Achim H. Pollert: Am Ende des Menschseins?

Achim H. Pollert (*) über eine philosophische Erwägung

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Es gibt dieses Zitat der altgriechischen Philosophie: „Der Mensch ist das Mass aller Dinge.“

Damit steht die Erkenntniswelt der Antike in einer gemeinsamen denkerischen Tradition mit den monotheistischen Religionen, die aus den frühen Hochkulturen des Nahen Ostens erwachsen sind. In dieses Gedankengut gehört die Vorstellung von der Gottgleichheit des Menschen (nach seinem Bilde, schöpferischer Auftrag an den Menschen zur Weltgestaltung etc.)

Diese philosophisch-weltanschauliche Tradition ist die Basis für den Humanismus. Und der wiederum ist eins der zentralen Wertegebäude des Abendlands.

Wie heisst es noch so schön: „… dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind, dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

Es geht dabei darum, den Menschen in den Mittelpunkt des Seins zu stellen.

Einfachere Anschauungsmodelle sind in der Regel animistisch geprägt, und die gehen von einer sinnhaltigen Welt ohne Menschen aus.

DAS PROBLEM DES ANIMISMUS

Animistische Vorstellungen sprechen allem Sein einen tieferen Sinn zu.

Letztendlich geht es dabei nicht nur um das Leben – die Tiere, die Pflanzen, der Wald -, sondern oft auch um Unbelebtes. Die Steine. Das Land. Das Wasser. Und so weiter.

Solche Vorstellungen vom Heiligen Berg (gemeint ist vielleicht nicht das Matterhorn…), der zu verehren ist. Vom Meer, das sich die Frevler holt. Von Geistern, die den Dingen innewohnen. Die einem wohlgesonnen sein können – oder eben nicht…

Gedankengut, das einem näher betrachtet dann doch fremd bleibt – sofern man sich an die abendländische-humanistische Tradition anlehnt. Vorstellungen davon, dass das eine oder andere Tier nun heilig ist, gar als Gott zu verehren ist – sie muten einen doch irgendwie abseitig an.

Natürlich: Wie alle Religionen, wird auch der Animismus früh schon von der naturwissenschaftlichen Erkenntnis eingeholt. Etwa ein Gebot, kein Tier zu töten… eine einfache wissenschaftliche Erkenntnis besteht schon in der Tatsache, dass man mit jedem Schritt und jedem Atemzug das eine oder andere Miniaturlebewesen in tausend Stücke reisst.

Aber daneben ist alles, was auf dem Animismus fusst, mit einem prinzipiellen Problem konfrontiert.

Die Vorstellung, es gäbe da ein vom Menschen unabhängiges materielles Sein, mündet sehr schnell in die völlige Sinnlosigkeit.

Wenn es keine intelligenten Lebewesen gibt, vernunftbegabt und empfindsam, das das Vorhandensein der dinglichen Welt überhaupt wahrnehmen und bewerten kann – welchen Sinn hat dann diese dingliche Welt?

Wenn es diese dingliche Welt gibt, und niemand ist da, der sie bewusst wahrnimmt und seine Wahrnehmung davon ordnet – was für einen Unterschied macht es dann, ob es diese dingliche Welt gibt oder nicht?

Wir stehen etwa technologisch nicht weit vor einem Schritt, in dem alle Maschinen sich selber erhalten, reparieren, warten, sichern u.s.w.

Was würde eigentlich passieren, wenn nun die Menschen aussterben, derweil die grossen Computersysteme weitgehend intakt bleiben? Die Server würden weiterhin ein TV-Programm ausstrahlen, in den Fabriken die Produktion erhalten, Flugzeuge, Züge und Schiffe durch die Welt dirigieren, Oel fördern und verheizen. Sogenannt intelligente Technologien könnten den Gesamtapparat am Laufen erhalten, immer weiter, bis in die Ewigkeit.

Man möge es nicht beschreien: Wer weiss, ob dies nicht sogar die Zukunft der Erde ist…

Es ist auf jeden Fall so, dass dieses Bild einer automatisch ablaufenden Apparatur recht nahe an die animistische Vorstellung heranreicht.

