mehr als je zuvor in ihrer Geschichte. Anderseits sind diese Staaten so krachend verschuldet, dass man ernsthafte Zweifel daran haben kann, dass sie auch je diese Schulden werden zurückzahlen können.

Anderseits müsste der Staat jetzt eben in nennenswertem Ausmass Geld ausgeben, neues Personal anstellen, die Steuern senken, marode Baulichkeiten erneuern, Anschaffungen tätigen.

Das Dilemma also ist ganz einfach, dass der Staat jetzt gleichzeitig Geld ausgeben und sparen müsste… und das geht eben nicht.

Die Ursache für dieses Dilemma liegt ebenso auf der Hand: Wer sich heute antizyklisch verhalten will, hätte dies früher eben auch schon tun müssen. Der hätte in den guten Jahren, früher, sparen müssen. Der hätte weniger Personal einstellen, keine neuen Anschaffungen tätigen, kein neues Geld für selbst sinnlosesten Projekte hinauswerfen dürfen. Der hätte in den guten Jahren die alten Schulden zurückzahlen müssen und hätte nicht damals Rekorddefizit an Rekorddefizit reihen dürfen.

Ein solcher Staat wäre in einer Krise handlungsfähig genug, um eben entsprechende Massnahmen zu ergreifen.

Und da würde die Theorie dann auch bestens funktionieren.

Indessen hat man bei vielen Volkswirtschaften des Westens eher den Eindruck, dass es da so ein „Fünfer-und-Weggli“-Denken gibt. Die Handlungsmaxime ist dann eben eher, dass man, anstatt die Nachteile eben mit den Vorteilen anzunehmen, immer nur aus dem Vollen schöpft. Auch in den Zeiten des grössten Booms gibt es satt Subventionen, dicke Steuergeschenke, monströse Grossprojekte.

Und solange das eben so bleibt, wird jede Krise dann immer wieder zum Seiltanz.

Selbst hierzulande, wo die antizyklische staatliche Ausgabenpolitik mit zum ökonomischen Credo gehören, bleibt der Seiltanz dann nicht aus. Denn die Schweiz ist eben keine Insel sondern hängt ebenso wie die anderen an der Weltwirtschaft. Und die Frage bleibt ungeklärt, ob sich die Schweiz im Zuge der Globalisierung diese weltweit verbreiteten Unsitten eben auch zu eigen machen wird.

Eine Lösung

Rein aus dem wirtschaftspolitischen Blickwinkel gäbe es natürlich auch objektiv eine Lösung.

Sich jetzt, in der Krise, antizyklisch zu verhalten, ist natürlich richtig.

Gelöst ist der ganze Komplex allerdings dann erst nachher – wenn es wieder aufwärts geht.

Auch dann nämlich müssten diese riesigen Volkswirtschaften jenseits der Schweizer Grenzen sich eben auch zum antizyklischen Verhalten durchringen und dann eben nicht mehr das Geld so mit vollen Händen fortschaffen.

Wir werden sehen, ob sie dazu dann in der Lage sind.

Kontakt zu Achim H. Pollert: http://texteservice.bplaced.net/

 

 
Ghostwriter Ghostwriting akademisch Ghostwriting Ghostwriter Ghostwriting Diplomarbeit Ghostwriter Ghostwriting zuverlässig Ghostwriter Ghostwriting preiswert Ghostwriter Ghostwriting diskret Ghostwriter Ghostwriting Master

Advertisements

Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.