Achim H. Pollert: Der diskrete Charme

Achim H. Pollert über ein Geheimnis des Reichtums

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Die ganz grosse Kunst ist ja nicht so sehr, überhaupt reich zu werden. Eins der wirklichen Geheimnisse ist es, reich zu bleiben.

Wie ein Mensch im einzelnen zu Wohlstand kommt, ist nicht selten Zufall. Eine plötzliche Erbfolge. Eine unerwartete Einzonung von Bauland. Ein phänomenaler Anstieg von Börsenkursen. Ein unwahrscheinlicher Lottogewinn. Das verstaubte Gemälde auf dem Dachboden, das sich als echter Van Gogh entpuppt.

Dergleichen passiert.

Allerdings ist so etwas bestenfalls der Ausgangspunkt von Reichtum. Und dieser Ausgangspunkt mag durchaus im reinen Zufall bis hin zu Straftaten aller Art liegen.

Aber weitaus die meisten Reichen sind bekanntlich reich durch Erbschaft, sprich sie wurden bereits reich geboren. Daneben sind unter denjenigen, die da durch Fügungen des Schicksals, momentane Geschäftstüchtigkeit oder auch durch Gaunereien zu Geld kommen, doch auch sehr viele, die es im Verlauf ihres Lebens wieder schwinden sehen.

Vom Poulet-Grill-Kettenbetreiber über Scharen von Pop-Stars, den Toupet tragenden Baulöwen, einen Ramsch-König bis hin zu manchem Manager im Ruhestand, der mit seiner Millionengage gerade eben so über die Runden kommt und auch nur eine dicke Hypothek auf der Protzvilla hinterlässt.

WENN LEUTE ZU GELD KOMMEN

In den 60er Jahren wohl ist es gewesen, dass die damals sogenannten Oel-Scheichs ins öffentliche Bewusstsein rückten. Als Inbegriff allen Reichtums. Plötzlich hiess es nicht mehr, es wären die Rockefellers und die Oelmultis, sondern eben die arabischen Scheichs, bei denen die Milliarden hängen blieben.

Dabei fehlte auch der Hinweis darauf nicht, dass es sich dabei nicht um über viele Generationen gewachsenen Reichtum ging. Vielmehr wären diese Leute noch vor einer Generation mit Kamelen herumgeritten und hätten in Zelten gewohnt.

Ich erinnere mich an den Bericht eines damals sehr prominenten Reporters, der sich an seine Erlebnisse als Berichterstatter aus dem Mittleren Osten zu Beginn des märchenhaften Reichtums dieser Oelpotentaten erinnerte.

Da fühlt man sich dann wirklich in tausend und eine Nacht zurückversetzt. Durchaus gastfreundlich orientalisch und somit auch sehr darauf bedacht, die Dinge zu zeigen, die man hat, wurde man als ausländischer Berichterstatter häufig durch protzende Behausungen geführt mit Anlegestelle für die Millionenyacht im Keller und Seifenschalen aus purem Platin geführt.

Es konnte passieren, so der Reporter von damals, dass man als Pressemann nach Verzehr des aufgetischten Edelmenus vom Emir persönlich als kleine Aufmerksamkeit zum Abschied noch eine goldene Uhr überreicht bekam.

Einige Jahre später allerdings seien diese Leute dann „sehr vorsichtig“ geworden.

Da wäre man dann als Journalist wie überall sonst auf der Welt auch in einen klar strukturierten Raum geführt worden, wo einem von einem Pressereferenten die jeweiligen Fakten schmuck- und schnörkellos präsentiert wurden.

Tatsächlich scheint auch die individuelle Erinnerung zu bestätigen, dass es in diesen Kreisen später dann immer weniger zu diesen öffentlichen Protzereien kam. Man las nicht mehr in der Zeitung, die Mutter des Königs von Abu Noimeds habe bei Harrod’s in London hundert Ballkleider gekauft. Und man las auch nicht mehr vom Scheich, der im Flugzeug in der Warteschleife sass und anfragen liess, wieviel der Flughafen kostete.

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Wenn dergleichen noch vorkam, dann wurde auf jeden Fall dafür gesorgt, dass es nicht mehr nach aussen drang.

Das Andere, was man bei diesen mehr oder weniger plötzlich reich gewordenen Oelscheichs feststellte, war die Tatsache, dass in der Oeffentlichkeit immer weniger bekannt wurde, wie diese Leute eigentlich aussahen. Keine Protzgewänder mehr, keine diamantbesetzten Zuhälterketten um Arm und Hals, keine extravagante Aufmachung.

