Achim H. Pollert: Die Urier

Achim H. Pollert (*) über unser aller Muttersprache

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Es gibt, wie gesagt, in der Schweiz so eine Art Kosovo-Problem.

Zur Erinnerung: In Yugoslavien, d.h. dem Land der südlichen Slaven, sind die Serben die Mehrheit. Derweil sind sie im Kosovo eine Minderheit. Nichtsdestotrotz wird diese Minderheit von der Mehrheit der Kosovo-Albaner als Bedrohung empfunden.

Und ebenso wie die Deutschschweizer können auch die verschiedenen yugoslavischen Volksgruppen sich mühelos untereinander verständigen, wobei man sich natürlich an Wortwahl, Sprachmelodie, Akzent gegenseitig erkennt.

Natürlich: Anders als das (der…?) Kosovo von Serben ist die Schweiz nicht von deutschen Truppen besetzt worden. Nichtsdestotrotz stehen die Greueltaten, die von bewaffneten Deutschen im 20. Jahrhundert – nicht in der Schweiz, wohl aber sonst in Europa – begangen wurden, den Ereignissen im ehemaligen yugoslavischen Staat in nichts nach. Eher im Gegenteil.

Wenn sich aber heute in der deutschschweizerischen Normalbevölkerung ein zunehmendes Unbehagen über die „Verdeutschung“ der Schweiz breit macht, dann ist das wohl weniger auf die deutschen Greueltaten der Geschichte zurückzuführen, sondern einfach nur auf die Angst davor, kulturell in dieser deutschen Mehrheit aufzugehen.

Aehnlich wie die deutschen Dialekte – Bayerisch, Plattdeutsch, Rheinisch, Schwäbisch, Sächsisch u.s.w. – könnte auch das Schwyzerdütsch zu einem verhochdeutschten Folklore-Akzent verkommen, der noch im Komödienstadel oder in der Chilbi-TV-Sendung (… Pardon… „Volksfescht-TV-Sendung“) für Heiterkeit sorgt.

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Das macht vielen Menschen Angst, wie gesagt. Indessen würden viele welsche Schweizer es durchaus begrüssen, wenn sie nicht neben der eigentlichen deutschen Sprache noch gleich einen bunten Strauss von Dialekten mit erlernen müssten. Also müsste die Frage schon auch erlaubt sein, inwiefern eine weitere kulturelle Integration der Deutschschweizer in die deutsche Sprachfamilie zugleich auch eine stärkere Integration der Schweiz als Ganzes, als Nation, mit sich bringen würde.

Nur ist das hier nicht das Thema.

DER FÜDELIBÜRGER

Für die des Schweizerdeutschen nicht mächtigen Leser: „Füdelibürger“ heisst wörtlich übersetzt „Arschbürger“ und würde auf Hochdeutsch etwa „kleinkarierter Spiesser“ bedeuten.

Wenn es nun also den Füdelibürger mit so einem Problem umtreibt, dessen Komplexität er nicht in ganzem Umfang erfasst, oft weil ihm schlicht das Wissen fehlt, dann tauchen plötzlich so sehr schräge Debatten auf. Das ist von alters her bekannt etwa rund um den Antisemitismus, der in den Wirtshäusern für solche Diskussionen und Ueberzeugungen sorgte. Das kennt man von den Oesterreicher-Witzen, die in einem bestimmten Deutschschweizer Füdelibürger-Milieu in den 80er Jahren die Runde zu machen begannen. Das kennt man in unzähligen harmloseren Varianten, wenn etwa den Autokennzeichen verschiedenste verunglimpfende Bedeutungen angedichtet werden.

Wir wollen nicht hoffen, dass Sie auch zu denen gehören, die der Meinung sind, die Juden wären schliesslich selbst daran schuld, dass sie so verhasst sind. Oder dass Oesterreicher von Natur aus dümmer sind als Schweizer. Oder dass die Automobilisten mit Aargauer Nummer schlechter fahren als die Zürcher.

… à propos „Zürcher“…

… und à propos „Erhebung der Bagatelle zum Lebensinhalt“…

Im Zusammenhang mit der zunehmenden kulturellen Verhochdeutschung stellt es heute für erschreckend viele Menschen in der Deutschschweiz ein schwerwiegendes Problem dar, ob es nun „Zürcher“ oder „Züricher“, „Basler“ oder „Baseler“ u.s.w. heisst.

Wie gesagt: Echte Probleme einer verschreckten Füdelibürgerschaft…

Umso mehr hat mich überrascht, dass unlängst eine namhafte Schweizer Zeitung – und zwar nicht der „Blick“ – in einem Interview einer Professorin für Germanistik und Dialekt-Expertin genau dies als erste Frage stellte.

