Achim H. Pollert: Wir, die da und die Kunstsammlung

Achim H. Pollert (*) über merkwürdige Wir-Gefühle

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Interessieren Sie sich für Kunst?

Ich ja.

Ich sammele ein bisschen und ich male selbst auch ein bisschen. Beides im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten. Wahrscheinlich wäre aus mir ein passabler Comic-Zeichner geworden. Oder auch ein Museumskurator – in der Verbindung von Kunst und Management… , hätte man bei mir als Kind ein Talent erkannt.

Das war nicht der Fall. Die Gründe dafür sind vielfältig, und ich bin darüber nicht verbittert:

https://textepollert.wordpress.com/2012/01/20/achim-h-pollert-der-hass-der-weisskittel/

Mein Kumpel hat sich von je her nicht um Kunst geschert. Da hängt der eine oder andere verblichene Fotodruck einer Berglandschaft an der Wand. Da steckt mal eine Autogrammkarte von einer Volksmusikgruppe am Stubenkasten. Gerahmt daneben vielleicht noch ein Erinnerungsplakat an den Aktivdienst vom Grossonkel.

Umso erstaunter war ich, als wir beide vor einiger Zeit nach Vaduz im Fürstentum Liechtenstein kamen.

Da stand an einem Gebäude im Städtchen Kunstmuseum, und ich war hoch erstaunt, wie das meinen Kumpel in einen Zustand gesteigerter Erregung versetzte. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete er auf den Neubau und rief: „Da ist die Sammlung vom Fürst…!“

Und noch erstaunter war ich, als mein lieber Freund nun unbedingt diese Sammlung sehen wollte.

Er stürmte regelrecht das Gebäude mit der drängenden Frage: „Ist hier die Sammlung vom Fürst?“

Der jüngere Herr am Empfang war wohl nicht minder erstaunt ob der Frage. Nein, das wäre eine Ausstellung von moderner Kunst, die nicht dem Fürst gehöre, sondern vom liechtensteinischen Staat betrieben würde.

„Aber die Sammlung vom Fürst…“ – dazu wieder der hin und her schwankende Zeigefinger – „… wo ist die denn?“

Die wäre in Wien, kam die schulterzuckende Antwort.

„Wie? In Wien? In Oesterreich?“

Ja. Das wäre die Privatsammlung der Fürsten von Liechtenstein dort. Sozusagen Familieneigentum.

Nun war es mein Kumpel, der sich hoch erstaunt zeigte. Der Fürst hätte seine Sammlung nicht hier in Vaduz… sondern in Wien? Im Ausland!

Dass die Liechtensteinsche Privatsammlung in Wien eine der grössten und bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt ist, dass die Fürsten von Liechtenstein sich über die Jahrhunderte an die Habsburger angelehnt hatten und dort in Wien residierten und politisch wirkten, dass der Staat Liechtenstein in seiner Geschichte Mitglied des Deutschen Bundes war und sich erst 1923 so eng an die Schweiz anlehnte, das alles erfuhr mein Freund nicht.

Ueberhaupt: was soll eigentlich der Deutsche Bund sein? Das heisst schliesslich Bundesrepublik Deutschland…

Auf Nachfragen erfuhr ich dann, was hinter diesem plötzlichen Kunstinteresse steckte.

Seinerzeit, als die deutsche Regierung gestohlene Schweizer Bankdaten ankaufte, um Steuerhinterzieher im Lande zur Strecke zu bringen, war natürlich der zivilisierte Teil der Menschheit entsetzt. Irgendwann in der Folge hatte ein deutsches Museum Fürst Hans-Adam um eine Leihgabe für eine Ausstellung gebeten. Und Seine Durchlaucht hatte geantwortet, er werde gar keine Leihgaben mehr nach Deutschland vergeben. Er wolle seine Kunstwerke nicht dem Risiko „einer selektiven Anwendung des Rechtsstaats in der Bundesrepublik Deutschland aussetzen“.

