Achim H. Pollert: Sie müssen etwas zu verlieren haben

Achim H. Pollert (*) über die anti-aufklärerische Herausforderung

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Es war Friedrich Dürrenmatt, der einst in einem Interview sagte, er hätte da wohl eine andere Meinung als die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung. Er äusserte dann, für ihn wäre der Islam als solches die grosse irrationale, anti-aufklärerische Herausforderung der Gegenwart. Deshalb, so Dürrenmatt damals, könnte er sich den empörten Protesten rund um die sowjetische Besetzung Afghanistans nicht anschliessen.

Es wäre verständlich, so der Dichter und Denker mitten im Kalten Krieg, wenn die Sowjets sich gegen diese fundamentale Bedrohung der Zivilisation wehrten, indem sie einen der Herde dieser Bewegung an ihrer unmittelbaren Grenze unter Kontrolle halten wollten.

Man erinnere sich: auf Betreiben des amerikanischen Präsidenten Reagan wurden damals wegen der Besetzung Afghanistans die Olympischen Spiele in Moskau von vielen westlichen Staaten boykottiert.

Bekanntlich sind inzwischen die Russen aus Afghanistan draussen. Möglicherweise sind sie froh darüber.

Und aus ganz ähnlichen Gründen, wie Dürrenmatt sie damals nannte, halten inzwischen die westlichen Staaten, die USA allen voran, Afghanistan besetzt.

Seit Dürrenmatts Aussage von der anti-aufklärerischen Herausforderung sind merkwürdige Dinge auf der Welt geschehen. Wir alle wissen es, und wir alle stehen dem auch einigermassen hilflos gegenüber. Merkwürdige Dinge, die wir im Westen so ganz und gar nicht verstehen.

Dinge, die in der Tat einem anti-aufklärerischen Gedankengut entspringen.

Die Aufklärung.

Eine gedankliche Bewegung, die vor etwa drei Jahrhunderten einsetzte. Mit einem wissenschaftlichen Weltbild, das unterscheidet zwischen Wissen und Glauben. Mit der Vorstellung, dass die Menschen gleichwertig sind, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Religion, gesellschaftlichem Stand, sexueller Orientierung. Mit der Vorstellung, dass jeder sich frei entfalten kann, solange er einen anderen damit nicht stört.

Tatsächlich entspringen diese schrecklichen Dinge, die da in den Jahrzehnten seit Dürrenmatt geschehen sind, diesem unseligen Gedankengut, das die Errungenschaften der Aufklärung rückgängig machen will. Das ein wissenschaftliches Weltbild verneint und den Glauben über das Wissen stellt. Das den Geschlechtern unterschiedliche Rollen und Wertigkeit zuweist. Das die unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse bewertet. Das die Entfaltung des Einzelnen nur im Rahmen der jeweiligen Auslegung der religiösen Vorschriften zulassen will.

Wenn ein Amerikaner in den USA einen Film produziert und dort aufführt – was gibt es dazu in Libyen zu protestieren?

Wenn ein britischer Literat ein Buch mit dem Titel „Die satanischen Verse“ schreibt…

Wenn ein Däne in Dänemark religionskritische Karikaturen zeichnet und dort publiziert…

Wenn ein Niederländer in den Niederlanden einen Film produziert, in dem es um die hingebungsvolle Liebe zu einer islanischen Frau geht…

Wenn ein Schweizer in Zürich eine Schweinsbratwurst isst…

Dinge, die man aus dem aufklärerischen Gedankengut heraus nicht verstehen kann.

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WO DER MEISTER IRRTE

Ganz offensichtlich gibt es einen Gegensatz.

Einen Gegensatz zwischen der Aufklärung und einem bestimmten religiös geprägten Denken, das uns seit einigen Jahrzehnten in Gestalt des Islam gegenübertritt.

Das ist tatsächlich eine fundamentale Herausforderung der Zivilisation, der Menschenwürde, der Freiheit.

Nur: Ist das der Islam?

Eine von vielen Religionsgemeinschaften. In jeder mittelgrossen Stadt des Westens leben heute viele Islamis. Oft selbstverständlich Bürger des jeweiligen Landes. Durchaus zivil in ihrer alltäglichen Erscheinung. Bankangestellte. Fussballfans. Automobilisten. Nachbarn. Kneipenkollegen.

