Achim H. Pollert: Der Botschaftsflüchtling

Achim H. Pollert über das Spiel der Macht und seine Regeln

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Jetzt mal ganz unabhängig davon, was wir über Julian Assange denken.

Ganz unabhängig davon, ob man den für einen schrägen Vogel hält, dem man möglicherweise die ihm zur Last gelegten Straftaten zutraut. Ganz unabhängig davon, ob die ganze Argumentationskette etwas Paranoides, Wahnhaftes hat, das Strafverfahren in Schweden diene als Vorwand, um ihn an die USA auszuliefern, wo ihm wegen Staatsverbrechen die Todesstrafe drohe. Und ganz unabhängig davon, ob das Ganze ein eingefädelter Promotion Gag ist, um Assange und Wikileaks weltweit prominent zu machen.

Wer weiss.

Das alles haben wir hier nicht zu beurteilen. Es gehörte zum Wesen eines Rechtsstaats, dass dergleichen von einem unabhängigen Gericht zu prüfen ist.

Die Frage ist nun: Haben Sie eigentlich nicht auch Ihren Ohren nicht getraut?

ENGLAND-FAN

Als junger Mensch bin ich England-Fan gewesen. Das heisst übrigens nicht – liebe Mehrheit der Sportsfreunde -, dass ich die englische Fussballmannschaft besonders bewundert hätte. Ich habe Fussball schon immer doof gefunden – besonders das blosse Zuschauen dabei.

Nein: Unter dem Einfluss von verschiedensten Medien, etwa all die Filme mit Charles Laughton und Alec Guiness. Unter dem Einfluss verschiedenster musikalischer Aeusserung – Beatles, Stones, Queen. Unter dem Einfluss historischer Fakten wie etwa dem Wirken von Winston Churchill. Unter dem Einfluss – zu meiner Schande muss ich es gestehen – von trivialen Filmchen wie den Miss-Marple-Komödien mit Mrs. Rutherford. Unter dem Einfluss von TV-Serien wie „Der Doktor und das liebe Vieh“.

Unter all diesen Wirkungen war ich seinerzeit von England, seiner Kultur, seiner Sprache, seiner Schrulligkeit u.s.w. begeistert.

Das änderte sich dann.

Es ist sicher ungerecht, in diesem Zusammenhang darauf zu verweisen, dass ich einige Jahre für eine britische Bank gearbeitet habe. Dreckbuden gibt es überall – in der Schweiz, in Deutschland, in Amerika. Aber wenn man sich nun wirklich jeden Tag kopfschüttelnd herumärgert mit einer primitiven Pfeife, ihren Ansichten, ihren Wünschen – und das ist jedes Mal ein Brite -, dann stellt man nach und nach sehr gerne die Mitgliedszahlungen an den England-Fanclub ein.

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Das definitive Ende meiner Begeisterung für das Königreich kam dann, als ich zu Anfang der 90er Jahre mit dem Schweizer Auto im West Country herumfuhr.

Seither bin ich nicht mehr so recht dort gewesen, mit Ausnahme eines eintägigen geschäftlichen Besuchs nicht weit von Folkestone, vom Fährhafen also.

Und ebenso habe ich auch aus der Ferne nicht mehr an den gesellschaftlichen, geschäftlichen oder politischen Ereignissen auf den Inseln teilgenommen.

Vor kurzem nun aber habe ich wieder aus dem Königreich gehört.

DAS MIT DER DEMOKRATIE…

Dass Grossbritannien keine richtige Demokratie ist – so wie die meisten anderen Staaten Europas -, das ahnt man aus Schweizer Optik ja schon ein wenig. Dass dieses ganze System des Parlamentarismus – das Volk wählt ein Parlament, und alles Weitere ist Sache der Machthaber, ohne dass das Volk irgendwelchen Einfluss darauf nehmen kann – keine Demokratie ist, das wissen wir.

Die Volkssouveränität ist nicht gewährleistet. Die Grundrechte sind mangelhaft garantiert. Die Staatsgewalten sind nicht geteilt.