Konkret wies der Fürst zwar auf den Fall hin, dass die deutschen Behörden sich geweigert hatten, eins seiner Gemälde zu beschlagnahmen und herauszugeben, das seinerzeit durch die Kommunisten in der Tschechoslowakei eingezogen worden war.

Aber alle Welt ging natürlich davon aus, dass der Fürst sehr wohl diese scharf kritisierte Mauschelei der deutschen Regierung rund um die gestohlenen Bankdaten meinte. Er hatte übrigens ganz unverhohlen in seiner Absage auch vom „Vierten Reich“ gesprochen.

Für eine Weile wurde Fürst Hans-Adam damit zur Identifikationsfigur für viele Menschen. Weniger für jene, denen die rechtsstaatliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland am Herzen liegt – dortige Einwohner wie auch andere. Viel mehr für all die Scharen, die die Empfindung hatten, „die Deutschen“ hätten „den Schweizern“ Unrecht getan, als sie – anstatt Datendiebe zu verhaften und der Justiz zuzuführen –  aus finanziellen Interessen geklaute Daten ankauften.

Das unselige „Wir-Gefühl“ flammte auf.

Bei Scharen von Menschen. Bei Menschen, die mit all diesen Banking-Verwicklungen nicht das Geringste zu tun haben. Schlimmer noch: Bei vielen Schweizern, die den Machenschaften der Zürcher Hochfinanz eigentlich hoch kritisch gegenüberstehen. Ebenso bei vielen Deutschen, die die Verwendung von unredlich erschlichenen Beweisen ebenso verwerflich finden wie alle zivilisierten Menschen.

„Wir“ müssen zusammenhalten gegen diese („Nazi“-)Schweine, die in „unsere“ Belange eingreifen und auf „unser“ Recht spucken.

„Wir“ müssen schon aufpassen, dass diese (profitsüchtigen) Kleinstaatler „uns“ nicht vorschreiben, wie „wir“ gegen Wirtschaftskriminelle vorzugehen haben.

Diese Dynamik, wie gesagt, ergreift Menschen, die damit eigentlich nichts am Hut haben. Diese Dynamik erfasst ausserdem die Menschen an jeder objektiven Faktenlage vorbei.

ZUM BEISPIEL STEUERFLUCHT

Falls es so gewesen ist, dass Schweizer Banken unter zu übergenauer Auslegung der Gesetze sich über die Jahrzehnte geweigert haben, mit den Nachkommen von Holocaust-Opfern zu reden, um eine Lösung für die nachrichtenlosen Vermögen zu finden, dann ist das eine Sauerei gewesen.

Eine Sauerei, die nicht von „den Schweizern“, nicht von der Schweizer Regierung und auch nicht von „der Schweiz“ begangen wurde.

Aber eine Sauerei ist es gewesen. Den Nachkommen von grausam Ermordeten und irgendwo massenweise Verscharrten zu sagen: „Ohne Totenschein, ohne Erbschein, ohne die Formalitäten nach dem gemütlichen Schweizer Recht geben wir keine Auskunft und führen keine Gespräche…“

Trotzdem ist eine Bemerkung wie vom damals mit der Sache betrauten Bundesrat Delamuraz, er frage sich an Hand der Kritik dann schon, ob Auschwitz in der Schweiz liegt, einigermassen unpassend. Denn sie greift genau diesen „Wir“-Standpunkt auf und ergänzt ihn mit der zarten Note: „Ihr“ habt ja schliesslich mehr Dreck am Stecken als „wir“.

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Natürlich stellt sich dann schon wieder die Frage, ob diese Menschen, die da vergast und namenlos „entsorgt“ wurden, nicht eigentlich auch schon „Steuerflüchtlinge“ und „Wirtschaftskriminelle“ gewesen sind, weil sie ein wenig von ihrem Geld in die Schweiz gerettet hatten.

