Achim H. Pollert: Gib Antwort!

Achim H. Pollert (*) über Sprachgebrauch

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Man fragt sich, ob es früher besser war.

Wahrscheinlich nicht.

Sonst hätte Bertold Brecht nicht schon vor vielen Jahrzehnten sein Zitat formulieren müssen: „Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung sagt und statt Boden Landbesitz, unterstützt schon viele Lügen nicht.“

Sicher: Hoch problematisch der Ausdruck von einem kommunistischen Agitator, der es sich später in der DDR-Diktatur gemütlich gemacht hatte.

Was Brecht in der Sache damit gemeint hat, ist dennoch klar – und unbestreitbar. Die Begriffe „Volk“ und „Boden“ haben etwas Mystisches. Sie lenken unsere Gedanken und Empfindungen in eine bestimmte Richtung – zumindest wenn wir nicht aufpassen…

„Wir sind das Volk!“ skandierten die letzten DDR-Bürger, und Dürrenmatt sagte damals, der Spruch ginge unter die Haut. Das Wort als solches gaukelt einem schon ein „Wir-Gefühl“ vor. Interessanterweise sind oft genau diejenigen, die dieses Wort allzu gerne verwenden, auch diejenigen, so gar nicht vom „Wir“-Gefühl beseelt sind, sondern gerne die eine oder andere Gruppe vom „Volk“ ausgrenzen.

Und ganz ähnlich ist es auch mit dem Wort „Boden“. Auch das lenkt unsere Vorstellung in so bestimmte Richtungen – anders als Begriffe wie „Landbesitz“, „Gebiet“ oder „Fläche“. Den Boden muss man verteidigen, mit dem ist man verwachsen, der ist getränkt mit Schweiss und Blut. Auf dem Boden darf es dieses oder jenes nicht geben.

Wie gesagt: Gerade Kommunisten wie Brecht haben sich diese Propaganda „durch die Hintertür“ umfangreich zunutze gemacht. Man denke an Begriffe wie „Klassenbewusstsein“, „gesellschaftliche Verhältnisse“ u.s.w.

Trotzdem stimmt die Ueberlegung. Sie wurde auch vom französischen Philosophen Michel Foucault aufgegriffen, wonach Sprachgebrauch etwas mit Machtausübung zu tun hat.

DIE VERANTWORTUNG

Dabei ist es häufig so, dass solche Formulierungen gar nicht so sehr mit Absicht und planvoll gewählt werden, sondern dass sie sich in den Sprachgebrauch einschleichen, immer dann, wenn sie unserer Vorstellungswelt entgegenkommen.

In der Gegenwart fällt mir nun der Begriff „verantwortlich“ immer wieder auf.

Da heisst es dann allen Ernstes – etwa in einer Wissenschaftssendung im Fernsehen ! -, bestimmte Viren wären „verantwortlich“ für diese oder jene Krankheit. Schimmelpilze in Wänden sind „verantwortlich“ für bestimmte Allergien. Eine Tiefdruckwetterlage ist „verantwortlich“ für den Sturm, der über das Land fegt.

Natürlich ist das der schlimmste Blödsinn – auch wenn er tagtäglich durchaus auch in namhaften Medien so formuliert wird.

Eine Stufe weniger schlimm sind dann die vom Menschen gemachten Zustände, wenn sie verantwortlich genannt werden. Wenn es heisst, ein zu wenig strenges Gesetz wäre „verantwortlich“ für diesen oder jenen Missbrauch. Zu entspannte Kontrollen sind dann „verantwortlich“ für die vielen Unfälle. Mangelnde Hygiene ist „verantwortlich“ für bestimmte Infektionen.

Natürlich auch Blödsinn – wenn auch nicht ganz so schlimm wie bezogen auf natürliche Umstände.

Im Begriff „Verantwortung“ steckt das Wort „Antwort“.

Und das bezeichnet, dass jemand für sein Handeln und für seine Entscheidungen geradezustehen hat, und zwar eben dann, wenn etwas schief gelaufen ist.

Dieselben Formulierungen gibt es auch in anderen Sprachen „to be answerable“, „responsable“ (la réponse – die Antwort).

Was immer die Folgen eines Fehlverhaltens im einzelnen sein mögen: Der Begriff des Verantwortlichseins bedeutet ausdrücklich, dass eben der/die Verantwortliche diesen Folgen ausgesetzt wird.

