Achim H. Pollert: Der edle Zwirn

Achim H. Pollert (*) über „Dress Codes“

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Mit dem Zusammenbruch einer bestimmten Spiessergesellschaft rund um 1968 sind auch viele überkommene Vorstellungen und Gebräuche zusammengebrochen – auch bei den sogenannten Benimm-Regeln.

Das hatte den grossen Vorteil, dass viele Verklemmungen des Alltags in ihrer ganzen Lächerlichkeit blossgestellt und abgeschafft wurden. Wir „müssen“ uns nicht mehr in diesem Formenzwang bewegen, der in grössten Teilen nur lächerlich und oft sogar peinlich ist. „Fisch nie mit dem Messer“ – „Darf ich mir erlauben, das Fräulein Tochter zum Tanz aufzufordern?“… und ähnlicher Unsinn.

Allerdings hatten die überkommenen Zustände früherer Zeiten mit ihren verkniffenen Vorschriften auch einen Vorteil:

Man wusste, woran man sich halten konnte

Auch wenn vieles aus dieser Ecke ausgestorben ist, so steht man diesbezüglich doch heute gelegentlich noch vor der einen oder anderen Aufgabe. Wo es früher ein glasklares Regelwerk gab, das jeder Tanzlehrer und jeder Oberkellner beherrschte, lauert dann heute eben die Verunsicherung.

So hat beispielsweise mit dem Aufbrechen der allgemeinen Kleiderordnung zwar die Lebensqualität insgesamt deutlich zugenommen. Und niemand wünscht sich wohl die Zeiten zurück, als etwa Gymnasiasten noch in Anzug und Krawatte in die Schule gingen.

Aber weil die Regeln nun nicht mehr so eindeutig sind, lauert hier heute so manche Peinlichkeit.

DAS BEISPIEL KELLNER

Dass man an einer Veranstaltung etwa einen anderen Gast, womöglich einen Würdenträger, für einen Kellner hält, ist eine üble Peinlichkeit, die einem selber passieren kann. Der Uebergang in der Abendgarderobe, einstmals vom Frack zum Smoking, dann zum dunklen Abendanzug und schliesslich auch zum weissen Dinner Jacket hat diese Gefahr erheblich gesteigert.

Denn weisse oder schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Fliege – so sehen heute auch viele Gäste aus. Auch die Farbe der Fliege kann variieren, so dass man auch hier das Personal nicht eindeutig zuordnen kann… und möglicherweise beim Herrn Oberrichter noch eine Flasche Wein bestellt.

Restaurants, Hotels und professionelle Veranstalter stehen seither vor der Frage, wie sie ihr Personal noch anziehen sollen, um die Verwechslung mit den Gästen auszuschliessen. Einige Häuser sind dazu übergegangen, das Servierpersonal in zwar weisse, jedoch bewusst aus grobem Leinen hergestellte Arbeitsjacken zu kleiden. Andere wiederum versuchen, die Kellner in verschiedenste Pastelltöne zu hüllen.

Aber auch wenn die Kellner von den Gästen abgehoben werden, könnte der eine Gast den anderen immer noch für jemanden vom Personal halten.

Als Gast ist man somit aufgefordert, vielleicht nicht allzu rasch auf den ersten Herrn in schwarzer oder weisser Jacke zuzugehen, um seine Bestellung aufzugeben. Es könnte sich immerhin um einen Botschafter, einen Bankpräsidenten oder einen Staatssekretär handeln.

Vielmehr sollte man sich zunächst einmal etwas sachkundig machen oder sich vielleicht auch durch Augenschein davon überzeugen, wie an diesem Anlass das Servierpersonal aussieht. Möglicherweise bewahrt man sich selber wie auch einen allenfalls Angesprochenen vor schwerer Peinlichkeit.

Als Gastgeber indessen kann man eben durch entsprechende Wahl der Kleidung für das Personal Vorkehrungen treffen. Mit eine der besten Vorkehrungen von allen ist sicherlich, dass genug Personal da ist, so dass die Gäste gar nicht erst allzu sehr suchen müssen.

