Achim H. Pollert: «Wann haben Sie mal Zeit?»

Achim H. Pollert (*) darüber, wie man Gauner erkennt

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Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Dass jemand mich «unbedingt» treffen will, ist im Geschäftsleben eigentlich nichts Ungewöhnliches. Das Bedürfnis, von Angesicht zu Angesicht diejenigen zu sehen, mit denen wir es zu tun haben, ist schlussendlich menschlich.

Aber es ist natürlich auch ein einfaches Gebot der allgemeinen Höflichkeit, dass man alleine deshalb niemanden zu sich bittet – womöglich wenn der noch zweihundert Kilometer dafür fahren muss.

Das gilt nicht nur für Geschäftspartner, sondern übrigens auch für das einfache Vorstellungsgespräch zwischen Stellenbewerber und potenziellem Arbeitgeber. Wer zu einem Termin gebeten wird, muss darauf vertrauen können, dass der Einladende ein ernsthaftes Interesse an diesem einen Bewerber hat – und zwar nach vorgängiger sorgfältiger Prüfung der Bewerbung. Der Bewerber sollte wissen, dass er sich in einer engeren Auswahl (allenfalls noch mit zwei, höchsten drei anderen) befindet.

Es ist aber unanständig, jemanden in ein Provinznest auf der grünen Wiese im Freiburgerland zu bestellen – zur Besetzung eines Personalchef-Postens! -, und der dann dort feststellt, dass sich mit ihm zusammen zum gleichen Termin weitere acht oder zehn Leute vorstellen, die einander die Türklinke in die Hand geben.

Natürlich haben Sie als Arbeitgeber das Recht, Leute zu einer Art Casting einzuladen. Nicht ganz unüblich sind heute ja sogar regelrechte Auswahl-Events, bei denen ganze Gruppen von Bewerbern durch ein entsprechend gestaltetes Prüfungsprogramm geschleust werden.

Nur eben: Gesagt werden sollte es den Bewerbern vorher.

Nicht einfach nur «einladen» und auch nicht zu «einem Gespräch einladen» würden Sie dann wollen, sondern eben «alle Bewerber zu einem Auswahltermin» mit Angabe dessen, was da allenfalls noch mitzubringen ist und wie lange das gehen wird. (… wobei Sie allerdings damit rechnen müssten, dass sich die wirklich guten und brauchbaren Leute nicht mehr die Mühe machen, dort zu erscheinen…)

ALARMGLOCKEN

Grundsätzlich ist das eine der Alarmglocken.

Wenn jemand Sie im regulären Geschäftsleben so sehr und nachhaltig bedrängt, Sie nun «auch einmal persönlich kennenzulernen…» und dann auch «alles im Detail mit Ihnen besprechen» will. Und zwar oft noch sehr kurzfristig (übermorgen oder nächste Woche).

Die Alarmglocken sollten Sie umso lauter läuten hören, wenn der Betreffende Ihnen nicht sagen kann, wofür er konkret Ihre Anwesenheit in Anspruch nehmen will.

Wenn sich das alles abspielt im Rahmen «Du suchen – ich haben» (Job, Partnerschaft u.ä.), ohne dass klar zu sagen wäre, was er denn hat, das er Ihnen anbieten könnte, wenn dieser Drang zum persönlichen Kennenlernen so sehr im Allgemeinen begründet wird, dann ist Vorsicht geboten.

Damit man sich einmal kennenlernt. Damit man weiss, mit wem man es zu tun hat. Damit man nicht «so am Telefon» reden muss. Denn warum jemand Sie sehen will, das müsste er Ihnen von sich aus schon sagen können. Mehr noch: in bestimmten Fällen sogar sagen müssen (wenn es vom Üblichen und zu Erwartenden abweicht).

LAUTER LAEUTEN DIE GLOCKEN…

Noch lauter sollten die Alarmglocken bei Ihnen dann läuten, wenn Ihnen jemand das Land verheisst, wo Milch und Honig fliesst. Wenn er Sie so zu einem Treffen locken will.

Nicht nur über einen konkreten Auftrag will der Betreffende dann persönlich mit Ihnen reden – das noch am wenigsten, eigentlich überhaupt nicht -, sondern über all die grossen Projekte, die in nächster Zeit auf ihn zukommen.

«Immer wieder» hat er dann Bedarf nach so jemandem wie Sie. Und natürlich wäre er «sehr interessiert» an einer regelmässigen Zusammenarbeit. Gemeinsam könnte man dann das neue Potenzial entwickeln und es partnerschaftlich verwerten. Er hätte ja so viele Dinge zu erledigen. Und er würde ja so dringend einen Partner brauchen, der ihm bei der Bewältigung all dieser unglaublichen Aufträge behilflich ist.

Und deshalb sollten Sie «unbedingt so schnell wie möglich» einmal mit ihm zusammenkommen. Konkret wissen Sie zwar nichts darüber, was der Ihnen anbietet, aber er wollte Ihnen den Eindruck vermitteln, dass Ihre materiellen Sorgen erledigt sind, falls «das hier» klappt.

Dem Betreffenden ist es ziemlich egal, mit welchem Aufwand dieser Besuch für Sie verbunden ist. Sie können von Zürich nach Genf brummen oder von Bern in die Ostschweiz, nach Leipzig, nach Bordeaux oder – falls der Gauner es für nötig hält – auch nach San Francisco. Obwohl sich natürlich die Extremfälle – verbunden mit einer halben Weltreise auf eigene Kosten – nicht allzu häufig ereignen.

Je mehr das Treffen mit Aufwand verbunden ist, desto grösser und aussichtsreicher sind die Erträge, die Ihnen da geweissagt werden. Nur: Warum Sie konkret dort hinfahren sollen, sagt er Ihnen nicht.