Und es würde sich die Frage stellen, was für eine Kritik das dann wäre an „den Schweizern“… nehmen „sie“ Schwarzgeld, dann sind „sie“ Helfershelfer von „Gaunern“… rücken „sie“ dieses Schwarzgeld dann aber nicht mehr heraus an die „Gauner“, dann sind „sie“ hartherzige Egoisten, die nur ihre eigenen Interessen im Auge haben.

ZUM BEISPIEL MASSENMORD

„Die Türken“ haben an „den Armeniern“ einen Völkermord begangen.

Das Ganze hat sich zugetragen während des Ersten Weltkriegs, 1915/16, wurde nicht von „den“ Türken initiiert sondern von einer politischen Partei, die nicht einmal so recht von einer Mehrheit der türkischen Bevölkerung gewählt worden war (es hatte da die sog. „Prügelwahl“ gegeben, unter der zunächst „die Türken“ gelitten hatten). Dieser Massenmord an armenischen Opfern trug sich nicht in „der Türkei“ zu, sondern vielmehr im Osmanischen Reich, dem autoritären, dekadenten, monarchischen Vorgängerstaat der Türkischen Republik.

Das „Wir“-Gefühl in seiner ganzen Primitivität wird uns allerdings an diesem Beispiel immer mal wieder vorgeführt. Zunächst stösst man auf den Umstand, dass diese Massaker gerne als „Entschuldigung“ genommen werden für andere Schandtaten.

Hitler selbst, besorgt um sein Bild in der Geschichte, soll im kleinen Kreise geäussert haben, an solche Ausrottungsaktionen wie bei den Armeniern würde sich die Nachwelt nicht erinnern, um seine eigenen Mordgeschäfte voranzutreiben. Und natürlich kommt von jedem alten und jungen Nazi – sofern er davon weiss – früher oder später der Hinweis auf diesen Massenmord an den Armeniern. Soll heissen: „Die“ haben schliesslich auch Dreck am Stecken. „Die Amerikaner“ mit „den Indianern“. Und halt „die Türken“ mit „den Armeniern“.

Erstaunt blickte die Welt vor kürzerer Zeit indessen nach Frankreich. Als nämlich das französische Parlament im Hinblick auf  die damaligen Ereignisse im Osmanischen Reich ein Gesetz verabschiedete, wonach es strafbar ist, einen stattgefundenen Massenmord zu leugnen, da brauste und rauschte die Empörung durch die türkischstämmige Gemeinde in Frankreich.

Da versammelten sich Demonstranten vor der Nationalversammlung in Paris und in anderen grossen französischen Städten. „Die Franzosen“ wollen „uns Türken“ demütigen und beleidigen, so der Tenor dieser Proteste. Im Fernsehen waren Scharen von erzürnten Menschen zu sehen, die auf der Strasse standen und etwas in die Kameras plärrten.

Möglicherweise viele davon ganz persönlich nicht einverstanden mit der politischen Ordnung in der Türkei. Aber wenn „die“ etwas gegen „uns“ machen, dann gibt es für viele kein Halten mehr.

Diese Episode der Gegenwart – faktisch eigentlich unglaublich – erfasste schliesslich auch die politische Landschaft in der Türkei selbst. Und der türkische Premierminister, möglicherweise genötigt, das Ganze auszuschlachten, indem er die primitiven Instinkte vieler seiner Wähler bedienen wollte, liess sich gar herbei zur Aussage: „Die Franzosen“ sollten mal nicht zu tun. Was „die“ in Algerien angestellt haben – da brauchten „die“ nicht auf „uns“ mit dem Finger zu zeigen…

Mit anderen Worten, wie gesagt: „Die“ haben auch Dreck am Stecken!

