Achim H. Pollert: Zappeln lassen…

Achim H. Pollert (*) über einen Bibelspruch und Geschäftsgebaren

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Ich hatte meine Stelle bei der Grossbank in Zürich bereits gekündigt. Ich hatte Bedenken, was die Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit meines Vorgesetzten anging.

Während der Kündigungsfrist wurde ich dann gefragt, ob ich vielleicht in Erwägung ziehen würde, doch bei der Bank zu bleiben. In anderer Funktion, in einer anderen Abteilung, in einem anderen Gebäude.

Immerhin wären qualifizierter Leute schliesslich nicht leicht zu finden. Und so wäre man doch auch daran interessiert, mich zu halten.

Reden kann man immer. Und über alles.

Man erzählte mir, man hätte einen schönen Posten für mich in der IT-Abteilung (was damals noch EDV-Abteilung hiess). Dort würde man sich sehr gerne einmal mit mir unterhalten. Schliesslich hätte man während meiner Tätigkeit dort immer wieder mit mir zu tun gehabt. Man kenne sich also.

PALAVER, PALAVER

Ich ging zu einem Gespräch mit dem örtlichen Gruppenchef.

Der zeigte sich interessiert und positiv angetan.

„Doch. Das wäre toll, wenn Sie bei uns anfangen könnten.“

So sein Ausspruch. Jetzt müsste ich dann als nächstes mit seinem Chef, dem Abteilungsleiter, reden. Und dann stünde dem Ganzen nichts mehr im Weg.

Es vergingen einige Tage.

Ich fing dann schon an, in meinem Büro meinen Krempel zu sortieren… Geschäftliches gleich in den Kübel, Privates nach Hause nehmen und dort in den Kübel.

Und dann meldete sich der Abteilungsleiter. Er druckste ein wenig herum am Telefon.

Ob ich denn mal Zeit hätte, um vorbei zu kommen. – Ja. Sicher.

Ob die an meinem jetzigen Arbeitsplatz denn schon wüssten, dass ich weg will. – Ja. Natürlich. Ich hätte ja schon gekündigt. Deshalb wäre ja die Sache mit dem neuen Job überhaupt erst zur Sprache gekommen.

Ob ich denn genau diese Stelle fest im Visier hätte. – Nein. Die Bank hätte mich angesprochen, ob ich diese Stelle wollte. Nicht umgekehrt.

Das ging so weit, dass ich ihn fragte, ob er denn überhaupt interessiert wäre. – Ja. Natürlich! Eben: ob ich denn man Zeit hätte…

Also traf ich mich dann mit dem Abteilungsleiter. Der redete eine Weile mit mir über die üblichen Allgemeinplätze. Dann packte er aus. Es wäre eben so, dass nicht nur die Sachbearbeiterstelle sondern wohl auch noch ein Job als Gruppenchef bei ihm frei würde. Einer der Gruppenchefs hätte eben gekündigt und würde das Haus verlassen. Also wäre man froh, wenn jemand hier einspringen könnte.

Ja. Natürlich würde ich hier einspringen können.

Das sehr zufriedene Gesicht, das der Mann in dem Augenblick machte, gefiel mir damals nicht. Er sagte dann, das wäre natürlich alles noch keine definitive Zusage. Zunächst müsste er überhaupt einmal warten, bis er die förmliche Kündigung des Betreffenden in Händen hielte.

Ich hatte dort das zarte Gefühl, dass ich Teil einer kleinen Bürointrige wurde. Etwa dahingehend, dass da ein Gruppenchef mit der Kündigung gedroht hatte, um seinen Vorgesetzten unter Druck zu setzen. Und jetzt, mit meiner Zusage, konnte der zu seinem Mitarbeiter zurück und dem sagen: Hier – dein Job ist schon besetzt. Ich habe schon einen anderen, der für dich einspringt…

Ein leiser Verdacht, wie gesagt. Die Wahrheit habe ich nie erfahren.

SCHWEIGEN

Jedenfalls hörte ich danach von dem Abteilungsleiter nichts mehr.

Keine Zusage. Keine Absage. Kein Nichts.

