Achim H. Pollert: Hauptsache, das Geld ist fort

Achim H. Pollert über die staatliche Ausgabenpolitik in der Krise

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Gewiss – wir leben in der Zeit der Uebertreibung.

Es ist noch gar nicht so lange her, als daraus, dass ein paar Banken – durch eigene Inkompetenz vielleicht durchaus verdientermassen – krachend ins Wanken geraten sind, ganz schnell das Wort von der Krise wurde. Und als dann einige Industriekonzerne in Probleme gerieten, war dann die Rede von der „schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929“.

Und da machten die Politiker in den USA und in EU-Europa eiligst mobil.

Um die erlahmt darniederliegende Wirtschaft wieder anzukurbeln, sollte der Staat flüssige Mittel in den Kreislauf pumpen. Mit Konsumgutscheinen würden die Bürger Ware kaufen und für mehr Nachfrage auf dem Markt sorgen. Durch diese Nachfrage würden sich die Umsätze der Industrie steigern – und den Unternehmen würde es besser gehen.

PRÄMIE FÜR DAS WEGWERFEN

Besserung sollte dabei die Abwrack-Prämie für alte Autos in Deutschland bringen.

Wer als Deutscher sein altes Auto verschrottete und sich ein neues kaufte, sollte aus der Staatskasse eine Direktzahlung von 2,500 Euro erhalten. Und diese gesteigerte Nachfrage wiederum sollten die Automobil-Hersteller bei ihren Einnahmen spüren.

Aus wirtschaftspolitischer Sicht in Deutschland mag dies eine echte Förderprämie zur Stützung der Auto-Branche sein, die im Land zu den wirklichen Flagschiffen der inländischen Wirtschaft gehört.

Das täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass über eine solche Prämie zunächst einmal der sinnlose Konsum gefördert wird. Ganz unabhängig davon nämlich, ob der einzelne Mensch auch wirklich ein neues Auto braucht, wird die Anschaffung eines solchen mit staatlichem Geld gefördert.

Im Vordergrund einer solchen Politik steht folglich der Drang, Geld fortzuschaffen. Das so verprasste Geld wird somit weniger in sinnvolle Anschaffungen gesteckt, sondern soll im Wirtschaftskreislauf umherlaufen, ohne dass ihm greifbare Werte gegenüberstehen.

Aus Blickwinkel des gesunden Menschenverstands ist diese Haltung: „Auch wenn es noch gut ist, werfen wir dein altes Auto weg und kaufen ein ganz neues. Und hinterher geht es uns allen besser.“ zumindest einigermassen absurd.

Aehnlich wie in jedem privaten Haushalt führt ein solches Verhalten, geliehenes Geld in konsumtive Ausgaben zu stecken, auch in der Staatskasse auf Dauer zur massiven Ueberschuldung. Und ähnlich wie der überschuldete Privathaushalt kann auch der Staat bei einer solchen Lage zahlungsunfähig werden.

Das Wort vom Staatsbankrott macht die Runde.

GELD IST KEIN WERT AN SICH

Geld – egal ob geprägte Metallstücke, raffiniert bedruckte Papierzettel oder Gutschriftsbestände auf Bankkonten – stellt für sich alleine keinen Wert dar. Das ist für viele Menschen – auch an den Spitzen der Politik – ein echtes Mentalitätsproblem.

Geld bildet letzten Endes nur die in einer Wirtschaft vorhandenen Werte ab.

Erhöht man den Betrag des umlaufenden Geldes, ohne dass dem reale Werte gegenüberstehen, dann ist das somit hoch problematisch. Denn ganz einfach: Wenn ein gleichbleibender wirtschaftlicher Wert auf mehr Geldstücke verteilt wird, dann ist die einzelne Geldeinheit eben erheblich weniger wert.

So war das am Ende der Goldenen 20er Jahre, als die Börsen zusammenkrachten und die ganze Welt in zwei Jahrzehnten der Gewalttätigkeit versank. So war das in den 90er Jahren, als alle glaubten, sie könnten mit Aktien von nichts verdienenden IT- und Internet-Firmen ein Vermögen machen.

Folglich lässt sich mit einer solchen Massnahmen eine darniederliegende Wirtschaft nicht nachhaltig reparieren.

Im Gegenteil: Grosse Finanzkrisen und Wirtschaftszusammenbrüche entstehen ja eben genau dadurch, dass ein „Plastik“-Markt sich von der realen Wirtschaft verabschiedet. Dort zirkuliert dann Geld, dem kein realer Wert gegenübersteht. Und eines schönen Tages wollen dann alle gleichzeitig den Wert realisieren – und dann kommt heraus, dass stattdessen nur warme Luft abgebildet wird. So etwa, als die IT- und High-Tech-Aktiensparer im Neuen Markt seinerzeit feststellten mussten, dass in dem Umfeld nicht alle reich werden können, sondern eben immer nur die einen auf Kosten der anderen, und folglich wieder Geld für ihre Luft-Aktien haben wollten.

