Achim H. Pollert: Zuviel am Telefon

Achim H. Pollert (*) über eine Ungereimtheit

 

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Die Grossbank war grosszügig.

Und kompliziert.

Und dumm.

Und heimtückisch.

Grosszügig war sie, weil sie damals in der Zeit, als Telefongespräche noch als teuer empfunden wurden, ihren Angestellten sämtliche Privatgespräche bis zur Höhe von einem Franken Gebühren bezahlte. Wer am Arbeitsplatz privat telefonierte, wurde erst zur Kasse gebeten, wenn die Kosten diesen Betrag überstiegen. Man musste also nicht hinaus irgendwo in ein Telefonhäusli, wenn man mal ein paar private Worte wechseln wollte.

Kompliziert war die Bank, weil die Mitarbeiter jeweils gegenüber der Telefonzentrale erklären sollten, ob es sich nun um eine geschäftliche oder eine private Verbindung handelte, und dann verbunden wurden. Das nährte die Vorstellung, dass da ständig jemand im Hintergrund sass und alle Telefongespräche von allen 10,000 Angestellten abhörte.

Dumm war die Bank, weil selbst diejenigen Mitarbeiter, die zur Erledigung ihrer täglichen Arbeit überregional telefonieren mussten, jeden dieser Anrufe bei den Telefonistinnen anzumelden hatten. So hatten einerseits Scharen von gut bezahlten Telefonistinnen ständig gehörig Beschäftigung. Und andererseits schürte das das Klima von Misstrauen, Kontrollitis und Denunziantentum im Hause.

Und heimtückisch war die Bank, weil da eine ganz andere, unerwartete Art von Kontrolle stattfand.

10,000 ANRUFE AM TAG

Obwohl er im Hause gepflegt wurde, war der Gedanke natürlich absurd: Wer sollte da wohl sitzen und die Telefongespräche von 10,000 Angestellten im Hintergrund darauf überwachen, ob es sich denn nun um ein geschäftliches oder ein privates Gespräch handelte, und wenn letzteres, ob das denn auch so vom Mitarbeiter angemeldet wurde?

Allerdings gab es sehr wohl so manchen autoritären Charakter unter dem Personal – meist Führungsaspiranten -, selber zuweilen vielleicht auch von milder Paranoia heimgesucht, der ganz bierernst von den Stichproben sprach, die es da gäbe.

Das alles indessen betraf die junge Frau nicht, die damals ihre Banklehre dort absolvierte.

Die Lehrlinge absolvierten da in den verschiedensten Abteilungen im Hause jeweils längere Einsätze. Und es war an einem Freitag, als die junge Frau in einer Abteilung den letzten Tag ihres Einsatzes hatte. Sie hatte alles so weit erledigt. Die Dinge waren gemacht, ihr Schreibtisch war ausgeräumt, Schlüssel zum Gebäude hatte sie abgegeben.

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Es war Nachmittag.

Früher heimgehen konnte sie nicht – das war verboten. Ausserdem gab es ja die Stempeluhr der Zeiterffassung, auf der sie keine Minusstunden ausweisen durfte. Also sass die junge Frau da recht entspannt in dem Grossraumbüro, liess sich eine private Telefonverbindung machen und rief dabeim bei ihrer Mutter an.

Was sich dann ereignete, bestätigt eher meine ständige Vermutung, dass die Dinge früher nicht besser gewesen sind. Denn auch damals, vor Handy und Headset, brachte die junge Frau es fertig, über mehrere Stunden mit ihrem Mami am Telefon zu reden.

Und nachdem sie ja das Ganze als Privatgespräch deklariert hatte, verband sie damit auch keinerlei schlechtes Gewissen. Sie hatte sich gemäss Weisungen verhalten und würde bezahlen, falls es etwas kostet. Selbst wenn die Gespräche alle abgehört würden, hätte sie nichts weiter zu befürchten.

Würde man denken.

Es kam allerdings anders.

Denn die junge Frau hatte so lange mit ihrer Mutter telefoniert, dass das Gespräch mehr als einen Franken kostete. Und diese kleine Mitteilung kam dann über den langen Marsch durch die Instanzen. Eine kleine Abrechnung über ein paar Franken vierunddreissig. Vom Vizedirektor zum Chefprokuristen. Vom Chefprokuristen zum Prokuristen. Vom Prokuristen zum Handlungsbevollmächtigten.

Und jeder fragte den nächsten, was da wäre. Schliesslich musste, wenn eine Arbeitnehmerin genug Zeit hatte, um während der Arbeit so lange privat zu telefonieren, dass es etwas kostet, da etwas nicht in Ordnung sein.

Eine grössere Sache..

Und von da an wussten auch alle, wie die Kontrolle der Telefonate funktionierte.

Wer privat telefoniert, hat zu viel Zeit, sprich zu wenig zu tun. Und das war – ursprünglich – der Grund, warum die so genau wissen wollten, welches Gespräch nun privat und welches geschäftlich war.

Dass sich das später verselbständigte, und viele einfache Gemüter dachten, das wäre wegen den Telefongebühren, war zumindest am Ausgangspunkt wohl nicht Sinn der Uebung.

Wer die ganze Zeit privat telefoniert, hat offenbar nichts Besseres zu tun…

DIE SPUR DES MUESSIGGANGS

Natürlich hatten diese Regeln für das gehobene Personal in dem Hause keine Bedeutung. Da gab es Herrschaften, die oft tageweise privat mit aller Welt telefonierten, oft ausgestattet mit einer sogenannten privaten Telefonleitung, die von niemandem abgehört werden konnte.