Dass dieses System des Parlamentarismus in England erfunden wurde – nachdem es für eine richtige Demokratie nicht gelangt hat -, wissen schon erheblich weniger Leute.

Aber trotz allem hatte man über die Jahre doch immer auch das Gefühl, dass es sich um eine zivilisierte Gesellschaft handelt. In einem gewissen Rahmen würde man sich dort frei bewegen können. Man würde sich im grossen und ganzen darauf verlassen können, dass die Willkür nicht allzu deftige Blüten treibt. Man hatte an eine gewisse Mässigung und Selbstbeschränkung der Machthaber geglaubt.

Daran hatten selbst markige Gestalten wie Margareth Thatcher oder Tony Blair nichts geändert.

Sicher: Machthaber, die nicht demokratisch legitimiert sind, tun auch ganz gut daran, wenn sie klug sind, einen gewissen zivilen Rahmen zu wahren, um nicht am Ende im entfesselten Volkszorn auf der Guillotine oder mit einer Kugel im Kopf zu enden.

Falls sie klug sind.

Und da stellte sich nun kürzlich ein Glatzkopf vor die Weltöffentlichkeit, Irgendwasminister Ihrer Majestät, und plapperte etwas davon, dass „England“ (damit meinte er sich und seine Machthaber-Clique) kein Botschaftsasyl akzeptieren würde.

Wie gesagt: Ich habe meinen Ohren nicht getraut.

Mehr noch: Da ging durch die Medien der Weltöffentlichkeit, die britischen Behörden würden die Botschaft von Ecuador „stürmen“, um den dort befindlichen Julian Assange festzunehmen, obwohl diesem inzwischen sogar von der ecuadorianischen Regierung der Status eines politischen Flüchtlings zuerkannt wurde.

Da war doch schon früher etwas…

Da gab es doch so unrasierte schwarzhaarige kleine Männer, die damals die amerikanische Botschaft in Teheran stürmten und das dortige Personal über Wochen gefangen hielt. Die Weltöffentlichkeit, die sich damals über einen solchen Akt der Barbarei erregte – durchaus auch die Machthaber in London…

Oder die Tausende von DDR-Bürgern, die am Ende des Kommunismus über den Zaun der westdeutschen Botschaft in Prag hüpften, dort wochenlang unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen kampierten…

Da waren die Machthaber – auch in London – durchaus bereit, diese Form von Botschaftsasyl zu akzeptieren. Und da gab es sicher vorgefertigte Texte in den Schulbladen, die ein gewaltsames Eingreifen der noch bestehenden Ostblock-Behörden scharf verurteilt hätten.

Wie gesagt: Ganz abgesehen vom konkreten Fall Assange.

Sehen wir da doch ganz plötzlich die hässliche Fratze der Macht aufsteigen.

Machthaber, die nicht persönlich vom Volk gewählt wurden und die nicht vom Volk abgesetzt werden können. Machthaber, die nur ihrer unmittelbaren Clique von Regierungsmitgliedern, Parteifunktionären u.ä. verantwortlich sind – oft nicht einmal das – und ansonsten ihre eigenen Regeln für das Machtspiel aufstellen.

Und diese Regeln gelten dann immer so lange und werden so lange beachtet und mit Gewaltmitteln verfochten, wie sie dieser Machthaber-Clique in den Kram passen.

Wo gestern noch die hehren Prinzipien von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten hochgehalten wurden, da werden heute von Kriminellen mit öffentlichen Geldern geklaute Daten-CD’s gekauft, um mit Gewaltmitteln Steuergesetze durchzusetzen, die ihrerseits ja auch nicht vom Volk verabschiedet wurden.

Und wo gestern noch das Handeln von Gaddhafi, Rafsajani & Co. als Barbarei gebrandmarkt wurde, da wird heute – schon fast mit derselben Terminologie davon, was „wir“, die stolze Nation, akzeptieren – solches Handeln als legitim hingestellt.

Bleibt die Frage: Wo wird dann die Grenze sein für die hässliche Fratze der Macht?

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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