Was für einen Sinn hätte diese Welt?

Was für einen Sinn hätte es, dass automatisch ein Wetterballon gestartet wird, der Bilder aufnimmt, daraus einen Wetterbericht generiert, der im Fernsehen übertragen wird – wenn es niemanden gibt, der vor dem Bildschirm sitzt, um die Vorhersage zu schauen? Und es gäbe auch niemanden, der die Sinnlosigkeit dieses Vorgangs erkennen könnte.

Der Animismus, der allem Nicht-Menschlichen Geist und Eigenschaft zuspricht, mündet somit in eine völlige Sinnlosigkeit.

Ein grundlegendes Problem der inneren Logik jeder animistischen Vorstellung.

DER MENSCH IM MITTELPUNKT

Dieses denkerische Dilemma hat der Humanismus überwunden, wobei die monotheistischen Religionen in diese Tradition mit einzuschliessen sind.

Erst dadurch, dass es im Mittelpunkt den Menschen gibt – ein Bewusstsein, das dies alles wahrnimmt -, bekommt das Ganze einen Sinn. Wobei sogar diese Kategorie „Sinn“ vom Menschen geschaffen wird. Denn erst ein Bewusstsein kann einordnen, ob eine Sache einen Sinn hat.

Die weiteren Folgerungen daraus sind vielfältig.

Dass es eine Menschenwürde gibt, die geachtet werden muss. Dass man gehalten ist, gütig und anständig mit allen Menschen umzugehen. Dass man einen Menschen nicht töten darf – egal aus welchem Grund.

Dass jeder einzelne Mensch aufgerufen ist, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Es gibt ein humanistisches Bildungsideal, das über die blosse Dressur hinausgeht.

Mit dem Begriff „menschlich“ verbinden wir ganz bestimmte Eigenschaften. Es gibt auf politischer Ebene das „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Eine Formulierung wie: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“ ist stark humanistisch geprägt – eben dadurch, dass diese ganze Welt durch die Wahrnehmung des Einzelnen überhaupt erst Sinn und Existenz bekommt.

Und so weiter.

Die bedeutendste Maxime, die sich aus dem Humanismus herleiten lässt, dürfte wohl ganz schlicht sein: Alles Handeln muss in der Konsequenz durch den Menschen zu begründen sein.

Das führt immer mal wieder zu heftigen Missverständnissen – wenn etwa einzelne Interessengruppen mit „dem Menschen“ schlechthin verwechselt werden.

Aber grundsätzlich eingängig ist dieser Gedanke. Dinge, die getan werden, sind dann sinnvoll und zu rechtfertigen, wenn sie in einer letzten Konsequenz den Menschen dienen und keinen Menschen in seinem Menschsein beeinträchtigen.

Ein Raumschiff auf den Mars schicken, obwohl wir hier ja schon genug Staub und Steine haben… dient der Erweiterung des menschlichen Wissens.

Einen Baum fällen, ihn klein raspeln, daraus Papier machen, Farbteilchen darauf aufbringen und das dann in Hunderttausende von Wohnstätten verteilen… dient dem menschlichen Informationsbedürfnis.

Einem Huhn jeden Tag das Ei wegnehmen, damit es bald wieder eins legt… dient dem Bedürfnis des Menschen nach Eiweiss.

Tiefe Stollen in die Erde graben, um versteinertes Holz herauf zu holen und das dann zu verbrennen… dient dem Bedürfnis des Menschen nach Energie, Wärme, Erschliessung des Lebensraums.

Bei all diesen Vorgängen hätte man Mühe, ihnen einen Sinn zuzuschreiben, wenn es keine Menschen gäbe, denen sie nützen. Man stelle sich, wie gesagt, vor, das würde von einer verselbständigten animistischen Technologie ohne Menschen durchgeführt. Man würde sich dann schlicht fragen: WAS passiert da?

Aber ohne Menschen gäbe es nicht einmal jemanden, der sich das fragen könnte.

