Achim H. Pollert: Das Spiel mit dem Neid

Achim H. Pollert (*) über Etiketten und den Schwindel damit

— /// —

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Somit ist es also offiziell…

Wie es sich gehört für so eine richtige Demokratie, ist der Vorsitzende der deutschen SPD am vergangenen Wochenende vor die Oeffentlichkeit getreten und hat verkündet, wer denn nun Regierungschef wird, falls es den Sozialdemokraten gelingen sollte, Frau Merkel und ihre Getreuen bei den nächsten Parlamentswahlen aus dem Sattel zu heben.

Das sind oft so die Momente, in denen unsereiner meint, er hätte sich verhört.

Nicht nur bei solchen Protagonisten, die von der Obrigkeit dem Parteitag – oder gar dem Volk – zum Abnicken präsentiert werden, sondern durchaus auch bei solchen, die als Kandidaten oder gar Regierungschefs vom Volk direkt gewählt werden (wie z.B. die US-Präsidenten).

Es passiert mir eben bei solchen Gelegenheiten immer wieder mal, dass ich meine, ich hätte den Namen nicht richtig verstanden.

Und obwohl es mir auch passiert beim einen oder anderen, den ich mal ganz gut gefunden habe, dass ich im Rückblick über meine Ansichten von damals nur den Kopf schütteln kann, ist es ja ohnehin so, dass es sich nicht gehört, allzu positive oder negative Aeusserungen über einen Kandidaten oder Amtsinhaber zu tätigen, an dessen Wahl man selber nicht teilgenommen hat.

Soll heissen: Man möge als Aussenstehender zunächst einmal akzeptieren, dass in einem anderen Land dieser oder jener Mensch für dieses oder jenes Amt kandidiert oder es innehat, auch wenn der nun George Bush oder Nicolas Sarkozy heisst. Aeussern kann man sich von aussen wohl erst, wenn der/die Betreffende etwas tut, von dem man selber berührt ist.

Deshalb ganz ohne Wertung: Die Führung der deutschen Sozialdemokraten hat Peer Steinbrück zu ihrem Kanzlerkandidaten ernannt.

REDEN, BUCHTEXTE, ZEITUNGSARTIKEL, AUFSAETZE, BRIEFE FUER SIE:

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

PAROLEN

In vielen der grossen Gesellschaften Europas wird der Neid als wesentliches politisches Motiv gepflegt. Weniger die Sorge um den Gemeinnutzen prägt dort die politischen Parolen, als vielmehr die Angst darum, es könnte einer – beispielsweise ein Reicher – mit zu wenig Steuerlast davonkommen.

So findet etwa der deutsche Alltagsbürger beobachtungsgemäss nicht allzu viel daran auszusetzen, wenn seine Obrigkeit von einem Straftäter gestohlene Daten kauft, um damit Steuersünder dingfest zu machen. Dass diese Obrigkeit ihrerseits sich dabei möglicherweise selber strafbar macht, wenn sie den betreffenden Kriminellen nicht dingfest macht – Strafvereitelung im Amt, Begünstigung, Anstiftung zu einer Straftat -, stört den Normalbürger kaum.

So etwa versprach François Hollande im Wahlkampf, er werde alle Einkommen von mehr als einer Million Euro im Jahr mit 75 % besteuern. Und das fanden sehr viele Menschen gut. Kleine Leute, die selber Steuern brennen, dass die Schwarte kracht, haben es durchaus in Ordnung gefunden, dass Dickverdiener einmal ordentlich zur Kasse gebeten werden.

Dass dabei dann unter dem Strich ein paar hundert Millionen Euro zusätzliche Steuern herausschauen, also fünf oder zehn Euro pro Einwohner Frankreichs im Jahr. Und dass das ein ganz dickes Verlustgeschäft wird, wenn auch nur ein einziger dieser Geldsäcke seinen Wohnsitz nach Belgien, Luxembourg, die Schweiz oder sonstwo hin verlegt und von nun an seine komplette Einkünfte dort versteuert, geht in diesen Parolen unter.

Die Gefahr an diesen Parolen ist allerdings auch, dass sie zunächst einleuchten. Erst bei nachträglicher Ueberlegung halten sie nicht stand.

