Achim H. Pollert: Der Dozent, der Dozent, der hat immer recht…

Achim H. Pollert (*) über eine Freiheit zur Leistung

 

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Ich gehöre inzwischen nicht mehr zu den Jüngeren. Trotzdem habe ich immer meine ganz grossen Zweifel, ob es „früher“ denn besser gewesen ist.

Gar so viel kann ich aus meiner Kindheit und Jugend gar nicht feststellen, das da besser gewesen wäre. Eher im Gegenteil: Vieles ist schlechter und viel schlechter gewesen, weniger vielleicht in der persönlichen Erfahrung, was die Technologie angeht, wohl aber in den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Aber so eine ganze Palette von Dingen ist damals ebenso katastrophal gewesen wie heute.

Da denke ich etwa an den Gymnasiallehrer Zapf, der sich vor den jungen Erwachsenen, die er da unterrichten sollte, stundenlang darüber ausliess, wie faul, unbegabt, ungebildet und nachlässig sie doch wären.

Dabei wäre es doch wohl sein Job gewesen, genau daran etwas zu ändern. So als würde der Kreditsachbearbeiter bei einer Bank lange und heftig seine Kunden anplärren, sie hätten ja sowieso kein Geld und kämen jedes Mal zu ihm, wenn sie sich ein Haus oder ein Auto kauften wollten. Was sie eigentlich hier wollten.

Oder ich denke an den Saufkumpel Michel. Der war ein paar Jahre älter als ich und studierte schon. Er studierte an der Uni Mathematik und Informatik. Unter „Informatik“ konnte ich mir damals noch gar nicht so recht etwas vorstellen. Das musste irgendwie etwas mit Information zu tun haben…

Als mal irgendwo im Saufmilieu die Frage aufkaum: Wenn es in einer Liga soundsoviele Mannschaften gibt, und jede spielt zweimal gegen jede – wie viele Spiele finden dann statt?… da fiel mir nur auf, dass Michel nach einem Jahr Mathematik-Studium darauf keine Antwort wusste und, schlimmer noch, nicht einmal wusste, wie man das auszurechnen hätte.

Natürlich: Die Leute erzählen viel. Von ihren sensationellen Erfolgen in Guatemala. Und davon, was sie – weit weg, in St. Gallen, in Fontainebleau oder in Princeton – so alles studieren. Zum Beispiel Mathematik.

SO GAR NICHT NEU

Aber der Effekt ist nicht neu. So gar nicht neu.

Der ist einem über die Jahre immer wieder begegnet. Dass Leute mit einem Diplomabschluss in einem Fach daherkommen – meist sogar nicht einmal einem schlechten -, und dass man ganz schnell zweifelt daran, ob sie auch nur über ein erweitertes Basiswissen in dem betreffenden Fach verfügen.

Befragt nach einem einfacheren Zusammenhang der englischen Grammatik etwa verweist da die Anglistik-Studentin darauf, sie studiere das eben „erst zwei Jahre“ und käme noch nicht so sehr draus. Die Schriften des Germanisten strotzen vor stilistischen Fehlern. Der Philosoph mit einem sehr guten Abschluss in Logik hat Mühe, einen einfacheren folgerichtigen Zusammenhang zu begreifen. Dem Bauingenieur gelingt es im Verlauf eines Nachmittags nicht, auf einer gegebenen Grundfläche von 100 Quadratmetern einen bewohnbaren 4-Zimmer-Grundriss zu gestalten. Und die Kunsthistorikerin bleibt merkwürdig unbestimmt und zurückhaltend, wenn sie an Ort und Stelle einen Gegenstand in eine Stilepoche einordnen soll.

Alltagserfahrung?

Wer im wirklichen Leben steht, hat dergleichen auf jeden Fall schon erlebt. Und zwar nicht nur ausnahmsweise.

Vor dreissig Jahren ebenso wie heute. Ausser vielleicht, dass es vor Jahrzehnten weniger Hochschulabsolventen gegeben hat als heute. Und das würde dann die Frage aufwerfen, ob das nun besser oder schlechter gewesen ist als heute.

Aber davon nun einmal keine Rede.

Die Frage ist: Wie ist das möglich?

Wie kann das möglich sein, dass jemand das Gymnasium absolviert, ein Studienfach wählt, dieses Studienfach durchaus erfolgreich abschliesst und dann vergleichsweise ahnungslos über das Gelernte sind?

Nicht nur all die Wirtschaftswissenschaftler, die da öffentlich auftreten und von persönlichen Meinungen geprägte Aussagen von sich geben, die bereits für den Laien erkennbar unsinnig sind. Nicht nur all die Juristen, die als Richter an oberen Gerichten wirken und deren Urteile einfachste Grundkenntnisse der Rechtskunde vermissen lassen.

Von den schwarzen Kapiteln der Wissenschaftlichkeit – wo sie von politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wird – ganz zu schweigen.