Ein Schwein wird von der Muttersau geworfen, wird gefüttert, veterinärmedizinisch behandelt. Seine Haut wird vor Schrammen und Blessuren sorgfältig geschützt. Denn diese Haut wird, nachdem das Schwein tot ist, gegerbt und zu Leder verarbeitet.

Dasselbe wird mit einem Marder gemacht. Von ihm wird das Fell weiter verarbeitet und zu einem Pelzmantel.

Eine Hausmaus wurde als Albino gezüchtet, unter sterilen Bedingungen aufgezogen, gehegt und gepflegt, und jetzt wird bei ihr Hautkrebs hervorgerufen, um Medikamente gegen Hautkrebs testen zu können.

Alle diese Lebewesen gäbe es nicht ohne den Menschen. Der Grund für ihre Existenz ist der Mensch. Sie existieren wie eine Tomatenstaude in einem Gewächshaus. Wie ein Blumenkohl im Garten. Wie eine Maispflanze auf dem Feld. Wie ein Gelbfieber-Virenstamm im Labor.

Sinn und Zweck ihrer Existenz sind alleine die menschlichen Bedürfnisse.

Der Mensch ist das Mass aller Dinge. Ohne ihn hat nichts einen Sinn.

PROBLEME DES HUMANISMUS

Gedankengut der frühen Hochkulturen, der Antike, wieder entdeckt in der europäischen Renaissance, ist natürlich auch der Humanismus mit Mängeln behaftet.

Auch er stösst stellenweise an Grenzen der Wissenschaftlichkeit.

So beobachten wir bis heute in der modernen Physik Vorgänge, die wir mit der Logik – einer der Grundfesten des humanistischen Denkens – nicht so recht erklären können. Ebenso ist es nicht einfach, einem sich endlos, ziellos ausbreitenden Kosmos, den wir um uns herum beobachten, einen Sinn zuzuschreiben, der etwas mit dem Menschen zu tun hätte.

Hoch problematisch auch die moderne Biologie. Sehe ich etwa den Existenzgrund für ein gezüchtetes Tier im Menschen – wie würde es dann aussehen bei einem gezüchteten Menschen? Dies ein ethisches Problem, das möglicherweise innerhalb der Schranken des Humanismus nicht lösbar ist. Wo hört Leben auf, menschlich zu sein?

Und natürlich hat der Humanismus auch von Haus aus die eine oder andere „Macke“. Die Rede ist von dem Menschen und seinen Bedürfnissen als Grund und Sinngeber.

Wie sinnvoll ist es aber, wenn hundert Tonnen schwere Steine aus dem Fels gebrochen und über tausend Kilometer transportiert werden, um dann am Ziel gar zu monströse Kirchen und Tempel zu erbauen? Angeblich zur „Ehre Gottes“. Oft aber aus Protzerei einer Glaubensgemeinschaft, eines Staats, eines Bauherrn.

Wie sinnvoll ist es, hässliche Tiere zu züchten, die nicht wachen, nichts produzieren, keine Schädlinge jagen, sondern einfach nur von Menschen gehalten werden? Oder wunderschöne Tiere, die ebenso keiner braucht, deren Zweck nur darin besteht, an Renntagen einem Publikum vorgeführt zu werden?

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Wie sinnvoll ist es, einer Gans eine Fettleber anzumästen? Oder die Aggressivität von Chemikalien zu testen, um nutzlose Kosmetika herzustellen?

Auch der Humanismus ist mit seinen Problemen behaftet. Natürlich.

Aber immerhin ist er bis heute ein sehr erfolgreiches Erklärungsmodell der Welt. Der Mensch als Sinngeber – als Grund dafür, dass es diese Welt gibt.

Ausserhalb des Menschseins gibt es keine sinnvolle Welt.

Es gibt zwar wohl eine Welt, auch ohne Menschen. Aber nur der Mensch kann sie sich denken. Der Mensch kann sehr genau nachvollziehen und ausführen, wie die Welt vor 60 Millionen Jahren ausgesehen hat.

Die Dinosaurier indessen konnten sich nicht vorstellen, dass es dereinst eine Welt mit vernunftbegabten Wesen geben würde.