Dieses Beispiel vom Kellner verdeutlicht, dass die Bekleidung im gesellschaftlichen Umgang nicht ganz so nebensächlich ist wie vielen von uns wohl lieb wäre.

TEURER IST NICHT STILSICHER

Die Wahl passender Kleidung verlangt, was man eigentlich nicht lernen kann: sicheren Geschmack für Kleidung. Es ist nicht jedermanns Sache, Farben und Stoffe passend zueinander auszuwählen – und dann noch auf den betreffenden Anlass auszurichten.

Hier begehen viele Menschen den ersten Fehler, wenn sie angemessene Kleidung mit teuerer Kleidung verwechseln und somit Unsummen ausgeben für Designer-Kleider. Meist ist das ein Trugschluss. Denn die extrem teueren Kleider aus den Ateliers der Spitzen-Couturiers entsprechen meistens eher Kunstwerken. Sie sind einzigartig, manchmal provokant, oft sehr auffällig, gar nicht so oft schön anzusehen und stossen häufig zuerst einmal auf Ablehnung.

Mit der eigentlichen Standard-Kleidung, wie sie im gesellschaftlichen Rahmen heute erwartet wird, hat dies in aller Regel nichts zu tun. Stattdessen können einem allzu offensichtlich zur Schau gestellte Markenkleider unter Umständen auch als Protzerei ausgelegt werden.

UND JEANS?

Sicher: Eine ganze Generation lang waren Jeans ein Stein des Anstosses. Die einen fühlten sich wohl darin, die anderen fanden die “Niethosen“ unmöglich. Vielleicht ihren letzten Ausdruck fand dieser Streit unter den amerikanischen Präsidenten Carter und Reagan.

Der Erdnussfarmer Carter aus dem Süden der USA erlaubte bei seinem Einzug als Präsident den Mitarbeitern im altehrwürdigen Weissen Haus in Washington, Jeans zu tragen und sich auch sonst etwas zwangloser zu kleiden als in all den Jahrzehnten davor.

Vier Jahre später, als der Republikaner Ronald Reagan das Amt übernahm, wurde unverzüglich die alte Kleiderordnung mit immer weissen Hemden, Krawatten und Anzügen für die Regierungsangestellten wieder eingeführt.

Präsident Reagan selbst, so wird berichtet, habe in seinem Arbeitszimmer niemals seinen Veston ausgezogen, selbst wenn er dort alleine war, wie es hiess, aus Respekt vor dem Amt. Das war immerhin von 1980 bis 1988, als man dergleichen schon lange vorbei glaubte. Inzwischen dürften viele Leute über eine solche Auffassung von Respekt und eine Kleiderordnung mit Jeans-Verbot lächeln.

Selbstverständlich kann man heute an einer überwiegenden Zahl gesellschaftlicher Anlässe durchaus in Jeans erscheinen, insbesondere auch, wenn die Rest-Bekleidung nicht allzu freizeitlich ist. So wäre z.B. an einem Herrn in Blazer, weissem Hemd, Krawatte und Jeans an einem gesellschaftlichen Anlass tagsüber nichts Ernsthaftes auszusetzen.

Und für Damen gilt das grundsätzlich heute natürlich auch.

DIE KLASSISCHEN REGELN

Bei wirklich formalen Anlässen während des Tages sind eigentliche “Dress Codes“ (d.h. Kleidervorschriften) eher unüblich. Um hier passend gekleidet zu sein, halte man sich an die Grundregeln der Business-Mode: Die Damen im Kostüm, im eleganten Hosenanzug oder im kurzen Kleid mit Jacke. Die Herren im Strassenanzug oder im Blazer.

Mit zu dieser Business-Kleidung gehören eher unauffällige Accessoires wie dezente Krawatten, elegante Handtaschen, Halstücher u.ä.

In der klassischen Vorstellungswelt sind für Damen – unabhängig von der Aussentemperatur – Strümpfe sowie bedeckte Schultern vorgesehen. Herren ihrerseits können nach klassischem Bild darauf achten, nach sechs Uhr abends in Gesellschaft nur noch schwarze und keine braunen Schuhe mehr zu tragen.