Auf der Homepage entbrannte dann eine erhitzte Debatte mit mehr als hundert Aeusserungen, grossenteils einschlägig vorgeprägt.

Ich selber muss gestehen, dass ich mich auch dazu äusserte, eher belustigt und im Sinne des vorliegenden Artikels. Ich wies noch darauf hin, dass ich ohne weiteres damit leben kann, wobei es Schlimmeres gäbe als die beiden genannten – etwa „St. Gallener“ oder „Bündener“… wobei ich inzwischen auf der Homepage eines namhaften deutschen Unternehmensberaters tatsächlich von der St. Gallener Universität gelesen habe.

Also: Solange es nicht „die Urier“ heisst…

Hinter all dem steckt die Vorstellung, die sich die Gassenkinder so ausgemalt haben: „Wir Schweizer sagen ‚Zürcher‘ – wenn ihr Deutsche ‚Züricher‘ sagt, missachtet ihr unser heiliges Schweizertum und wollt uns kulturell vereinnahmen.“

Wie gesagt: Wenn die verschreckten Gassenkinder sich in ihrer kleinen Vorstellungswelt so etwas zurechtgelegt haben, dann ist das meistens Unsinn.

ORTSBEZEICHNUNGEN

Im Deutschen – und zwar in allen Ländern, wo es gesprochen wird – gibt es schon immer besondere Ortsbezeichnungen, die leicht von einer Generalregel („an den Ortsnamen ‚-er‘ anhängen“) abweichen.

Es gibt etwa die Zeitung „Münchner Merkur“.

Es gibt in der Stadt Saarbrücken die „Saarbrücker Zeitung“.

Das Stadtparlament von Bremen heisst „bremische Bürgerschaft“. Und das Märchen gar heisst „Bremer Stadtmusikanten“.

Und in den deutschen Wirtshäusern gar gibt es einen Liqueur mit Namen „Steinhäger“. Der heisst so, weil er in der Stadt Steinhagen hergestellt wird.

Und so weiter.

Alles weit weg von den helvetischen Landesgrenzen. Ob sich die dortigen Füdelibürger wohl aufregen sollten über den Schweizer Versuch, ihre Kultur zu vereinnahmen, weil man als Schweizer eben auch – der Generalregel folgend – „Münchener“, „Saarbrückener“, „Bremener“ und „Steinhagener“ sagen würde?

Aergerlich ist bei solchem auf der Gasse gekochtem Unsinn eigentlich nur, dass man sich damit überhaupt auseinandersetzen muss.

Aergerlich ist, dass mit solchem Unsinn der Rassenhass gepflegt wird.

Und ärgerlich ist auch, dass es alles nicht stimmt, was sich der Füdelibürger so ausgedacht hat. Wenn es wenigstens stimmen würde, könnte man sich ja ernsthaft damit auseinandersetzen. Dass es heute immer weniger „zürcherisch“, „st. gallisch“ und „schweizerisch“ – sondern eben Zür(i)cher, St. Galler und Schweizer – heisst, ist eine Entwicklung, die schon in den 70er Jahren eintrat – als die Schweiz für andere Deutschsprachige noch ein „closed shop“ war, es wohl aber schon die überregionalen Massenmedien gab, die den Sprachgebrauch zunehmend steuern (weniger die Migration).

Es gab übrigens bei den Kommentaren auch einen Simmentaler, der darauf hinwies, dass es reichlich Schweizer gibt, die „auf Lenk“ und nicht „in die Lenk“ fahren, und er sich trotzdem nicht über die ignoranten Unterländer aufregt, die sich nicht einmal vorher darüber informieren, wie es denn eigentlich richtig zu heissen hat.

A PROPOS WELSCH…

Im Französischen übrigens gibt es noch mehr Varianten, wie die Einwohner bestimmter Orte heissen.

Wer zum Beispiel die Ortsnamen Genève, Lyon und Paris liest, kann nicht von vorne herein wissen, dass es „genevois“, „lyonnais“ und „parisien“ heisst. Und so steht in jedem französischen Reiseführer (und auch im französischen Wikipedia) in Klammern dahinter, wie die Einwohner der betreffenden Ortschaft oder Landschaft sich nennen.

Dass beispielsweise die Einwohner der Bretagne „bretons“ sind (und nicht bretannais).

Dass beispielsweise die Einwohner der Stadt St. Omer sich „audomarois“ nennen (und nicht omeriens).

Das ist vielleicht eine Spur umständlicher als im Deutschen mit so einer Generalregel, die sich eingebürgert hat. Aber es funktioniert.

Und zwar ohne Aufstachelung zum Rassenhass…

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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