Mehr oder weniger haben wir bei diesen Reichen heute einen Menschen, verhüllt in traditioneller arabischer Tracht mit einem Schnauz, vor Augen.

Wer da nun seine Hoheit der Emir ist, das ist aus einigen Schritten Entfernung schon nicht mehr zu erkennen.

Diese Verhaltensänderung hat natürlich auch direkte realpolitische Gründe. Es gibt Millionen von Arabern, die nicht reich sind. Denen den traumhaften Luxus vorzuleben – als kleine privilegierte Gruppe, die sich als willkürlich geschaffener Staat vom Rest des arabischen Kulturraums abgegrenzt hat -, ist machtpolitisch sehr gefährlich.

Als Saddam Hussein Kuwait besetzte, haben die Westmächte noch eingegriffen. Wenn nun alle arabischen Staaten gemeinsam die staatliche Hoheit über diese gesammelten Emirate und Königreiche am Golf beanspruchen würden, ist es fraglich, ob sich diese paar Tausend Glückseligen einer solchen Forderung widersetzen könnten.

Deshalb ist es politisch angesagt, nicht als der Protz in Erscheinung zu treten, sondern eher als der liebe Onkel, der es gut mit einem meint. Und im Zeitalter des Terrorismus ist zudem auch ganz günstig, wenn man als Potentat nicht allzu sehr in der Oeffentlichkeit bekannt ist.

Vorausgesetzt natürlich, das stimmt alles mit den Hausführungen und den Gastgeschenken bei Scheichs, steckt darüber hinaus aber – angewendet auf die bürgerliche Gesellschaft des Westens – in diesem Verhaltenswandel auch ein Geheimnis des Reichtums.

OHNE GROSSES AUFHEBEN

Denn das anfängliche Protzverhalten bei diesem Menschen, die da so schlagartig zu Geld gekommen sind, wäre ganz typisch für das Verhalten derjenigen, die diesen Reichtum dann auch wieder verlieren – falls sie nicht gerade Oelscheichs, sondern eben „nur“ Ladenkettenbesitzer, Inhaber von Restaurantkonzernen oder gar Lottokönige sind.

Dagegen ist die später geschilderte Diskretion auch sehr typisch für die „richtig“ Reichen, die ihren Wohlstand über die Generationen hinweg erhalten – so dass, quasi als natürlicher Effekt, die meisten Reichen eben schon reich geboren werden.

Da braucht es keine diamantbesetzte Zeigeuhr… eher im Gegenteil: es genügt oft die noch mechanische Qualitätszwiebel zum Aufziehen, die es zur Konfirmation vom Götti gegeben hat.

Da braucht es kein Heer von privaten Bediensteten unter der Leitung eines Mister Hudson… eher ist da eine Haushälterin aus dem Dort beschäftigt, die bei sich daheim wohnt und gar nicht so sehr Einblick in die persönlichen Verhältnisse hat.

Da braucht es keine Stretch-Limousine mit Chauffeur – wo womöglich noch der Name links und rechts aufgedruckt ist. Nein, Seine Durchlaucht der Fürst fährt einen klapprigen BMW mit inzwischen 280,000 Kilometer…

… und so weiter…

Um den Reichtum wird kaum Aufhebens gemacht. Und man kennt wohl die einschlägigen Namen (vom Basler Teig, von den Berner Burgern u.s.w.), persönlich kennt man diese Menschen aber kaum.

Und wenn hin und wieder einmal jemand aus diesem Kreis der Altreichen öffentlich etwas bekannter wird, dann in der Regel nicht als Reicher.

Paul Sacher. In der Oeffentlichkeit bekannt als ernster Musiker und wichtiger Kunstförderer. Dass er die Erbin des Chemikonzerns Hoffmann-La Roche geheiratet hatte und so überhaupt erst als Kunstmäzen wirken konnte, das ist der Oeffentlikeit nur wenig bewusst. Wobei man weiss: Wer in Basel La Roche heisst, gehört irgendwie dazu…

Roger de Weck. In der Oeffentlichkeit bekannt als bedeutender Journalist und Publizist. Dass er Sohn des Banquiers Philippe de Weck (UBS-Präsident) ist und aus einer Freiburger Traditionsfamilie stammt, ist ebenfalls nachrangig. Und was man mit dem Immunologen Alain de Weck, einem international renommierten Wissenschaftler, zu tun hat, ist in der Oeffentlichkeit gänzlich unklar.