Eher unangenehm ist es, irgendwo “over-dressed“ zu erscheinen. In Smoking oder Abendkleid aufzukreuzen, während alle anderen Anwesenden im normalen Anzug erscheinen, ist erheblich peinlicher als umgekehrt.

DIE „DRESS CODES“

Kleidervorschriften im gesellschaftlichen Sinne haben nicht eigentlich etwas zu tun mit den Kleidervorschriften wie sie vielleicht ein Arbeitgeber für das Personal (wie der US-Präsident für das Weisse Haus) verhängt.

Vielmehr handelt es sich bei den sog. Dress Codes um Angaben auf der Einladung, die besagen, welche Kleidung für den betreffenden Anlass gewünscht wird. Diese Angaben wirken für Unbedarfte etwas nebulös, haben aber ihre sehr präzise Bedeutung.

Dress Code Freizeitkleidung (E: Casual, F: Informel) Herren: Freizeithose (Jeans), Hemd oder Polo-Shirt, ggf. Sportjacke, keine Krawatte
Damen: Hose (Jeans), Bluse oder Polo-Shirt, sportliches Kostüm

Dress Code Strassenanzug – auch: gedeckter Anzug – (E: Business suit, informal F: Tenue de ville)
Herren: Anzug in eher dunkler Farbe (Blazer), helles Hemd, Krawatte
Damen: Business-Kostüm, kurzes Kleid mit Jacke oder eleganter Hosenanzug

Dress Code Dunkler Anzug (E: Dark suit, Lounge Suit, F: Tenue Foncée)
Herren: Anzug dunkelgrau oder dunkelblau, weisses Hemd, unauffällige Krawatte, schwarze Schuhe
Damen: Festliches Kostüm, kleines Abendkleid

Dress Code Smoking (E: Black tie, Dinner Jacket, F: Cravate noir)
Herren: Smoking-Jacke schwarz o. weiss, schwarze Hose, Smoking-Hemd, Fliege, evtl. Kummerbund oder Smoking-Weste, schwarze Lackschuhe
Damen: Kurzes oder langes Abendkleid

Dress code Cut (E: Cutaway, F: Jaquette)
Herren: schwarze Schossjacke, grau-schwarz gestreifte Hose, schwarze oder graue Weste, weisses Hemd, graue Krawatte, schwarze Schuhe (nicht Lackschuhe)
Damen: Kurzes Kleid oder elegantes Kostüm ( kleines? Abendkleid)

Dress code Frack (E: White tie – auch: Full evening dress, F: Cravate blanche – auch: Frac habit)
Herren: schwarzer Frack, schwarze Hose, weisses Frackhemd, weisse Weste, weisse Fliege, Lackschuhe
Damen: grosses Abendkleid (lang)

So weit also die Formvorschriften.

Taucht einer dieser Dress Codes (französisch: Tenue) auf einer Einladung auf, wird eindeutig klar gestellt, was erwartet wird. Wer sich daran hält, ist stets auf der sicheren Seite (z.B. beim Empfang der Queen oder beim sommerlichen Gartenfest des Bundespräsidenten).

Nicht zuletzt auch im Zuge der zunehmenden Entfaltungsfreiheit des einzelnen Menschen sind diese Kleidervorschriften in den letzten zwei Jahrzehnten etwas ins Rutschen geraten. So ist immer häufiger zu beobachten, dass Leute sich ganz bewusst und absichtlich nicht an diese althergebrachte Kleiderordnung halten.

Wenn etwa ein Herr im schwarzen Anzug mit Hemd mit hochgeschlossenem Kragen zu einem Anlass erscheint, an dem eigentlich Smoking “vorgeschrieben“ wäre, dann ist das als solches kein Fauxpas mehr. Ebenso wie eine Dame, die einen hocheleganten Hosenanzug als Abendkleid trägt, deswegen nicht unpassend gekleidet ist.

