Achim H. Pollert: Die Visabuchhalter

Achim H. Pollert (*) über schwierige Arbeit und wichtige Arbeit

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Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

 

Es war in Zürich, und ich war jung.

Ganz jung.

Das IT-Projekt (man sagte damals noch EDV) der Bank, bei der ich meinen ersten Job hatte, war kurz vor Vollendung komplett in sich zusammengebrochen. Mancher Traditionalist damals lachte sich hinterrücks so ein wenig ins Fäustli… verwechselten viele doch die Computerisierung selbst mit der Unfähigkeit derjenigen, die sie einführen sollten.

Alles also weiterhin auf Papier. Von Hand. Per Telefon.

Da gab es draussen vor der grossen Stadt so ein Verwaltungsgebäude dieser grossen Bank. An Stelle von einigen IT-Servern sassen dort Stücker 60, 70 Leute in einer Abteilung, die Visabuchhaltung hiess. Jeden Morgen bekamen die bündelweise ausgedruckte kleine Kontoauszüge, und die mussten sie dann in ihre grossen Schubladen einsortieren, in denen jeweils ein paar Tausend Kundenkonten geführt wurden.

Wenn nun ein Kunde irgendwo am Schalter der Bank aufkreuzte, um Geld abzuheben, dann wurde beim jeweiligen Visabuchhalter angerufen, um festzustellen, ob genügend Geld auf dem Konto war oder ob eine Kreditlimite bestand. Der Geldausgabe-Automat war noch nicht erfunden. Immer mal wieder standen Kunden am Schalter und hatten keinen Ausweis dabei. Da wurde dann beim Visabuchhaltung angerufen und so die eine oder andere Information verglichen („wieviel müsste denn ungefähr auf dem Konto sein?“ – „was haben Sie für Daueraufträge?“ – „spricht der Kunde einen auffälligen Dialekt?“ und so weiter)

Visabuchhalter waren auch gehalten, dem nachzugehen, wenn ihnen beim morgendlichen Einsortieren ihrer Auszüge eine Merkwürdigkeit auffiel. Wenn etwa einem Kunden für einen Aktienkauf 17,000 Franken anstatt 1,700 belastet wurden. Wenn ein Otto Normalverbraucher, dem immer nur sein Gehalt überwiesen wurde, aus heiterem Himmel ohne Vorwarnung eine Gutschrift von 50,000 Franken erhielt.

Immer dann war der Visabuchhalter gefragt.

Hatte der Kunde, der sonst nie spekulierte, wirklich für so viel Geld Aktien gekauft? Oder hatte da jemand ein Komma falsch getippt?

War die fünfstellige Gutschrift eine Erbschaft? Oder hatte sich jemand bei der Eingabe der Kontonummer vertan und das Geld hätte eigentlich einem Autohändler für einen neuen Mercedes gutgeschrieben werden sollen?

Diese Visabuchhaltung stellte insgesamt also eine durchaus wichtige Funktion dar.

WICHTIGE ARBEIT

Wenn so ein Visabuchhalter murkste, dann konnte man als Bankkunde irgendwo stehen und nicht an sein eigenes Geld kommen. Oder die Bank musste 90 % einer Aktientransaktion rückgängig machen – und zwar Wochen später, wenn sich inzwischen der Wert der betreffenden Aktie womöglich halbiert hatte.

Oder Herr Normalverbraucher hatte den unerwarteten Geldsegen schnell von seinem Konto abgehoben und verprasst. Dann würde die Bank auf eigene Kosten dem Autohändler die entgangene Zahlung natürlich trotzdem überweisen müssen.

Bei einer grossen Bank mit vielen Kunden und grossen Beträgen können solche Verluste schnell in die Millionen gehen – Tag für Tag.

Entsprechend hoch angesehen waren diese Visabuchhalter. Weil sie so eine wichtige Arbeit machten, wurden diese Angestellten bei der betreffenden Bank regelrecht vergöttert. Das Ganze wurde als Laufbahn dargestellt, als Werdegang, der nur für die Höchstqualifizierten in Frage kam.  Wer da landen wollte, musste eine solide kaufmännische Ausbildung mitbringen, hoch motiviert sein, vielleicht auch günstigerweise noch im Militär ein kleines bisschen etwas erreicht haben.

Freudig waren die Vorgesetzten bereit, so einem zuverlässigen Visabuchhalter regelmässig grosszügig das Gehalt zu erhöhen. Wer sich über einige Jahre in der Visabuchhaltung bewährt hatte, galt als Führungsnachwuchs. Das waren richtige Juwele im Personalbestand.

Und entsprechend präsentierten sich viele dieser Mitarbeiter auch.

Wenn sie am Morgen zur Arbeit kamen, am Mittag in die Kantine gingen am Abend zur Tramstation, dann hatte das vielfach so etwas Stolzierendes. Hohles Kreuz, hoch erhobene Kinnspitze, todernstes Gesicht.

Immerhin: Visabuchhalter waren ja auch Vertrauenspersonen. Sie führten schliesslich auch die Auszüge der Konten des Personals. Sie wussten von den anderen Angestellten, was diese verdienten, wieviel sie gespart hatten u.s.w.