Diese persönliche Diskretion – im Englischen oft als „understatement“ bezeichnet – ist ein ganz typisches „reiches“ Verhalten. Oft, wie gesagt, ist nicht einmal bekannt, wie die betreffenden Menschen aussehen. Und es ist ohne weiteres möglich, dass man so jemandem über Jahre hinweg allmorgendlich im Tram begegnet, und es käme einem im Traum nicht in den Sinn, dass der Betreffende viele Millionen schwer ist.

Gerade das ist etwas, was so vielen kleinen Menschen fehlt, die eben vielleicht auch einmal Glück haben und unverhofft zu Geld kommen. Die Zurückhaltung und Diskretion rund um den eigenen Reichtum.

Wenn bekannt ist, dass jemand Geld hat – oder es wenigsten zu vermuten steht -, läuft derjenige immer Gefahr, von anderen angepumpt, übervorteilt, betrogen oder beneidet zu werden. Mehr noch: Alleine durch den Umstand, dass jemand so ganz bekanntermassen zu den Vermögenden gehört, werden solche Schadensmacher aller Art in seinen Umkreis gezogen. Wer heute im Fernsehen in der Quizshow Millionär wird, hat morgen Anrufe von Menschen, die er teilweise so gut wie nicht kennt.

Schuldenärsche, die ganz schnell darauf bauen, dass man ihnen „kurzfristig“ mit einer „kleinen“ Summe aus der Klemme helfen kann. Betrüger, die einem das todsichere Geschäft vorschlagen. Geschäftsleute, die einem den letzten Ladenhüter aufschwätzen wollen, den zu diesem Preis bisher niemand wollte. Windige Zeitgenossen, die einen auf Schadenersatz verklagen, weil sie auf dem Trottoir vor meinem Haus angeblich gestürzt sind und sich jetzt für arbeitsunfähig ausgeben. Und so weiter.

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Vom wirklich Reichen weiss schon niemand die Telefonnummer.

Und oft eben auch gar nicht, dass er überhaupt reich ist. Sprich: dass bei ihm etwas zu holen ist.

Somit scheidet diese grösste Bedrohung für jedes Vermögen – selbst die kleinste Ersparnis – von vorne herein schon einmal aus.

Geradezu sprichwörtlich ist dieses Schicksal des Lottogewinners, der schlagartig an einen Millionenbetrag kommt und der dann innerhalb von wenigen Jahren völlig mittellos da steht und beim Sozialamt vorstellig wird. Kopfschüttelnd betrachten wir die innert kürzester Zeit wieder vor dem Nichts stehen.

Unter der Voraussetzung aber, dass es sich beim Gros der Lottospieler um eben die sprichwörtlichen kleinen Leute handelt, denen diese Diskretion fehlt, werden diese Ereignisse plötzlich plausibel erklärbar.

Da steht zunächst der ungewohnt hohe Geldbetrag mit dem nicht umgegangen werden kann. Dass auch fünf und zehn Millionen eine endliche Summe sind, dass die dann oft durch die Anzahl der Köpfe im Familienverband geteilt werden müsste, dass alle davon noch ein Leben lang leben können müssten (Kinder vielleicht noch einmal siebzig Jahre).

Das führt dann direkt in diesen Abgrund. Ohne eigentliche Absicht beginnt dann die Protzerei. Warum soll man sich etwas versagen, wenn man sich doch vermeintlich alles leisten kann? Warum soll man auf das Geld achten, wenn es, wie man meint, bei einer Anschaffung egal ist, ob es nun das Doppelt kostet oder die Hälfte?

Und das wiederum führt geradezu zwangsläufig dazu, dass alle anderen das auch erfahren.

Alle Versicherungsvertreter, alle Bank-Filialleiter, alle Spendenmanager von Kirchen und Sekten, alle Steuerbeamte, alle Gastwirte, alle Prostituierten und alle Tagdiebe und Taugenichtse ebenso.

Dort ist etwas zu holen! Und jedes Mal, wenn der Lottogewinner sich wieder hat breittreten lassen, einem „Freund“ zu helfen, eine „interessante Investition“ zu tätigen u.ä., ist auch das sofort im Umkreis bekannt.

So werden die Lokalrunden immer grösser und das Geld immer weniger.

Tödlich für allen Wohlstand… selbst die Oelscheichs mussten damit aufhören.

Es fehlt dieser diskrete Charme.

Vielleicht auch das ein Grund dafür, dass die meisten Reichen geboren werden – trotz aller Revolutionen, aller Kriege, aller Inflationen, aller Wirtschaftskrisen u.s.w.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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