Wichtig ist bei solchen Individualisten-Outfits, dass die gesamte Erscheinung dem Anlass angemessen wirkt. Also „elegant“ oder „dezent“ oder „förmlich“ u.s.w.

ALS GASTGEBER…

Als Gastgeber hat man es letzten Endes in der Hand, auch durch die Wahl der Kleidervorschrift seine Gäste nicht in Verlegenheit zu bringen.

Es gibt heute schon sehr viele Leute, durchaus auch im gehobenen Mittelstand, die nicht einmal einen Smoking besitzen, weil sie ihn nicht brauchen.

Noch seltener dürften die Zeitgenossen sein, die einen Frack besitzen. Der Frack als Abendanzug gehört heute schon in den Bereich der hoch offiziellen Traditionsempfänge, bei denen es ein seit langem festgeschriebenes Protokoll gibt. Die meisten Menschen müssen heute, wenn es um den Frack geht, auf einen Kostümverleih zurückgreifen.

Ganz in den Bereich des, man möchte schon sagen, Ungewöhnlichen kommt man dann mit dem Cut. Dem Cutaway haftet heute der Ruf der königlichen Hochzeit in England an.

Beim Cut denkt man an nicht mehr als zwei Handvoll Leute, die sich in Ascot zum Pferderennen treffen. Tatsächlich werden viel mehr als diese zwei Handvoll heute wohl auch keinen Cut mehr besitzen. (Und wie viele den Unterschied zwischen Frack und Cut nicht kennen mögen…?)

Als Gastgeber sollte man solche Zusammenhänge berücksichtigen und vor allem auch daran denken, dass die Menschen alle im Diesseits leben.

Nur zur Verdeutlichung der Zusammenhänge. Bei seiner Amtseinführung als Bundeskanzler erschien Helmut Kohl im Cut. Das war 1982, ist also schon eine ganze Weile her. Kohl war damals schon seit anderthalb Jahrzehnten der erste Bundeskanzler, der wieder im Cut zur Amtseinführung vorstellig wurde. Und damals schon, zu Beginn der 80er Jahre, wurde diese Erscheinung offenbar für so ungewöhnlich gehalten, dass in einzelnen Zeitschriften Dinge standen wie: “Im Bratenrock zum Präsidenten“.

Die Frage, ob der Cut – quasi als festlicher Tagesanzug – überhaupt noch zeitgemäss ist, ist somit nicht ganz unberechtigt.

Als Gastgeber zumindest hat man es also in der Hand, seinen Gästen nicht durch unnötig übertriebene Kleidervorschriften das Leben zu erschweren. Eine Orientierung an der praktischen Vernunft gehört beim Dress Code mit dazu. Einmal ganz davon abgesehen, dass man manchen Gast mit übertriebenen Anforderungen an die Bekleidung eher vergraulen wird. Und darunter können, wie gesagt, durchaus auch bedeutende Leute sein.

UND SCHMUCK?

Es ist ein Unterschied, ob man zum Opernball in Wien oder zu einem kleinen Aperitif eingeladen ist. In den Zeiten, als es noch überall Kronen und Kronjuwelen gab, protzte man gerne mit Schmuck.

Was Kaiserinnen, Königinnen, Fürstinnen aus früheren Zeiten im einzelnen an Schmuck hinterlassen haben, ist zum Teil beeindruckend.

Damals stellten solche Schmuckstücke auch unermessliche Werte dar.

Heute, im Zeitalter, in dem das teuerste an einem Produkt die menschliche Arbeit ist, die darauf verwendet wurde, hat sich dies ins Gegenteil verkehrt. Beim üblichen Schmuckstück hält sich der Materialwert durchaus in Grenzen. Etwas Gold, einige kleine Edelsteine – das können sich heute alle leisten.

Alleine auch schon deshalb ist Geprotze mit Schmuck heute eher fragwürdig.

Insgesamt gilt heute, dass Schmuck eher unauffällig zu sein hat. Dies gilt sowohl für echten, noch mehr aber für Modeschmuck.

Somit ist man auch gehalten, sich bei der Auswahl von Schmuck sehr auf Unauffälligkeit zu achten.

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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