Achim H. Pollert: Das Nullsummenspiel…

Achim H. Pollert (*) über einen Aspekt der Börse ///—///

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“Spiel” im wirtschaftlichen Sinne ist nicht das vom “Spieltrieb bestimmte lustbetonte Handeln ohne Ernstbezug” (so die allgemeine Definition aus dem Lexikon).

Vielmehr behandelt die “Spieltheorie” im wirtschaftlichen Sinne die mathematischen Zusammenhänge rund um das strategische Verhalten in Wettbewerbssituationen. Die Spieltheorie in diesem Sinne ist anwendbar auf wirtschaftliche wie auch auf militärische Vorgänge.

Das hört sich zugegebenermassen ausserordentlich trocken an – und wahrscheinlich ist es das auch.

Etwas näher ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist der Begriff der Spieltheorie, als 1994 der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten mit seinen Erkenntnissen den Nobelpreis bekam.

Dies übrigens vorab: Schach und andere Geschicklichkeits-, Gedulds- und Kombinationsspiele sind in diesem Sinne keine eigentlichen „Spiele“.

Doch jetzt zur Sache.

Nullsummenspiel

Eigentlich stammt der Begriff Nullsummenspiel aus der hochwissenschaftlichen Spieltheorie.

Es handelt sich dabei um eine grundsätzliche Art, wie Menschen (z.B. wirtschaftlich) miteinander in Beziehung treten können.

Die grundlegende Bedingung des Nullsummenspiels lautet dabei:

„Dein Gewinn ist der Verlust eines anderen.“

Was immer Du als Gewinn erzielst, muss jemand anderer vorher verloren haben.

Unter dem Strich wurde dann kein Wert geschaffen. Es wurden ausschliesslich Werte oder Geld umverteilt.

Eine normale Wirtschaftstätigkeit ist dabei kein Nullsummenspiel. Bei den üblichen kommerziellen Beziehungen werden in der Regel vielmehr gegenseitig Bedürfnisse befriedigt. Ein Käufer bekommt eine Ware – ein Händler erzielt Umsatz. Ein Arbeitnehmer bekommt Lohn – ein Arbeitgeber erhält im Gegenzug Arbeitsleistung.

Sogar gängige Finanzgeschäfte stellen kein eigentliches Nullsummenspiel dar. Oft sind diese Finanztransaktionen so kompliziert, dass sie nicht ohne weiteres durchschaubar sind. Aber meist sind auch sie so gestaltet, dass beide Seiten ein bestimmtes Bedürfnis haben, das durch das Geschäft befriedigt wird. (Bei vielen Finanzgeschäften – wenn es nämlich um die Finanzierung von Investitionen geht – ist das Bedürfnis sogar ganz elementar wichtig für Wirtschaft und Gemeinwohl.)

Ein klassisches Nullsummenspiel…

Ein klassisches Nullsummenspiel ist beispielsweise das Kartenspiel am Stammtisch.

Stellen wir uns vor, dass an einem Tisch vier Leute sitzen.

Jeder hat 25 Euro in der Tasche.

Nun spielen sie zwei Stunden.

Nullsumme. Nach Ablauf von zwei Stunden werden wir feststellen, dass an diesem Tisch auf keinen Fall mehr als insgesamt 100 Euro vorhanden sind.

Wohl ist möglich, dass einer der Spieler die 100 Euro alleine besitzt, während die drei anderen nichts mehr haben. (Vor diesem Hintergrund versteht man den alten Börsianer-Witz: „Dein Geld ist ja nicht weg. Das hat jetzt einfach jemand anders.“)

Aber insgesamt bleibt der Hunderter vom Anfang ein Hunderter.

Nun gibt es aber noch eine Art „optische Täuschung“, die es so aussehen lässt, als hätte in diesen zwei Stunden an dem Spieltisch ein wirtschaftliches Wachstum stattgefunden. Denn natürlich könnte man nach zwei Stunden auch feststellen, dass jetzt insgesamt 200 Euro auf dem Tisch liegen.

Diese Täuschung entsteht dadurch, dass die einzelnen Spieler sich abwechseln. Nehmen wir beispielsweise an, dass zwei Spieler nach einer Stunde alles verloren haben und nach Hause gegangen sind. An ihre Stelle haben sich zwei neue Spieler gesetzt, von denen jeder 50 Euro mitbringt.

