Achim H. Pollert: Der Hass der Weisskittel

Achim H. Pollert (*) über Lehrer und Kinder

— /// —

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Ich male ganz gerne.

Als junger Mensch habe ich auch ganz gut Karikaturen gezeichnet. Das hatte dann zur Folge, dass ich in der Berufswelt zunehmend angehauen wurde, ob ich nicht dieses oder jenes zeichnen könnte. Für die Präsentation, für den Jahresbericht, für die Einladung zum Abschiedsapéro… wenn ich das machte, kam das ja auch viel billiger, als etwa einen professionellen Comic-Zeichner zu engagieren.

Also ist das mit den Karikaturen lange vorbei.

So richtig zufrieden bin ich mit meinen Machwerken natürlich nicht. Wenn ich dann so nach einem Jahr oder so die Mappe hervornehme und sie kritisch betrachte, dann gefallen mir meine Bilder meist etwas besser, und doch mehr als die Hälfte übersteht diese kritische Prüfung und wird dann von mir signiert.

Ich habe also ein gewisses Verständnis für Picasso, der gesagt haben soll: „Ein Künstler darf nie zu seinem eigenen Bewunderer werden.“

Offenbar aber scheint der eine oder andere Zeitgenosse meine Werke doch so ansprechend zu finden, dass ich immer mal wieder gefragt werde, was ich denn in der Schule in Kunst für eine Note gehabt hätte.

Ja. In Kunst… da war natürlich zunächst einmal das Problem da, dass ich aus einem Milieu komme, wo das Fach Kunsterziehung keine Bedeutung hatte. „So ein bisschen Männlein malen“ das ist ja „nichts“. Verglichen mit sauberem Deutsch (meistens ein „gut“ für mich) oder Mathematik (meistens ein „mangelhaft/ungenügend“ für mich).

Mit beidem konnte ich leben, wenn auch unglücklich.

Immerhin: Dass ich heute mühelos einem Menschen die Quantentheorie oder auch die Relativitätstheorie erläutern könnte und dass ich allenfalls – so aus ganz privater Ueberlegung heraus – einen Beitrag zum „missing matter problem“ zu bieten hätte, das verdanke ich somit keinem Schullehrer.

Wenn es aber um die Kunsterziehung ging, dann muss ich zunächst einmal den Herrn Schildknecht denken. Das war einer in der Reihe derjenigen, die meine Kunstwerke zu begutachten hatten.

Der Herr Schildknecht war vielleicht 35. Und ich war vielleicht zehn oder elf.

Er war so ein Kleiner mit krausem Haar und voluminösem wollenem Rollkragenpulli. Und ich war so ein frühzeitig sowohl in die Höhe wie auch in die Breite Gewachsener.

Er bewegte seinen kleinen Körper in so ausladenden Schritten von links nach rechts vorwärts, so als wollte er mehr Volumen vortäuschen als da war. Ich  bewegte mich eher plump und trampelig in der Mitte meiner selbst.

Jedes Mal, wenn er mich anschaute, hatte das so etwas, als müsste er sich innerlich überwinden, als hätte er Angst und würde am liebsten gleich davonlaufen. Und ich schaute mit Interesse und Aufmerksamkeit in die sich eröffnende Welt.

Ich fand den Herrn Schildknecht ganz sympathisch. Er sprach so schön akzentfrei hochdeutsch, und alleine das war ja in jener Zeit schon ein Zeichen für Liberalität und Fortschrittlichkeit. Wer so schon reden konnte, der wollte „vernünftig miteinander reden“. Wer sich nicht wenigstens halbwegs aus dem Dialekt befreien konnte, war eben rückständig und borniert.

Rudi Dutschke redete Hochdeutsch, Franz-Josef Strauss Dialekt.

Als er die Schulklasse übernahm, stellte sich Herr Schildknecht nicht vorne hin und sagte seinen Namen. Vielmehr bat er einen der Sitzengebliebenen – die ihn ja vom Vorjahr kannten -, ihn der Klasse vorzustellen. Damit wurde der Sitzengebliebene vor der Klasse aufgewertet, und ich fand das irgendwie originell.

Und Herr Schildknecht hatte immer einen weissen Kittel an.

Die weisse Farbe

Zu Anfang dachte ich noch, der Kunstlehrer würde selber malen und hätte den Kittel eben an, um seine Kleider nicht zu versauen. Aber der malte nicht. Der schrieb nicht einmal mit Kreide etwas an die Tafel.

Ausserdem gab es da immer ein Grüpplein von Lehrern, die in weiss herumliefen.

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Ganz unregelmässig und grösstenteils unabhängig vom Fach, tauchte immer mal wieder so eine Gestalt im weissen Kittel auf. Manchmal fragte ich mich, ob das wohl spezielle Lehrer-Kittel waren. Gab es die vielleicht irgendwo im Geschäft, wo die auch die Globen, die Zeigestöcke, das grosse Lineal für die Tafel und sonstigen Lehrerbedarf her hatten?

Oder hatte da jeder seine eigenen Bezugsquellen? Vielleicht konnte man ja in einer Arztpraxis so einen abgelegten Kittel vom Herrn Doktor beziehen, was ja auch in das Klischee vom genügsamen, schlecht bezahlten, gering geschätzten, bescheidenen Schulmeister gut gepasst hätte.

Und ob die wohl auch in ihrer Freizeit den weissen Kittel trugen?

