Achim H. Pollert: Das Recht darauf, ein Bonze zu sein

Achim H. Pollert über ein gesellschaftliches Phänomen

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Der Fall ist schwierig.

Es gibt da die passenden Zitate aus der Bibel und sonstwo her, dass man nicht allzu knallhart über einen Menschen richten soll, der vielleicht einmal etwas verkehrt gemacht hat.

Wir alle sind Menschen.

Nicht immer völlig konzentriert.

Nicht immer völlig bewusst.

Nicht immer völlig bei der Sache.

Und so passieren dann eben Fehler – selbst wenn wir im Einzelfall gar nicht so „richtig schuld“ sind an dem, was da vorfällt.

Wie war das noch? Die Velofahrerin, die da von rechts über die Strasse auf den gegenüberliegenden Veloweg will… und ich komme mit achtzig angefahren, den ganzen Tag unterwegs, an einem heissen Tag… müde, durch Geschäftszeug abgelenkt…

Ganz kurz vor dem Aufprall realisiere ich erst, was da vor mir auf der Strasse passiert.

Vollbremsung!

Das Auto reduziert zwar noch die Geschwindigkeit, aber dass es auf die Velofahrerin aufprallt, kann ich nicht mehr verhindern. Aus der Sicht des Automobilisten ist die Geschwindigkeit von 60 eher gemütlich. Trifft man allerdings so einen ungeschützten Menschen, dann muss der schon Glück haben, dass er das überhaupt überlebt…

Keiner soll mir erzählen, ihm könnte so etwas nicht passieren.

Und deshalb ist es halt so saumässig schwer, über jemanden allzu hart zu urteilen, der selber so etwas angestellt hat.

Erschwert wird das Ganze dann auch noch dadurch, dass Menschen in grosser Zahl offenbar auch nicht mehr in der Lage sind, Sachverhalte halbwegs angemessen einzuordnen. Beispielsweise Krimi-Autoren. Berüchtigt sind ja inzwischen etwa die Tatort-Filme. Dort werden ja nicht selten die richtigen Straftaten so ein bisschen verharmlost und dagegen verständliche Taten zu schweren Verbrechen hochstilisiert. .

Wie gesagt: Ein Mensch ist durch Fahrlässigkeit ums Leben gekommen.

Etwas, das anzurichten man selber nicht allzu weit von sich weisen kann.

Und deshalb ist es schwer zu urteilen über jemanden, der das angerichtet hat.

DÜRRENMATT… ?

Trotzdem hat man dein Eindruck, dass ein vor kurzem stattgefundenes Ereignis eher in ein Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt passen würde. Wir erinnern uns: Solche verzerrten Stücke wie damals „Der Besuch der alten Dame“…

Wie also ist das gewesen?

Eine schwangere Frau, siebenfache Mutter, wird notfallmässig ins Spital eingeliefert. Dort erleidet sie eine Totgeburt. Der behandelnden Chefärztin entgeht, dass die Frau zugleich einen Riss in der Gebärmutter hat. Die Patientin wird liegen gelassen und verblutet.

Das Strafverfahren zieht sich lange hin – wie gesagt, ein Urteil zu treffen, ist hier besonders schwierig.

Nach fünf Jahren wird die Chefärztin schliesslich wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Gefängnis bedingt (d.h. auf Bewährung) verurteilt.

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Kurz darauf dann tritt die politisch verantwortliche Gesundheitsdirektorin vor die Oeffentlichkeit und erklärt, die Verurteilte bleibe auch weiterhin als Chefärztin beschäftigt. Sie habe in den fünf Jahren seit dem Vorkommnis untadelig gearbeitet – obwohl sie wegen des Strafverfahrens unter starkem Stress gestanden habe.

Es werde ihr allerdings ein Coach zur Verfügung gestellt. Hinter dem schicken Gegenwartswort – „tschakka, Du schaffst es…!“ – verbirgt sich dann der Umstand, dass sie einmal pro Woche mit dem Chefarzt einer anderen Klinik zu reden habe, um schwierige Fälle zu besprechen.