Und niemand fragte sie, woher sie denn die Zeit hätten, so viel privat zu telefonieren. Denn das wurde bei denen gar nicht erfasst.

Natürlich erzählten auch die ihren Mitmenschen – daheim und im Freundeskreis, wer es hören wollte und wer nicht – vom mörderischen Stress, den sie hätten. Wie sehr sie hergenommen würden durch den Job in „ihrem Stollen“. Wie sehr sie überlastet wären von ihrem Job, für den sie immer und überall präsent sein müssten.

Viele, die davon hören, glauben das sogar.

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Immerhin ist diese Ueberwachungstechnik rund um das Telefonieren am Arbeitsplatz aber doch geeignet, um vielleicht das eine oder andere „Missverständnis“ rund um gehobene Tätigkeiten, die geleistete Zeit und deren Kontrolle ins rechtere Licht zu rücken.

Das Interessante daran ist immerhin, dass angesichts solcher Diskrepanzen viele einfache Gemüter nicht die richtigen Fragen stellen – ganz ähnlich wie beim Telefonreglement der Grossbank damals.

Gerne nehmen wir etwa Politiker zur Kenntnis, die uns von ihrem harten Job erzählen. Am Morgen um sieben geht es los. Und am Abend um 22 Uhr kommt er nach Hause. Jeden Tag. Woche für Woche. Auch Samstag und Sonntag hat man meistens nicht frei. Und wenn mitten in der Nacht der amerikanische Präsident am Telefon ist, gibt es auch kein Pardon.

Natürlich fragt man sich schon beim Augenschein, wie es sein kann, dass solche Leute dann bei reichlich Vergnügungen von den Wagner-Festspielen in Bayreuth bis zum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker nicht fehlen.

Richtig interessant dagegen wird das alles aber erst, wenn es über den Augenschein hinaus geht ins Absurde.

Da erklärt ein prominenter Politiker – ganz ähnlich wie mein Lehrmädchen von oben -, er hätte in etwa zwei Jahren 80 Vorträge gehalten.

Und ganz ähnlich wie seinerzeit die Gestalten von Paranoikerinnen und Paranoikern unter dem Bankpersonal tanzen die Politiker der Gegenparteien rein nur darum, dass der betreffende Herr seine Einkünfte aus den Vorträgen offenzulegen habe.

So als wäre es dann erledigt.

Ganz ähnlich wie die Bankangestellten damals, die das alles für erledigt hielten, solange die Betreffenden die Gesprächsgebühren für ihre privaten Anrufe bezahlten.

Ich selber halte hin und wieder auch einmal einen Vortrag. An einer Hochschule. An einer Veranstaltung. Vor einer Handelskammer. Dabei ist das Echo sehr durchwachsen. Es reicht von regelrechten Begeisterungsstürmen bis hin zu erbosten hasserfüllten Zuschriften an die Veranstalter.

Wenn ich nun daran denke, mit welchem Aufwand ein solcher Rednerauftritt verbunden ist, dann stelle ich fest, dass ich mit 80 Auftritten in einem oder auch zwei Jahren satt beschäftigt wäre. Vorbereitung – Themenbesprechung, Buchungsabwicklung, Befassung mit dem Thema, Niederschrift des Vortrags, Einübung -, Anreise, Einweisung, der Vortrag selber, Diskussion/Nachanlass, Abreise. Eventuell mit Uebernachtung und deren administrativer Abwicklung. Sehen wir jetzt von den Begeistungsstürmen ab, ebenso wie von der Nachbearbeitung der betupften Mitteilung der Veranstalter über den unmöglichen Auftritt von Pollert…

Und das ein- bis zweimal pro Woche.

Da hätte ich gut Beschäftigung… mehr als jeder Mittelschullehrer… als jeder Bundesbeamte… als jeder Bankmanager…

… und wenn ich mir dann vorstelle, dass ich daneben noch von morgens sieben bis nachts um zehn als Politiker arbeiten müsste…

Dann gleitet das Ganze ins Absurde ab.

Dann hätte mein Tag 40 Stunden – wenn es reicht.

Oder ich habe gelogen, mich selbst getäuscht über den mörderischen Stress meines Jobs…

Denn beides ist ja unmöglich. Genauso wie ich nicht annehmen kann, mein Personal würde den ganzen Tag fleissig ackern, wenn die Dauer der privaten Telefongespräche einen bestimmten Wert übersteigt.

Und dann wäre doch eigentlich egal, in welchem Ausmass die Mitarbeiter für solche Telefongebühren zur Kasse gebeten werden. Ebenso wie es eigentlich egal wäre, wieviel so ein Politiker nun auf den Rappen genau an Honorar bekommt.

Wer Zeit genug hat, über Stunden und Stunden privat zu telefonieren, ist offensichtlich mit seiner regulären Tätigkeit nicht ausgelastet. Ebenso wie derjenige, der nebenher noch einem weiteren einträglichen Gewerbe nachgehen kann.

Das aber – im Gegensatz zu der Grossbank und dem Lehrmädchen damals – wird von den anderen Politikern im vorliegenden Fall kaum beanstandet. Sondern eben nur, dass der Betreffende den Betrag nennen soll, den er damit eingenommen hat.

Komisch…

Oder nicht?

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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