Eher schulterzuckend bereitete ich weiter meinen Abgang vor. Immerhin hatte ich ja sowieso vor, das Unternehmen zu verlassen und war entsprechend vorbereitet.

Nach etwa einer Woche dann, freitags oder so, rief ich noch einmal bei dem Herrn an. Dort wurde mir dann gesagt, er wäre an dem Tag nicht mehr erreichbar, würde aber am Montag zurückrufen.

Das tat er dann auch. Nachmittags meldete er sich mit der Mitteilung, der bewusste Gruppenchef hätte nun doch nicht gekündigt und würde bleiben. Das Ganze wieder sehr gequält herausgebracht, so als müsste er besondere Rücksicht auf mich nehmen.

Und weiter: Es wäre da aber noch der Job als Sachbearbeiter, von dem man ja zuerst geredet hätte.  Ob ich denn für den noch zur Verfügung stünde.

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Ja. Dafür würde ich noch zur Verfügung stehen. Ich hatte mich schliesslich auf überhaupt nichts beworben. Vielmehr waren sie auf mich zugekommen.

Dann würde ich kurzer Zeit wieder von ihm hören, hiess es danach.

NÄCHSTE RUNDE

Ich dachte zu dem Zeitpunkt natürlich, die Sache wäre unter Dach und Fach. Immerhin hatte ich ja mit beiden Herren geredet, und beide hatten sich so weit interessiert gezeigt.

Das Ganze hiess damals noch nicht E-Mail. Es war das unternehmensinterne elektronische Kommunikationssystem. Und dort fand ich dann am nächsten Tag eine Nachricht von dem Abteilungsleiter, in der es hiess, auf  die bewusste Stelle hätten sich inzwischen noch zwei weitere Leute beworben. Einer von denen müsste sich bei ihm noch vorstellen. Und nun wollte er natürlich keine Entscheidung fällen, ohne dass er den wenigstens nicht auch noch gesehen hätte.

Uebermorgen käme der vorbei, und am Abend könnte er dann mehr sagen.

Am Tag nach übermorgen dann kam das nächste Mail. Das war nun nicht mehr an mich alleine sondern an alle drei Bewerber gerichtet. Und da hiess es, der dritte Kandidat hätte sich nun auch vorgestellt und ebenfalls einen sehr guten Eindruck gemacht.

Jetzt müsste der Prozess der Entscheidungsfindung eingeleitet werden… oder so ähnlich. Im Augenblick jedenfalls könnte er nur sagen, dass für die offene Stelle drei geeignete Bewerber zur Verfügung stünden.

Ich habe seinerzeit dann gleich eine Antwort  geschrieben: Ich wollte nun also mal einen Schritt von mir aus tun und ihm den Entscheidungsprozess etwas erleichtern, indem ich meine Bewerbung hiermit zurückzöge.

Drei oder vier Tage später habe ich bei dem Laden aufgehört und nie wieder etwas gehört…

ZUR SACHE

Ich gebe gerne zu: ich habe mich irgendwie ganz gut gefühlt dabei. Ein bisschen persönliches Format gezeigt. Ein bisschen Verachtung. Ein bisschen Sarkasmus.

Aber was war das eigentlich gewesen?

Irgendwie hatte sich die Reihenfolge da umgekehrt.

Am Anfang war alles klar und fest vereinbart. Und dann, im Zuge der Ereignisse, wurde das immer mehr aufgeweicht. Am Anfang stand also die Zusage, und am Ende dann ein ergebnisoffenes Entscheidungsverfahren…

… anstatt umgekehrt.

Tatsächlich kennt man dergleichen im geschäftlichen Alltag, und zwar nicht nur im Personalwesen. Am Anfang steht eine mündliche Zusage. Die schriftliche Bestätigung lässt dann aber auf sich warten. Tage und Tage und Wochen… so dieses merkwürdige Schweigen am anderen Ende.

Oder eben: Es ist etwas bereits fest vereinbart, und dann wird das plötzlich relativiert.