Ein Staat, der mit solchen konsumtiven Ausgaben in den Wirtschaftskreislauf eingreift, verlagert ein und dasselbe Problem in die Zukunft – und verteilt es überdies auf unterschiedliche Verfalldaten, so dass die Folgen vielleicht im Einzelfall nicht zu gravierend sind.

Kommt Vater Staat mit Konsumgutscheinen und sagt: „Hier. Kauf dir etwas Schönes.“, dann hält das – vielleicht – den Wirtschaftskreislauf insgesamt heute am Laufen. Das Problem als solches aber, dass nämlich irgendwann die Zeche von heute zu berappen sein wird, kommt irgendwann unweigerlich. Und wer soll das dann zahlen?

Somit ist das blosse Fortschaffen von Geld für mehr oder weniger fragwürdige Konsum-Ausgaben vielleicht eine krisenpolitische Sofortmassnahme, wenn man den eigentlichen Moment zum Handeln verpennt hat. Aber eine nachhaltige Krisenbekämpfung ist es nicht.

Die bietet nämlich ausschliesslich die

WERT SCHAFFENDE INVESTITION

Als Beispiel für eine solche Investition wird gerne der Hoover Dam an der Grenze der US-Bundesstaaten Arizona und Nevada genommen. Dort errichtete man in der Folge der damaligen Weltwirtschaftskrise über fünf Jahre hinweg diesen riesigen Staudamm, der damals die Grenzen des technisch Machbaren berührte.

Mit anderen Massnahmen zusammen bezweckte das Riesenprojekt damals zunächst einmal, die Krise einzudämmen. Anstatt den Scharen einfach Geld zu geben, um etwas zu kaufen, wurden Arbeitslose vom Staat angestellt, um einen Staudamm zu bauen.

Für ihre Leistung erhielten die Arbeitnehmer regulären Lohn. Und dafür kauften sie sich dann etwas, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Ebenso die Lieferanten von Beton. Die Hersteller von Baumaschinen und Baustellenfahrzeugen. All die Auftragsnehmer, die bei so einem Mammutprojekt ebenfalls zum Zuge kommen.

Deren Lieferanten auch wieder.

Und deren Arbeitnehmer auch wieder.

Und so weiter. Führt man diesen Effekt gedanklich fort, dann wird einem sehr schnell klar, in welchem Umfang mit diesem Projekt der Wirtschaftskreislauf angeschoben wurde. Lastwägen mussten gebaut werden, um das Material dorthin zu transportieren. Und Strassen, auf denen diese Lastwägen fahren konnten. Neue Technologien mussten entwickelt werden, die dann für eine grosse Zahl von anderen Projekten eingesetzt werden konnten. Und immer alle, die irgendwie daran hingen.

Das Geld des Staats ist auf diesem Wege auch fort.

Natürlich.

Auch ähnlich wie beim Geschenk von Vater Staat oder der Belohnung für das Wegwerfen…

Nur eben: Das durch den Hoover Dam aufgestaute Wasser, an die 35 Milliarden Kubikkilometer, steht in dieser trockenen wüstenhaften Region im amerikanischen Westen bis heute zur Verfügung. Und das angeschlossene Grosskraftwerk versorgt die Wirtschaft mit Strom.

Allenfalls damals ausgegebene Staatsschuldverschreibungen wären seit Jahrzehnten zurückbezahlt.

Aber der Wert der Anschaffung ist bis heute vorhanden und greifbar.

Noch dazu gerade in Zeiten erhöhten Umweltbewusstseins und steigender Energiekosten ist dies eine besonders werthaltige Investition.

Niemand braucht hierfür zusätzliche Steuern zu erheben. Niemand muss heute mehr Schulden machen für diese Wertschöpfung. Und niemand steht morgen auf der Matte mit einem Anspruchszertifikat (ob nun Aktie, Banknote oder was auch immer), dem nicht ein realer Wert gegenübersteht.

Von einer blossen Ausgabe von irgendwie gearteten Konsumgutscheinen damals wäre heute gerade mal eben noch ein zusätzlicher Schub von Geldentwertung übrig.

Also steckt die wirkliche Ueberwindung einer Wirtschaftskrise durch die Mittel der staatlichen Politik in allererster Linie in den investiven Ausgaben.

Hätten wir jetzt dies- und jenseits des Ozeans das eine oder andere solche Riesenprojekt laufen, dann wäre das ideal für den Wirtschaftskreislauf.

So manche Pipeline, die uns ein wenig unabhängiger von Wirren und Streitigkeiten in den Staaten im ehemaligen Ostblock macht. Neue Tunnels und Brücken in Gebirge und dem Meer, die unsere Wirtschaftszentren transportmässig näher aneinander anbinden. Die Erschliessung neuer Bio-Produktionsflächen und neuer Technologien, um wiederverwertbare Energieformen konkurrenzfähig zu machen.

Es gäbe reichlich Möglichkeiten, heute Geld in die Werte von morgen zu investieren – und dabei eine schwächelnde Wirtschaft anzuschieben.

Würde man die realisieren, dann müsste morgen niemand 2,000 Euro zusätzliche Steuern bezahlen, damit heute einer sein fahrtüchtiges Auto fortwerfen kann.

Und wer weiss was noch alles…

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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