Achim H. Pollert: Kein Sitzleder

Achim H. Pollert (*) über den Umgang mit guten Leuten

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Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Wenn man über Patrick bei seinem ersten Arbeitgeber eine Information einholte, war die Reaktion dort geradezu weinerlich. Der Mann wäre in seinen Leistungen wirklich tadellos gewesen, erklärte da ein Personalchef des internationalen Grosskonzerns. Es wurde da in den höchsten Tönen gesungen, wenn es um die fachliche Eignung ging. Es wäre halt nur so, dass der gute Patrick so überhaupt kein Sitzleder hätte.

Er könnte nicht warten, dieser gute Mann.

Noch bevor man zu einer vernünftigen Karriereplanung gekommen wäre, noch bevor irgendwo eine Stelle frei gewesen wäre, hätte Patrick schon gekündigt gehabt und wäre zu einem anderen Arbeitgeber gewechselt. Zu einem Konkurrenzunternehmen, der mehr aus dem guten Mann gemacht hatte.

Ein Jammer!

Ein wenig mehr Geduld, und man hätte viel mit dem jungen Mann vorgehabt.

ZWEI JAHRE GEDULD…

Nun hatte der junge Mann in diesem Konzern, in der Verwaltung, in einer dieser verzweigten Strebungen, im Grossraumbüro, weit hinten an Pult Nummer 634 ganze zwei Jahre gearbeitet. Dort hatte er jeden Tag eine von diesen Arbeiten gemacht, die nicht nur als besonders anspruchsvoll, sondern auch noch als besonders wichtig für das Betriebsinteresse eingestuft wurde, die er aber gleichwohl grossenteils banal fand.

Es heisst immer, das Zeitempfinden würde sich im Verlauf des Lebens verkürzen. Persönlich möchte ich das gar nicht einmal vorbehaltlos bestätigen.

Aber man wird sich wohl einig sein, dass für einen Zwanzigjährigen zwei solche Jahre eine sehr lange Zeit bedeuten. Der junge Mann, von dessen Leistung man so angetan war, erschien jeden Morgen, machte sich an seine so wichtige, einfache Arbeit, hatte Bedenken um seine Existenz, weil in dem Laden immer mal wieder jemand von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand und niemand darüber ein Wort verlor.

Und es passierte nichts.

Seine Personalbeurteilung durch den Gruppenchef war mittelprächtig gut, nicht zuletzt weil es da eine stillschweigende Konvention im Hause gab, dass man als Vorgesetzter gerade seine guten Leute, wollte man sie behalten, nicht allzu überragend gut beurteilen durfte. Denn wären sie zu gut und unterfordert, dann müsste ihnen ja zügig eine anspruchsvollere Arbeit zugeteilt werden… und zwar in einer anderen Abteilung.

 

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Dazu im deutlichen Gegensatz stand eine Reihe von kleinen ausserordentlichen Gehaltserhöhungen, die jeweils – ähnlich wie den Kindern zu Weihnachten – als Ueberraschungen ohne jede Vorankündigung vom Abteilungsleiter kamen.

GESPRAECHE

Dieser mittelprächtig eingestufte junge Mann, von dessen Leistung man eigentlich so begeistert war, dass man sie mit einigen Happen belohnte, begegnete in den zwei Jahren dem Abteilungsleiter um die fünfzehnmal, davon vielleicht fünfmal alleine.

In diesen Einzelgesprächen befleissigte sich der Abteilungsleiter insbesondere, sich in allgemeinem Geschwafel zu ergehen. Darüber, dass anderenorts auch nicht alles Gold wäre, was glänzt. Darüber, dass die Konkurrenz natürlich nicht schläft. Darüber, wie geschickt es von Industriebetrieben doch wäre, erfolgreiche Fussballmannschaften zu sponsern. Darüber, dass er in seinen Wanderferien in den Bergen einmal von einer hochgiftigen Schlange angegriffen worden wäre, die dort in der Gegend der „Springwurm“ genannt wird.

Nichts darüber, dass Patrick mehrfach geäussert hatte, er wäre an fachlicher Weiterbildung interessiert und würde gerne hausinterne Kurse besuchen. Nichts darüber, in welchem Ausmass man mit ihm zufrieden war. Nichts darüber, wie lange Patrick dort weit hinten an Pult Nummer 634 ausharren sollte.

Natürlich hatte diese Unbestimmtheit einen guten Grund.

Der Abteilungsleiter wollte zu seinem jungen geschätzten Mitarbeiter nichts sagen, was der irgendwie als Zusage, Versprechen o.ä. hätte auffassen können. Immerhin besser als einer, der unter vier Augen das Blaue vom Himmel herunter verspricht und nachher nichts mehr davon weiss – auch das ist Alltag in der Wirtschaft.

