Achim H. Pollert: Legalize Himbeereis !

Achim H. Pollert (*) über das Gift und die Sucht

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Kontakt zu Achim H. Pollert:  http://texteservice.bplaced.net

Was seit Jahrzehnten in der Gesellschaft faktisch praktiziert wird, soll jetzt zumindest in Basel und Zürich auch gesetzlich sanktioniert werden. Das Cannabis-Verbot soll fallen. In einer Zeit, in der die original Woodstock-Generation auch schon langsam alt und klapprig wird, will der Staat hinterher hinken.

Fremdartig mutet da die Erinnerung an – und auch nur die etwas Aelteren erinnern sich: Als damals in frühen Siebziger Jahren das Schweizer Fernsehen für Schweizer Eltern Geruchsproben durchführte. Die Eltern wussten ja nicht, wie Haschisch überhaupt schmeckt…

Das Ganze hatte auch damals schon etwas von Realsatire.

Etwa als die Staatsmacht Eltern sehr ernsthaft dazu anhielt, die Privatsachen ihrer Kinder regelmässig und sorgfältig zu durchwühlen. Besonders wenn die Kinder so langsam ins suchtfähige Alter kamen, so ab 14 oder 15 Jahren.

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Da spielten dann Erwägungen zu Grundrechten und der Menschenwürde nicht mehr so richtig eine Rolle. Alle haben ein Recht auf Privatsphäre und die Achtung ihrer Würde – ausser sie wären noch nicht ganz erwachsen und es bestünde die Gefahr, dass sie in den Drogensumpf abrutschen… dann kämen eben die fürsorgerischen Massnahmen von Kontrolle und Disziplinierung zum Tragen.

Deshalb sollten die Kontrollorgane – in diesem Fall die Eltern – zunächst einmal überhaupt wissen, wie Shit aussieht und schmeckt.

À PROPOS SCHUTZ

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Weihnacht. Da war ein Cousin von meiner Mutter mit seiner Familie bei uns.

Deren Sohn war so alt wie ich, so zehn- oder elfjährig.

Der Horst.

Es wurde gefressen, viel Blödsinn gemacht. Der Horst und ich spielten. Dann fingen die Erwachsenen zu saufen an. Dann gab es Kaffee und Cognac. Und als dann meinem Onkel offenbar das Gesaufe nicht mehr so ganz geheuer war, weil er immerhin noch mit dem Auto heim fahren musste, da sagte er: „Horstli, komm da her, willst Du ein bisschen Cognac in Deinen Kaffee…?“

Und so bekam der Horstli einen ordentlichen Schluck aus dem Schwenker seines Vaters in seine Tasse verabreicht.

Und niemand fand etwas dabei.

Ebenso wie keiner etwas dabei fand, als ich dann eine Weile später, inzwischen vielleicht zwölfjährig, mit meiner Grossmutter in einer Ausflugswirtschaft war. Dort sassen wir auf der Terrasse, und meine Grossmutter schlug vor, wir könnten ein grosses Bier nehmen und unter uns teilen.

Ebenso wie im Spielfilm „Die Zürcher Verlobung“ von 1958 keiner etwas dabei fand, dass dort das schwer erkältete Kind vom Vater auch einen ordentlichen Schluck aus der Cognacflasche verabreicht bekommt und so dann ins Bett geschickt wird.

Das war bis, vielleicht, 1980 normal.

Interessant, dass eine Gesellschaft, die so völlig verantwortungs- und sorglos mit dem Alkoholkonsum von Kindern umgegangen ist, das in der Tat harmlose Haschisch zur ultimativen Gefahr für die abendländische Kultur aufstilisierte.

Möglicherweise vielleicht auch einfach nur, weil Cannabis so ein wenig der Hauch der „Leck-mir-am-Arsch“-Droge anhaftet… und das wiederum macht die Menschen irgendwie schwieriger kontrollierbar…

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… und das wiederum würde erklären, warum gerade rechtskonservative, obrigkeitshörige Kreise über Jahrzehnte hinweg sich so sehr gegen Legalisierung und Akzeptanz stemmten (und das offenbar auch jetzt noch etwas tun)…

DIE PFEIFE IST GERAUCHT

Natürlich: Das Ganze, d.h. der jetzige Vorstoss der Staatsmacht zur Legalisierung, mutet auch deshalb ein wenig wie Realisatire an, weil die Pfeife buchstäblich geraucht ist und wohl eine Mehrheit von Bundes-, National-, Stände- und sonstigen Räten schon in ihrer Studienzeit am einen oder anderen Joint gezogen hat und dabei die Harmlosigkeit des Ganzen aus eigener Erfahrung kennt.

Nicht ganz so extrem wie die katholische Kirche, die irgendwann in den 90er Jahren Galileo Galilei rehabilitierte (… was haben wir da gelacht!).

Wenn die Legalisierung käme, dann würde das ja wegfallen, was man so kannte. Diese Privatfahrten von Bankprokuristen und, sagen wir, Polizeioffizieren nach Amsterdam, diese vorsichtigen Blick über die Schulter beim Betreten eines Coffee Shops, dieses Herzklopfen beim Grenzübertritt, wenn man zurückkam. Manche hatten das Herzklopfen vielleicht schon, wenn sie ein bisschen Hasch in der Tasche hatten und im Tram von einem Billet-Kontrolleur angesprochen wurden. Und dann natürlich auch dieses Wir-Gefühl, wenn ein Kumpel gerade aus Amsterdam zurück war und einen einlud auf einen Joint.

Das hatte ja auch etwas… so etwas Anarchisches, Urfreiheitliches, etwas Verschwörerisches…

… und dann montags wieder geschalt in die Bank… oder in Uniform in den Dienst…

Für mich persönlich kommt das sowieso zu spät – von der Cookie-Bäckerei einmal abgesehen -, weil ich ja schon seit Jahren und Jahren nicht mehr rauche…

Ueberhaupt komisch, dass Cannabis verboten ist und Tabak nie verboten war.

Dabei ist ja offen ersichtlich und bekannt, welches von beiden giftig ist und süchtig macht…

Ob mit der Legalisierung von Cannabis dann das Totalverbot von Tabak kommt?

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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