Achim H. Pollert: Am A vorbei…

Achim H. Pollert (*) über Ratings

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In den 80er Jahren war ich Bankangestellter.

Ich habe damals bei mehreren Banken in Zürich gearbeitet. Und – wie alle anderen – war ich sehr beeindruckt vom Umstand, dass es auf der Welt gerade einmal fünf Banken gab, die mit dem sog. Triple-A Rating bewertet wurden, also mit AAA, und dass noch dazu drei von denen Schweizer Banken waren.

Im Lauf der Jahre entwickelte ich nun auch mein eigenes Rating… sicher auch stark geprägt von der Angestelltenoptik.

Und da fand ich dann ganz persönlich, dass die damalige Schweizerische Kreditanstalt, Urmutter des heutigen Crédit Suisse, in Marktbelangen am besten aufgestellt war und das weitaus fähigste Management besass.

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Das war die SKA in jenen segensreichen Jahren, so etwa nach dem Chiasso-Skandal und lange vor Ackermann. Die Leitung unterstand seinerzeit Robert Jeker, bis heute wohl Geschäftsführer der Basler Messe und Inhaber von so manchem Wirtschafts- und Sanierungsmandat.

Natürlich war meine Einschätzung, wie gesagt, durch den Angestellten-Blickwinkel geprägt.

Es war das Unternehmen, wo es keine Zensur und keine Gedankenkontrolle durch die Vorgesetzten gab. Es war das Unternehmen, wo einem nicht gleich auf den ersten Blick auffiel, dass da reihenweise inkompetente Funktionsträger herumsassen, schon gar nicht, dass die Inkompetenz dort der Normalfall gewesen wäre. Es war das Unternehmen, wo es im Grossen genau und im kleinen grosszügig genommen wurde.

Für einen Angestellten beinahe ideale Verhältnisse.

Aber schliesslich sind dies ja auch die Verhältnisse, die neue kompetente Leute anziehen und an sich binden.

Und daneben wurden beachtliche Geschäfte getätigt, alleine schon aus dem Umstand heraus, dass da weniger Menschen beschäftigt waren damit, die Zeit totzuschlagen, sondern einer produktiven Tätigkeit nachgingen.

Also wirklich ein wohl verdientes Triple-A.

Es war einige Jahre später. Ich arbeitete schon nicht mehr als Bänkler, als ich beiläufig in einem Gespräch hörte, die SKA hätte dieses Triple-A Rating verloren. Es war an einer Familienfeier, wo sich ein fachfremder Jurist bei einem Bankdirektor (von der UBS) erkundige, was denn das Rating wäre.

Ich bezweifelte das sehr, als ich es hörte. Aber ich musste dann bei nachträglicher Ueberprüfung feststellen, dass es wahr war.

Ausgerechnet die Bank, die ich als die am besten aufgestellte anschaute, verlor als erste dieses so angebetete Top-Rating. Und das zu einer Zeit, zu der wohl der in meinen Augen höchst profilierte Manager Jeker dort das Heft in der Hand hatte.

… AM A VORBEI!

Ich muss zugeben, dass ich in der Folge nach dieser persönlichen Erfahrung diesem Buchstaben-Cocktail neben Anleihen, Aktien, Firmen, Ländern o.ä. kaum Bedeutung beigemessen habe. Zunehmend ist mir dieser Bewertungssalat an einem ganz anderen A vorbei gegangen.

Dass dergleichen nun heute auf den Finanzmärkten Probleme bereitet, ist allerdings auch wieder verständlich, wenn allzu viele Menschen eben nicht meine Erfahrung gemacht haben und gar zu grossen Wert auf diese kleinen Buchstaben legen. Dann kann Panik ausbrechen, wie wir immer wieder sehen.

Und Panik ist Gift für alle Märkte.

Es steckt aber auch ein Trost immerhin steckt in der Abwertungswelle der Ratings, die wir zur Zeit beobachten.

Wenn dann alle zurückgestuft sind, dann kann man ja wieder von vorne anfangen. Dann gibt es nur noch solche mit Rating AA+, und die kann man dann ja alle wieder mit Triple-A bezeichnen. Und diejenigen, die jetzt AA sind, kann man dann AA+ nennen. Und so weiter.

Nur fragt man sich, am Ende von Lied, ob das insgesamt nicht einfacher gegangen wäre.

Ob die Rating-Agenturen eigentlich intern auch so strukturiert sind, dass sie kompetente Leute anziehen und an sich binden?

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http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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