Vielmehr stellt sich diese Frage im Alltag. Man bekommt einen Chef vorgesetzt mit Doktortitel, der von Anfang an auffällt durch das merkwürdige Niveau der fachlichen Fragen, die er einem stellt. Man engagiert eine Romanistin, die gerade zurück ist vom Praxisaufenthalt in Genf und die nicht in der Lage ist, Textvorlagen von mittlerem Anspruchsniveau ins Französische zu übersetzen. Und so weiter. Und so fort.

Natürlich: Weil es alles akademisch verbrämt ist, möchte man dergleichen oft nicht gar zu offen ansprechen. Selber vielleicht nicht mit den höheren Weihen der jeweiligen Kunst gesegnet, möchte man sich auch nicht dem Verdacht des Neids aussetzen.

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Aber die Frage bleibt bestehen.

MACHT UND IHRE AUSÜBUNG

Eine Schlussfolgerung daraus wäre wohl, dass man eine höhere, eine wissenschaftliche Ausbildung durchaus bequem absolvieren kann, ohne die damit verknüpften Kenntnisse zu erwerben.

Folglich muss es Standards geben, die – wenn nicht anstatt, dann aber doch – neben den Fachkenntnissen über Bestehen oder Durchfallen bei einer akademischen Ausbildung entscheiden.

Wir alle ahnen, was jetzt kommt. Denn wir wissen es ja im Grunde schon.

Fasst man den Bildungsapparat als Teil des staatlichen Machtapparats auf, dann entsteht da plötzlich das Bild von einem System, in dem derjenige zuvorderst erfolgreich ist, der gut spurt. Der sich brav an die gesetzten Vorgaben hält. Der im Vorfeld schon versucht, die mutmasslichen Meinungen, Vorlieben und Wünsche der Machthaber in Erfahrung zu bringen, um sich umfangreich im vorauseilenden Gehorsam zu pflegen. Der sich – „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ – auch einmal die eine oder andere persönliche Gemeinheit bieten lässt. Der selber nach dem Aufstieg innerhalb dieses Apparats strebt („Wer treten will, muss sich treten lassen.“).

Und so weiter.

Wie gesagt: Falls der Bildungsapparat ein Machtapparat ist.

Denn alle diese Dinge sind typisch für einen Machtapparat, nämlich dass die organisatorischen und pragmatischen Belange des Apparats selber zumindest gleich viel, wenn nicht mehr Bedeutung haben als der eigentliche Inhalt der Sache selbst.

Das gilt keineswegs nur für das Bildungswesen, sondern für viele Machtstrukturen.

Wer von den jungen Theologen heute wird in 40 Jahren eher Papst werden? Derjenige, der tief überzeugt an Gott glaubt und seinen Glauben besonders vorbildlich lebt und zu vertreten weiss? Oder derjenige, der heute für seinen Bischof besonders sympathisch und pflegeleicht erscheint?

Wer von den Parteimitgliedern wird Regierungschef? Derjenige, der von den Grundwerten und Ansichten der Partei besonders überzeugt ist? Oder derjenige, der seinem heutigen Parteivorsitzenden keine Probleme macht und immer schön erledigt, was ihm aufgetragen wird?

Ich habe darauf keine vorgefertigte Antwort.

Wohl aber verdeutlichen solche Gedanken, ob man es vorwiegend mit einem Machtapparat oder eher mit einer Zweckinstitution zu tun hat.

Der Machtapparat arbeitet nicht zuletzt für sich selber.

Und zuvorderst Erfolg darin haben diejenigen, die für die Interessen des Machtapparats arbeiten – und nur nachrangig oder gar nicht für den ursprünglichen Zweck. Und diese Interessen eines Machtapparats bestehen in grossen Teilen in der persönlichen Unterordnung des einzelnen – nicht unter den angestrebten Zweck, sondern unter die Machtinteressen -, in der Bestätigung der Machtausübung und in der Erhaltung der Machtstruktur.

Ist der Bildungsapparat in grossen Teilen ein Machtapparat, dann würde das zumindest erklären, warum wir alle diese Alltagserfahrung machen mit den Menschen mit erfolgreichem Bildungsabschluss, denen selbst Elementarkenntnisse in ihren Disziplinen fehlen.

SO EINFACH IST ES NICHT

Läuft es nach dem Muster „Der Dozent, der Dozent, der hat immer recht“ (zu singen nach der Melodie der ehemaligen DDR-Hymne „Die Partei“ – auch dies Ausdruck der höchst wissenschaftlich fundierten Dialektik…), dann wäre der Fall so weit klar.

Aus gesellschaftspolitischer Sicht müsste man natürlich dieser ersten Mutmassung entgegensetzen: Ohne Machtausübung funktioniert es nicht. Eine Religionsgemeinschaft nicht. Eine politische Organisation nicht. Und ein Bildungswesen auch nicht.

Lauter Interessierte, die den Erleuchteten auf der Waldlichtung treffen, sich dort die Dinge des Lebens erklären lassen und dann von dannen ziehen, das kann nicht funktionieren.

