Achim H. Pollert: Was ist Lüge?

Achim H. Pollert (*) über Dichtung und Wahrheit

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Der Präsident hiess William Jefferson Clinton.

Genannt Bill.

Ein guter Mann.

Während der Amtszeit eines Präsidenten braucht sich ja nicht unbedingt so das ganz Spektakuläre zu ereignen. Der Bürgerkrieg unter Lincoln, die Konfrontation mit Hitler-Deutschland unter Roosevelt, der Beinahe-Ausbruch des Dritten Weltkriegs unter Kennedy, der Zusammenbruch des Kommunismus unter Reagan.

Und wenn sich so etwas Weltbewegendes nun gerade einmal nicht ereignet im Lauf der Geschichte, dann wird der betreffende Präsident dann halt auch nicht so legendär in die Geschichtsbücher eingehen. Damit man als der zielsichere Lenker in schwerer See dastehen kann, braucht es zunächst einmal schwere See.

Das war in der Amtszeit von Bill Clinton eben weniger der Fall.

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Ich wage die Vermutung, dass wir uns – ohne Kuba-Krise und ohne das Attentat von Dallas – bei John F. Kennedy auch vor allem an seinen munteren vergnügungsfreudigen Charakter erinnern würden. An das Herumgezwitschere mit Marilyn Monroe und noch vielen anderen. Das Ganze hatte von Anbeginn an auch so etwas Illustriertenhaftes, das mehr in die Yellow Press und in die Boulevard-Revolverblätter und weniger in die ernstzunehmende Geschichtsschreibung passt.

Und so erinnern wir uns halt auch bei Bill Clinton, einmal abgesehen davon vielleicht, dass auch seine Frau politisch begabt und derzeit noch amerikanische Aussenministerin ist – beinahe sogar Präsidentin wurde -, vor allem an die Geschichtli…

Ich erinnere mich darüber hinaus noch daran, wie beeindruckt ich war, als dieser Präsident Clinton in einer absolut mitreissenden Argumentation seinen amerikanischen Mitbürgern erklärte, warum die USA sich militärisch in Yugoslavien engagieren müssten, um dort dem Völkermord ein Ende zu setzen.

Aber wie gesagt… „Paula Who“… irgendwo mit einem Gspusi im Hinterzimmer verschwunden… woanders behauptete eine, sie wäre von ihm schwanger gewesen oder dergleichen…

… und natürlich der absolute Knaller: Monica… der Präsident und die Büropraktikantin zusammen im Zentrum der Macht, im Oval Office… die ganze Geschichte damals ausgelutscht von der Yellow Press…

Bis heute denken wir an die Grossaufnahme von Bill Clinton, wie er mit todernstem Gesicht erklärte: „I did not have sex with that woman.“

Und nach und nach kam alles an den Tag… die Aussage von Monicas Freudin, der sie wohl mit Stolz erzählt hatte, der erste Mann im Staat habe auf sie gestanden… die hochnotpeinlichen präsidialen Spermaflecken auf Monicas Kleid, das auf wundersame Weise nicht gewaschen worden war… die Präsidentengattin, die wohl auch schon wieder einmal vorsorglich sagte, die Leute müssten sich entscheiden, ob sie einen guten Präsidenten oder einen Moralapostel wollten… die Details rund um Monicas Mündchen am Präsidenten…

… und dazwischen Bill, unser lieber Onkel Bill, der nicht mehr so richtig wusste, wo er hinschauen sollte.

Ich muss bekennen, dass sich meine damalige Meinung zu dem Skandal im Frauenheftli in den Jahren seither geändert hat. Ich hatte damals geglaubt, es ginge nicht darum, ob sich da jemand zusammen mit einer willigen sinnlichen Frau vergnügt hatte oder nicht, sondern darum, ob jemand unter Eid die Unwahrheit gesagt hatte.

Genau wegen dieser Frage wand Bill sich damals erheblich, und die ganze Nation, ja die ganze Welt, verbiss sich zunehmend in die Frage, ob die orale Befriedigung nun als „Sex“ gelten soll oder nicht. Wenn ja, dann hätte der Präsident unter Eid etwas Falsches gesagt. Wenn nein, dann hätte der Präsident die Wahrheit gesagt.

Clinton wurde nicht seines Amts enthoben, wie wir wissen, obwohl er wohl bei der Befragung nicht die Wahrheit gesagt hatte.