MIT ABSICHT?

War das Absicht?

Schwer zu sagen. Es wird von König Friedrich II von Preussen berichtet, dass er solche Dinger drehte. Wenn ein begabter junger Offizier sich nicht so recht ins Reglement und den Verhaltenskodex einfügen wollte, konnte es passieren, dass der König den aus den Salons der Stadt mit ihren rauschenden Ballnächten irgendwo hin ins hintere Schlesien oder nach Ostpreussen an die See versetzte.

Weit vom Schuss, wo es so richtig trostlos war. Ganz offensichtlich eine Strafversetzung.

Und um den jeweiligen jungen Mann zu disziplinieren, zu Anpassung und Unterordnung zu erziehen, bekam der nicht gesagt, wie lange sein Aufenthalt dort dauern würde. Bis auf Abruf wurde der dorthin verbracht, um seinen Dienst zu tun. Ein halbes Jahr? Zwei Jahre? Fünf Jahre?

Vielleicht ein ganzes Leben?

Die selbstherrliche Demonstration eines Despoten von seiner eigenen absoluten Macht. Dem einzelnen sollte klar gemacht werden: „Ich habe die unbeschränkte Gewalt über dich. Wenn es mir passt, kann ich dich lebendig begraben. Richte dich danach.“

Es steht wohl kaum zu erwarten, dass die Konzernherren das damals an Patrick ebenso absichtlich ausübten.

Das war keine Absicht, sondern das war einfach nur Tollpatschigkeit im Umgang mit einem guten Mitarbeiter, erwachsen aus einer grundlegenden Vorsicht, sich gegenüber einem Untergebenen zu nichts zu verpflichten.

Dieses Gefühl der Vorsicht kennen die meisten von uns… ausser denjenigen, die so skrupellos sind, dass sie einem Menschen unter vier Augen eine klare Versprechung machen und hinterher alles abstreiten und behaupten, sie hätten natürlich nur im allgemeinen geredet.

Und ebenso kennen wir natürlich auch das Gegenteil. Wenn da gegenüber ein Mitarbeiter sitzt, dem man wirklich nichts versprechen will und nichts versprechen kann, der aber eben etwas Bestimmtes hören will und der aus jedem beiläufigen Wort eben genau das heraus interpretiert.

Es entsteht da ein Spannungsfeld.

Und nachdem niemand gerne Spannungen hat, neigt man – ganz menschlich – dazu, dem aus dem Weg zu gehen, das Ganze möglichst grossräumig zu umfahren. Aber wie immer, wenn wir uns um die vom Leben an uns gestellten Aufgaben drücken wollen, ist so etwas keine Lösung.

Und ausgesprochene naive Dummbeutel sind wir wohl, wenn wir hoch enttäuscht und verbittert sind, uns überrascht und ratlos zeigen, wenn dann so ein guter Mann wie Patrick nach zwei Jahren „aus heiterem Himmel“ sich woanders einen neuen Job sucht und bei uns kündigt.

EINE LOESUNG

Keine Lösung sind Feststellungen wie: „Er hätte eben etwas mehr Geduld haben müssen.“

Ein begabter junger Mensch, der seinen Platz im Leben sucht, soll Geduld haben, bis die Riesen-Maschinerie sich in Gang setzt und so ganz langsam eben diese Entscheidung für ihn gefällt hat.

Ist das realistisch?

Eine Lösung – wie so oft – wäre einfach nur die Offenheit im Umgang.

Anstatt die jeweilige Planung strikt für sich zu behalten, aus Angst, man könnte später darauf festgenagelt werden, müsste man auf die betreffenden Leute zugehen und ihnen klar ansagen, was man von ihnen hält und was man mit Ihnen vor hat.

Nicht ganz ohne…

Besonders wenn einem der Betreffende an der Stelle wertvolle Dienste leistet und man gerade keinen Nachfolger an der Hand hat. Man würde sich also sozusagen ein personelles Problem hin befördern.

Und auch im Hinblick darauf, dass so etwas nicht nur mit angenehmen Qualifikationen verbunden sein könnte. (etwa: „Sie haben grosses Führungspotential, ich würde mir aber noch etwas mehr Vertiefung bei Ihren Fachkenntnissen wünschen.“)  Das ist nicht jedermanns Sache.

Dazu kommt da oben genannte Problem, dass solche Offenheit auch mit der klaren und eindeutigen Ansage verbunden sein muss, dass es sich nicht um eine vertragliche Zusage sondern um eine ehrlich gemeinte Absichtserklärung handelt, was wiederum mit der Unannehmlichkeit verbunden sein kein, später eine eigene Fehleinschätzung einräumen zu müssen.

Nicht jedermanns Sache, wie gesagt.

Aber eine Lösung wäre es.

 

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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