Achim H. Pollert: Deutsche raus aus Zürich!

Achim H. Pollert (*) über Integrationsprobleme

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Es gibt dieses Problem der kulturellen Selbstbehauptung in der Deutschschweiz.

Was kaum ein Schweizer weiss: 1648 wurde mit dem Westfälischen Frieden der Dreissigjährige Krieg beendet. Und in diesem Friedensdokument, das eine komplette Neuordnung der Mitte Europas konstituierte, wurde verbrieft, dass die Eidgenossenschaft (und die Niederlande) aus dem Deutschen Reich ausscheiden.

1648 – so spät – erlangten die Eidgenossen ihre völkerrechtliche Anerkennung. Von da an – erst – war die Eidgenossenschaft rechtlich als Staat anerkannt. Von da an war ein Schweizer „im übrigen Deutschland“(… Pardon) ein Ausländer.

Anders als die Niederländer, die ihre Mundart zur Schriftsprache ausbauten und heute nur noch in ihrer Nationalhymne singen „bin von deutschem Blut“, hielt die Deutschschweiz bekanntlich an der kulturellen Anbindung am deutschen Sprachraum fest.

Und das hat diese permanente Problematik der kulturellen Selbstbehauptung zur Folge. Da flüchten sich viele etwa in das Postulat, ihre Muttersprache wäre eben nicht Deutsch sondern Schweizerdeutsch. Das hat sicher auch etwas Hilfloses und etwas Hinkendes – zumal etwa ein Elsässer, ein Südbadener, ein Oberschwabe oder ein Vorarlberger auch Alemannisch reden und mit denen eine Verständigung auf Schweizerdeutsch selbstverständlich problemlos möglich ist.

Besonders heikel war das Problem während der Nazi-Herrschaft. Es gab unter den Regierenden jener Zeit (nicht zuletzt Henri Guisan selber) sehr wohl die Angst, die braune Welle könnte die Deutschschweizer erfassen. Allzu verlockend sind doch die Sprüche – für den Bünzli: “Wir, die Deutschsprachigen, sind doch die Herrenmenschen.” – “Wir müssen doch zusammenhalten.”… “Wir verjuden doch alle…”

Hätte man sich nicht intensiv um diese kulturelle Selbstbehauptung der Deutschschweiz gekümmert, dann lautet die Frage schon, was passiert wäre. Wenn dann das deutsche Militär gekommen wäre, dann wären sie möglicherweise entlang den Strassen gestanden und hätten begeistert den rechten Arm erhoben vor ihrer vorbeiziehenden Wehrmacht und ihren Führer gegrüsst… so wie in Oesterreich und Teilen Hollands…

https://textepollert.wordpress.com/2011/09/29/achim-h-pollert-die-warmen-sessen/

Mit dem massenhaften Zuzug von Deutschen, die die Schnauze voll haben vom Grossen Kanton und auch gerne unter vernünftigen Gesellschaftsverhältnissen leben wollen, hat dieses Thema der schweizerischen kulturellen Selbstbehauptung im deutschen Kulturraum neue Aktualität gewonnen.

Zumal im potenten Wirtschaftsraum Zürich.

Entsprechend fällt einem dort inzwischen auch das Geschimpfe über die Deutschen auf. Geschimpfe, das Kennzeichen ist für die Angst des einfachen Schweizers, in dieser Masse der kulturellen Uebermacht aufzugehen.

Nebenbei bemerkt: Wenn ich rede, passiert mir das natürlich nicht. Aber wenn die Menschen meinen Namen lesen, kommt dann schon auch der eine oder andere kleine Seitenhieb auf Wirtshaus-Niveau. Bemerkenswert allerdings: Wenn ich dann sage, ich könnte ja auch Jude sein und deshalb hätte ich vielleicht so einen komischen Namen, dann wird es regelmässig sehr still auf diesem Niveau.

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Es gibt dieses Problem der „Mehrheit in der Minderheit“. Wie will man es nennen?

Ein Kosovo-Problem? (Die Serben sind im Kosovo eine Minderheit, im Gesamtstaat aber die Mehrheit. Je mehr Serben nun im Kosovo siedeln, desto mehr werden die Kosovaren in dieser Gesamtheit aufgehen.)

Den Effekt als solchen gibt es überall, wo es Minderheiten gibt. Je mehr schwarze Amerikaner in den Mittelstand aufsteigen und dort dann Weisse heiraten, desto mehr wird sich bei den Nachkommen die afrikanische Herkunft „verdünnen“. Und irgendwann werden die 6 Millionen Schwarzen komplett in den 300 Millionen Weissen aufgegangen und verschwunden sein.

Dass es inzwischen auch in Deutschland reichlich Schweizer gibt – “Jo” Ackermann allen voran… – und dass der Schweizer Akzent dort nicht mehr (wie zu Emils Zeiten) als besonders lustig wahrgenommen wird, ist eine Tatsache, die von vielen im Bewusstsein ausgeblendet wird.

Tatsache bleibt: Je mehr Deutsche in der Deutschschweiz zuwandern, desto grösser ist diese Gefahr, dass eine schweizerische Urbevölkerung zunehmend in dieser kulturellen Gesamtmehrheit aufgeht.

Wenn ich am Abend den Tatort oder Günter Jauch im Fernsehen schaue, wenn ich am Bankschalter stehe und von einem deutschen Prokuristen beraten werde, wenn meine Kinder im Kindergaten von einer deutschen Erzieherin betreut werden, wenn ich im Spital von einem deutschen Arzt über die Risiken meiner Operation aufgeklärt werden…

… nicht immer, aber immer öfter…

… wenn ich zudem selber alles Schriftliche ja sowieso auf Hochdeutsch habe. Beim Lesen. Bei der Arbeit…

… wird dann die schweizerische kulturelle Identität des Einzelnen völlig unverwässert bleiben?

Ich möchte nicht so tun, als hätte ich eine Antwort auf die Frage.

Gerade das Beispiel Kosovo belegt, dass „use, uf de nächschti Zug uf Konschtanz und dät furt mit däre Waar“ keine Antwort ist. Zumal gerade die Deutschen ja eher aus dem gehobenen Bildungssegment stammen und wesentlich zum heutigen schweizerischen Wohlstand beitragen. Soll heissen: Wäre das alles ohne die eigentlich noch machbar? Von den moralischen Fragen dieser „Ausländer-raus“-Parole einmal ganz abgesehen.

Vielleicht der Gang der Dinge. Dass es in 100 Jahren vielleicht wirklich nur noch so ein Schweizer Hochdeutsch gibt, so einen Akzent wie in München, Stuttgart, Leipzig oder Köln, den alle anderen problemlos verstehen. Und dass das eigentliche Schwyzerdütsch nur noch in der folkloristischen Klamottenkiste stattfindet – wie Pfälzisch und Plattdütsch… oder Österreichisch.

Das mit dem kulturellen Sog übrigens merken wir ja schon lange im Alltag…

Wenn Sie auf eine Homepage kommen, die in drei Sprachen abgefasst ist, dann hat es oben häufig drei kleine Flaggen zum Anklicken… den britischen Union Jack für den englischen Text, die französische Tricolore für den französischen Text… und welche Flagge klicken Sie an, wenn Sie deutschen Text haben wollen?

Eine Gefahr.

Die erste Frage ist wohl – und das muss jeder mit sich selber abmachen: Ist es denn eigentlich eine Gefahr?

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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