Achim H. Pollert: Der Dubedänzig-Schnurri

Achim H. Pollert (*) über eine Diskussionsmasche ///—///

Kontakt zu Achim H. Pollert: http://texteservice.bplaced.net

Marion und ich waren uns einig: Mit Karin konnte man über nichts diskutieren.

Wir waren alle drei sehr jung, und es war die Zeit der grossen Diskussionen. Man sass in den Aulen, den Mensen, den Wirtshäusern, den Cafés, knallte sich Bier, Wein und den einen oder anderen Joint in den Kopf, und man diskutierte. Ueber den NATO-Doppelbeschluss, die Umweltverschmutzung, das Ozonlock, ob es einen Gott gibt, ob es in Nordirland einen friedlichen Ausweg gibt, oder in Israel. All die Diskussionen damals. Ob Schwule gleichberechtigt sein sollten. Ob die Staaten irgendwann unter den Schulden zusammenbrechen. Ob es auf den Autobahnen ein Tempolimit geben sollte. Ob Aids wirklich nur durch Blut und Sperma übertragen wird. Ob die Atmosphäre sich wirklich langsam aufheizt. Ob die Chinesen eines Tages zur Supermacht Nummer eins aufsteigen werden. Ob Tabak wirklich so schädlich ist.

All die grossen Diskussionen von damals.

Im TV gab es die grossen Diskussionshows, Werner Höfer am internationalen Frühschoppen mit sechs Trinkern aus fünf Ländern, „Arena“, „Pro und Contra“, nachmittagelange Parlamentsdebatten als Live-Uebertragung, Diskussionen zwischen Spitzenpolitikern…

Natürlich kam bei diesen Diskussionen nicht so recht etwas heraus. Meistens kamen da Menschen zusammen, die zu einer Sache eine Meinung hatten und die sich gegenseitig weder von ihrem Standpunkt überzeugen konnten, noch wollten.

Die Diskussion, wie gesagt, war Teil der Alltagskultur.

Das hatte natürlich auch Vorteile. Eheleute gingen – insgesamt – weniger aufeinander los. Kinder wurden weniger verdroschen. Im Militärdienst die Rektruten und an den Schulen die Schüler wurden vielleicht insgesamt etwas weniger angeschrien. Alles natürlich mehr so Querschnittserscheinungen und weniger Einzelfälle. Aber wohl alles irgendwie beeinflusst von der Kultur des Diskutierens.

Und Marion und ich (und wahrscheinlich noch viele andere) waren uns einig: Mit Karin konnte man nicht diskutieren. Mit der konnte man einen Nachmittag lang verbringen, reden bis zur Ermüdung, aber irgend etwas Positives, eine Einsicht, etwas Unterhaltsames, ein interessant formulierter Gedanke, entstand daraus nicht.

Warum man mit Karin nicht diskutieren konnte, das machten wir uns damals allerdings nicht klar. Man würde in diesen Diskussionen nicht den Nordirland-Konflikt lösen und auch nicht die Ozonschicht wieder aufbauen. Und den saueren Regen würde man auch nicht abstellen können mit so einer Diskussion.

Aber wenn man über diese Themen redete, hatte man bei vielen Leuten trotzdem das Gefühl, das Gespräch hätte einem etwas gegeben.

Bei Karin nicht.

DAS SCHEMA

Kürzlich kommentierte ich einen Online-Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung. Inhalt des Beitrags war, dass in der Schweiz die Wehrpflicht nur für Männer aus Gründen der Gleichberechtigung eigentlich nicht haltbar ist

Ich schrieb dazu, dass im Zeitalter des High-Tech-Kriegs dann eher Sinn macht, anstatt die Dienstpflicht auch für Frauen einzuführen, den ganzen Wehrdienst komplett abzuschaffen und auf eine Berufsarmee umsteigen. Im High-Tech-Zeitalter macht es ohnehin nicht viel Sinn, so wie im Mittelalter Tausende von Soldaten aufzubieten.

Später fand ich darauf eine Diskussionsantwort.

Agnes schrieb: Immerhin dürfte ich nicht vergessen, dass ein Grossteil des Militärs aus Sanität besteht. Und wenn man nach Afghanistan, Pakistan, Syrien, den Irak und Mali schaue, dann ginge es dort immer noch recht mittelalterlich zu.

