Achim H. Pollert: Jetzt bist Du fällig!

Achim H. Pollert (*) über eine Gefahr beim Texten im Alltag

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Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Ob man sich auf die Zusage eines Gegenübers verlassen kann, ist eine elementare Frage des Alltags. Im urpersönlichen Bereich zwischen Familienangehörigen ebenso wie im privaten Bereich zwischen Freunden und natürlich auch im geschäftlichen Bereich zwischen kommerziellen Partnern.

Ein anständiger Mensch wird sich grundsätzlich gebunden fühlen an das, was er einem gesagt hat.

Und unter anständigen Menschen wird dergleichen kein sonderliches Problem darstellen. Da wird man kaum grossen Wert auf die eine oder andere verbale Spitzfindigkeit zu legen brauchen. Und selbst wenn es einmal ein wirkliches Missverständnis bei der Ausformulierung des einen oder anderen Details gegeben hat, wird es dort immer einen Weg geben, sich zusammen an einen Tisch zu setzen und eine einvernehmliche Lösung zu finden.

Und natürlich sollten wir immer alle auch danach trachten, uns nur und ausschliesslich mit solchen anständigen Menschen einzulassen, mit denen man verlässliche Absprachen treffen kann.

Dass das vielleicht nicht immer so ohne weiteres möglich ist, davon können viele Menschen ein Lied singen.

Für den Notfall

Und deshalb braucht man wasserdichte Texte im geschäftlichen Alltag.

Weniger also, um mit denjenigen klarzukommen, die genug guten Willen besitzen, dass man ohnehin zu einer vernünftigen Lösung mit ihnen kommt. Und auch nicht, “damit Klarheit herrscht“. Sondern eben in erster Linie, um diejenigen zur Raison zu bringen, die sowieso nicht die Absicht haben, sich an die eigentliche Abmachung, ihren Geist und Inhalt zu halten.

Somit macht es kaum Sinn, nun beim Ausformulieren eines geschäftlichen Texts bis in die letzten Details jede auch noch so abwegige Eventualität abzuhandeln.

Aus der englischsprachigen Welt ist beispielsweise – in seitenweise sonstigem unnötigem Kleingedrucktem versteckt – diese etwas merkwürdige Klausel bekannt, wonach man sich bemühen will, im Rahmen des Vertrags stets gütlich miteinander umzugehen. Solche Formulierungen kann man sich grundsätzlich sparen, falls sie nicht schon – wie in den USA – gewohnheitsmässig in die geschäftlichen Gepflogenheiten Einzug gehalten haben und dort in jedem Vordruck enthalten sind. Denn bei denjenigen, mit denen man vernünftig reden kann, braucht man eine solche Klausel nicht. Und bei den anderen, die sich sowieso nicht anständig verhalten wollen, nützt er nichts.

Darüber hinaus einmal ganz davon abgesehen, was “gütlich“ im einzelnen überhaupt zu bedeuten hätte…

Um einen Standardfall abzudecken – und dann womöglich noch jede einzelne denkbare Variante des Standardfalls mit zu erfassen -, braucht man beim geschäftlichen Texten nicht aussergewöhnlich vorsichtig zu sein.

Der Standardfall sind all die Heerscharen von anständigen Leuten, die brav jeden Monat ihre Miete berappen und denen es nie in den Sinn käme, das etwa einmal nicht zu tun. Der Standardfall sind die hunderttausende von Handwerksmeistern, die stets bemüht sind, ihre Angestellten ordentlich zu behandeln und die nicht im entferntesten auf die Idee kämen, jemandem wegen eines unbezahlt mitgenommenen belegten Brötchens die Kündigung auszusprechen. Der Standardfall sind die Millionen von Arbeitnehmern, die sich nicht mutwillig krank melden, obwohl ihnen nichts fehlt. Und der Geschäftspartner, der nicht immer nur dann eine Mitteilung bekommen haben will, wenn sie per Einschreiben mit Rückschein zugestellt wurde.

