Achim H. Pollert: Die schräge Haltung

Achim H. Pollert (*) über die Dinge, die man darf

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Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Persönlich bin ich überzeugter Liberaler, und damit steht für mich fest, dass jeder alles darf, solange er damit keinen anderen dabei stört, alles zu dürfen. Und somit dürfte ich auch Schotte sein. Natürlich!

Ich kann mich weigern, den Zusammenschluss von England und Schottland im Jahre 1707 zu Grossbritannien anzuerkennen. Ich kann als Schotte für mich in Anspruch nehmen, etwas Besonderes zu sein. Ich kann auch verlangen, dass Schottland wieder ein eigener Staat wird. Mit einem eigenen König, der stellvertretend für die ganze schottische Nation steht.

Es ist selbstverständlich mein gutes Recht, die Geschichtsauffassung zu vertreten, dass die gewaltige Übermacht der Engländer sich damals nach Norden ausdehnte und die Schotten einfach unterwarf, die eine autonome Nation waren, eigentlich kein Englisch sprachen und sich auch ansonsten in ihren Traditionen stark unterschieden. Im befriedeten und nach Einigkeit strebenden Europa kann ich diese Meinung ohne weiteres vertreten und verlangen, dass dieses historische Unrecht rückgängig gemacht wird. Ich kann mich empören und widersetzen gegen die englische Fremdherrschaft.

Gegen ihre Zeichen, ihre Gebräuche, ihre Kultur, ihre Gesetze. Gegen die Art, wie sie den Staat aufbauen und führen. Mit friedlichen Mitteln kann ich mich wehren dagegen, dass meine Kinder in der Schule Englisch als Muttersprache lernen müssen. Und dagegen, dass das gesamte öffentliche Leben sich auf Englisch abspielt.

Ich kann mich widersetzen, dass mein einst so stolzes Vaterland ein Teil von Grossbritannien ist. Und ich kann peinlich Wert darauf legen, dass ich nicht «Brite» sondern «Schotte» bin.

Auch wenn viele Schotten dergleichen nicht für voll nehmen und ins Reich von Folklore und Tourismusförderung verweisen, so gibt es doch eine politische Bewegung, die sich «Schottischer Nationalismus» nennt. Und eine linksliberal-bürgerliche Partei namens «Scottish National Party» nimmt an Wahlen teil und bildet innerhalb von Schottland die Mehrheit.

Wie nationalistisch diese Bewegung in ihren Grundwerten ist, ist eine andere Frage. Mehr zu erfahren über die Schotten, die eine oder andere ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen und ihren Nationalismus kann man beispielsweise auch erfahren unter «Scottish independence».

Und Europa?

Aus Schweizer Optik über ethnische Minderheiten zu reden, ist so eine Sache. Ist man deutscher Muttersprache, kann man schnell etwas gesagt haben, was man gar nicht so meinte.

Und aus Schweizer Optik über den monströsen Überstaat «Europäische Union» zu reden, ist ebenfalls heikel. Sicher ist es so, dass so manches Demokratie-Defizit, das gefühlsmässig der EU angelastet wird, bereits in den Machtapparaten der einzelnen Mitgliedsstaaten vorgefunden wird.

Dennoch hat die EU eine durchaus segensreiche Entwicklung durchgemacht, was zum Beispiel das Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten in vielen Staaten dieser Gemeinschaft anbelangt. Viele erinnern sich gut, wie hart und unnachgiebig noch vor zwanzig Jahren die Auseinandersetzung in Nordirland geführt wurde. Mit Mordanschlägen, Hungerstreiks, staatlichen Verboten aller Art, fragwürdigen Justizpraktiken usw.

Im geeinten Europa, in dem die Grenze zwischen Irland und Grossbritannien allenfalls noch die Bedeutung wie diejenige zwischen zwei Schweizer Kantonen hat, scheint einem solchen Konflikt viel von seiner Brisanz genommen zu sein. Anstatt Gewalt wird auf die politische Lösung gesetzt. Und dafür ist ein überstaatliches Ordnungsgebilde allemal gut.