Es greift bei all diesen Dingen übrigens die dreistufige Argumentationstechnik der Rechthaberei:

https://textepollert.wordpress.com/2010/10/07/achim-h-pollert-die-drei-stufen-der-rechthaberei/

FUSSBALL

… und natürlich liess sich ob solcher Ereignisse mancher französische Normalbürger gegenüber dem einen oder anderen türkischen Mitbewohner zu der Aussage hinreissen, die wir (… und zwar nicht „wir“) auch alle kennen: Wenn es „euch“ bei „uns“ nicht passt, was macht „ihr“ dann noch hier…

Das Problem daran ist, dass offenbar die meisten Menschen nicht in der Lage sind, zwischen Dingen zu unterscheiden, die nichts miteinander zu tun haben.

Die Schweiz, Deutschland, Frankreich u.s.w., das alles sind Landschaften.

Diese Landschaften haben zunächst einmal nicht gar zu viel mit den Menschen zu tun, die dort leben, und mit dem Aufbau ihrer Gesellschaft.

Und rein gar nichts haben diese Landschaften zu tun mit der Regierung und Verwaltung dort.

Und, mit Verlaub, einen Dreck hat der einzelne Mensch zu tun mit Dingen, bei denen der Name der Landschaft einfach aussen drauf steht. Zum Beispiel bei den unterschiedlichen Fussballmannschaften.

Als die griechische Fussballmannschaft unter dem deutschen Coach Rehhagel vor einigen Jahren alle Spiele gewann, wer war da eigentlich Weltmeister?

„Die Griechen“? Oder sind das vor allem die, die jetzt so faul herumlungern und den anderen Euro-Staaten auf der Tasche liegen?

„Die Deutschen“? Rehhagel ist ja Deutscher.

„Wir“? Wenn man irgendwo zwischen Konstanz und Flensburg Staatsbürger ist – und als der deutsche Herr Ratzinger zum heiligsten von allen Vätern wurde, stand schliesslich in der Bild-Zeitung: „Wir sind Papst!“?

Natürlich hatte die Zeitung dies ironisch gemeint – und als Titel war er natürlich genial. Problematisch daran ist, dass viele Menschen das wortwörtlich so nehmen – sie mögen gar überhaupt nicht katholisch sein, nicht beim Fussball zuschauen, keine Ahnung von Quantenphysik haben und keine Schlagermusik hören.

Wenn „Deutschland“ oder „Deutscher“, „Schweiz“ oder „Schweizer“ u.s.w. aussen draufsteht, aktiviert das bei vielen Menschen dieses idiotische „Wir“-Gefühl.

Wenn „wir“ betroffen sind, dann bin ich natürlich bereit und betroffen.

Wofür auch immer.

Dann bin ich stolz auf Max Planck.

Dann schäme ich mich für Pfuri, Gorz und Kniri am Konkurs de la Chanson.

Dann wehre ich mich gegen „die“…

IDIOTISCH… UND WIE!

Mein Kumpel ist übrigens pensionierter Bänkler. Und er kann herrlich schimpfen über die Dinge, die er bei der Bank erlebt hat. Die Arschlöcher, die da arbeiten. Die Pfeifen, die da in der Geschäftsleitung sitzen. Die Gauner, die da krumme Geschäfte drehen. Darüber, dass „sie“ ihn im Laufe seines Berufslebens immer wieder mal verarscht haben, ihm zum Teil dramatische Lohnkürzungen aufgezwungen haben, ihn bei Beförderungen übergingen u.s.w.

… aber wenn ein Aussenstehender – einer von „denen“ – auch nur andeutungsweise etwas gegen „uns“ sagt…

… „uns Schweizer“, „uns Bänkler“,  „uns Volksmusikliebhaber“, „uns Kitschfreunde“…

… dann bin ich natürlich zu allem bereit.

Sogar zum Besuch eines Kunstmuseums – wenn es „einem von uns“ gehört.

Uebrigens: Dieser eine von „uns“, der Fürst, hatte seinerzeit seine Absage mit den Bemerkungen vom Vierten Reich nach Deutschland geschickt – ans Jüdische Museum in Berlin… aber das wird jetzt zu kompliziert…

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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