Ebenso sind die Schlussfolgerungen des Humanismus von grösster Bedeutung. Auf dem Umstand, dass der Mensch Sinn des Ganzen ist und sich deshalb vom Rest der Existenz unterscheidet, fussen die weiteren Ueberzeugungen.

Von der wohlwollenden und mildtätigen Umgangsweise miteinander.

Von den Menschenrechten.

Von der Menschenwürde.

Dass all das nur dem Menschen zukommt, der somit in seiner Position in der Welt einzigartig ist.

MENSCH UND TIER

Und natürlich trägt dies ein Problem zumindest der Gegenwart in sich.

Es scheint nämlich, dass viele Menschen inzwischen Mühe haben, zwischen Mensch und Tier zu unterscheiden.

Natürlich: Wir alle haben im Kindesalter diese Phase durchlebt, in der wir Tierfreunde waren.

Wir haben Lassie gesehen, die immer bellte, wenn Gefahr im Verzug war, und die Menschen wussten genau, wohin sie gehen mussten, um den Cowboy zu retten. Wir haben Flipper gesehen, der wie alle Delphine immer lächelte, auf dem Schwanz tanzte und gackerte, und eben die Menschen wussten dann genau, wo der Hai lauerte.

Fury.

Black Beauty.

Rudi Rüssel.

Und so weiter.

Und irgendwann wäre angesagt gewesen, diese kindliche Tierliebe, die im Tier einen Menschen mit anderem Erscheinungsbild sah, zu überwinden. Zu begreifen, dass Tiere kommen und gehen und recht einfach zu ersetzen sind. Zu begreifen, dass ein Tier kein Mensch ist und schlussendlich nur einen Sinn hat, weil es den Menschen gibt.

Viele Menschen nennen sich Tierfreunde und haben diesen Schritt zur Unterscheidung von Mensch und Tier nie richtig geschafft. Viele Menschen sehen im Tier, insbesondere natürlich in ihrem eigenen Haustier, eine Persönlichkeit.

Sie sprechen ihm Rechte zu.

Sie sprechen ihm Würde zu.

Man mag diese Haltung schon in sich absurd nennen, weil das Tier, wenn es eine in sich begründete Würde hätte, ja wohl kaum mit einem Halsband herumgeführt, in einen Käfig eingesperrt oder mit Zaumzeug eingespannt werden dürfte.

Die Mentalität allerdings gibt es, und sie ist zumindest heute recht verbreitet.

Nicht ganz von ungefähr hat sich auch vielerorts das kodifizierte Recht etwas geändert. Es ist von Tieren als „Mitgeschöpfen“ die Rede.

Der Tod eines Zirkustiers sorgt für umfangreiche Debatten und das Einschreiten der Staatsanwaltschaft.

Ob ein Fuchs bei der Parforce-Jagd von einer Hundemeute getötet wird, wird zum Gegenstand von öffentlichen Protesten und politischen Debatten.

Nicht zu vergessen: Die Neigung zum Vegetarismus, die in der Oeffentlichkeit immer prominenter um sich zu greifen scheint.

Natürlich liefert der Humanismus eine Erklärung zur vegetarischen Ernährung.

Wenn man kein Fleisch essen will, kann man das natürlich jederzeit mit den persönlichen Vorlieben begründen. Und natürlich kann man auch der Ansicht sein, Fleisch wäre ein ungesundes Nahrungsmittel. In Frage kommen selbstverständlich auch ethische Erwägungen, etwa in die Richtung, dass man sich selber nicht den Bauch vollschlagen mit hochwertigem Fleisch, während in Hungergebieten Menschen oft nicht einmal eine Handvoll Weizen haben.

Eine in sich schlüssige Begründung für Vegetarismus ist allerdings nicht, man wollte kein Tier töten, um sich zu ernähren.

Aus Respekt vor dem Leben des Tiers kein Fleisch zu essen, darüber hinaus anderen somit implizit den Verzehr auch untersagen zu wollen, das ist keine akzeptable, nachvollziehbare Haltung.

Aber auch im Alltag begegnen einem häufig Menschen, die jegliches Bewusstsein für den Unterschied zwischen Mensch und Tier vermissen lassen.