Menschen, die in die Moschee gehen wie mancher reformierte Handwerksmeister oder katholische Bezirksarzt auf dem Lande immer mal wieder sonntags in Kirche. Vorwiegend zu Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen.

Und die meisten von denen werden völlig damit einverstanden sein, dass Religion reine Privatsache ist. Dass, wenn es eine Gott gibt, der sich mehr dafür interessieren wird, ob ich ein anständiger Mensch bin, und weniger dafür, ob ich all die Rituale einhalte, die die einzelnen Religionen im Laufe ihrer jahrhundertelangen Geschichte von herausgebracht haben.

Oder, falls es ihn gibt, ist es ein Gott, der mit sich handeln lässt?

Ich bin zwar ein Drecksack und habe Tausende von Menschen auf dem Gewissen…

… aber ich habe nie Schweinefleisch gegessen.

… aber ich habe nie am Sabbat einen Finger krumm gemacht.

… aber ich habe nie geschützten Geschlechtsverkehr gehabt (d.h. die Empfängnis verhütet).

Ich stelle zwar jetzt gerade die grösste Sauerei an… aber beichten kann ich sie ja immer noch… Ist das der Gott, wie man ihn sich vorzustellen hat? Der mit sich handeln lässt?

Beichten…

Was hat Beichten mit dem Islam zu tun?

Mit dem Islam gar nichts. Aber mit dem anti-aufklärerischen Denken.

Hier also irrte der Meister Dürrenmatt. Als er die Bedrohung mit dem Islam gleichsetzte und deshalb die sowjetische Besetzung Afghanistans nicht so recht verurteilen wollte, war er auf dem Holzweg.

Denn…

… „unser liebes Christentum“ ist nicht besser – wenn man die Religion, die ursprüngliche Lehre und die Heiligen Schriften betrachtet.

Wie ist das mit dem wissenschaftlichen Weltbild im Christentum?

Da erinnere ich mich an eine Autofahrt irgendwo im Kanton Zürich in den 80er Jahren (des 20 Jahrhunderts…). Und im Radio kam die Meldung, der Vatikan habe nun auch den Prozess gegen Galileo Galilei offiziell beendet. Es war wohl der polnische Papst, der dazu einräumte, es seien damals Fehler gemacht worden.

Mein Gott… habe ich gelacht…

Wie etwa ist es mit mir individuell, der ich in dieser christlich geprägten Gesellschaft aufgewachsen bin? Wie lange habe ich gebraucht, um mich von allerlei Hokuspokus-Vorstellungen rund um die Sexualität, die Homosexualität, Abtreibung, weibliche und männliche Rollenbilder? Alles entstanden in dieser christlich geprägten Gesellschaft Europas.

Alles massiv anti-aufklärerisches Denken.

Und als Gedankengut ebenso eine Herausforderung für die Zivilisation wie jede andere simple Religionsvorstellung.

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Wie gesagt: Der hoch geehrte Friedrich Dürrenmatt irrte, als er den Islam schlechthin mit diesem dunklen Gedankengut identifizierte. Denn dieses dunkle Gedankengut gibt es in allen Religionen. Ob monotheistisch, polytheistisch oder wie auch immer theistisch, animistisch und so weiter…

UND WAS IST DANN DAS PROBLEM?

Das Problem ist nicht, dass einige Gesellschaften und einige Gesellschaftssegmente islamisch sind.

Denn sonst wären ja all die schrägen Vorstellungen der anderen Religionen und Konfessionen ebenso als Problem aufzufassen.

Denn was sich so im Verlauf der Zeit alles ereignet hat im christlichen Abendland, das ist im aufklärerischen Denken ebenso wenig zu verstehen wie das, was in der islamischen Welt heute zu beobachten ist.

Verstehen Sie, dass man über viele Jahrhunderte hinweg Menschen der Hexerei anklagte? Es existierte grosse Expertise darin, welche Arten des Zaubers es gibt und welchen Schaden er anrichtet. Und natürlich war man völlig davon überzeugt, dass dies mit rechten Dingen zuging. Schliesslich hatte man ja auch mit jedem neuen Prozess den eindeutigen Beweis in Form eines Geständnisses der Hexe (das man mit Folter erpresste).