Wer sich vor Gericht zu verantworten hat für eine Straftat, wird – falls man ihn für verantwortlich befindet – zur betreffenden Strafe verurteilt. Wer vorsätzlich oder fahrlässig einen Schaden verursacht, muss diesen ersetzen.

Dieser Begriff der Verantwortung hat nichts damit zu tun, dass etwa bei Machthabern – die schon per Definition Verantwortung tragen – diese Konsequenzen der Verantwortung oft (meist ?) sehr lau und harmlos sind.

Dass einem Direktor, der den Karren an die Wand fährt, nicht weiter passiert, als dass er seinen Job verliert und mit Millionengage nach Hause geht. Dass einem Politiker, der seine Doktorarbeit kopiert hat, nicht weiter passiert, als dass er vom jetzigen Amt zurücktritt – ohne ohne weiteres ein Jahr darauf für ein anderes wieder kandidieren kann. Dass einem Richter, der ein krasses Fehlurteil verhängt, nichts weiter passiert, als dass sein Urteil von der nächsten Instanz gerügt und kassiert wird.

Das alles hat nichts mit dieser inzwischen verbreiteten krass falschen Verwendung des Begriffs „verantwortlich“ zu tun. Hier müsste man allenfalls im Einzelfall über eine Aenderung der Konsequenzen der Verantwortlichkeit nachdenken.

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Aber Verantwortung trägt immer und unter allen Umständen ein handelnder Mensch (allenfalls eine Gruppe von Menschen). Nämlich derjenige, der Rede und Antwort zu stehen hat, wenn etwas schief geht.

Und alles andere ist nichts weiter als hanebüchener Unsinn.

DIE GEFAHR

Gibt es denn nun eigentlich eine echte Gefahr aus dieser unsinnigen Verwendung des Begriffs „verantwortlich“ – ausser den mehr philosophischen Erwägungen zu Eingang?

Wer verwendet eigentlich diesen Begriff so peinlich verkehrt? Wie gesagt: Wir neigen alle dazu, Ausdrücke so zu verwenden, wenn sie unserem grundlegenden Empfinden entgegenkommen.

Stelle ich mir nun vor, dass ich auf einem bestimmten Gebiet eine Pfeife bin – womöglich auf einem Gebiet, auf dem ich selber beruflich tätig bin -, dann habe ich wohl Angst davor, dass jemand vor mir steht, mir den Mist vor Augen hält, den ich gebaut habe. Möglicherweise lebe ich Tag für Tag mit dieser Angst, dass da der Richter im Türrahmen steht, mir eine alte Sache auf den Tisch knallt, mit dickem Zeigefinger auf mich deutet und zu mir sagt: „DUUUU bist verantwortlich!“
Und dann will ich natürlich darauf vorbereitet sein. Dann will ich sagen können: „Ich bin nicht schuld!“

„schuld“ ist übrigens ein dem Wort „verantwortlich“ sinngemäss nahe verwandter Begriff – mehr auf den bereits eingetretenen Schadensfall zugeschnitten, dafür etwas weniger auf die Folgen der Fehlhandlung.

„Schuld“, will ich dann sagen können, „ist das schlechte Wetter gewesen.“ Oder die sowieso vorhandenen Krankheitskeime. Oder das Gesetz, das mich zu dem Handeln verpflichtet hat.

Und als ein solcher Mensch werde ich nur zu gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit von allen möglichen Dingen reden, die „verantwortlich“ sind. Denn das kommt mir dann entgegen. Alles und jedes ist „verantwortlich“ – nur kein Mensch, vor allem und schon gar nicht ich.

Die Gefahr daran ist, dass wir mit dem grosszügigen Umgang dieses Ausdrucks „verantwortlich“ nach und nach das Gefühl für den Begriff der Verantwortung verlieren.

Dann wird aus dem Verantwortungsträger so nach und nach derjenige, „der am Drücker ist“, und weniger derjenige, der für eine Fehlhandlung geradestehen muss.

„Ursache“, „Zuständigkeit“, „Grund“, „Auslöser“, das verschwimmt dann alles mit dem Begriff der Verantwortung.

Und: Für jeden Fehler, der gebaut wird, wird somit gleich auch im voraus schon die Entschuldigung (oder die faule Ausrede) mit geliefert.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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