Achim H. Pollert: Gerade noch einmal Glück gehabt

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Sie werden es nicht glauben: Es hat einmal eine Zeit gegeben, in denen Insider-Geschäfte in der Schweiz nicht strafbar waren.

Das ist lange her, und ich war Bänkler. Und damals wurde im Zürcher Finanzmilieu diese Form der Geschäftstätigkeit nicht wirklich als Straftat empfunden.

Als dann das Insider-Gesetz kam, hiess es zunächst, das müsste man machen „wegen den Amerikanern“. Dahinter steckte der Umstand, dass in den USA der Insider-Handel eben schon seit langem strafbar war. Und wenn sich nun so ein Gauner in die Schweiz rettete, dann hatte er hierzulande nichts Verbotenes getan und konnte nicht verhaftet werden.

Und dann hätten die Amerikaner eben das gemacht, was Supermächte schon immer mit nicht linientreuen kleineren Bundesgenossen gemacht haben. Sie haben sich die kleine Schweiz zur Brust genommen, mit ein Drohgebärden gefuchtelt und verlangt, dass die Schweiz den Insiderhandel eben auch unter Strafe stellt.

Von dann an würde ein flüchtiger Insider-Gauner eben nicht mehr mit seinem sauer Hinterzogenen auf der Lenzerheide oder an der Zürcher Goldküste sitzen und hätte nichts zu befürchten, weil er nichts in der Schweiz Verbotenes getan hatte.

Nicht zuletzt wohl in Anlehnung an die antike Supermacht Rom, die dergleichen auch schon gerne tat, nennen Juristen diesen Artikel 161 StGB, der den Insiderhandel unter Strafe stellt, deshalb auch gerne „lex americana“ (… die „pax romana“ war seinerzeit der von Rom mit Drohung durchgesetzte Frieden).

Und wie wir ja wissen, wird dieses Gesetz heute ganz selbstverständlich keineswegs nur gegen amerikanische Finanzflüchtlinge angewendet. Und natürlich ist ja auch wirklich eine Sauerei, wenn ein Verwaltungsrat, Nationalbänker und dergleichen von einer kommenden Katastrophe weiss und – womöglich per Termingeschäft, also mit Geld, das er gar nicht hat – einem Ahnungslosen noch schnell ein paar Aktien, Dollars oder Obligationen unterjubelt.

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Insofern entspricht der Artikel im Strafgesetzbuch ja sehr wohl auch dem gesunden Rechtsempfinden.

Nur war man damals halt Bänkler.

Da gab es z.B. einen gewissen Werner K. Rey. Den nannten die Schweizer Medien „Financier“, und der hätte als Vorbild für Michael Douglas im Film „Wall Street“ dienen können. Keine Ahnung, was aus dem geworden ist. Irgendwann wurde nach ihm gefahndet. Irgendwann wurde er wohl auch gefasst. Und irgendwann geriet er in Vergessenheit.

Ob er heute von der Fürsorge lebt, ob er Dozent an einer Wirtschaftshochschule ist, ob er als regelmässiger Talkgast die Lande bereist, Prinz Charles in Vermögensfragen berät oder ob er im Gefängnis sitzt. Ich weiss es nicht.

Was wäre nun gewesen, wenn man als Bänkler den Kunden Werner K. Rey betreut hätte? Wenn man bei der Kantonalbank als Disponent gehockt und die Aufträge dieser damals so schillernden Persönlichkeit entgegengenommen und bearbeitet hätte? Es gab noch kein E-Banking.

Und was wäre gewesen, wenn man sich dann – weil dieser eine Kunde so sehr auf Zack war – als kleiner Bänkler jeweils an diese Aufträge mit angehängt hätte? Rey kauft tausend Sulzer-Aktien, und ich gleich schon mal eine zusätzlich. Ohne dass ich wüsste, was Rey im Schilde führt.

Und wenn ich am Abend dann meiner Freundin anvertraue, wenn die mich fragt, wo denn eigentlich die Kohlen abgeblieben sind und warum unser gemeinsames Konto schon wieder überzogen ist… schliesslich wollte sie sich endlich das tolle Deux-Pièces beim Grieder kaufen… ob ich eigentlich nicht wüsste, dass sie auch hart für unser gemeinsames Geld arbeiten muss…

… jaja, Schatzeli… wenn ich ihr dann also berichte, das Geld hätte ich gebraucht für zwei Sulzer-Aktien. Da wäre wohl etwas mit dem Rey im Tun, und ich könnte unser Geld in ein paar Wochen veranderthalbfachen…

Nun haben Frauen ja nicht selten ein viel besseres praktisches Gespür als unsereiner.

Wenn also meine Frau mehr oder weniger zufällig mitbekommt, dass ich als Bänkler meine, etwas mitbekommen zu haben. Und wenn meine Frau dann auf Grund dieser zufälligen Ahnung praktisch handelt.

Etwa indem sie 10,000 Stück Sulzer-Aktien auf ihren Namen auf Termin kauft und damit ein kleines Vermögen einheimst.

Nur so als Beispiel…

… und ohne dass man sonst irgendwie Namen nennen wollte.

Wie auch immer, es lautet die Frage dann schon: Unter diesen Vorzeichen – der kleine Bänkler, der sich einfach einklinkt, ohne dass er wirklich substantielle Fakten erfahren hätte, und der in einer ruhigen Stunde in seinem Privatleben seiner Frau im Vertrauen ein paar Worte zuviel gesagt hat, oder dessen Frau nebenbei beim Nachtessen eine Randbemerkung mitbekommen hat – wäre das denn überhaupt auch noch eine Sauerei?

Wäre das eigentlich noch eine Gaunerei, für die man vor Staatsanwalt und Richter erscheinen müsste?

Oder entsteht die Sauerei erst dadurch, dass die Menschen politische Gegner und Neider haben?

Auf jeden Fall kann man froh sein, dass das alles damals noch nicht strafbar gewesen ist.

Gerade noch einmal Glück gehabt eben.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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