Durch den Zugang der neuen Spieler steigert sich zwar die Gesamtsumme des am Tisch vorhandenen Geldes. Und damit würden viele Beobachter meinen, an diesem Spieltisch seien tatsächlich Werte entstanden, und es habe ein Wachstum gegeben.

Diese Ueberlegung ändert allerdings nichts daran, dass es sich beim Ganzen trotzdem um eine Nullsummenveranstaltung handelt. Nach wie vor ist der Gewinn des einen der Verlust eines Anderen. Und nach wie vor entstehen an dem Tisch selbst keine Werte.

Die Gesamtsumme kann sich nur dadurch verändern, dass Spieler weggehen oder hinzukommen.

Das ist ein anderes Spiel als etwa ein Produktions- oder Handelsprozess, wo echte Wertschöpfung und Bedürfnisbefriedigung stattfinden.

und jetzt: Die Börse

So richtig für wahr haben will es niemand. Schon gar nicht diejenigen, die mit der einen oder anderen Spekulation ein paar Euro eingenommen haben.

Aber die Börse – der Handelsplatz für Aktien – ist ein klassisches Nullsummenspiel.

Genauso wie der Kartentisch.

Unter dem Strich entsteht an der Börse kein einziger Cent. Was immer dort von einem „verdient“ wird, muss von jemand anderem dort hingetragen worden sein.

Hier die erste grosse Wichtigkeit:

„Verdient“ hat man an der Börse erst in dem Augenblick, in dem man einen Käufer für seine Aktien gefunden hat. Erst wenn man wieder das Geld auf dem Konto hat, hat man den „Gewinn“ erzielt.

Es ist ein Irrtum, man hätte etwas „gewonnen“, wenn man auf den Bestand an eigenen Aktien multipliziert mit dem momentanen Börsenkurs verweisen kann. Denn diese Form des reinen Buchgewinns kann schon in der nächsten Minute durch einen Ausschlag an der Börse (z.B. einen Totalzusammenbruch) wieder zunichte gemacht werden.

Erst in diesem Augenblick – in dem ein anderer sein Geld zur Börse hin getragen hat, das Sie dann einsacken – kommt das Nullsummenspiel für den aussteigenden Spieler zum Abschluss.

Vorher nicht.

Ebenso wie für denjenigen, der heute Geld in dieses System hineingibt und sich morgen so sehr über gestiegene Kurse freut, grundsätzlich das Nullsummenspiel nicht abgeschlossen ist sondern unverändert voll weiter läuft.

Natürlich. Wir alle wissen, dass die Börsen der Welt immer mal wieder regelrechte Feuerwerke verzeichnen. Und ebenso gehen hin und wieder auch einzelne Titel von bestimmten Firmen ab wie eine Rakete. Wer da immer schön auf der richtigen Seite ist, kann in wenigen Monaten sein Geld verdoppeln (… und mehr).

Und da scheint es dann doch widersinnig zu sein, wenn man bei der Börse von einem Nullsummenspiel spricht.

Wenn schliesslich der Gesamt-Kursindex um 50 % angestiegen ist, dann haben doch alle gewonnen! Vom Kleinsparer bis zum Finanzmagnaten!

oder etwa nicht?

Nun besteht eine Volkswirtschaft nicht nur aus einer Börse (ebenso wie ein Wirtshaus- oder Dorfleben nicht nur aus dem Kartentisch besteht). Aber nachdem an der Börse kein eigentlicher Wert entsteht (d.h. mit dem ein materielles Bedürfnis befriedigt wird), können die Zuwächse dort nur dadurch entstanden sein, dass Geld von woanders her dort hin geströmt ist. Irgendwo anders muss Geld real verdient worden sein, damit an dieser Börse ein Scheinwachstum stattfinden kann.

An Ort und Stelle ist nur eine Umverteilung möglich. Und da muss zwangsläufig der Gewinn des Einen der Verlust das Anderen sein – und umgekehrt. (Das liegt nicht immer ganz offensichtlich auf der Hand, weil der Verkäufer dem Kartenspieler entspricht, der jetzt aussteigt und sein Geld mitnimmt.)

Also wirklich das Paradebeispiel eines Nullsummenspiels.

… und wenn alle das machen?

Dass durch Wertpapier-Transaktionen an der Börse keine Werte entstehen, wird auch durch die ganz einfache Tatsache klar, dass das alles nicht mehr funktioniert, wenn alle zur gleichen Zeit es machen.

