Achim H. Pollert: Das Zensurmedium

Achim H. Pollert (*) über das öffentliche Fernsehen /// — ///

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Wir waren Jugendliche. Und wir spielten in einer Theatergruppe, nebenher, ein eigentlich linkes Theaterstück mit viel Klamauk und wenig politischem Ernst umgesetzt. Wir lachten viel. Die Zuschauer lachten viel. Wir waren in einer umrissenen Region auch ganz erfolgreich.

Mehrzweckhalle hier, Freilichtbühne dort, Schulhaus da.

Und weil wir so erfolgreich waren und eben regional auch schon ein bisschen bekannt, tauchte dann irgendwann ein Kamerateam vom Fernsehen auf. Die wollten einen Beitrag über uns bringen.

Toll!

Tatsächlich kamen die am Abend vorher in die Vorstellung, um sich das Stück anzuschauen. Da lachte sich das Publikum wieder Tränen und klopfte sich auf die Schenkel, am Ende unter tosendem Applaus.

Das filmten die vom Fernsehen nicht. Am nächsten Tag dann trommelten sie alle zusammen. Und da war dann der Autor, der Macher des Beitrags. Das war so ein kleiner, dicker Mittvierziger mit einem runden Mittelschullehrergesicht, zottigem Leninbärtchen um den Mund in grau und nikotingelb, kariertem Hemd, der dann von seinem Notizblock ablas, wie das nun über die Bühne gehen würde.

Vielleicht war er auch ein Mittfünziger – wir Jugendlichen konnten das nicht so recht einschätzen.

Jedenfalls begann der Mann vom Fernsehen, der da über eine jugendliche Theatergruppe berichten sollte, die einzelnen Szenen umzugestalten. Und zwar stellte er die neu zusammen, änderte die zu sprechenden Texte, die Aufstellungen und warf Figuren aus den Szenen, die er als störend empfand (… auch mich!).

Und so nahm das Kamerateam da zwei, drei Szenen auf, die dann mit etwas oberflächlichem Text zwei, drei Tage später in einem zweiminütigen Beitrag über die Bildschirme flackerte. Kein Klamauk. Keine lachenden Gesichter. Kein begeistert applaudierendes Publikum. Das hatte der Mittelschullehrer mit Dirk-Bach-Figur kurzerhand aus seinem Bericht entfernt und durch eigene – vielleicht im Stil der Zeit politisch korrekte – Kreationen ersetzt.

Das war meine erste Erfahrung mit dem öffentlichen Fernsehen.

DIE BILLETTSTEUER

Es war an die zehn Jahre später. Mein Stiefvater war zu der Zeit Chef des Billettsteuerbüros in Zürich.

Als der mich an meinem Arbeitsplatz anrief und mich fragte, ob ich nicht mit meinen Eltern zusammen als Zuschauer in die TV-Sendung „Zum doppelten Engel“ mitkommen wollte, wusste ich zunächst einmal nicht, was das überhaupt ist. Es war, wenn ich mich recht erinnere, zu einer Galasendung, in der Weihnachts/Neujahrszeit, und ich erfuhr dann, dass es so eine volkstümliche Unterhaltungssendung mit allerlei Einlagen von Ländler-Musikern und Massenkomikern handelte.

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Ich sollte doch bitte mitkommen. Als Behördenvertreter müsste er an dem Abend sowieso hin, und es wäre auch sehr erwünscht, dass er Begleitung mitbringe. Und so hätte er halt drei Karten.

Na ja, besser, als in dieser kalten Weihnachtszeit am Abend daheim herumlungern und sich den Kopf voll zu saufen, wäre so ein bunter Abend allemal. Auch wenn der Inhalt so einer Chilbi-Musik-Sendung vielleicht nicht ganz mein Fall wäre.

Also kamen wir, gepflegt gekleidet, nach Zürich-Seebach ins Fernsehgebäude.

Wir waren etwas zu früh und sassen wir noch in der Kantine dort, wo mein Stiefvater von einem geschäftigen TV-Menschen im Hemd erkannt und angesprochen wurde. Ach ja, seid ihr heute abend auch da… ja, dann macht mal…

… es wäre halt so, dass man drinnen im Studio von der Show selber nicht so sehr viel sehen würde. Zuerst hätten sie gedacht, man sollte vielleicht ein paar Monitore im Publikum aufstellen, damit die Zuschauer mehr sehen. Aber das hätte man dann doch wieder blöd ausgesehen, wenn die Leute alle so nach oben gaffen. Das hätte schliesslich draussen vor den Bildschirmen nicht mehr so richtig den Eindruck einer Gala-Veranstaltung erweckt.

In dem Augenblick, als der Herr das mit so einer gewissen Selbstverständlichkeit herausgab, fragte ich mich schon, ob ich hier eigentlich als Zuschauer oder als kostenloser Statist eingeladen war.