Wie gesagt: Der Vorgang als Ganzes hat etwas Dürrenmatthaftes… ein Bonze bescheinigt einem seiner Unterbonzen, dass er tadellos arbeitet – obwohl dieser Unterbonze gerade von einem Gericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Und noch im gleichen Atemzug hebt der Oberbonze dann seine eigene Feststellung auf, der Betroffene würde untadelig arbeiten, indem er ihn künftig durch einen Dritten kontrollieren lässt. Dies wiederum ist schön verpackt in die Floskel vom Coaching. Sie wissen schon: Kontrolle und Ueberwachung werden dann umgemünzt zu einer Dienstleistung am Kontrollierten.

Und natürlich darf einen nicht stören, dass es sich im konkreten Fall nicht um zwei Herren sondern um zwei Damen handelt… bei Dürrenmatt treten ja mitunter auch Damen als die wirklichen Machthaber auf (etwa die „Irrenärztin“ Fräulein Dr. von Zahnd…)

Bonzentum ist nicht geschlechtsspezifisch.

RECHTE UND DIE FOLGEN

Sicher.

Wer unsere Freunde von der Justiz kennt, mag sagen, dass es ohnehin ein grosser Fortschritt ist, wenn Aerzte wegen Pfusch verurteilt werden. Manch einer erinnert sich noch an die Tage, als die Justiz gänzlich taube Ohren hatte für Verfahren rund um ärztliche Fehlhandlungen.

Noch nicht zu lange ist es her, dass man wusste, dass ein solches Verfahren aussichtslos ist. Dass dergleichen – falls es überhaupt bei der Justiz gnädiges Gehör fand – im Hagel von Gutachten, Gegengutachten, Obergutachten u.s.w. versandete, wusste jeder.

Und auch im vorliegenden Fall fragt man sich natürlich, wieso das Verfahren endlose fünf Jahre dauerte, bis es dann zu einer Verurteilung kam.

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Das ist nun aber nicht das Thema.

Es geht hier schlicht um die Frage, ob es ein Recht darauf gibt, Bonze zu sein.

Gibt es – sagen wir, wenn ich bestimmte Schulabschlüsse, ein bestimmtes Alter, bestimmte Berufserfahrung habe – ein Recht darauf, eine gehobene Position mit gediegener Entlohnung innezuhaben?

Gerne wird etwa von inkompetenten Vorgesetzten im einen oder anderen Wirtschaftsunternehmen der Ausdruck „Besitzstandswahrung“ verwendet. Wenn es etwa darum geht, einen Mitarbeiter neu gleich als Prokuristen anzustellen, weil der am vorhergehenden Arbeitsplatz auch schon Prokura hatte.

Immer mal wieder wird auch im Zusammenhang damit, was eine „zumutbare Arbeit“ ist, diese Vorstellung angeführt, wonach ein arbeitsloser Hochschulabsolvent nicht so ohne weiteres als Bürobote eingesetzt werden kann (wobei man sich hier auch fragt, wie sich eigentlich diejenigen fühlen, die eine solche Arbeit machen, wenn die nicht für alle zumutbar ist…)

Gibt es dieses Recht denn wirklich?

In der Schweiz bezieht ein Chefarzt ein Gehalt von etwa 200,000 Franken pro Jahr. Dazu kommt dann noch einmal derselbe Betrag an Privathonoraren. Eine halbe Million dürfte somit für viele dieser Leute kein ungewöhnliches Einkommen sein.

Die Frage ist: Hat irgend jemand ein Recht darauf, dass dieser Besitzstand für ihn erhalten bleibt, falls er ihn einmal erreicht hat?

Oder gibt es nach „oben“ einen Bereich, in dem Fragen wie „persönliches Verschulden“, „Besitzstand“ keine Rolle mehr spielen?

Und gibt es darüber hinaus Oberbonzen, die berechtigt sind, selbst solche Faktoren wie das Verschulden ausser Kraft zu setzen? Die etwa eine ausgesetzte Bewährungsfrist für eine Strafe schon einmal vorziehen können mit der Begründung, der Verurteilte habe sich während des Strafverfahrens nichts zuschulden kommen lassen? Die von untadeliger Arbeit reden bei jemandem, der gerade verurteilt wurde, weil bei dieser seiner Arbeit durch seine Fahrlässigkeit ein Mensch ums Leben gekommen ist?

Es gibt den Begriff der Verantwortung.