So etwa die Tierschützerin, die allen Ernstes Pestalozzi zitiert und davon redet, es gäbe eben nur das Vorleben als einzige Form der „Erziehung“… des Hundes.

Oder, harmloser, die Hundehalterin, die einem ganz begeistert erzählt: „Der Hund geht in die Hundetagesstätte“ – während sie tagsüber auf der Arbeit ist.

UND DER TIERSCHUTZ?

Ich persönlich mag zum Beispiel Hunde, und ich verfechte natürlich auch nicht die Haltung, es wäre gleichgültig, wie brutal man nun mit einem Tier umgehe. Im Gegenteil: Natürlich müssen Tiere geschützt werden. Vor unangemessenem Umgang. Vor unangemessenem Leiden. Vor unsachgemässer Haltung.

Die Frage ist nur: Warum?

Auch hier gibt es eine Erklärung aus dem Humanismus heraus: Der Grund dafür, dass Tiere geschützt werden müssen, ist der Mensch.

Nicht das Tier ist es, das von Natur aus besondere Rechte hätte.

Nicht das Tier hat eine Würde, die es zu achten und zu schützen gilt.

Sondern der Mensch ist es, der nicht grausam sein soll. Der Mensch hat eine Wahl, ob er gnädig oder grausam sein will.

Wenn sein Verhalten grausam ist, dann nennen wir es unmenschlich.

Und wenn es den Menschen nicht gäbe mit seiner Vorstellung davon, dass er menschlich – und eben nicht „tierisch“ – zu sein habe, dann gäbe es keinen Tierschutz.

Ganz ähnlich beim Naturschutz.

Hoch problematisch sind Begriffe wie „Respekt vor der Schöpfung“ und dergleichen.

Ganz sicher ist auch hier der letzte Grund der Mensch. Schonend umzugehen mit den Ressourcen, das Bestehende zu erhalten, das ist begründet im Menschen selbst – und in sonst nichts. Soll der Mensch weiterhin die Welt bewohnen, soll es weiterhin – über die Jahrtausende hinweg – vernunftbegabtes Leben geben, soll das alles weiterhin Sinn machen, dann muss der Mensch die physische Basis seiner eigenen Existenz erhalten.

Der Grund für einen schonenden Umgang mit Natur und Umwelt sind nicht Plankton und Krill im Meer, nicht Moos und Bäume in den Wäldern und nicht Ratten und Stechmücken in den Tümpeln. Der Grund für den Naturschutz ist einzig die Erhaltung des Lebensraums für den Menschen.

Stirbt der Mensch aus, dann verliert das Ganze seine Sinn. Dann ist es eben nur noch ein gewaltiger Apparat des Stoffwechsels, der frisst und scheisst, um zu fressen und zu scheissen. Dann ist diese ganze Natur mit all den Lebewesen darin so etwas wie eine Welt der sich selbst wartenden Maschinen, ein Ablauf, bei dem es gleichgültig wäre, ob er existiert oder nicht.

Sich dabei dann darauf zu verlassen, dass sich innerhalb dieses sinnlosen Ablaufs derselbe Zufall noch ein zweites Mal ereignet und noch einmal eine vernunftbegabte Lebensform hervorbringt, die dann wieder dem Ganzen einen Sinn gibt, wäre sozusagen ein evolutionäres Vabanque-Spiel.

VOM ENDE DES HUMANISMUS

Dass eine scheinbar zunehmende Zahl von Menschen diesen Unterschied nicht mehr so recht zustandebringen zwischen dem Menschen und dem Menschen, allenfalls sogar der unbelebten Natur, hat seine Gründe.

Der Effekt als solcher ist alt.

Obiges Beispiel vom „lächelnden Delphin“ bringt das bereits zum Ausdruck. Es handelt sich um die naturgegebene Mundform dieses Tiers, die halt so aussieht wie beim Menschen das Lächeln, indessen natürlich nichts mit Belustigung und Wohlgefallen zu tun hat. Schon Aristoteles erkannte diese Zuschreibung von Gefühlen und Charaktereigenschaften an das Tier auf Grund anthropomorpher Erscheinungen als Unsinn. Wir kennen die Sprüche von der falschen Schlange, dem edlen Löwen, dem ängstlichen Hasen, dem hochnäsigen Kamel u.s.w.