Das alles hatte so einen bestimmten Hauch der Elite.

Natürlich war da auch immer mal wieder ein netter Mensch dabei. Aber die meisten lebten das in der Tat in der Breite aus.

Gute Ausbildung.

Vertrauensposition.

Langjährige Erfahrung.

In einer Abteilung, die nicht jeden nimmt.

Für viele hatte das schon etwas. Die eigentlichen Kontoführer sassen dann auch im Grossraumbüro gleich vor dem Büro des Abteilungsleiters, der selber einst aus diesem Verein aufgestiegen war. Jeden Morgen, wenn der Chef durch diese Reihen schritt, hatte er die Führungsreserve der ganzen Bank vor sich.

Im Notfall könnte er jederzeit ein unglaubliches Potential an Qualifikation mobilisieren. Was für ein Leben!

SCHWIERIGE ARBEIT?

Was in dieser spezifischen Bank seinerzeit völlig verkannt wurde, war der Umstand, dass diese Arbeit in der Visabuchhaltung sehr einfach war und kaum spezifische Anforderungen an Fachkenntnisse und Intelligenz stellte.

Wer dort tätig sein wollte, musste zuverlässig und genau arbeiten. Allmorgendlich die Papierauszüge nach Zahlen sortieren und sie überfliegen, ob da etwas Auffälliges zu sehen war. Am Telefon verfügbar sein, falls Rückfragen zu Konten kamen, z.B. immer auch dem Arbeitskollegen vis-à-vis sagen, wenn man gerade nicht am Platz war. Mit einem gewissen Stress an bestimmten Tagen (rund um den Zahltag, die Rechnungsläufe von Kreditkarten u.ä.) umgehen können.

Einblick ins Bankgeschäft, Kenntnisse der kaufmännischen Grundlagen, etwas tieferes Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen brauchte man für diese Arbeit nicht.

Wer ein bisschen grundlegendes Zahlengefühl hat, wer gerne sehr exakt und regelmässig arbeitet, wer zuverlässig ist, was Termine und Vorschriften angeht, der hätte in dieser Visabuchhaltung mit grossem Erfolg arbeiten können.

Da hätte man die eine oder andere arbeitslos gewordene Angestellte eines Drogerie-Discounters anwerben können, wenn so einer gerade Pleite gegangen wäre. Einen Büroboten, der sich etwas weiter entwickeln will. Eine Coiffeuse, die wegen einer Chemikalien-Allergie keine Dauerwellen mehr legen kann. Ein Bauarbeiter, der sich nach einem Berufsunfall körperlich nicht mehr so fit fühlt für die Baustelle.

Zuverlässige, einsatzwillige, ehrliche Menschen, die in der Schule lesen, schreiben und rechnen gelernt haben.

Erst ein paar Wochen Anlehre, und dann hinein ins Vergnügen als Visabuchhalter!

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Es gab wohl auch Banken, die das eher so handhabten. Oft war bei denen irgendwann ein Arbeitsanalytiker eingefallen und hatte sie darauf hingewiesen, dass das zwar wohl eine wichtige, aber eben keine besonders schwierige Arbeit war. Und möglicherweise wurden diese Banken dann auch viele Jahre später – weil sie insgesamt über ein besser qualifiziertes Management verfügten – nicht allzu tief mitgerissen in den einen oder anderen Business-Abgrund.

An der grundlegenden Tatsache, dass wir nämlich häufig dazu neigen, bei der Begutachtung von Arbeitsprofilen schwierig und wichtig miteinander zu verwechseln, ändert das aber nichts.

Ueberall gibt es relativ simple Arbeiten – oft sogar sehr monoton und langweilig -, die aber für den reibungslosen Betrieb des Ganzen von hoher Bedeutung sind. Nur schwierig zu erlernen und auszuüben sind solche Arbeiten oft nicht.

Ich will umfassenden Betriebsanalysen nicht vorgreifen: Aber möglicherweise hat das sogar etwas vom betrieblichen Normalfall. Möglicherweise sind bestimmte essentielle Arbeitsabläufe in den Unternehmen so umfassend formalisiert, dass die daran beteiligten Arbeitskräfte kaum noch Einblick und Verständnis in den tieferen Zusammenhang brauchen, kaum noch fachliche Vorkenntnisse. Vielleicht ist es somit ein Normalfall, dass für wichtige Arbeiten die Anforderungen eben genau aus diesem Paket bestehen: Einhaltung der Vorschriften, genaue und zuverlässige Arbeitsweise, regelmässiger Arbeitsablauf.

… und dass es eigentlich egal ist, ob die Betreffenden das, was sie da tun, wirklich verstanden haben.

Wohingegen die wirklich schwierigen Arbeiten, die ausgesprochen gute Kenntnisse der fachlichen Materie verlangen, im Alltagsgeschäft oft nicht einmal so bedeutend sind. Der Wissenschaftler in der Entwicklungsabteilung eines Chemie-Multis muss alles wissen über die Materie. Aber für das Tagesgeschäft ist der Laborant vor Ort, der die Substanzen peinlichst nach Vorschrift mischt, viel wichtiger. Ebenso wie der Disponent, der den Vertrieb an die Apotheken organisiert.