Und es gibt die Vorstellung, dass diese Verantwortung nicht alleine abhängig ist vom individuellen Tun des Einzelnen.

Ist es nicht gerade diese Verantwortung, die die besondere Stellung eines Einzelnen rechtfertigen soll?

Es ist zu beobachten, dass Bonzen damit häufig ein Problem haben.

Dass sie in der Vorstellungswelt leben, ihnen stünde diese Bonzenstelle zu – wenn sie sich nur nichts haben zuschulden kommen lassen. Beinahe so wie der Bürobote und der kleine Beamte, die getrost davon ausgehen können, dass sie keine massiven Folgen treffen, sofern sie sich treu an ihren Handlungsrahmen halten.

So die Bundesrätin, deren Ehemann einen Hinweis aus ihrem Departement bekam, so dass er noch schnell alle Mandate bei einer Gauner-Firma niederlegen konnte, bevor diese von der Polizei ausgehoben wurde. Immer wieder beteuerte sie, sie hätte schliesslich „nichts getan“ – nicht sie hätte ihren Gatten gewarnt…

Der Bankpräsident, der den betrügerischen Filialleiter mehrfach abkanzelte, sich aber nie durch eine Kontrollmassnahme versicherte, ob der die am Telefon geschrienen Weisungen denn auch wirklich ausführte – tatsächlich sagte der Betrüger am Telefon „ja“ und machte genau so weiter wie vorher. Immer wieder erklärte der Bankpräsident (sowie auch seine vielen Sympathisanten), er müsste jetzt zurücktreten, obwohl er „nichts getan“ habe – der Filialleiter sei schliesslich der Betrüger gewesen…

Der Regierungschef in einem Land, das dem kleinen Steuerhinterzieher den Arsch aufreisst, so dass der nicht mehr sitzen kann, der Parteispenden entgegen genommen hat, ohne diese gemäss Gesetz zu deklarieren. Dem gar nicht in den Sinn kommt, er müsste deshalb zurücktreten, weil er schliesslich „nichts getan“ habe – schliesslich hätte er das Geld nicht für sich behalten sondern an die Partei weiter gegeben, und den Spendern hätte er Anonymität ehrenwörtlich zugesichert…

Im vorliegenden Ereignis ist das Ganze noch schlimmer: Es hat sich ja jemand etwas zuschulden kommen lassen!

Das Ganze wird von Machthaber-Clique schön geredet. Es wäre ausser dem einen Todesfall schliesslich nichts passiert – und der Prozess der Verantwortlichmachung wird der Betreffenden dafür noch als entlastendes Element zugute gehalten.

Es wird so getan, als würde dieses Recht auf Bonzenstellung von Natur aus bestehen. Und es wird so getan, als hätten andere Bonzen die Befugnis, alles ausser Kraft zu setzen, was diesem Recht entgegensteht.

Formaljuristisch mag  es vielleicht wirklich so sein…

AUTOMOBILISTEN SIND KEINE BONZEN

Was würden Sie eigentlich sagen, wenn ich wirklich eine Velofahrerin getötet hätte? Wie gesagt: Wie es vielleicht jedem von uns an einem schlechten Tag hätte passieren können?

Was würden Sie sagen, wenn ich dann die letzten fünf Jahre seitdem weiter mit dem Auto herumgefahren wäre?

Wenn ich jetzt verurteilt würde zu einer bedingten Gefängnisstrafe – und das kantonale Strassenverkehrsamt würde meinen Führerausweis nicht einziehen. Schliesslich wäre ich ein untadeliger Fahrzeuglenker, weil ich in den fünf Jahren seither nicht mehr bei der Verletzung einer Verkehrsregel erwischt worden wäre – trotz der Stressbelastung des Strafverfahrens…

Und was würden Sie sagen, wenn ich Bankdirektor wäre – und eben diese Bank hätte nicht den Tod Ihrer Frau verursacht, sondern „nur“ Ihre gesamten Ersparnisse verprasst?

Und ich würde nicht etwa jetzt in einem Treuhandbüro als Sachbearbeiter Bilanzen für Handwerksfirmen erstellen, sondern meinen gut bezahlten Direktorenposten behalten – schliesslich habe ich mir den ja redlich verdient, und alles andere ist unzumutbar.

Oder doch nicht?

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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