Inzwischen haben sich die verschiedenen Minderheiten in den unterschiedlichen Staaten Europas ebenfalls in einer supranationalen Organisation zusammengefunden, die die Interessen der Minderheiten vertritt. Der Federal Union of European Nationalities gehört übrigens auch die Lia Rumantscha an. Wieviele Minderheiten es in Gesamteuropa überhaupt gibt, das erfährt man auf der aufschlussreichen Homepage von Eurominority. (http://www.eurominority.org/version/deu)

In der Schweiz wissen viele, dass Minderheitenfragen nicht nur etwas mit den Menschenrechten und dem Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen zu tun haben, sondern auch mit dem kulturellen Reichtum einer Gesellschaft. Soll heissen: Es ist nicht nur das gute Recht des einzelnen Menschen, innerhalb eines Landes dieses oder jenes zu sein und sich von der Mehrheit zu unterscheiden. Es ist auch schön, wenn es so etwas gibt.

Was ist schräg?

Genau auf diesen Zug ist ein Mitschüler von mir seinerzeit aufgesprungen. Er behauptete damals, er wäre «jüdischer Abstammung» (wie er sich ausdrückte), und betonte das dann auch bei jeder Gelegenheit, ob passend oder unpassend. Das Ganze hatte aber den Schönheitsfehler, dass dieser Gymnasiast von 18, 19 Jahren gar kein Jude war. Und auch sonst fand sich in seiner Familie niemand mit einem irgendwie gearteten jüdischen Hintergrund.

Heute bin ich ziemlich sicher, dass dieser junge Mensch vor Jahrzehnten behauptete, dieser Minderheit anzugehören, einzig um sich interessant zu machen. Denn gerade im Erfinden von Geschichten war der damals sehr gut.

Dann fällt mir noch der Italiener ein, der von sich behauptete, er wäre waschechter Südtiroler – und immer auch laut und anhaltend schimpfte über «die Italiener».

Natürlich ist es schräg, zu behaupten, man wäre etwas, was man gar nicht ist. Noch schräger ist es, diese Behauptung ins Gegenteil zu drehen und zu behaupten, man wäre ein Mitglied der Minderheit. All das dann wohl nur, um sich interessant zu machen, um nicht so wie alle zu sein, um sich vom Durchschnitt abzuheben, um sich zu etwas Besonderem zu machen.

Dazu hat man als Mensch das Recht. Ebenso wie seinen Körper mit Tätowierungen aller Art zu schmücken, sich eine Irokesenfrisur aus lila Haaren zu verpassen und was sonst noch alles an äusserlichen Extravaganzen machbar ist.

Wie so etwas wirkt, ist letztendlich Geschmacksache (der anderen).

Und die Schotten?

Und was hat das mit den Schotten zu tun? Ach so … wie gesagt: Ich habe viel Respekt vor Menschen, die sich um ihre kulturelle Identität bemühen und die damit zur Vielfalt des intellektuellen und zivilisatorischen Angebots beitragen. Gerade in der Schweiz wissen wir ja, wie sehr die kulturelle Vielfalt das Erscheinungsbild und das Angebot einer Gesellschaft bestimmt. Aber es menschelt eben auch – und besonders – auf diesem Gebiet.

Wie schräg es ist, sich etwa als «welsch» zu bezeichnen, obwohl man akzentfrei breitestes Schweizerdeutsch spricht, weil man mit Familiennamen Auxenfants oder Forestier heisst und ein Urgrossvater aus Montreux stammte, das bleibt, wie gesagt, dem Geschmack des Einzelnen vorbehalten.

Ebenso wie die Frage, wie ernst man einen Schotten nehmen kann, der sich mit dem Munde für die Belange seiner Heimat einsetzt, aber mit stolzgeschwellter Brust auf die Knie fällt vor der englischen Königin, damit sie ihn zum Ritter schlagen kann… und ausserdem weltbekannt wurde als Commander im Geheimdienst ihrer Majestät…

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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