Achim H. Pollert: Die Bussi-Welt

Achim H. Pollert (*) über Sprüche

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Sie kennen das.

„Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag.“

Ist so ein Spruch. Inzwischen massiv verbreitet. Taucht in der einen oder anderen Form in der Hälfte aller Profile, Online-Foren, Selbstbeschreibungen u.s.w. als Lebensmotto auf.

So ähnlich wie so manch andere Lebensweisheit, die da so kreucht und fleucht durch die unendlichen Weiten des Internet. „Einzig aber nicht artig“ – „Selbst aber nicht ständig“ u.s.w.

Wie witzig!

Und wie originell!

„BLOED ABER NICHT SINNIG.“

könnte ich da vielleicht hinzufügen (weil es besser passt als „Geist aber nicht reich“…)

Tatsächlich gab es in der Geschichte den einen oder anderen Dichter, der in der Formulierung solcher Aphorismen eine gewisse Meisterschaft erreichte. Man denkt etwa an Lessing, Autor des 18. Jahrhunderts, der einem in seinen Fabeln zuweilen  in einem Satz eine ganze Geschichte erzählen kann.

Davon sind die monogrammatischen Online-Banalitäten der Gegenwart allerdings nicht nur zweihundert Jahre entfernt. Wer weiss: Vielleicht ist es ja auch kein Zufall, dass Lessing gerade in Vergessenheit gerät. Möglicherweise haben viele der Profan-Poeten der Gegenwart Angst davor, sich neben diesem Grossmeister des Aphorismus so ganz klein und hässlich vorzukommen – und so wird er eben „ausgeblendet“.

Sprüche dieser Art gibt es inzwischen in jeder Szene. Jeder schreibt sie vom anderen ab. Und je mehr sie abgeschrieben werden, desto mehr werden sie von den Menschen hingenommen. Als allgemeine Lebensweisheit. Als Ausdruck des Lebensgefühls. Als besonders gelungen zusammengefasste Essenzen der Erkenntnis.

Da wird Dir geschrieben, dass es einen Grund dafür gibt, dass manche von denjenigen, die Dir in der Vergangenheit etwas bedeutet haben, es nicht in die Gegenwart geschafft haben.

Da heisst es dann ganz geistreich: „Being male is a matter of birth. Being a man is a matter of age. Being a gentleman is a matter of choice.“ – ohne ein Wort über elitäre Erziehung und Standesdünkel oder darüber, dass Frauen in dem propagierten Menschenbild gar nicht vorkommen.

Oder, auch immer gerne genommen, die Abwandlung von Inhalten der Bibel. Etwa ein Zitat von Vicky Baum: „Es ist eine Krankheit der Menschen, dass sie ihr eigenes Feld vernachlässigen, um in den Feldern der anderen nach Unkraut zu suchen.“ … nicht nur erheblich holperiger formuliert als Lessing – das sowieso – sondern auch als die Bibel („… der werfe den ersten Stein…“).

Das Ganze hat dann immer so etwas Fatalistisches. So etwas Versöhnliches. Ach …Bussi, Bussi …und die Welt ist doch… und sind wir nicht alle… und das Leben geht weiter… und haben wir nicht alle schon einmal… was passiert ist, kannst Du nicht ändern…

DER TAG OHNE LACHEN…

Oft geht es da ums Lachen. Ums Lächeln. Ums persönliche Wohlsein.

Nimm’s doch mit Humor!

Ein Schulterklopfen kostenlos dazu…

Mit all diesen Sprüchen habe ich persönlich etwas gemeinsam: Wir stammen aus dem bildungsfernen Kleinbürgertum.

Von dort kommt ja so manches…

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Von diesen Leuten, die nicht mehr wissen und können als andere, sich aber für etwas Besseres halten, weil sie sich bei der Arbeit nicht schmutzig machen müssen, weil sie in einem freistehenden Häuslein wohnen u.ä.

Da erinnere ich mich beispielsweise, wie mir ein deutscher Verwandter – damals schon richtig erwachsen und so ein wenig angetrunken -, an einer Feier folgenden Witz erzählte:

„1960 haben die Israelis den ehemaligen SS-Obersturmführer Adolf Eichmann in Argentinien verhaftet und ihn in Jerusalem vor Gericht gestellt. Warum ist der während der ganzen Zeit im Gericht in einer Glaskabine gehockt? – Er konnte den Knoblauchgeruch nicht vertragen…“

Es waren die späten Siebziger Jahre, und es war die Zeit, in denen solche Mörderwitze rund um den Holocaust herumgingen. Besonders in Deutschland ist es mir aufgefallen.

An den Stammtischen. In den Cafés. Auf den Sportplätzen. Auf den Schulhöfen.

„Judenwitz“ – das war damals nicht der jiddische Witz von Ephraim Kishon oder Fritz Muliar (beide finde ich übrigens meist auch nicht lustig), sondern das waren diese primitiven menschenverachtenden Geschichten über Folter und Mord an Unschuldigen, über die die Leute lachen konnten.

Was tat ich?

Ich lachte mit.

Ueber den Witz mit diesem Herrenmenschen, der seinerzeit in Israel in der Glaskabine sass, während er um sein armseliges Leben winselte.

Ich war noch jung, aber schon erwachsen. Ich kannte einige Leute, von denen ich wusste, dass sie Juden waren. Etwa die alte Frau Klein, die einen Kiosk betrieb und sich um Obdachlose und sonstwie im Leben Abgestürzte sorgte.

Und ich lachte.

Ich erzählte den Eichmann-Witz auch noch weiter, allerdings nicht an meinem Arbeitsplatz bei der Schweizer Bank, obwohl dort auch alle alles über „die Juden“ wussten und diesbezüglich vor Hass trieften.

Und ich freute mich jedes Mal, wenn jemand über diesen Witz mit dem Knoblauchgeruch lachte.

Wie lange ich lachte, weiss ich heute nicht mehr. Ich erinnere mich aber, dass ich in den frühen Achtziger Jahren einem Zürcher Bankangestellten recht massiv entgegengetreten bin, als der so das eine oder andere Wissen über „den Juden“ von sich gab.

DIE LEBENSWEISHEIT…

Aber gelacht habe ich trotzdem.

Was das alles mit den primitiven Lebensweisheit-Sprüchen aus dem heutigen Internet zu tun hat?

Na dann: „Never regret something that made you smile.“

„Bedauere nie etwas, das Dich hat lächeln lassen.“

Ach ja?

Bussi, Bussi.

Viele Grüsse ans Poesie-Album.

 

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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