Es ist bekannt, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt – Boom oder Krise – die Börse komplett in sich zusammenkracht, wenn alle nur noch versuchen würden zu verkaufen. Jeder Börsen-Crash wurde bisher davon eingeleitet, dass jemand etwas anbieten wollte – und sich dafür kein Käufer fand.

In dem Augenblick, in dem einer aussteigen und sein Geld mitnehmen will und das nicht kann, weil er keinen Käufer findet, ist Schluss.

Dann gibt es schlagartig nur noch Verkäufer – das Angebot überhäuft sich – die Kurse stürzen ins Bodenlose.

Spätestens dann hat derjenige, der gestern ausgestiegen ist, auf Kosten desjenigen, der gestern eingestiegen ist, den Gewinn gemacht. Also Nullsumme.

Und hier wird klar, dass – unabhängig von sämtlichen Indizes, Charts und Messgrössen – das Ganze nur funktionieren kann, wenn es genügend Leute gibt, die bereit sind, Geld in diesen Handelsplatz Börse zu stecken. Und zwar tatsächlich – nicht nur als Abbild eines Index. Vorher weiss das niemand.

Bezogen auf die gesamte Volkswirtschaft hat dieses Börsenspiel noch eine weitere Auswirkung.

Denn einerseits muss das Geld, das in Aktienkäufe wandert – und somit keinem direkten wirtschaftlichen Zweck dient -, auch in der Gesamtwirtschaft irgendwo fehlen. Wäre es etwa möglich, dass ein Klein-Handwerker auf Grund einer famosen Börsenentwicklung etwa die Anschaffung eines neuen Lastwagens um ein Jahr hinauszögert, um das Geld eben in Aktien zu stecken? Nach dem Motto: „Wenn man hier, ohne etwas zu tun, eben noch einmal 30 % Gewinn mitnehmen kann, dann soll das neue Auto eben warten…“

Nullsumme: Der Kursgewinn, den die zusätzliche Nachfrage dieses Klein-Handwerkers an der Börse auslöst, ist der Verlust des Autoherstellers, der eben diesen einen Lastwagen weniger verkauft. Unter dem Strich ist hier kein zusätzlicher Wert entstanden.

Andererseits kann wirtschaftlicher Wohlstand einer Gesellschaft als Ganzes ja immer nur durch echte Wertschöpfung entstehen. Denn selbst beim grössten Börsenfeuerwerk ist es nicht möglich, dass alle Menschen samt und sonders sich nur mit Nullsummenspielen befassen – und dass alle dabei noch gewinnen könnten.

Darüber mag ein momentaner Index-Stand hinwegtäuschen. Aber der Index gibt eben immer nur die in der Vergangenheit bezahlten Kurse an – nicht diejenigen, die in Zukunft bezahlt werden.

Weder stellen die Aktienkurse volkswirtschaftlich reale Werte dar. Noch könnte eine ganze Volkswirtschaft durch Aktienspekulation und blosse Umschichtung von Geld überhaupt auch nur leben, geschweige denn grössere Werte schaffen.

Das dicke Ende

Es kann also nicht funktionieren, dass keiner mehr arbeitet und alle nur noch Kursgewinne an der Börse mitnehmen wollen. Deshalb kommt das dicke Ende eben in dem Augenblick, in dem alle ihren Gewinn mitnehmen wollen.

In diesem Moment zeigt sich nämlich, dass der Kursstand der Aktien eben nicht einem realen wirtschaftlichen Wert entspricht. Denn wenn alle miteinander ihr Geld wieder haben wollen, stürzen diese Kurse – weil sie eben den Wert gar nicht haben, der ihnen gemäss Kursnotierung bzw. Index zuzukommen scheint.

Denn sobald alle Menschen diesen vermeintlichen Wert realisieren und in richtiges Geld umsetzen wollen, hört dieser Wert nämlich auf zu existieren. Hat das erst einmal seinen Anfang genommen, dann ist für den einzelnen Investor das sprichwörtliche dicke Ende gekommen.

Die Kunst des Ausstiegs

Es gibt gar zu viele Ratschläge für das richtige Verhalten an der Börse. Dieses oder jenes soll man tun. Anderes wieder lassen. Immer wird gerne auf Erfolge und Beispiele in der Vergangenheit verwiesen.