Rätsel über Rätsel für ein Kind.

Es sollte viele Jahre dauern, bis ich den Hintergrund begriff.

Weiss – das signalisiert Wichtigkeit. Wer weiss gekleidet ist, fällt auf. Ein Mann in einer simplen Priesterkutte ist der Papst, wenn sie weiss ist. Viele Amtstrachten von Königen und sonstigen Hoheiten sind weiss.

Wer weiss trägt, will auffallen.

Wer weiss trägt, will Respekt einflössen.

Wer weiss trägt, will etwas gelten.

Und zwar ohne dass er sich ansonsten weiter darum bemühen müsste.

Möglicherweise haben viele der Menschen, die sehr regelmässig ohne Grund weiss tragen, auch ein Problem mit ihrem persönlichen Geltungsbedürfnis – so etwa wie diejenigen, denen ihr Doktortitel so wichtig ist, dass sie ihn zum Teil des Namens machen… aber davon vielleicht ein anderes Mal…

Und das war auch der Hintergrund des weissen Kittels von Herrn Schildknecht.

Er fühlte sich offensichtlich minderwertig, hatte Probleme mit seinem Geltungsbedürfnis, was sich in seinen Massnahmen der Machtausübung über die Schüler äusserte.

Das fing an bei der Vorschrift über das zu kaufende Material zum Werken, das auch nicht im kleinsten von der Vorgabe abweichen durfte. Das ging über Kritik am zu verschwenderischen Umgang von Kindern mit eben diesem Material. Und das reichte bis zu heftigem Brutal-Lüften der Räume mitten im Winter, wenn die Kinder im Hemd da sassen und er mit seinem Rollkragen.

Was Herrn Schildknecht störte – was alle diese Weisskittel störte -, das war alles, was seinem stets gefährdeten Geltungsbedürfnis im Wege stand.

Und das war nicht zuletzt auch ich.

Weisskittel haben bekanntlich grosse, den Menschen etwa in die Augen zu schauen. Ihre Strategie damals bestand deshalb darin, über die Schar der Kinderköpfe hinweg an eine Stelle an der Wand zu schauen.

Nur ganz hinten sass halt meistens ich. Mit dem erwartungsvollen Blick. Ganz schlecht.

Auch ganz ungünstig etwa war es bei Herrn Schildknecht und den anderen, wenn ich etwas wusste. Dann stahl ich dem Weisskittel nämlich die Schau.

Die Folge etwa, dass ich wusste, dass eine bestimmte Kunsttechnik „Sgraffito“ heisst, führte nicht etwa dazu, dass ich ein Lob erhielt.

Keineswegs. Das wurde mit säuerlichem Zug um die Lippen zur Kenntnis genommen, begleitet von der Frage, woher ich das wüsste.

Im Lehrerzimmer ging das dann in die Propaganda über etwa in der Form: „Der Dicke da glaubt ja wohl, er weiss schon alles.“

Und das wiederum wurde weiter verarbeitet zum Ausspruch meiner Mutter gegenüber: „Ihr Sohn sagt zu den Lehrern: Das braucht ihr mich nicht zu fragen – ich weiss ja alles schon…“

Die Maschinerie

Nachdem dann auch festgestellt war, dass ich in meinem familiären Hintergrund kaum Rückhalt hatte, begann der Weisskittel-Hass sich dann jeweils in voller Breite zu ergiessen. Da kam dann die Zeit, als ich den Kunstunterricht überhaupt nicht mehr ohne eine mündliche Rüge und häufiger auch mit einer aus der Luft gegriffenen Strafaufgabe verliess.

Beliebt waren etwa Besprechungen von Bildern aus dem Lesebuch, z.B. expressionistischer Holzschnitte, die der Elfjährige da schreiben musste – ohne Internet und Wikipedia.

Wer weiss: Ob das mein Interesse an Kunst geweckt hat?

Einwände gegen den Weisskittel, ob sachlich begründet oder nicht, galten als Unverschämtheit. Vor die Klasse zitiert wurde man häufig, und dort wurde man dann so genüsslich und im Detail heruntergeputzt. Wegen der Handschrift. Wegen der Verletzung der Formvorschriften bei der Führung der Hefte (überhaupt: wenn man ein Ringbuch anstatt eines Hefts führte…).

Und wenn ich darunter nicht zerbrach sondern – mit elf und zwölf und dreizehn – zunehmende Verachtung für den jeweiligen Menschen in seinem weissen Kittel (oder auch sonstigem Aufzug) an den Tag legte, dann war klar, dass ich mit faulen Tricks arbeitete.

Und wo immer es um Fragen der subjektiven Wahrnehmung und Beurteilung ging, wurde ich sowieso am unteren Ende eingestuft.

Ob ich gerne in die Schule gegangen bin?  Nein, ich glaube, das war mir auch nicht wichtig genug.

Wie ich heute dazu stehe? Ich schmunzele sehr belustigt darüber, besonders über alle die Erwachsenen, die mit einem Zwölfjährigen nicht fertig werden.

Wo hatten wir eigentlich angefangen?

Ach ja: In Kunst hatte ich übrigens immer einen Vierer…

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

Advertisements

Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines Management, Psychologie, allgemein verständlich veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Achim H. Pollert: Der Hass der Weisskittel

  1. Pingback: Achim H. Pollert: Die drei Stufen der Rechthaberei | Texte von Achim H. Pollert

Kommentare sind geschlossen.