In der Biologie wird grundsätzlich davor gewarnt.

Nichtsdestotrotz hat sich das Missverständnis über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart erhalten. Wenn etwa im 19. Jahrhundert in Brehms Tierleben zu lesen ist: „Der Löwe ist seines Mutes, seiner Kühnheit und Kraft, Tapferkeit und Stärke, seines Heldensinnes, Adels und seinem Grossmut, seines Ernstes und seiner Ruhe halber bekannt“

Wie gesagt: Nichts Neues.

Als Kinder durchlaufen wir diese, nennen wir sie, „Bambi-Phase“. Das ist das Alter, in dem wir nicht begreifen wollen, dass es menschlich ist, ein Tier zu töten, dessen Existenz ihren Sinn verloren hat oder mit grossem Leid verbunden ist.

Neu ist indessen, dass viele Komponenten dieser Bambi-Mentalität in das alltägliche öffentliche Bewusstsein übergegangen sind.

Wenn von den bewussten Tierrechten die Rede ist. Wenn jemand einem Tier eine besondere Würde zuschreibt.

Wenn Leute mit akademischer Vorgeschichte im Fernsehen in Erwägung ziehen, den Menschenaffen Grundrechte zuzugestehen.

Ethisch inakzeptabel wird solche Tierliebe dann dort, wo in den entwickelten Gesellschaften des Westens Tieren medizinische Behandlung zuteil wird, die nicht allen Menschen zur Verfügung steht. Orthopädische Kliniken, die Hunden und Pferden künstliche Gelenke, gar Zahnkronen einpflanzen, derweil es Menschen gibt, die sich dergleichen nicht leisten können – da stellt sich sehr wohl die Frage, ob so etwas mit der Menschenwürde vereinbar ist und nicht eigentlich gesetzlich verboten gehörte.

Und natürlich stellt sich die Frage, inwieweit dergleichen gesellschaftliche Verfallserscheinungen darstellen. Es ist wohl ein wahnsinniger römischer Kaiser gewesen, der sein Lieblingspferd zum Senator ernannte (wobei das römische Reich danach immer noch ein paar Jahrhunderte hielt).

Auf denkerischem Niveau stellt all dies indessen die Abkehr vom Humanismus dar. Vom Humanismus, entwickelt in der Antike, wieder entdeckt in der europäischen Renaissance.

Dieses Nichtwahrnehmenwollen, dass der Mensch in seiner Sonderstellung der Vernunftbegabung das einzig Sinngebende der Welt ist.

Wer das verleugnet, wer glaubt, dass es ohne den Menschen nicht völlig gleichgültig ist, ob es da ein Universum mit Totem und Lebendem gibt oder eben nicht. Wer den Dingen und Lebewesen ausserhalb des Menschen einen eigenen inneren Sinn zuschreiben will, der hat den Schritt zum Animismus vollzogen. Für den ist der Mensch nicht mehr das Mass aller Dinge.

Eine qualitative Aussage darüber, etwa ob es sich bei der Hinwendung zum Animismus um einen Schritt zurück, einen Schritt in die Primitivität o.ä. handelt, erübrigt sich hier.

Die Frage allerdings stellt sich, ob eine Abwendung vom Humanismus als gesellschaftlicher Trend über eine längere Epoche hinweg nicht auch die Errungenschaften des Humanismus als Ganzes gefährdet.

Bleibt in einer animistisch gefärbten Gesellschaft die Würde des Menschen unantastbar?

Sind in einer animistisch gefärbten Gesellschaft alle Menschen gleich geschaffen?

Gilt in einer animistisch gefärbten Gesellschaft jeder Mensch als unschuldig, solange seine Schuld nicht bewiesen ist – anders als im Hexenprozess?

Ist eine animistisch gefärbte Gesellschaft, ausgestattet mit der Technologie der Gegenwart und ihren verheerenden Möglichkeiten, überhaupt überlebensfähig?

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Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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