Diese Antwort schmeckt schon sehr nach unserem Problem. Zunächst war sie ein wenig unbestimmt. Man konnte nicht so recht sagen, ob das nun Zustimmung oder Ablehnung meiner Auffassung ist. Und was Agnes damit sagen wollte, ist auch unklar. Es hat weder einen Bezug zur Wehrpflicht, noch zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Aber: Es bietet vielfältige Ansatzpunkte für eine weitergehende Debatte.

Ich schrieb dann: Danke für die Unterstützung. Ein weiterer Vorteil davon, dass man nicht mehr so viele Leute zusammenrottet, ist auch, dass man nicht mehr so viele Sanitäter braucht. Und ich wollte eigentlich nicht hoffen, dass Agnes vor hätte, in der Schweiz Werpflichtige einzuziehen, um sie dann in Afghanistan oder Mali einzusetzen.

Antwort darauf: Herr Pollert, man kann auch in der Schweiz seinen Wehrdienst leisten, ohne dass man in Mail oder Afghanistan eingesetzt wird…

Und hier habe ich natürlich die Diskussion beendet und meine Textbeiträge gelöscht.

Denn jetzt hatte sich Agnes noch weiter vom ursprünglichen Thema entfernt – ob Wehrdienstpflicht für Frauen in der Schweiz Sinn macht – und hatte erneut die Fakten umgedreht.

Auf die Feststellung, dass man im modernen Krieg nicht mehr so viele Menschen braucht, hatte sie geantwortet damit, dass es ja nicht nur kämpfende Truppe sondern auch Sanitäter gibt. Und die brauche man schliesslich in Out-of-aerea-Einsätzen. Und auf die Entgegnung, dass weniger Menschen im Einsatz auch viel weniger Sanitäter nötig machen, hatte sie so getan, als hätte ich angefangen von Mali und dem Irak zu reden.

Hätte ich sie darauf hingewiesen, dass sie schliesslich mit Out-of-aerea-Einsätzen angefangen hatte, hätte sie in einem mündlichen Gespräch jetzt behauptet, das hätte sie nie gesagt. Und dann hätten wir eine Stunde – abends, von acht bis neun – darüber diskutiert, dass sie und nicht ich diesen Unsinn von Mali erzählt hatte.

Danach wäre die Diskussion dann übergegangen um die nächste Faktenverleugnung. Vielleicht dass das gar nicht stimme, dass man im modernen Krieg viel weniger Menschen braucht. Eine Stunde Gespräch darüber, mit teilweise erbittertem, aggressivem Gehabe.

Etwa: Sanitäter brauche man beim Militär schliesslich immer… ich sollte doch nur einmal schauen, was passiert bei einem Terroranschlag in Afghanistan oder Syrien…

Und so weiter.

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Immer weiter weg vom Ausgangsthema – Wehrpflicht für Frauen, oder Wehrpflicht überhaupt. Immer neue Einwürfe, die mit den Argumenten nicht das Geringste zu tun haben. Immer neue Einwürfe, Stichworte, die nicht stimmen. Die Lautstärke permanent steigend, so dass sich im Hintergrund eine massive latente Aggressivität aufbaut.

Einen Abend lang kann man mit so einem Menschen diskutieren – gleichgültig, über welches Thema. Bis man nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht. Eben bis man ganz „dubedänzig“ (schweizerisch für nervös, angespannt, verwirrt u.ä.) ist.

Das ist das Schema des Dübedänzig-Schnurrens („schnurren“ bedeutet reden, „Schnurri“ Redner).

Der Dubedänzig-Schnurri begegnet einem im Bekanntenkreis, wenn man Pech hat als Lebenspartner, am Arbeitsplatz als einer, der eingearbeitet werden muss und alles, was man ihm erklärt, ins Gegenteil verkehrt und ablenkt. Er begegnet einem, wie gesehen, online – dort viel und weit verbreitet. ( https://textepollert.wordpress.com/2012/03/28/achim-h-pollert-der-stammtisch/ )

Ohne weiteres kann man mit so jemandem mehrere Stunden der Diskussion verbringen, ohne dass dabei auch nur ein Hauch Positives dabei heraus kommen könnte. Im Gegenteil: Lässt man sich auf dieses Schema ein, dann ist man am Ende einer solche Diskussion psychisch komplett erschöpft und ausgehöhlt. Eben: Man weiss nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Man wurde wirr geredet.