Vielmehr muss sichergestellt sein, dass alle, die zum Erleuchteten kommen, einheitliche Vorkenntnisse haben. Es muss sichergestellt sein, dass der Lehrende sich überhaupt als der Erleuchtete ausgeben darf. Es muss sichergestellt sein, dass der Lehrende dort sitzt im Rahmen einer eigenen Machtstruktur mit eigenen Standards – und nicht, weil er vielleicht adelig ist oder reich.

Es braucht den Formalismus eines Machtapparats mit bestimmten Qualifikationsniveaus, die miteinander vergleichbar sind. Es braucht einen Machtapparat, um Normen und Erkenntnisse festzulegen und zu propagieren.

Macht als solches ist somit nichts von vorne herein Schlechtes.

Problematisch wird die Macht immer dort, wo sie nicht oder wenig kontrolliert wird.

Die Machtausübung in einem politischen System mit sauberer Teilung der Gewalten, mit einer abschliessenden demokratischen Instanz mit der Garantie der Grundrechte – sagen wir, wie in der Schweiz und den USA – ist halb so wild.

Wenn das Bildungswesen ein Machtapparat ist, dann ist es allerdings so, dass die Macht darin unkontrolliert ausgeübt wird.

Zwar ist das Ganze – wiederum sehr typisch für einen Machtapparat – eingebettet in ein unübersichtliches kompliziertes System von mehr oder minder wirksamen Regulationsmechanismen (Ehrengerichte, akademische Selbstkontrolle, Mittelzuweisung u.ä.).

Aber – besonders wenn es weniger um Forschung und mehr um eine reine unterrichtende Tätigkeit geht – ist dem Inhaber eines Lehrstuhls letztlich selber überlassen, was er wie welchen Studenten unterrichtet. Eine irgendwie geartete politische oder administrative Kontrolle dieser Machtausübung – der Verleihung von Privilegien, der Festsetzung von Standards, der Ausgrenzung von Nicht-Angepassten u.s.w. – findet nicht statt.

Natürlich gibt es auch hier einen Pragmatismus des Alltags. Auch Professoren tendieren dazu, bezüglich dieser Freiheit, tun und lassen zu können, was immer man will, „die Kirche im Dorf zu lassen“. Nur selten hört man von Fällen, in denen Herrschaften sich frühzeitig komplett ihren persönlichen Interessen zugewandt haben. Es sind dies dann die Geschichten, in denen die Medien etwa berichten, dass der eine oder andere Herr zwar als Professor geführt wird, dass aber weder Studenten noch Kollegen ihn je gesehen haben oder wüssten, was er dort tut.

Keine Ausnahme indessen ist der Umstand, dass es nachgerade Privatsache eines solchen Gelehrten ist, was er lehrt und wem er seine Gunst erweist. Es ist er selber, der die Lerninhalte bestimmt und die Regeln, nach denen die Pensen zu absolvieren sind. Und es ist er selber, der in eigener Regie die Prüfungen vornimmt, d.h. Studenten die erworbenen Kenntnisse bescheinigt, und sich selber dann jeweils auch, was für ein toller Lehrer er doch ist.

Das Ganze ist abgedeckt durch das elementare Recht der Freiheit von Forschung und Lehre.

Ein Grundrecht, verankert in vielen Verfassungen. Mehr noch: Eine der Hauptforderungen der bürgerlichen Revolution des 19. Jahrhunderts.

Also ein heisses Eisen, das man politisch heute nicht einfach anpacken könnte – egal, wie viele Diplompfeifen ein Bildungsapparat nun Jahr für Jahr produziert.

Denn schliesslich ist das ja ein wichtiges und nachvollziehbares Recht. Es soll ja eben nicht so sein, dass ein Staat den Professoren vorschreibt, was sie zu unterrichten haben. Und auch nicht, wie sie es zu unterrichten haben. Oder welche Studenten sie mit „sehr gut“ durchkommen lassen müssen (etwa die Kinder wichtiger Persönlichkeiten…).

Der Staat soll nicht bestimmen, dass Medizinprofessoren an den Universitäten Homosexualität als schwere Krankheit definieren.

Und auch nicht, dass Biologen umfangreiche Rassentheorien aufstellen, denen zufolge es Herren- und Untermenschen gibt.

Und es soll auch nicht so sein, dass Geldgeber sich Lehrmeinungen und Forschungsergebnisse gegen bar erkaufen können.

Als Errungenschaft kann man die Freiheit der Lehre nicht ohne weiteres über Bord gehen lassen, weil diese Freiheit missbraucht wird und zur unkontrollierten Machtausübung degeneriert ist.

All das wäre durch die Freiheit der Lehre gedeckt. Dabei ist nicht ganz einzusehen, warum dem Professor nicht vorgeschrieben werden darf, was er seinen Studenten beibringt, dem Gymnasiallehrer aber sehr wohl in Form von Unterrichtsreglements, Lehrplänen u.s.w.

Ob es überhaupt ein befriedigende Lösung gibt, ist zweifelhaft.

A propos Gymnasiallehrer… unser Herr Zapf von damals hat immer so gotterbärmlich geschimpft über die dummen, faulen, ungebildeten Schüler, die das Bildungssystem verstopfen und verderben.

Durchfallen hat er nie einen lassen.

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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