Achim H. Pollert: Die Bänkler und die Gier

Achim H. Pollert über das, was mancher Skandal uns sagen kann

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Gerade wird wieder geschimpft über die Gewissenlosigkeit „der“ Banker.

Mit den hohen Wachstums- und Renditevorgaben habe die Gier Einzug gehalten. Und damit wären dann alle Skrupel über Bord gegangen.

Dergleichen ist gerade wieder zu lesen im Zusammenhang mit dem sogenannten Libor-Skandal. Dieser Skandal rund um einen Leitzins habe nun endgültig das Fass zum Ueberlaufen gebracht, heisst es da. Von Anstand, Stil ist da die Rede und auf der anderen Seite von knallhafter Rüpelhaftigkeit.

WAS IST PASSIERT?

Was also ist der Libor-Skandal?

Libor steht für „London Interbank Offered Rate“. Es ist ein eher theoretischer Wert für den Zinssatz, den Banken untereinander erheben (nicht nur in London sondern weltweit). Man sagt auch Geldmarktzins.

Im Gegensatz zum Leitzins der Zentralbank als Instrument der Geldpolitik ist Libor ein kurzfristig erhobener Wert, der durch Befragung einiger grosser Banken festgestellt wird.

Wenn Sie Unternehmer sind und für eine Investition Geld aufnehmen wollen, dann macht die Bank eben diese Rechnung: Wir selber könnten das Geld zu Libor aufnehmen. Da setzen wir dann eine Marge obendrauf.

Die Marge deckt nicht nur die kostenpflichtigen Veranstaltungen bei der Bank (Löhne, Gebäude u.s.w.), sondern auch das durchschnittliche Verlustrisiko dieser Kredite (z.B. „einer von 5,000 fällt aus“ – das muss in die Marge mit eingerechnet werden).

Und so ist dann „Libor-plus“ der Zinssatz, den die Bank Ihnen als Unternehmer in Rechnung stellt.


Vergleiche dazu auch:

https://textepollert.wordpress.com/2010/11/17/achim-h-pollert-woher-die-zinsen-kommen/

Wie gesagt: das Ganze ist ein eher theoretischer Wert. Denn zu grossen Teilen decken sich die Banken ja nicht vom Geldmarkt zu Libor-Konditionen ein, sondern aus dem Bestand an Kontoguthaben, ausgegebenen Obligationen, Pfandbriefen u.s.w. Und auf dieses Geld, das ihnen zur Verfügung steht, zahlen sie sowieso weniger als den Geldmarktsatz.

Aber: Libor ist so eine Richtschnur – wie das obige Beispiel belegt.

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Und wenn nun dieser Richtwert durch die Befragung von grossen Banken entsteht, dann gibt es hier natürlich diese Gefahr,  dass die sich untereinander absprechen. Die Idee daran wäre ja, ein paar grosse Marktteilnehmer unabhängig voneinander zu befragen, wieviel sie denn für ein Guthaben bezahlen, und dann den Durchschnitt davon als Marktzins festzulegen.

Das funktioniert nur, wenn die Befragung der einzelnen wirklich unabhängig ist.

Wenn die sich im voraus absprechen, und wenn die, sagen wir alle, statt 2.5 von vorne herein gleich 2.75 angeben, dann müssen Sie auf jeden Fall für Ihren Kredit („Libor-plus“) 0.25 % mehr zahlen.

So etwas ist nicht neu.

Dass die Grossen in einer Branche sich untereinander absprechen, um sich nicht gegenseitig durch Konkurrenz kaputt zu machen und anstatt unternehmerisch zu handeln lieber auf Nummer Sicher gehen, das nennt man Kartell.

DAS BIEDERE IM GESCHÄFTSLEBEN

Solche Kartelle sind mitunter nicht einmal überall verboten. Auf jeden Fall sind sie äusserst schwer zu beweisen. Und vielfach bestehen sie ganz offen, ohne dass sich die Menschen darüber bewusst sind.

Viele einheitliche Vertragsmuster (Tarifverträge, Branchen-Dienstordnungen, einheitliche Mietverträge von Vermieterverbänden, einheitliche Versicherungsbedingungen u.s.w.) sind solche Kartelle.

Die OPEC der Erdöl produzierenden Staaten ist so ein Kartell. Die grossen Mineralölgesellschaften stehen immer mal wieder im Verdacht, die Sprit- und Heizölpreise durch Kartellabsprachen zu bestimmen.

All die uralten Geschichten. Es gab Zementkartelle, Brauereikartelle, den „Verein der schweizerischen Seidenbeuteltuchwebereien“, den „Verband zürcherischer Seidenfärbereien“, den „Verband bernischer und solothurnischer Backsteinfabrikanten“.

Das alles sind Kartelle gewesen, die anstatt die hemmungslose, gerissene Profitgier der einzelnen eher das etwas biedere Sicherheitsdenken in den Mittelpunkt stellen. Solche Absprachen haben in der Tat etwas Biederes, indem man auf die Bemühungen von Konkurrenz verzichtet und die Sicherheit des Einkommens in den Vordergrund stellt.

Eine alte Geschichte im Geschäftsleben, wie gesagt.

Es ist einfacher, sich mit den Konkurrenten abzusprechen, anstatt sich durch knappe Kalkulation und gutes Management auf den Marktmechanismus zu verlassen. Man braucht die anderen nicht zu unterbieten, und man braucht nicht zu befürchten, von einem Konkurrenten unterboten zu werden.

Das passt nun aber so gar nicht in das Bild vom raffgierigen Wirtschaftskriminellen, der seine Kunden hinterrücks abkassieren will, sondern viel eher in die Vorstellung einer etwas altbackenen Branche, in der man zu bequem ist und die Mühe scheut.

Das hat so etwas Biederes, Gemütliches und an der Nummer Sicher angelehnt.

Das sieht irgendwie so gar nicht wie der rüpelhafte, von der Gier zerfressene, skrupellose Geschäftlimacher aus… eher wie der schon seit Jahren in der Branche tätige Traditionalist, der sich mit mehr oder minder schrägen Machenschaften auf das Ueberwintern eingerichtet hat.

Eher ein Mensch, der sich von den Erfordernissen des Markts insgesamt überfordert fühlt und sich in bewährte Mechanismen flüchtet – egal ob die nun im einzelnen formalrechtlich korrekt und moralisch vertretbar sind oder nicht.

Wie auch immer. Wir werden nicht klären, hier und jetzt, ob da auf der Handlungsebene der grösseren Banken eher solche biederen Dubeli am Werk sind, oder ob da wirklich so profitversessene Gauner hocken, die weder Anstand, noch Skrupel, noch Stil haben.

Aber immerhin: Wenn es zu dieser Art von Kartellabsprachen kommt – noch dazu, wenn sie so plump und letztendlich auffällig durchgeführt werden -, dann ist das auf jeden Fall ein Indikator dafür, dass die Täter nicht allzu gerissen und durchtrieben sind, wie es in dem Medien heisst…

… im Gegenteil…

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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