WAS STECKT DAHINTER?

Solche Menschen sind anstrengend. Solche Menschen legen offen an den Tag, dass sie grösste Probleme mit der einfachsten Logik haben. Und jedes Gespräch mit solchen Menschen nimmt immer wieder diesen Verlauf. Auch wenn sie vor einiger Zeit einmal eingelenkt und die Folgerichtigkeit eines Gedankens eingeräumt haben, hindert sie das nicht daran, ein und dieselbe Diskussion erneut vom Zaun zu brechen und ihr Gegenüber wieder mit derselben Masche kaputt zu machen.

Der Dübedänzig-Schnurri ist ein Mensch, der keine sonderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt, wohl aber mit einem durchaus ausgeprägten Geltungsbedürfnis ausgestattet ist.

Auf emotionaler Basis – quasi aus dem hohlen Bauch heraus -, vielleicht auch aus der blossen Tradition hat er sich wohl eine Art von Meinung gebildet. Die kann zwar auch in den Grundlagen flexibel sein, und es stört auch nicht, wenn sein Meinungsprofil in sich nicht schlüssig ist. Aber das Bestreben des Dubedänzig-Schnurri ist es, trotzdem nicht daneben zu sitzen und sich klein und hässlich vorzukommen.

Und so kommt es dann eben zu diesem Verhalten. Das Thema verschleppen, um vermeintlich zu verschleiern, dass man selber keine Ahnung hat. Immer neue irrelevante Aspekte einwerfen, um das Gegenüber zu beschäftigen. Das Aggressivitätsniveau anheben, um möglichst eine Entspannung zu verhindern, indem jemand versuchen könnte, das Ganze mit einigen Vernunftargumenten wieder in eine erträgliche Bahn zu lenken. Deshalb auch die Zustimmungen, die aber so vorgetragen werden, als wären sie Widersprüche.

Dahinter steckt die Vorstellung: Wer mehr weiss und mehr kann als ich, ist mein Feind. Ihn nun so lange zu verwirren und zu beschwatzen, bis der durcheinander genug ist, dass er aus Ratlosigkeit – aus Dubedänzigkeit – auch unrichtige Dinge sagt, ist die beste Methode, einen solchen Feind zu bekämpfen.

Der Diskussionspartner soll kaputt gemacht werden. Ganz einfach.

Deshalb konnte man damals mit Karin nicht diskutieren. Wie alle Dubedänzig-Schnurri war sie nicht interessiert an einem guten Gespräch, an einem wenigstens halbwegs interessanten Gedankenaustausch.

Und wie soll man sich verhalten?

Als beteiligter Gesprächspartner muss man sich zurückziehen. Im eigenen Interesse. Um nicht zu später Stunde mit wunden Nerven dazusitzen, sich ausgehöhlt und matt zu fühlen und sich nur noch nach seinem Bett zu sehnen.

Kennt man einen solchen Dubedänzig-Schnurri, dann sollte man sich von vorne herein schon nicht auf eine Diskussion mit ihm einlassen. Kann man ihm nicht ausweichen, dann am besten recht geben und stehen lassen.

Das Dubedänzig-Geschnurre lässt sich schon gleich am Anfang gut identifizieren. Da es sich nicht um direkte Absicht, sondern um Verhaltensmuster handelt, geht der Schnurri meist gleich zu Anfang in seine Erschöpfungstaktik über. Er ist also nicht schwer zu erkennen. Gleich zu Anfang kommen Aussagen, die die Fakten heftigst verdrehen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, die Stoff für neue Diskussionen enthalten.

Es ist also einfach, sich abzuseilen, wenn man sonst nichts zu tun hat mit dem Dubedänzig-Schnurri.

Schwieriger kann das werden, wenn man beispielsweise Betreiber eines Online-Forums ist. Denn Dubedänzig-Schnurri sind natürlich auch Brunnenvergifter. Da kann aus einem gepflegten Diskussionsforum ganz schnell ein abscheulicher Geschwafelort werden, von dem sich Publikum mit Niveau zurückzieht.

Da kann es Handlungsbedarf für den Betreiber geben… falls er an angemessenem Publikum und gutem Content interessiert ist.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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