Achim H. Pollert: Brauchen Sie einen Butler?

Achim H. Pollert (*) über Personalführung und Benimm

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Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Unser aller Bild des Butlers ist geprägt von den Filmen und Fernsehserien der Vergangenheit. Damals waren die Butler, die da über die Leinwand huschten – von Mr. French bis Mr. Hudson – immer so etwas wie „private Kellner“.

Da läutete Lady Margaret, und der Butler kam die Treppe herauf, einzig und alleine um von der Kanne Tee nachzuschenken, die vor den Herrschaften auf dem Tisch stand. Oder der Butler machte am Morgen mit Staubsauger und Schrubber das Appartement an der Fifth Avenue sauber und bereitete am Abend ein schmackhaftes Essen für seinen Arbeitgeber und dessen Kinder.

Und so haben wir uns eben daran gewöhnt, den Butler quasi für den Diener im Haus zu halten.

Wie es wirklich ist

So weit die landläufige Meinung. Wer es sich leisten kann, hält sich einen Butler zur persönlichen Bedienung.

Ein Blick zurück in die Tradition verdeutlicht das Gegenteil.

Stellen wir uns ein grösseres Anwesen vor hundert Jahren vor.

Ein grosses Landhaus mit einer Reihe von Zimmern, angrenzenden Bauten wie z.B. Pferdeställen, grösseren Gartenflächen ringsherum und womöglich auch noch einem ganzen Jagdrevier.

Eine solche Immobilie bedarf der ständigen Pflege und Verwaltung.

Als es keine Haushalt- und Gartengeräte gab, war der Betrieb eines solchen Hauses, das meist auch noch Zentrum eines grösseren landwirtschaftlichen Unternehmens war, mit einem beträchtlichen personellen Aufwand verbunden.

Diesem ganzen Haushalt stand der Butler vor.

Einem solchen Butler unterstand ein Mitarbeiterstab von 50 oder mehr Personen und ein Anwesen von 200 Hektar Grösse. Diese Butler führten das gesamte Bestellwesen, erteilten sämtliche Aufträge an Handwerker, engagierten und entliessen Personal und hatten oft ganz selbstverständlich Vollmacht über ein Geschäftskonto.

Es war also um eine sehr verantwortungsvolle Führungsaufgabe, die einem Butler oblag. Zudem eine Vertrauensposition erster Ordnung, nachdem er Einblick in die persönlichsten Details hatte. Daraus eine Art von Servierer und Botenläufer zu machen, zeugt als solches schon ein wenig von Situationsverkennung durch Aussenstehende.

Ob man individuell nun einen persönlichen Bediensteten braucht, – Butler genannt oder nicht – bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Es gibt hier in jedem Fall die Gefahr des Snobismus, indem man sich selber sehr schnell zum spleenigen Neureichen stempelt. Die Berichterstattung in den Trivialmedien erhöhen diese Gefahr der Lächerlichkeit noch weiter. Wenn uns etwa vorgeführt wird, wie der Butler zu jeder Tages- und Jahrezeit im Cutaway herumläuft, die Zeitung mit dem Bügeleisen bügelt, damit die Druckerschwärze die Hände des Hausherrn beim Lesen nicht färbt, sein Original-Englischsein durch einen aufgesetzten Akzent belegt. Und ähnliche Unmöglichkeiten…

Ein ganz wesentlicher Punkt bei der Frage, ob man sich einen solchen persönlichen Bediensteten – als Diener oder als wahren Verwalter – leistet, liegt in der Frage, ob man denn wirklich genug Arbeit für einen solchen Hausangestellten hat.

Es ist typische Aufgabe eines Arbeitgebers, eine Stellenbeschreibung mit den zu erledigenden Aufgaben zu erstellen. Und wenn dabei nicht 100 % herauskommen, ist nicht angeraten, jemanden als Vollzeit-Mitarbeiter anzustellen.

Bezahlt für das Warten

Geschichte machte etwa die Episode des Schweizer Restaurant-Managers, der im Ausland ein Nobel-Etablissement leitete.

Dort fand eine arrivierte Kitschautorin Gefallen an ihm und bot ihm eine Stelle als Butler auf ihrem Landsitz an. Unterlegt wurde die Offerte mit einem traumhaften Gehalt, woraufhin der Mann zusagte.

Wie sich danach herausstellte, gab es auf diesem Landsitz nichts zu tun für ihn.

