Achim H. Pollert: Ist Tabak illegal?

Achim H. Pollert über Freiheit und Rauchverbote

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Die ehemaligen Raucher sind die militantesten Tabakgegner.

So jedenfalls der Volksmund.

Und sicher gibt es dafür Belege im Einzelfall.

Ich habe mit dem Rauchen in einem Alter angefangen, als das Rauchen in der Oeffentlichkeit für mich noch illegal gewesen wäre. Natürlich kam ich mir dann schon so richtig erwachsen vor. Und ich habe dann geschlotet, was das Zeug hält.

Ich habe die Bilder von Krebsgeschwülsten und Raucherbeinen gesehen. Ich habe Tausende jedes Jahr für Tabak ausgegeben und darüber nicht nachgedacht.

Und ich habe geraucht. Dutzende von Zigaretten jeden Tag. Zwischendurch auch mal einen Stumpen oder eine Angeber-Zigarre. Seltener auch mal eine Pfeife.

Und ich betrachtete die anderen Raucher. Diejenigen, die mit mir zusammen Zigarette um Zigarette abbrannten, etwa wenn man in einer Projektgruppe zusammensass und kreativ wurde. Oder der junge fette Bankdirektor, der scheusslich stinkende Zigarren verqualmte und wohl den grössten Genuss daran fand, dass seine Untergebenen unter dem Gestank litten. Oder mein damaliger Schwiegervater, ein älterer Arzt, der fortlaufend erzählte, er hätte in den 60er Jahren mit Rauchen aufgehört, um sich dann im Viertelstundentakt eine Pfeife anzuzünden.

Eher mit mitleidigem Kopfschütteln betrachtete ich auch all diejenigen, die irgendwo nicht rauchen durften und dann, mit verkniffen angewinkeltem Arm den Glimmstengel haltend, ernst vor sich auf den Boden schauend, draussen vor der Tür in gemessenem Schritt langsam hin und her wandern.

Dies ist heute ja ein alltägliches Bild, das man vor jedem Büro-, Behörden- und Fabrikgebäude zu sehen bekommt. Dieses Verhalten habe ich zum Beispiel schon immer unwürdig gefunden, damals wie heute, und habe es auch seinerzeit eher vorgezogen, dann in den betreffenden Lokalitäten auf das Rauchen zu verzichten.

Vor nunmehr 15 Jahren (… erst?!) habe ich aufgehört mit dem Rauchen.

Wie alle Raucher, hatte ich all die Jahre gewusst, dass es ein Blödsinn ist. Das ist dann übrigens alles, was vom Rauchen hinterher übrigbleibt, diese Feststellung: Ich dummer Hund habe all die Jahre geraucht…

Ich persönlich hatte auch all die Jahre gewusst, dass ich irgendwann damit aufhören würde. Nur meistens halt nicht gerade jetzt. Einen befreundeten Heilpraktiker, der Raucher beim Ausstieg berät, selber aber nie Raucher war, hatte ich damals im Vorfeld gefragt, wie ich mich denn dazu motivieren könnte, überhaupt aufhören zu wollen. Keine richtig verständige Antwort…

Das Aufhören fiel mir nicht schwer.

Weder fühlte ich mich sonderlich befreit, noch ging es mir gesundheitlich wirklich besser danach.

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Es dauerte dann eine ganze Weile, bis ich wirklich die Widerlichkeit des Ganzen feststellte. Wenn man durch die Stadt ging, an der offenstehenden Tür einer Beiz vorbei, und die dann als dunkelbraunes, übel stinkendes Loch wahrnahm. Wenn man irgendwo sass, und es einem die Augen tränen liess, weil etliche Meter weiter weg jemand seinen blauen Dunst vor sich hin blies. Wenn man in einer öffentlichen Toilette drinnen in der Schüssel Kippen schwimmen sah. Wenn man auf einem Parkplatz im Wald Hunderte, Tausende von ausgetretenen und weggeworfenen Kippen sah.

Dann erkannte ich erst, wie ekelhaft das in Wirklichkeit ist.

Und somit bin ich selber vielleicht auch nicht besonders disponiert, um mich über eine Frage des Rauchverbots zu äussern, obwohl ich – hoffentlich – bis anhin keine Spätfolgen erleiden musste.

DIE FRAGE DER FREIHEIT

Natürlich bin ich immer schon ein Freund der Freiheit gewesen.

Natürlich habe ich grosse Probleme damit, wenn der Staat allzu weit in das Privatleben der Menschen eingreift, selbst wenn dieser Eingriff letztlich zu deren Wohl ist.

Manche Vorschrift des neuzeitlichen Banken- und Kreditrechts etwa stellt einen sehr weitreichenden Eingriff in die Mündigkeit des einzelnen Menschen dar. Aehnlich wie manch andere Vorschrift des Strassenverkehrsrechts.

Denn es gehört wohl mit zum Recht des mündigen Menschen, sich selber zu schädigen. Solange kein anderer davon in Mitleidenschaft gezogen wird, solange der Betreffende also sich selbst und sonst keinen schädigt, solange er sich darüber voll und ganz bewusst ist… was geht das die staatliche Gemeinschaft an?