Beim Texten im geschäftlichen Alltag vorsichtig sein in seiner Wortwahl, in der Beschreibung von Sachverhalten, bei abgegebenen Zusagen u.s.w. muss man somit für den Notfall.

Und da sind eben andere Dinge wichtig.

Damit es wasserdicht wird…

Wenn ich einen Vertrag formuliere, wenn ich eine schriftliche Zusage abgebe oder wenn ich eine solche Zusage von jemandem verlange, dann ist das also geprägt für diesen Notfall, dass ich nämlich das Gegenüber sozusagen „mit Gewalt“ – also auf dem Prozessweg – dazu zwingen muss, sich an die getroffenen Vereinbarungen und Abreden zu halten.

Und da steht dann vor allem anderem im Vordergrund, dass die jeweilige Forderung fällig sein muss.

Denn im Prinzip ist nur die fällige Forderung auch einzutreiben.

Somit muss bei allen geschäftlichen Formulierungen diese Definition der Fälligkeit mit einbezogen werden. Denn nur dann ist man im Notfall überhaupt aktionsfähig.

Leider wird diese Anforderung an die Fälligkeit einer Forderung sehr oft vergessen.

Und somit sind viele vermeintliche Zusagen, Forderungen u.ä. im Ernstfall oft gar nicht realisierbar.

Zwar gibt es einige gesetzliche Vorschriften zu dem Thema, die die Fälligkeit an der „Natur des Rechtsgeschäfts“ aufhängen oder auch davon reden, dass man seinen Anspruch „sofort“ geltend machen kann, sobald man selber die entsprechende Gegenleistung erbracht hat.

Aber gerade im Umgang mit einem böswilligen Partner kann dies sich als zusätzliches Problem erweisen.

Deshalb ist eine Vereinbarung – wenn es schon so sehr auf sie ankommt – nur dann wirklich etwas wert, wenn sie eine Angabe zur Fälligkeit erhält. Nur dann ist sie nämlich wirklich einzutreiben.

Natürlich ist man hier immer noch recht frei in der Formulierung.

Das braucht ganz und gar kein konkretes Datum zu sein. Oft ist es ja wirklich die Natur des Rechtsgeschäfts, die ein solches eindeutiges Datum nicht zulässt (z.B. beim Warten auf Zulieferer u.ä.).

Aber grundsätzlich sollte eine Abmachung auch eine Klausel enthalten, aus der hervorgeht, wann wer was zu leisten hat.

Also: „… bis zum (Datum)…“, „… vor Ende (Monat)…“, „… innerhalb von drei Tagen nach Erhalt…“, „… jeweils am (soundsovielten) jeden Monats, erstmals am (Datum)…“u.s.w.

Aber auch: „… bei Abgabe…“, „… spätestens aber 30 Tage nach (Datum)…“ u.ä.

Und natürlich auch die im Bankfach sehr beliebte Formulierung: „… auf erstes schriftliches Ersuchen hin, ohne jede Einrede oder sonstige Beanstandung…“

Aus allen solchen Formulierungen geht eindeutig hervor, wann eine Forderung fällig ist. Und von da an ist sie auch realisierbar. Von da an laufen Verzugszinsen, Schadenersatzansprüche und auch die Verjährung.

Vorher nicht.

Somit darf bei der Ausformulierung von Geschäftstexten – durchaus auch in Offerten, in der allgemeinen Korrespondenz, bei Auftragsbestätigungen, evtl. auch am Gesprächstermin u.s.w. – jeweils dieses Element einer Fälligkeitsangabe nicht fehlen.

Und wie gesagt: Das ändert nichts daran, dass man im Umgang mit vertrauenswürdigen Menschen, die man seit langem kennt und von deren Anständigkeit man weiss, durchaus nicht so sehr jedes einzelne Wort und jede einzelne Aussage auf die Goldwaage zu legen braucht. Da genügen dann Aussagen wie „Ich überweise es Ihnen“, „Sie bekommen Ihr Geld“ u.ä. – ohne dass man gleich auf der Rückseite einer Speisekarte einen „Vertrag“ zu krakeln braucht.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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