Was davon zu halten ist, bleibt schlussendlich dem einzelnen Anleger überlassen. Und sicher fühlt sich der Einzelne dadurch mitunter recht verunsichert.

Bevor man sich aber auf das Nullsummenspiel Börse überhaupt einlässt, ist zunächst einmal von grösster Wichtigkeit: Man muss sich von vorne herein über diese tatsächlichen Zusammenhänge im klaren sein, wenn man sich dazu entschliesst, sein Geld in die Aktienbörse zu stecken.

Denn nur wer illusionslos an die Sache herangeht und weiss, dass an diesem Ort kein Geld entsteht sondern eben von anderen Bereichen der Wirtschaft hingetragen werden muss, kann unter dem Strich hier auf die Schnelle auch wirklich etwas Geld machen.

Denn nur wer weiss, dass hier der Verlust des Einen der Gewinn des Anderen ist, hat die Chance rechtzeitig auszusteigen und seine Buchgewinne zu Geld zu machen, bevor eben die Umschichtung in die andere Richtung stattfindet.

Ueberspitzt formuliert – und sicher nur die Beleuchtung eines Teilaspekts – könnte man den Erfolg an der Börse auch als die „Kunst des Ausstiegs“ bezeichnen. Wer den gemachten Papiergewinn rechtzeitig wieder in Geld umwandelt, wer also aussteigt, bevor alle anderen es tun, der wird schlussendlich an der Börse wohl auch auf die Schnelle sein Geld machen.

Wer dagegen diesen entscheidenden Augenblick verpasst, wer dann reagiert, wenn alle anderen es auch tun, der findet sich zwangsläufig auf der Verliererseite wieder. Denn sind die Kurse ernsthaft im Wanken, dann heisst das nichts anderes als dass die Mitspieler allesamt damit angefangen haben, die Verluste zu realisieren.

Wer dann noch in den Aktien mit dabei ist, darf nicht mehr aussteigen (sofern er sich das leisten kann…). Denn spätestens dann muss aus der urspruenglich vielleicht kurzfristigen Investition eine langfristige Anlage werden. Denn dann müsste man warten, bis sich die Kurse so weit erholt haben, dass man wieder im Plus ist. Und das kann Jahre, viele Jahre dauern.

Also auch hier die Kunst des Ausstiegs. Eigentlich viel mehr als des Einstiegs.

Falls es einen verlässlichen Rat zum erfolgreichen Verhalten an der Börse gibt, dann sehen wir ihn hier allerdings bestätigt. Und der lautet: „Tu das, was alle anderen gerade nicht tun.“

Allerdings vorher, nicht hinterher…

Es geht auch anders

Es wäre nun ein Trugschluss, würde man vermuten, dass alle wirtschaftliche Tätigkeit am Ende immer ein Nullsummenspiel sein müsste.

Bezogen auf die Wirtschaft als Ganzes braucht das nun aber ganz und gar nicht so zu sein. Sobald es nämlich bei einem wirtschaftlichen Handel um echte Wertschöpfung geht, wird daraus eine Transaktion, von der beide etwas haben. Auf der einen Seite nämlich die Geldeinnahme, auf der anderen Seite eine echte Gegenleistung.

Beim Nullsummenspiel, bei dem Gewinne nur zu Lasten der anderen möglich sind, müsste man grundsätzlich weniger darauf, die eigenen Gewinne durch die Schaffung von Werten zu steigern, sondern viel mehr darauf, dass die anderen möglichst hohe Verluste machen (denn die würden ja die eigenen Erträge bilden). Somit erklärt sich dann auch das absurde Verhalten, das man beileibe nicht nur an den Finanzmärkten beobachtet, dass jemand mit aller Gewalt nicht etwa nach dem eigenen Vorteil, sondern den Schaden der anderen herbeizuführen sucht.

Beim echten Wertschöpfungsprozess wäre es dagegen ganz verkehrt, darauf zu achten, dass das Gegenüber möglichst viel Verlust macht. Denn hier ist ein Wachstum schlussendlich nur möglich, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht.

Hier lässt sich alleine nur mit der Fehleinschätzung des Gegenübers kein Geld mehr einnehmen.

Aber dass man mit ehrlicher Arbeit nicht so schnell reich werden kann wie mit sehr viel Glück an der Börse – das haben wir alle doch schon immer gewusst.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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