Wer sich so verhält, ist ein Gauner.

DAS UEBERREDEN

Nicht von ungefähr sind die grossen Gaunereien, die wir miterleben durften, meist auch mit diesem Drang zum persönlichen Treffen verbunden.

Da wurde man zu abendlicher Stunde von zwei jüngeren Arbeitskollegen ins Hotel Nova Park in Zürich geschleppt, die eine neue Business Opportunity entdeckt hatten. Dort fand in einem für diesen Abend angemieteten Konferenzraum die Präsentation der Pyramidenfirma statt. Man sollte selber 7000 Franken einzahlen und genügend andere beibringen, die eben dasselbe taten. An deren Einzahlungen wäre man dann beteiligt.

Im konkreten Fall war es sogar noch so, dass die Brüder Eintritt verlangten – einfach nur dafür, dass sie ihre Gauner-Masche vor Publikum präsentierten… auch hier der Drang zum persönlichen Treffen.

Viele betrügerische Schneeballsysteme leben von diesem persönlichen Kontakt. Vom Verein, der aus Kleinsparern in kürzester Zeit Millionäre machen will. Bis zum Lottogewinn-System, das garantiert den Sechser erreicht, wenn 150 Millionen Teilnehmer mitspielen.

Immer wollte man die Leute persönlich anlocken. Ganz einfach schon deshalb, weil man jemanden, der einem gegenübersitzt, erheblich leichter zu irgend einem Unsinn überreden kann als am Telefon oder gar schriftlich. Wer vor mir sitzt, zumal in für ihn ungewohnter Umgebung, den kann ich erheblich einfacher beeinflussen als denjenigen, der die Zuschrift in den Kübel werfen oder das Telefon aufhängen kann.

„Komm vorbei…“

Zur Kaffeefahrt, zur rauschenden Ballnacht oder zur Casting Show beim Mister Top-Manager.

DAS ABSTAUBEN

Möglicherweise weniger von der starken kriminellen Energie getrieben, dafür ebenso gaunerhaft ist das, was sich oft einige Etagen tiefer beim Wunsch nach dem persönlichen Treffen ohne klaren Grund abspielt.

Dabei geht es schlicht und einfach um den Wunsch, irgend etwas vom anderen bei dieser Gelegenheit abzustauben.

Auch hierzu zunächst ein Beispiel aus dem Personalwesen. Ich war zeichnungsberechtigter Mitarbeiter einer ausländischen Bank in Zürich und wollte den Job wechseln. Also bewarb ich mich auf das Inserat einer amerikanischen Bank, ebenfalls in Zürich. Gesucht wurde ein leitender Angestellter im Kreditbereich. Prompt wurde ich zum Vorstellungstermin geladen. Dort erwarteten mich zwei Direktoren.

Wir sprachen eigentlich sehr wenig über den Job als solchen. Allerdings stellte ich beim einen der Herren, mutmasslich dem Chef des Ganzen, mit kurzärmeligem Markenhemd und kleinen Dauerwellen, wie das in den 80er Jahren oft üblich war, ein ausserordentliches Interesse an den Interna meines jetzigen Arbeitgebers fest.

Da wurde gefragt, wie hoch denn die betragliche Limite wäre, die bei meinem jetzigen Arbeitgeber noch vor Ort entschieden werden dürfte. Da wurde gefragt, ob denn die Niederlassung Zürich direkt dem Hauptsitz unterstellt wäre, oder ob sie irgendwie noch einem Regional-Hauptsitz, etwa in Frankfurt, unterstellt wäre.

So und so ähnlich ging das weiter – natürlich habe ich damals keine Auskunft in der Richtung erteilt. Zunächst hatte ich auch – auf Grund von weltfremden Bewerber-Trainings – noch das Gefühl, es handelte sich da eher um einen Test, wie seriös, zuverlässig und loyal ich als Arbeitnehmer wäre. Das hielt ich zwar für primitiv, musste aber später erkennen, dass dem keineswegs so war, sondern dass man interessiert daran war, diese Informationen über ein Konkurrenzunternehmen zu bekommen.

Man wollte einfach etwas abstauben, um nicht zu sagen ergaunern aus dem persönlichen Gespräch… und wenn es auch nur ein paar vertrauliche Informationen waren.

Genau darum geht es den Gaunern: Etwas kostenlos herausholen, indem man nötigenfalls entsprechend Grossartiges in Aussicht stellt.

Da kann es vorkommen, dass einem mitten in diesem Gespräch irgendein Papier hingelegt wird mit der Bitte, das doch eben mal schnell zu redigieren, zu übersetzen, zu bewerten.

Da kommt dann die eine oder andere fachliche Frage, die beim Consultant ein dreistelliges Honorar kosten würde. Und nachdem Sie glauben, Sie wären unterwegs ins Land, wo Milch und Honig fliessen, oder auch, Sie hätten einen neuen lieben Freund gewonnen, erledigen Sie dergleichen vielleicht schnell zwischendurch.

Da wird man durchaus zu einem Kundenbesuch nach Graubünden bestellt, der einzig dem Zweck dient, den dritten Kunden gegenüber den Eindruck zu erwecken, der Gauner wäre in Begleitung eines kompetenten Beraters.

Und so weiter.

Oft steckt hinter diesem Wunsch: «Wir müssen uns unbedingt einmal treffen! Wann haben Sie denn mal Zeit?» eben nichts weiter als die Absicht, hier noch ein wenig abzuräumen.

Hören Sie das nächste Mal also auf Ihre Alarmglocken…

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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