Wie ist es nun mit dem kommenden möglichen deutschen Regierungschef Peer Steinbrück und seinen Parolen?

Da ist auch etwas Einleuchtendes aufgefallen.

Im September 2012 hat der Vielleicht-Kanzler im ‚Spiegel‘ erklärt, die Banken müssten künftig die Kosten für ihre Rettung selber tragen.

TEXTBERATUNG FUER SIE:

http://texteservice.bplaced.net

Also nicht „der Steuerzahler“ dürfte es sein, der als erster einspringen muss, wenn „die Banken“ vor der Pleite stehen. Sondern zunächst kämen da „die Gläubiger“ der Banken und „die Aktionäre“.

Da ist von „Risiko-Ignoranz“ und „Fehlspekulation“ der Banken die Rede. Und davon, dass die dafür eben selber einstehen müssten.

Wie gesagt: Auch hier wieder die eingängige Logik. Klar und verständlich.

ETIKETTEN

Dass es sich dabei um ein sehr komplexes Thema handelt, das nicht ohne weiteres so schlicht und eingängig abgehandelt werden kann, wird erst klar, wenn man sich vor Augen führt, dass dies alles die Operation mit Etiketten ist.

„Die Banken“… sind das die paar tausend Angestellten, die da drin sitzen? Sind das die Handvoll Top-Manager, die dort die Geschäftsleitung bilden?

Sind „die Banken“ diejenigen, die da drinnen als Entscheidungsträger hocken und nicht drauskommen?

Und ist es dann doch wieder „der Steuerzahler“, soll heissen der Staat, der durch eine verfehlte Bildungspolitik erreicht hat, dass so viele Leute an ihrem Beruf nicht drauskommen?

Wenn ein Politiker in so einer Indirekt-Demokratie, der die Steuerzahler – sprich die Bürger – nicht gross fragen muss, was er mit deren Geld anstellt, von „dem Steuerzahler“ redet… meint er dann den ihm zur Verfügung stehenden Säckel, aus dem er umso mehr für andere Belustigungen ausgeben kann, je weniger er z.B. zur Rettung der Volkswirtschaft aufwenden muss?

„Die Aktionäre“ der Banken… sind das die Pensionskassen, die die Gelder für die Altersrenten verwalten und im grossen Stil in sichere Aktien investieren? Sollen die dann Spargelder ihrer Versicherten aufwenden, um eine marode Bank zu retten?

… damit „der Steuerzahler“ das Geld für anderes ausgeben kann (neue Fussballstadien, neue Flugzeugträger…?)…

„Die Gläubiger“ der Banken… sind das die Sparer, die ihr Geld an einem vermeintlich sicheren Ort aufbewahrt haben? Sollen die auf ihr Erspartes verzichten und vielleicht sogar noch neues Geld aufbringen, damit „der Steuerzahler“ mehr Geld für andere Dinge hat?

Und plötzlich ist das gar nicht mehr so sehr klar und einsichtig.

Wer sind „die“… ?

Es handelt sich hier um die beliebte Argumentationstechnik mit Etiketten, die ein wenig herumgeschoben werden.

Herrn Steinbrück ging es in seinem ‚Spiegel‘-Interview eigentlich um etwas ganz anderes. Er will eine Art Rettungsschirm für den Banksektor einrichten. Jedes Finanzinstitut soll dabei in diesen Rettungsfonds einzahlen, und im schlimmsten Fall könnte so ein Rettungsschirm dann einspringen.

Eigentlich gar keine schlechte Idee. Aehnliche Vorlagen gibt es ja schon lange. Etwa die Hagelversicherung, die bei Naturkatastrophen für Gebäudeschäden einspringt.

Nur ist es halt nicht so schön publikumswirksam, wenn man sich als Politiker hinsetzt und sagt: „Ich will eine Einlagenversicherung machen.“ Stattdessen scheint das Herumhantieren mit den Etiketten – „DIE Banken“ (die Stinkreichen!), „DER Steuerzahler“ (sind wir schliesslich alles!), „DIE Gläubiger“ (sind doch auch reich!) – besser zu greifen.

Wenigstens wird das wohl gehofft.

Eben: Das Spiel mit dem Neid…

Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Advertisements

Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
Dieser Beitrag wurde unter Die monatliche Kolumne von Achim H. Pollert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.