Achim H. Pollert: Oder?

Achim H. Pollert (*) über Gebrauch der Sprache

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Die meisten Schweizer wissen es nicht so recht. Wer mit dem Heidi-Mythos aufgewachsen ist, wo die etwas tumben Schweizer Bergler so radebrechend Deutsch stammeln, während die feinen Frankfurter Kurgäste natürlich astreines Tagesschau-Hochdeusch pflegen, der hat mit der Zeit das Gefühl verloren dafür, dass Schweizer nicht schlechter Deutsch reden als andere sondern genauso schlecht wie alle.
Und ebenso dafür, dass es in Deutschland teilweise ausgeprägte Dialekte gibt.

A propos Frankfurter Hochdeutsch… wissen Sie, was ein „Gräbbl“, eine „Kolldä“ oder ein „Hinggl“ ist?

A propos Tagesschau. Dass Schweizer auch allgemeinverständliches Deutsch beherrschen können – besser als viele Deutsche -, dafür sind ehemalige und gegenwärtige Fernsehgrössen wie Jörg Kachelmann, Alexander Niemetz oder Dieter Moor Beleg.

Und dann gibt es das Emil-Deutsch, von dem viele Schweizer Normalbürger meinen, sie müssten so reden. Da wird dann der Schweizer Akzent brutalstmöglich nach aussen gekehrt – dieses gewisse melodische Singen, das herzhaft kehlige CH, das ausgiebig gerollte R. Und das alles durchsetzt mit vielen „oder“, was in deutschen Wirtshäusern regelmässig für grosse Erheiterung sorgt.

Wer weiss: das alles stammt vielleicht aus einer Zeit, in der man als Schweizer vermehrt darauf wert legen musste, von Dritten nicht für einen Nazi gehalten zu werden.

Und als Emil Steinberger auf dem Höhepunkt seiner Karriere war, da war es dann so, dass die Menschen im Ausland zu lachen begannen, wenn man auch nur ansatzweise Deutsch mit Schweizer Akzent redete. Da schaffte es manch einer nicht mehr, sein Menue zu Ende zu bestellen.

Wahrscheinlich sind es die vielen TV-Krimis gewesen, in denen dann jeweils der Finanzmagnat im Hintergrund, der das Geld des Mörders gewaschen hatte, mit so ausgeprägtem Schweizer Akzent redet.

Mit der Zeit wusste dann das Publikum schon, dass da noch durchtriebene Finanzmachenschaften eine Rolle spielen würden, sobald jemand mit ausgeprägtem Schweizer Akzent auftauchte.

So gar nicht Heidi. Und auch nicht Emil.

Und das hat dann offenbar diese Welle nach sich gezogen. Wer Emil-Deutsch redet, holperig, zuweilen ein wenig behäbig vielleicht, dem wird heute zugebilligt, ein besonders gerissener, ausgebuffter Wirtschaftspatron zu sein, der aus jeder noch so vertrackten Krise ein Hintertürli findet.

Da tauchen dann Chefs von deutschen Grossbanken auf, Wirtschaftsprofessoren mit Sitz in Hamburg oder Börsenmanager, die alle so gar nicht wie, sagen wir, Guido Baumann oder Kurt Felix reden, sondern viel eher wie Emil oder das Film-Heidi.

Und keiner lacht.

Im Gegenteil: Männer, die so reden, scheinen die Menschen vermehrt zu faszinieren. Als ausgebuffte Geschäftsleute, die mit allen Wassern gewaschen sind. Wer so redet, für den gibt es keine Währungsschwäche, keine Investitionsverluste, keinen Konkurs und schon gar keinen Steuerbetrug.

Im Positiven wie im Negativen.

Und wenn es heutzutage eine satte Finanzkrise irgendwo gibt – von Lehman Brothers bis Griechenland -, dann ist das Emil-Deutsch in den deutschen Nachrichten schon beinahe unvermeidlich.

Dem haben sich allerlei Werbetreibende angeschlossen.

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So laufen seit etwa zwei Jahren im deutschen Radio Werbespots, in denen eine Anlageberatungsfirma Leute zu Info-Abenden einlädt. Um die eigene Kompetenz in Vermögensangelegenheiten dabei besonders zu belegen, wird das Ganze von einem Sprecher im Folklore-Zürihochdeutsch vorgetragen.

Die Spots schliessen dann jeweils ab mit der – mehr gesungenen – Frage: „Sie wollen Ihr Geld doch vermehren… Oder?“

Vor solchen übermächtigen Klischees bleiben dann ernsthaftere Vertreter der Schweiz im öffentlichen Bewusstsein so richtig auf der Strecke.

Etwa Carla del Ponte als ausgewiesene Top-Expertin in Rechtsfragen, die heute berüchtigten Menschenrechtsverletzern nachstellt. Oder auch die geniale Ricola-Werbung seinerzeit („Wer hät’s erfunde?“), die den Schweizer Erfindungsgeist hervorhob.

Vieles davon, möglicherweise viel schweizerischer als die Zürcher Bahnhofstrasse, verdrängt vom Finanzhai- und Steuerhinterzieher-Image der Gegenwart, das an dem radebrechenden Deutsch hängt.

Für den einzelnen Menschen, der ganz selbstverständlich gewohnheitsmässig Schweizerdeutsch redet und nur gelegentlich auf sein Hochdeutsch angewiesen ist, stellt sich natürlich die Frage, inwieweit er sich mit diesem Klischee identifizieren lassen will.

Wer weiss, was da noch auf uns zukommt.

Sie wollen doch nicht für einen Gauner gehalten werden.

Oder?

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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