Achim H. Pollert: Kriechen den Griechen die Reichen davon?

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Wir neigen dazu, in unserem Empfinden die Fakten zu verzerren.

Das ist bekannt. Dem unterliegt auch jeder.

Dass beispielsweise die Schweiz ungefähr so dicht besiedelt ist wie Frankreich, das kommt in der Vorstellungswelt des Durchschnittsschweizers nicht vor. Und dass Deutschland beinahe doppelt so dicht besiedelt ist wie die Schweiz, das verstört den durchschnittlichen Inländer. Ist er doch aufgewachsen mit dem Guisan-Mythos aus dem Krieg vom winzigen Felsen in der Brandung der Weltkatastrophe. Wo alle stehen müssen, damit jeder Platz hat. Und wo jedes Krümeli Boden zwischen den Bergen und den Seen herhalten muss, um ein paar Pfund Weizen für das bisschen jährliche Brot zu ernten…

Wer daran zweifelt, der sei auf die einschlägigen Lexika verwiesen.

Eine typische Verzerrung etwa verzeichnen wir auch, wenn unser Blick in den Südosten Europas geht. Da gibt es erfahrungsgemäss viele unter uns, die die Türkei – gefühlsmässig -für ein eher kleines Land halten, Griechenland aber eher für nicht so klein.

Das mag daran liegen, dass Griechenland eine lange kulturelle Tradition hat, mit der so mancher von uns während der Schulzeit heftig geplagt wurde.

Das mag aber auch daran liegen, dass die Türkei zumindest in der deutschsprachigen Welt in den Nachrichten nicht so sehr unangenehm auffällt wie Griechenland.

Griechenland – und kein Ende, so stellen wir seit einigen Monaten in den Wirtschaftsnachrichten fest. Und alle wissen, was gemeint ist, wenn ich es hier erwähne.

Was viele Menschen im mittleren und nördlichen Europa immer mal wieder in Erstaunen versetzt, das ist die Tatsache, dass dieses Griechenland nur unwesentlich grösser ist als die Schweiz. Mit 130,000 Quadratkilometern die Fläche – gut verstreut auf eine Vielzahl von Inseln im Meer – wohl etwas grösser als die Schweiz.

Aber mit etwa 10 Millionen Einwohnern eben nicht sonderlich grösser. Mit 80 Personen pro Quadratkilometer halb so dicht besiedelt wie die Schweiz (… und Frankreich!).

Auch Griechenland ist also ein kleines Land. Von der Bevölkerungszahl dieselbe Gewichtsklasse wie hierzulande. So wie Oesterreich. So wie Belgien. Wie Tschechien. Wie Ungarn.

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Da mutet es zunächst schon auch etwas eigenartig an, wenn man uns erzählt, dieses riesige Gefüge des Euro-Raums könnte zusammenbrechen, falls dieses kleine Griechenland zusammenbricht.

Das wäre eine reale Gefährdung, so jedenfalls die Berichterstattung…

Es macht sich ja auch gut: Dieses Bild vom verschwendungssüchtigen dunkelhaarigen Südländer, der da die strebsame, fleissige blonde Nordeuropäerin mit sich in den Abgrund reisst.

Nur eben: Der Südländer ist quasi ein „Würmli“ im Vergleich zu den leistungsfähigen Massenstaaten in Rest-Europa. Wäre es so, als würde man sich fragen, ob Ausserrhoden die ganze Schweiz irgendwo hin reissen könnte? Oder so ähnlich?

Noch interessanter in der Berichterstattung ist die Analyse der griechischen Misere.

Da war zu Anfang etwa zu hören, es würden dort Altersrenten an Leute bezahlt, die schon lange tot sind. Gefühlsmässig müsste man da schätzen, dass da wohl auch noch Renten an Sokrates, Aristoteles, Perikles und Plato bezahlt werden – bis heute. Nur dann könnte so etwas allenfalls den Staat in eine Schuldenkrise treiben.

Etwas ernsthafter betroffen fühlt man sich dagegen, wenn es etwas heisst, 80 % der „Reichen“ in Griechenland würden ja gar keine Steuern zahlen. Da könnte man sich schon eher vorstellen, dass so etwas zu einer Schuldenkrise führt. Eher jedenfalls als Stavros und Melina, die den Tod vom Grossi nicht angezeigt haben und bis heute deren Pension einstreichen. (Sie wissen schon: Stavros mit Bartstoppeln im schmutzigen weissen Unterleibchen und Melina im geblümten Kleid…)

Aber auch das kann irgendwie nicht sein. Beim Steueraufkommen in einem europäischen Staat macht die Besteuerung aller Einkommen etwa ein Drittel des ganzen Budgets aus. Wenn Griechenland nun ein BIP von 230 Milliarden Euro hat, und wenn der Staat davon drei Viertel (!)  als Steuern einziehen würde, dann wären das etwa 150 Milliarden.

Ein Drittel von 150 Milliarden wiederum wären 50 Milliarden Besteuerung der Einkommen.

Und wenn nun die Hälfte dieser Steuern nicht bezahlt wird, dann wären das noch 25 Milliarden.

Und mit diesen 25 Milliarden im Jahr könnte man keinen einzigen Euro der griechischen Staatsschulden zurückzahlen. Im Gegenteil: Mit etwas Glück könnte der Staat dort mit diesem Betrag gerade einmal die Zinsen für die Staatsschulden bezahlen.

Merken Sie etwas?

Das alles ist die gute alte Neid-Debatte.

Peinlich genau soll darauf geachtet werden, dass ja kein Grieche mehr im Sack hat als ich… dass dort ja kein Reicher auch nur einen Rappen geschenkt bekommt… dass „unsere schönen Steuergelder“ ja nicht draufgehen, damit „die sich einen schönen Lenz machen“…

Bekannt ist jedenfalls: Diese Verteilungskämpfe führen zu nichts.

Mehr noch: Sie verhindern, dass die wirklichen Probleme rund um die staatliche Schuldenmacherei angegangen werden…

… und die wirklichen Probleme sind strukturelle Probleme…

 

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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