Sicher könnte man sich fragen, inwieweit obrigkeitliche Staaten eher geneigt sind, dieses und jenes zu verbieten, fürsorgerisch in die Freiheit des Einzelnen einzugreifen. Schliesslich geht die Obrigkeit davon aus, dass sie genau weiss, was gut und richtig für den Menschen und was wünschenswert für die Gesellschaft ist. Also schreibt sie vor, wie dick oder dünn jemand zu sein hat. Und sie schreibt vor, dass eine Frau eine Schwangerschaft auszutragen hat – inklusive der Fälle, wo doch nicht. Die Obrigkeit schreibt vor, ob zwei Männer sich gegenseitig sexuell befriedigen dürfen. Und sie schreibt vor, dass ein unverheiratetes Paar keine familiäre Gemeinschaft führen darf.

Dergleichen gab und gibt es.

Und je obrigkeitlicher eine Gesellschaft orientiert ist, desto weniger wird bei solchen Vorschriften gefunden, insbesondere wenn diese für sinnvoll und erstrebenswert erklärt werden.

Und so könnte eine Obrigkeit dann natürlich auch den Tabakgenuss verbieten – wenigstens teilweise.

Wohl gemerkt: Ich geniesse es sehr, wie es seit langem schon in Amerika und inzwischen auch sonst in vielen Gegenden der Welt ist. Dass einem nicht mehr an jeder Ecke Gestank entgegen geblasen wird. Dass Rauchen zunehmend zur Ausnahmeerscheinung wird. Dass niemand – auch z.B. nicht vom Service-Personal in der Restauration – zum Mitrauchen gezwungen werden kann.

Persönlich finde ich das hoch angenehm.

Aber natürlich stellt sich die Frage, wie obrigkeitlich, antidemokratisch, menschenrechtswidrig ein Staat ist, der so stark und weitreichend in die private Lebensführung der einzelnen Menschen eingreift – oder eingreifen will.

Wer ist der Staat, dass er einem einzelnen Menschen verbieten will, nun ein bestimmtes Lebensrisiko einzugehen, solange der sich über das Risiko im klaren ist? Selbst wenn dieses Risiko einzig darin besteht, giftigen Rauch einzuatmen.

SONDERFALL TABAK?

Im Anschluss daran stellt sich allerdings eine weitere Frage, die vielen Menschen merkwürdig erscheinen mag.

Ist es denn nicht so, dass Tabak sowieso schon verboten ist?

Man stelle sich vor: Es käme heute ein Genussmittelkonzern mit einem neuen Produkt auf dem Markt. Dieses Produkt wäre von Natur aus giftig. Es würde bei einem signifikant hohen Anteil der Konsumenten mit Sicherheit Krebs verursachen und sonstige Krankheiten (z.B. Herz-/Kreislauf) begünstigen. Ausserdem würde dieses Produkt stark süchtig machen und hätte keine eigentlich sinnvolle Verwendung.

Welche Chancen hätte ein solches Produkt heute auf Zulassung durch die zuständigen Lebensmittel- und Gesundheitsbehörden?

Würde ein Unternehmen der Gegenwart – Nestlé, Kraft, Unilever u.s.w. – sich überhaupt die Mühe machen, ein solches Produkt zur Zulassung anzumelden? Etwas, das giftig ist und süchtig macht… das ist ja ohnehin verboten.

Würden die Verantwortlichen eines Unternehmens, das ein solches Produkt ohne Zulassung heute neu auf den Markt brächte, nicht unmittelbar empfindliche Strafen bis hin zu einigen Jahren Gefängnis riskieren?

Treffen diese Eigenschaften nicht aber in voller Breite auf den Tabak zu?

Ein mit hohen Gesundheitsrisiken behaftetes Produkt, das stark süchtig macht. Von manchem illegalem Suchtgift unterscheidet sich Tabak womöglich nur dadurch, dass er eben schon seit Jahrhunderten in die Lebensgewohnheiten der Menschen Eingang gefunden hat. Ein Antrag auf Neuzulassung somit komplett chancenlos.

Ist so etwas denn nicht sowieso verboten? Nach dem heute geltenden Recht?

Der Konsument, der einzelne Mensch hat heute schon Anspruch darauf, vor solchen Produkten geschützt zu werden.

Oder nicht?

Und wäre es da nicht ohnehin Aufgabe der staatlichen Fürsorge, gegen ein solches Produkt jede geeignete Massnahme zu ergreifen, die sich bietet? Wäre es nicht Pflicht eines jeden Staats – nicht nur einer repressiven Obrigkeit -, den Genuss, den Vertrieb, die Propagierung eines solches Produkt zu unterbinden oder wenigstens zu behindern?

Eben weil nach geltender Rechtslage ja sowieso schon verboten ist, was von Natur aus giftig ist und süchtig macht.

Möglicherweise ja.

Die Frage ist danach natürlich, ob eine staatliche Obrigkeit bereit wäre, diesen Sonderfall Tabak denn auch wirklich als Sonderfall zu behandeln. Der Erfahrung nach kennt die fürsorgliche Umklammerung keine Sonderfälle, sondern nur gut und böse, bzw. was die Obrigkeit dafür erklärt.

Oder nicht?

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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