Achim H. Pollert: Nur nicht jetzt!

Achim H. Pollert (*) über Geldpolitik

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Wer bis hierher gelesen hat, findet womöglich etwas ganz anderes, als er laut dem Untertitel vermutet hätte.

Es geht eigentlich nicht um Politik.

Es geht um Geldpolitik.

Und das hat eigentlich nichts mit Politik zu tun in dem Sinne, wie wir sie jeden Abend in der Tagesschau vorgesetzt bekommen. Dass Parteipräsidenten sich treffen und konferieren über die künftige Zusammensetzung einer Regierung. Dass mehr oder weniger berufene Fachleute über ein mehr oder weniger sinnvolles Militärbudget streiten. Dass Bundesräte sich in einer Abstimmung für Erhöhung oder Senkung von Sozialhilfe oder AHV stark machen.

Das alles hat mit Geldpolitik nichts zu tun.

Eigentlich steht es in den Oekonomie-Lehrbüchern. Trotzdem wird mein kleiner Aufsatz, den ich vor wohl mehr als zehn Jahren über Geldpolitik geschrieben habe, immer noch ganz gerne gelesen:

https://textepollert.wordpress.com/2010/11/17/achim-h-pollert-woher-die-zinsen-kommen/

Wer diesen Text gelesen hat, weiss nicht nur, woher die Zinsen kommen, sondern auch, dass sich die sogenannte Geldpolitik der Notenbank mit der Steuerung der Geldmenge und – damit verbunden – mit dem Zinsniveau befasst.

Dass dabei immer auch eigentlich politische Erwägungen eine Rolle spielen, ist klar. Die Zinsentscheidungen zwischen niedrig (grundsätzlich eher links, Inflation und Verschuldung begünstigend) und hoch (eher rechts, Geldwert und Kapitalertrag erhaltend) sind oft sehr umstritten.

Dass man das mit dem „links“ und „rechts“ nicht immer allzu ernst nehmen darf, dafür ist der erzkonservative Republikaner Alan Greenspan ein lebendes Beispiel, der im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts als Chairman der Federal Reserve für den US-Dollar die Zinsen sehr niedrig hielt, nicht zuletzt auch um die Regierung seines Parteifreunds Bush durch entsprechendes Wirtschaftswachstum zu fördern und zu stützen.

Es gibt immerhin Kritiker, die die anschliessende erste Banken- und Finanzkrise Greenspan und seiner largen Geldpolitik ankreiden.

Derzeit ist das Zinsniveau weltweit rekordverdächtig niedrig. Einigermassen unerfreulich für alle, die ein bisschen Geld auf der Seite haben und daraus etwas Zinsertrag haben wollen. Schön für alle Schuldenmacher – allen voran die meisten Staatskassen dieser Welt.

Das grosse Problem daran ist nun, dass trotz dieser niedrigen Zinsen die Weltkonjunktur flau läuft. In den USA erholen sich die Wirtschaftsdaten zwar ein wenig, halten sich aber immer noch im überschaubaren Rahmen. Japan hat der Finanzkrise gleich noch die Verheerungen einer Atomkatastrophe hinzugefügt. Ganz Europa dümpelt von Finanzschwäche zu Finanzschwäche. Und selbst die Schweizer Insel der Glückseligen ächzt unter dem extrem hohen Wechselkurs des Franken.

Um den Geldwert zu erhalten, sollten die Zinsen ein gewisses Mindestniveau haben. Sie sollten den Kaufkraftverlust ausgleichen, der durch die allgemeine Teuerung entsteht.

Und wieder einmal haben wir die Situation, dass man in der Geldpolitik etwas tun müsste, was eigentlich nicht geht.

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Würden die Leitzinsen jetzt angehoben, dann müssten zunächst einmal all die hoch verschuldeten Staaten der Welt viel mehr Geld für Zinsen aufwenden. Würden die Zinsen jetzt angehoben, dann würden damit die ersten Erholungszeichen der Konjunkturentwicklung erstickt. Würden jetzt im Schweizer Franken die Leitzinsen angehoben, dann würde der Wechselkurs gegenüber den anderen Währungen weiter explodieren und die Exporte belasten. Würden jetzt die Leitzinsen angehoben, dann würden alle, die dann aus älteren Anlagen mit niedrigerem Zins aussteigen wollen, einen Verlust erleiden. Und so weiter…

Wie gesagt: Jetzt.

Tatsächlich hat der Präsident der amerikanischen Federal Reserve James Bullard im März 2012 erstmals wieder laut über einen Anhebung der Leitzinsen nachzudenken begonnen.

Nur natürlich nicht jetzt..

Denn „jetzt“ ist bei diesen geldpolitischen Entscheidungen grundsätzlich immer ungünstig.

Ungelegen kommt dergleichen wirklich immer – wenigstens für Teile von Wirtschaft und Gesellschaft. Für die Arbeitgeber, für die Konsumenten, für die Schuldenmacher, für die Sparsamen, für die Exporteure, für die Regierung, für das Inland, für das Ausland… für irgend einen ist es immer schlecht.

Deshalb steht man da immer ein wenig vor der Lage, dass, was immer man tun würde, „irgendwie“ falsch wäre… und die Verlockung immer auch gross ist, realpolitische Motive in die Zinsfindung einfliessen zu lassen.

Eins aber ist sicher: politisch motivierte Entscheidungen der Geldpolitik rächen sich.

Wenn Alan Greenspan damals erklärte, die Dollar-Zinsen würden so niedrig bleiben, „solange das nötig ist“, und damit die Popularität der Regierung von George W. Bush nicht durch eine Dämpfung von Wirtschaft und Wohlstand gefährden wollte, dann mag das mit zur enormen Blase auf den Finanzmärkten der Welt beigetragen haben, die dann so dramatisch platzte.

Noch mehr rächt sich dies aber in der Gegenwart, also über einen Zyklus von beinahe zehn Jahren hinweg. Denn die allzu entspannte Zinspolitik von seinerzeit stützte weniger die damalige Regierung, sondern führte, kontraproduktiv, in die Krise.

Und das hat zur Folge, dass wir jetzt wohl die Zinsen etwas anheben müssten, um den Teuerungsdruck halbwegs einzugrenzen und den Geldwert zu erhalten. Zugleich aber sollten wir das Zinsniveau möglichst niedrig halten, um die nach der Krise schwächelnde Konjunktur weiter in Fahrt kommen zu lassen.

Also was jetzt?

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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