Der Effekt davon ist, dass man zappelt. Wie ein Mäuslein, das am Schwanz festgehalten wird, zappelt man herum und hängt in der Schwebe.

Gut wäre, wenn der Betreffende schlicht sagen würde: Ich blase es ab. Ich trete von meiner Zusage zurück, weil Dinge eingetreten sind, wegen denen ich das Ganze neu bewerten muss.

Das wäre das, was ein anständiger Mensch tun würde.

Tun müsste.

So jemand tut das aber nicht. Er kommt vielmehr und will die Gültigkeit seiner Zusage – oder dessen, was man dafür halten konnte – auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Was dahintersteckt, ist schwer zu sagen. Blosse Unsicherheit? Echte Inkompetenz? Entscheidungsschwäche? Perfektionismus? Hintertürli-Denken?

In den allerwenigsten Fällen dürfte solches Verhalten, einen anderen zappeln zu lassen, wirklich mit voller Absicht inszeniert werden. Etwa mit dem bewussten Ziel, dem anderen zu zeigen, dass er schliesslich dankbar zu sein hätte. ( https://textepollert.wordpress.com/2010/11/16/achim-h-pollert-sei-dankbar-dass-du-hier-arbeiten-kannst/ )

Aber auch wenn es nur aus Rücksichtslosigkeit getan wird, ist dies in jedem Fall das Handeln eines charakterschwachen, verantwortungslosen Menschen, der alleine mit seinen eigenen Erwägungen beschäftigt ist und gänzlich unempfindlich für die Situation eines Gegenübers, das er ohne weiteres über längere Zeit in einem Zustand der Schwebe halten würde.

Oft sind solche Menschen und Institutionen selber ihres Handeln gar nicht bewusst. Wenn etwa jemand wegen dieses Zappeln-Lassens absagt, dann sind die imstande, als ihre Version der Wahrheit zu präsentieren: „Der hat leider abgesagt…“

Blanker Hohn wäre ferner in diesem Zusammenhang eine allfällige Aussage, man wollte schliesslich in allen Dingen möglichst transparent sein. Dabei wird nicht die Entscheidungsfindung selber hier nachvollziehbar transparent gemacht, sondern im Gegenteil die langsame Auflösung.

Um es noch einmal klar zu stellen: Eine Absage, eine Massnahme ist keine Schande. Schlimm ist dieses „weder/noch“…

Das Ganze hat dann auch noch einen Aspekt der

ARROGANZ DER MACHT.

Denn gerade mit den Mächtigen erlebt man dergleichen gar zu oft, vielfach dort, wo es ohnehin vielleicht nicht so sehr auf den einzelnen Fall ankommt.

Bei den Funktionsträgern von grossen Konzernen, im Umgang mit grossen öffentlichen Einrichtungen, mit mächtigen Beamten (Steuersachbearbeitern, Staatsanwälten u.s.w.) oder mit Gerichten.

Man signalisiert eine Zusage, von der man sich dann über Wochen hinweg mit immer weiteren Komplikationen abseilt. Oder man schiebt eine Entscheidung auf die lange Bank, bei der alle Fakten und Daten bekannt sind. Redaktoren beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ziehen die bereits gemachte Zusage für eine Sendung zurück, weil sie noch einmal mit ihrer Chefin reden wollen. Richter verabschieden sich in die Ferien, obwohl alle Beweise auf dem Tisch liegen und die Sache entscheidungsreif ist.

Und so weiter.

Das ist auch das hässliche Antlitz der Macht, die nicht wirklich etwas zu fürchten hat.

Verantwortungsbewusste Menschen sind sich darüber im klaren, wenn sie in einer mächtigen Funktion sitzen.

Lumpen nicht.

Und natürlich gibt es wie immer, wenn es um die Macht und anständiges Verhalten geht, auch einen Bibelspruch dazu, der das Thema konzentriert auf einen Punkt bringt. Im Jakobus-Evangelium, Kapitel 5, Vers 12 finden wir den schönen Aufruf: „Es sei aber euer Wort: Ja, das Ja ist; und: Nein, das Nein ist, auf dass ihr nicht unter das Gericht fallet.“

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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