Früh morgens hatte er den Tee zu servieren, und zwar im Service, das farblich jeweils zum Morgenrock der Gnädigen zu passen hatte. Hin und wieder fand er Verwendung als Vorzeige-Angestellter, durchaus auch wenn es in einem bestimmten Kreise darum ging, wer nun den besten Butler (nicht bestdressiertesten Jagdhund) hat.

Ansonsten verbrachte der Mann seine Tage damit, dass er in seiner Wohnung auf dem Landsitz sass, vor dem Klingelbrett wartete, um dann ins jeweilige Zimmer zu gehen, von dem aus geläutet wurde.

Und so fand sich der Mann, der ein gehobenes Restaurant mit zwei Dutzend Angestellten bei siebenstelligem Umsatz geführt hatte, in der Situation wieder, dass er für stumpfsinniges Warten fürstlich bezahlt wurde.

Und worauf wartete er?

Schlussendlich nur auf die eine oder andere Laune seiner Arbeitgeber. “Schenken Sie meinem Gast Tee nach.“ – “Hängen Sie das Bild gerade.“ – “Suchen Sie meine Brille.“ u.s.w.

Ein trauriges Schicksal, alles nur in allem. Weshalb dieser Gastronom dann auch nach kurzer Zeit den hoch bezahlten Posten aufgab, um sich wieder eine richtige Arbeit zu suchen.

Was Knigge dazu sagt

Die Frage rührt in der Tat am Problem der Menschenwürde.

Und wenn auch nicht in den typischen Benimm-Fragen, dann doch ganz bestimmt in Fragen der Würde war der Baron Knigge damals doch massgebend…

Tatsächlich ist offenbar, dass es dieses neureiche Gehabe – sprich unnötiges Geprotze mit überflüssigem Personal – auch schon vor 200 Jahren gab.

Andernfalls hätte Knigge sich sonst wohl kaum zu genau diesem Phänomen geäussert.

Im siebten Kapitel seines Büchleins (“Über die Verhältnisse zwischen Herrn und Diener“) schreibt er nämlich etwas höchst Bemerkenswertes. Wörtlich:

(…) weise Überlegung in Zuteilung der Arbeit, so dass man sie nicht mit unnützen Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloss unser eitles Vergnügen zum Gegenstande haben (…)

Und so müssen wir leider feststellen, dass dieses – stellenweise auch etwas lächerliche – Getue mit dem Butler, damit die anderen auch ja sehen, dass man einen Butler hat, in Knigges Vorstellungswelt ganz offensichtlich und eindeutig als unfeines Benehmen gilt.

Damals schon wurde offenbar festgestellt, dass es mit dem Respekt vor dem Menschen nicht so recht vereinbar ist, jemanden aus Blödsinn, aus Prunkgehabe, aus eitlem Vergnügen für unnütze Arbeiten anzustellen.

Wie jeder andere an den Realien der Wirtschaft orientierte Arbeitgeber sollte man sich schlicht fragen, ob man diesen oder jenen Mitarbeiter nach objektiven Kriterien wirklich braucht. Oder ob man jemand haben will, um ihn den Nachbarn zu zeigen, der aber ansonsten mangels Beschäftigung Zeitungen bügelt.

Und anderer Leute Angestellte?

Selbst darüber, wie man sich gegenüber den Angestellten anderer Arbeitgeber zu verhalten hat, machte sich der Baron seinerzeit Gedanken.

Fremden Bedienten, so Knigge, sollte man „höflich und liebreich“ begegnen.

Denn fremde Bediente sind in Bezug auf einen selber freie Leute. Und zwar ganz gleichgültig, ob diese freien Leute nun selber einem gekrönten Haupt, dem Verwaltungsrat einer Grossbank oder dem Schrotthändler an der Ecke dienen.

Im Zeitalter, in dem es “Herr“ und “Diener“ nicht mehr gibt, hat sich dieses Problem ganz und gar nicht von selbst erledigt. Im Gegenteil: Im Zeitalter, in dem weitaus die meisten Wirtschaftsgrössen ihrerseits angestellte Direktoren sind, hat man hin und wieder den Eindruck, dass das Standesdenken eher noch schlimmer geworden ist als zu Zeiten des Adolph von Knigge.

Immerhin: Wer auch es auch als Manager noch schafft, Sekretärinnen, Verkäuferinnen, Haushälterinnen u.s.w. höflich als ganz normale Menschen zu behandeln, befindet sich nicht nur im Einklang mit dem Original-Knigge sondern beweist alleine schon dadurch Klasse, dass er sich durchaus angenehm abhebt vom Durchschnitt.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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