Wenn der Chemiker in der Entwicklung eine Pfeife ist, dann gehen dem Unternehmen in 10 oder 15 Jahren vielleicht die Produkte aus. Wenn die Laborant und Disponent nicht zuverlässig arbeiten, droht morgen schon die Katastrophe.

Wie gesagt: Vielleicht ist an diesem Zusammenhang von Schwierigkeit und Wichtigkeit etwas Wahres.

NUMMER SICHER

Wer nun als Manager so tut, als wäre die wichtige Arbeit auch die schwierige Arbeit, der geht auf Nummer Sicher. Wenn die wichtigen Dinge alle gemacht sind, kann ja im Alltagsbetrieb nichts mehr schief gehen. Alle halten sich genau an die Regeln. Meine Unter-Verantwortlichen prüfen laufend, dass alle sich an die Regeln halten. Als Abteilungsleiter kann ich mich jederzeit darauf berufen: „Mein Laden läuft – und ohne meinen Laden läuft die ganze Firma nicht…“ Und so weiter.

Ob konstruktive Intelligenz bei den Arbeitnehmern hier sogar stört, bleibe offen. Immerhin neigt konstruktive Intelligenz dazu, die Dinge zu hinterfragen. Arbeitsabläufe anzupassen. Auf unsinnige Standards hinzuweisen. Auch im persönlichen kleinen Sachbearbeiterbereich etwas neu und effizienter zu ordnen.

Alles Eigenschaften, die bei Nummer Sicher stören.

Das Wichtige – und Schwierige… – aus unternehmerischer Sicht liegt darin, sich dieser Tatsache, dass schwierig und wichtig nicht dasselbe ist, stets bewusst zu sein.

Das grösste, das erdrückende, das bedrohlichste Problem an solchem Verhalten ist der Umstand, dass man damit versagt an der wichtigsten aller unternehmerischen Aufgaben:

Wer wichtige Arbeit mit schwieriger Arbeit verwechselt, kann keine begabten Menschen mehr an sich binden.

Es findet so eine Negativ-Selektion statt, die die Intelligenten, die Leistungsfähigen, die Einsatzwilligen planmässig ausmanövriert.

Man wird von diesem kreativen, witzigen, auch unkonventionellen Segment nicht mehr für voll genommen.

Sage ich einem jungen Menschen, der da voller Tatendrang den Einstieg in sein Leben sucht: „Wenn Du Dich jetzt erst einmal rund herum bewährst, dann darfst Du vielleicht in ein paar Jahren als Sachbearbeiter in die Abteilung dort einsteigen. So einige wichtige Arbeit – das ist dann die Karriereperspektive für Dein ganzes Leben…“ ?

… und diese Lebensperspektive besteht zunächst einmal im Sortieren von Zetteli…

Oder sage ich zu so einer Persönlichkeit:  „Weisst Du, das ist eine Arbeit, die auch gemacht werden muss. Ist vielleicht nicht jedermanns Sache, ist aber für den Betrieb äusserst wichtig. Steig erst mal da ein, dann sehen wir weiter…“ ?

Ueber die Bindung von jungen Menschen an das Unternehmen vielleicht noch ein paar Worte zur Ergänzung am Rande:

https://textepollert.wordpress.com/2011/12/12/achim-h-pollert-kein-sitzleder/

Man könnte sagen: alles andere folgt. Wer als Unternehmer oder leitender Angestellter versagt dabei, die Kenntnisse, die Intelligenz und Kreativität der Menschen zu erschliessen, die für ihn arbeiten, ist auf dem absteigenden Ast.

Zunehmend werden dann Funktionsstellen mit dummen und/oder desinteressierten Personen besetzt – wer sollte sonst auch nachwachsen? Zunehmend verliert das Unternehmen die Fähigkeit, Aenderungen im Markt überhaupt zu erkennen, geschweige denn, auf sie zu reagieren – woher sollte der Input kommen, und wer sollte bereit sein, ihn aufzunehmen? Zunehmend wird profunde Kenntnis durch Blabla ersetzt – wenn Kompetenz, Intelligenz und Kreativität aussortiert werden, was anderes sollte übrigbleiben ausser Worthülsen?

Und so kommt das unternehmerische Ende. Nicht selten für alle überraschend… hatten die doch immer alle wichtigen Dinge tiptop erledigt… wie kann denn da von einem Tag auf den anderen Schluss sein?

Möglicherweise gilt das nicht nur für Wirtschaftsunternehmen sondern für ganze Staaten…

… aber das ist ja eine andere Frage…

A propos Fragen: Sie wollen noch wissen, was damals aus den heiligen Visabuchhaltern geworden ist?

Die wurden dann Anfang der 80er Jahre innerhalb von einem Jahr arbeitslos, als der einfache Abfragebildschirm kam, mit dem jeder Sachbearbeiter Kontostände und sonstige Kundeninfos selber direkt abfragen konnte. Man möchte sagen: Der Arbeitsplatz ersetzt von einem Taschenrechner….

Also doch nichts mit Nummer Sicher.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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