Achim H. Pollert: Wo ist rechts? Und wo ist links?

Achim H. Pollert (*) über Kapitalisten und Angestellte

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Wir erleben es dieser Tage, dass Tausende von Menschen sich in den Innenstädten der Bankenzentren versammeln. Oft womöglich als Flash Mob zusammengetrommelt. Viele lustig und schräg gekleidet.

Und sie demonstrieren. An der Wall Street in New York. An der Threadneedle Street in London. An der Frankfurter Zeil.

Sie heben Plakate hoch mit eingängigen Texten.

In den Nachrichten heisst es, da würde gegen eine erneute möglicherweise notwendige Rettung der Banken durch den Staat demonstriert. Und einige prominente Kommunisten, gestandene Sozialdemokraten und selbst die eine oder andere schamlose Grüne erscheinen vor der Kamera und erläutern, das Volk wollte eben, dass Schluss ist mit dem Casino-Kapitalismus.

Und überhaupt müssten dem überbordenden Kapitalismus wieder einmal die Grenzen gezeigt werden.

Damit habe ich nun meine liebe Mühe.

Das Wort vom Kapitalismus stammt wohl von Karl Marx, der in seinen philosophischen Betrachtungen festhielt, ein Kapitalist wäre ein Eigentümer der Produktionsmittel im grossen Stil. Und es wäre ein Naturgesetz, dass solche Kapitalisten – wenn man sie lässt – all die anderen ausbeuten.

Und daraus hat sich dann die Tradition entwickelt, dass man die Befürworter des Kapitalismus als „politisch rechts“ und deren Gegner als „links“ bezeichnet. Nicht zuletzt auch wegen des marxistischen Anspruchs auf Alleinseligmachung haben diese Begriffe „rechts“ und „links“ sich dabei immer weiter in andere gesellschaftliche Bereiche ausgeweitet.

Befürworter der Armee sind „rechts“. Befürworter der Sexualaufklärung in Basler Primarschulen sind „links“. Und das in vielen anderen Bereichen ebenso, die nicht das Geringste mit der Haltung zum Kapitalismus zu tun haben. Was würden Sie gefühlsmässig sagen: Ist ein Vegetarier eher links oder eher rechts? Ein Befürworter der Todesstrafe? Ein Befürworter des ökologischen Landbaus?

Das Problem ist: Diese Zeit der Kapitalisten ist lange vorbei. Dass einzelne Personen – Rockefeller, Vanderbilt, Nestlé, Boveri, Krupp u.s.w. – übermächtige Anteile von Volksvermögen und Sozialprodukt besitzen und kontrollieren, das gibt es schon sehr lange nicht mehr.

Gerade im Finanzwesen sind es keine einzelne Kapitalisten-Persönlichkeiten mehr, sondern in die Gesellschaft eingebettete Kapitalunternehmungen, die den Ton angeben.

Tatsächlich sind die UBS und die Deutsche Bank Aktiengesellschaften, die irgendwie gar keine Eigentümer mehr haben. Da sind die Eigentümer Scharen von einzelnen Aktionären, die mit ihren fünf, zehn, fünfzig oder gar hundert Stück Aktien nicht das Geringste zu melden haben.

Den Ton dort geben ganz andere an.

Wenn wir von den „Kapitalisten“ hören, dann denken wir an ganz andere Gesichter. An Ackermann. An Grübel. An Jimenez. Und so weiter.

Diese Leute aber sind ausnahmslos Angestellte. Ursprünglich einmal angestellt als kaufmännische Sachbearbeiter oder Assistenten, die dann – von den damals angestellten Geschäftsführern – die Karriereleiter hinauf befördert wurden.

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Aber nach wie vor angestellt. Mit dem Auftrag, den Laden zu leiten. Ebenso wie ein Portier mit dem Auftrag, den Zugang zum Haus zu kontrollieren.

Wer politisch rechts steht, hält das Eigentum als Grundrecht hoch.

Mich hätte schon immer interessiert, wie man dann ein System so loben und preisen kann, in dem die Aktionäre als Eigentümer rein gar nichts zu sagen haben, während die leitenden Angestellten mit ihren Sekretärinnen im Arm auf den Tischen tanzen und Champagner trinken (… zumindest könnten sie es, ohne dass irgend jemand es ihnen verbieten dürfte…)

Wogegen also demonstrieren die Menschen da in den Strassen der Bankenviertel?

Gegen den Kapitalismus? Den es so gar nicht gibt, weil da drinnen nur Angestellte sitzen und kein einziger klassischer Eigentümer, und dass sich nichts ändert, auch wenn der Laden komplett verstaatlicht würde…

Gegen die Nachfinanzierung von krachend verschuldeten Staaten? Deren Zusammenbruch die Banken und das gesamte Finanzwesen mit sich reissen und die Wirtschaft in eine zehnjährige Depression zerren würde…

Gegen die überhöhten Manager-Gagen? Die wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger gerechtfertigt sind als das, was ein geistig minderbemittelter Fussballer oder ein schauspielerisch mässig begabter Hollywood-Star einstreicht pro Nummer…

Eine Frage, die ich mir seit langem stelle.

Eine Antwort darauf habe ich auch. Natürlich spüren die Menschen, dass am Ganzen etwas faul ist.

Was die Menschen, die da demonstrieren, sich vor allem wünschen, wäre eine Orientierung der Geschäftstätigkeit an der Vernunft und der Intelligenz.

Was die Menschen, die da nicht demonstrieren, sondern vielleicht einfach nur daheim sitzen und um ihren kleinen Sparbatzen besorgt sind, sich vor allem wünschen, wäre eine Orientierung der ganzen Gesellschaft an der Vernunft und der Intelligenz.

Und so weiter.

Und ich befürchte, dass unsere heutige Gewohnheit, bestimmte Ueberzeugungen, Massnahmen und politische Richtungen nach „links“ und „rechts“ zu sortieren, nicht mehr zeitgemäss ist.

Quasi ein alter Hut.

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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