Heute sehe ich das Ganze anders.

Die Frage nach der Lüge ist nämlich erheblich komplizierter, als man es in einer eher kindlichen Auffassung vielleicht vermutet.

Von dieser kindlichen Warte aus ist es zunächst ganz einfach. Lügner ist derjenige, der etwas sagt, was nicht wahr ist. Strafbar ist das, wenn es in einem gerichtlichen Verfahren – oder in den USA wohl auch vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss – erfolgt.

Hier ist aber genau der Punkt, an dem diese ganze Geschichte rund um Bill Clinton (und so viele andere) mit anderen Fragen kollidiert, mit Fragen, die wichtiger sind als die Frage nach „wahr“ und „unwahr“.

Denn strafbar ist eine solche Aussage in einem gerichtlichen Verfahren, so das Schweizer Strafgesetzbuch, wenn jemand als „Zeuge, Sachverständiger, Uebersetzer oder Dolmetscher zur Sache falsch aussagt“. Wird eine solche falsche Aussage durch Eid bekräftigt, ist die Strafe Gefängnis nicht unter sechs Monaten.

Nun hatte Bill Clinton damals aber nicht als Zeuge, sondern als Betroffener ausgesagt.

Und wenn ich zu einer Angelegenheit zu einem höchst privaten Bereich meines Lebens befragt werde, als Betroffener, in öffentlicher Position, dann wird es mit der Begutachtung von Lüge und Wahrheit schwierig.

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Zumindest nach Schweizer Recht ist eine solche falsche Aussage als Betroffener nicht strafbar, egal ob vereidigt oder nicht. Und der geschriebene Text des Schweizer Rechts ist hier – wie so oft – so, wie es sein muss.

Denn was soll ich als Betroffener eigentlich sagen, wenn ich in einer öffentlichen Anhörung, einem Prozess gefragt werde, ob ich Sex hatte mit einer bestimmten Frau? Soll ich dann sagen: „Das ist meine Privatsache und geht Sie nichts an“? Das wäre die einzig richtige Antwort. Nur würde dies vor einer breiten Oeffentlichkeit natürlich als „ja“ aufgefasst. Nach dem Muster: Wenn es nicht so wäre, würde er ja nein sagen…

Oder soll ich dann nein sagen, auch wenn es die Unwahrheit wäre? Oder soll ich ja sagen, auch wenn es niemanden etwas angeht?

Die Grenzen dazwischen, was als Lüge und was als Wahrheit gilt, verschwimmen an diesem Punkt sehr.

Es ging seinerzeit also nicht darum, ob hier jemand unter Eid falsch ausgesagt hat – so wie ich zunächst dachte. Eigentlich ging es gar nicht darum, da die falsche Aussage ohnehin für den Betroffenen nicht strafbar ist.

Es ging einzig und alleine darum, ob einer öffentlichen Person in aller Oeffentlichkeit diese Frage nach einer höchst privaten Angelegenheit überhaupt gestellt werden durfte. Ist es zulässig, dass jemand in der Weise befragt wird, dass für den Befragten eine redliche Antwort nicht mehr möglich ist?

Aehnlich wie im Hexenprozess. Aehnlich wie in den Antikommunismus-Kampagnen der 50er Jahre rund um McCarthy.

Einem exponierten Menschen öffentlich eine Frage zu stellen wie „Sind Sie schwul?“, „Haben Sie Sex gehabt mit jemandem?“, „Haben Sie als Kind Ihre Eltern bestohlen?“, „Sind Sie Kommunist?“, „Sind Sie Zeuge Jehovas?“, „Haben Sie abgetrieben?“ u.s.w., womöglich noch dazu unter Hinweis auf eine Vereidigung und allfällige Strafbarkeit, das ist von vorne herein nicht zulässig.

Denn die Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit setzt voraus, dass der Befragte faktisch eine Wahl hat zwischen richtig und falsch.

Somit sind dergleichen – öffentliche Offenlegung privater Angelegenheiten als Betroffener, Ausschluss der faktischen Wahlmöglichkeit – verbotene Fragen.

Als Antwort auf diese Fragen kann es somit keine Lüge geben. Und damit auch keine verpflichtende Wahrheit. Was immer jemand darauf sagt, ist unerheblich.

Ich persönlich habe mich darauf verlegt, solche Fragen zu beantworten mit der Gegenfrage: „Was wollen Sie, dass ich darauf antworte?“

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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