Verstehen Sie, wie man für alle Welt offensichtliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse verbieten konnte? Das Wissen um die Bewegung der Himmelskörper. Im 19. Jahrhundert noch Darwins Evolutionstheorie. Dass Juden sich biologisch nicht vom Rest der Bevölkerung unterscheiden.

All dieser Unsinn hat ausserdem noch lange über seine Ueberwindung hinaus nachgewirkt und ist in der Vorstellungswelt des heutigen Normalverbrauchers auch im Westen durchaus noch präsent.

Und an all diesem Unsinn hat der Islam nicht den geringsten Anteil.

Wohl aber die das religiöse und anti-aufklärerische Denken.

Nur: Ein paar Zeugen Jehovas belästigen mich vielleicht 10 Minuten an meiner Haustür und sprengen sich dort nicht mit mir zusammen in die Luft, wenn ich nicht ihrer Ansicht bin. Ein Katholik hat vielleicht in einem Kino ein paar Stinkbomben geworfen, als dort „Die Sünderin“ lief, in dem erstmals eine Frau splitternackt (für eine Sekunde) zu sehen war, und erschiesst nicht den Produzenten des Films. Ein paar Scientologen wollen mich vielleicht in der Fussgängerzone für dumm verkaufen und mich um mein Erspartes erleichtern, kapern aber kein voll besetztes Flugzeug und krachen damit in ein Hochhaus.

Warum nicht?

Weil diese Menschen – anti-aufklärerisch oder nicht in ihrer Grundhaltung – eingebunden sind in ein gesellschaftliches Netzwerk, in dem sie etwas zu verlieren haben.

Eigentlich ganz einfach: Wenn die meisten Menschen irgendwo einen erträglichen Job mit halbwegs akzeptabler Bezahlung haben, wenn ihre Kinder irgendwo in eine reguläre Schule gehen, wenn sie Gelegenheit haben, ein wenig zu sparen, wenn sie ein Einfamilienhäuslein abzahlen, wenn sie sauberes Wasser und die medizinische Grundversorgung haben, dann werden weniger von ihnen bereit sein, sich einen Sprengstoffgurt umzubinden und sich für das eine oder andere Konstrukt zusammen mit fünfzig anderen in den Tod zu reissen.

Dann werden immer noch viele von ihnen Hassparolen über die Andersartigen von sich geben – etwa im Milieu der Zürcher Bankangestellten, wo man gar so viel über „die Juden“ zu berichten weiss.

Dann werden immer noch viele von ihnen den übelsten Unsinn für wissenschaftliche Erkenntnis halten – etwa dass die Homöopathie ein ernstzunehmendes Heilverfahren wäre.

Aber wenn es daneben etwas zu verlieren gibt, dann werden die meisten deswegen keinen Mord mehr begehen.

Gefährlich wird das alles wohl erst, wenn man den Menschen sagt: Esst die Steine, die da herumliegen, und baut euch die Häuser aus Sand und Spucke…

Möglicherweise wäre das der Ansatz zu Lösung des Problem.

Weniger darauf herumzureiten und die Menschen davon überzeugen wollen, wie mehr oder weniger primitiv dieser oder jener Glaube ist, und den Deckel darauf halten wollen – so wie einst wohl auch Dürrenmatt. Sondern mehr entwicklungspolitisch auf die Menschen – und zwar die Zivilbevölkerung direkt – zugehen und sie beim Aufbau unterstützen, so dass sie eben etwas zu verlieren haben.

Eigentlich ist das Ganze ja schon erprobt…

In Deutschland mögen noch so viele Menschen herumlaufen und sich auch heute noch für eine besonders befähigte, auserwählte Herrenrasse halten. Einen knackigen kleinen Oesterreicher mit der gleichen primitiven Weltanschauung wählen sie trotzdem nicht zu ihrem Regierungschef. Und so stellt Deutschland keine elementare Bedrohung für die Zivilisation mehr da.

Weil die etwas zu verlieren haben.

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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