Kurz darauf hatte ich dann die Antwort. Das Ganze fand nicht statt in einem Festsaal, sondern in einem TV-Studio mit Betonboden, ein paar Billigkulissen für den Hintergrund, oben über den Köpfen viel Technik hängend, das randvoll mit Menschen war. Alles Leute, die da Zuschauer zu spielen hatten.

Was ich an diesem Abend sah, waren hunderte von sitzenden Menschen von hinten im Halbdunkel. Weit, weit vorne in der Halle spielte sich eine stark beleuchtete Show ab. Hin und wieder glitt die eine oder andere riesige Kamera auf Rollen vorbei, Leute rannten herum, um Kabel zu verräumen, Scheinwerfer einzustellen o.ä.

Eine eher herbe Schönheit namens Rosmarie Pfluger moderierte das Ganze. Aber man sah sie eben kaum, und ausserdem hörte man das nicht, was sie sagte. Selbst das eine Mal, als sie nur fünf Meter von mir entfernt in der Kulisse stand – und ich wohl auch im Hintergrund mit hundert anderen als Gast unscharf im Bild war -, blickte sie starr in eine Richtung – wo die Kamera stand -, hielt ihren Kopf schräg und pisperte aus verkniffenem Mund etwas in ihren Kragen – wo das Mikrofon war -, das man nicht hörte.

Die Showeinlagen selber – ein paar Ländler, Volksschauspieler u.s.w. – waren dafür im Voll-Playback. Man wusste also nicht, was da angesagt worden war. Man sah nicht, was sich weiter da vorne in der Halle abspielte. Und über die Lautsprecher kam recht laut vorher aufgezeichnete Musik. Als dann gemäss Steuerung die ausgelassene Heiterkeit im Doppelten Engel ihren Höhepunkt erreichte, sprangen Animateure in die Reihen, die die Anwesenden dazu brachten, aufzustehen und miteinander zu tanzen.

Tatsächlich: Man war nicht Zuschauer. Man war Gratis-Statist, der Zuschauer spielte.

Der Abend war insgesamt recht langweilig, dafür aber sehr aufschlussreich. Es war meine zweite Erfahrung mit dem öffentlichen Fernsehen.

DER FALSCHE DOKTOR

Es war an einem ruhigen Nachmittag. Ich sass in meinem Büro beim Schreiben (.. wie meistens). Unerwartet läutete das Telefon. Am Apparat war ein Redaktor der Schweizer Unterhaltungssendung „Aeschbacher“.

Es war die Zeit, als eine Reihe von deutschen Prominenten – namentlich Politiker – als falsche Doktoren u.ä. entlarvt wurde.

Dazu, also dass es da offenbar Leute gibt, die sich ihre akademischen Würden nicht selber erarbeiten, wollte die Sendung Aeschbacher etwas bringen. Und da hatte jemand gefunden, einen Ghostwriter wie mich einzuladen, wäre eine gute Idee. Damals jedenfalls noch…

Ich sagte zu, fühlte mich natürlich auch etwas gebauchpinselt. Damals jedenfalls noch…

Alles in Ordnung. Es folgte eine Bestätigung per Post, die Ueberweisung eines symbolischen Honorars.

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Dann stand in den Programmzeitschriften, dass ich in der Sendung zum Thema falscher Doktor, Ghostwriting u.ä. auftreten würde. In so einer Programmzeitschrift ist es dann wohl gewesen, wo meine vor inzwischen elf Jahren geschiedene Frau dies las. Diese Frau hatte in all den Jahren keine Ruhe gefunden und verfolgte mich mit immer neuen Aktionen. Strafanzeigen. Klagen. Zahlungsbefehle. Telefonanrufe. Persönliches Erscheinen. Und eben ehrverletztende Schreiben. Ich lebe seit langem schon wieder in ganz anderen Verhältnissen und bin froh, wenn ich nichts von ihr höre.

Und so hatte ich wieder einen Anruf von dem bewussten Herrn vom Schweizer Fernsehen. Sie hätten einen Brief bekommen, in dem stünde, ich wäre ein Erbschleicher. Worauf ich sagte, das wäre wohl ein Brief von meiner Ex-Frau, und recht entspannt die Situation erläuterte.

Der Herr war ratlos.

Und als ich seine Ratlosigkeit bemerkte, fragte ich ihn, ob es ihm denn lieber wäre, ich würde nicht an der Sendung teilnehmen. Daraufhin veränderte sich seine Stimmlage. Er hörte sich jetzt beinahe so an, als hätte er Schmerzen, Magendrücken oder dergleichen.

Nein, so weit wollte er wohl nicht gehen. Er würde noch einmal mit seiner Chefin reden. Immerhin ginge es um eine Live-Sendung. Und da wäre also nicht zu spassen.

Er würde also wieder anrufen und mir dann Bericht geben. Es wäre ja wahrscheinlich kein Problem.

Mir kam das sehr seltsam vor. Was hatte der Schmähbrief meiner lange zurückliegenden Ex-Frau mit meinen Fachauskünftigen zum Thema Ghostwriting zu tun? Zwei Dinge, die nicht das geringste miteinander zu tun haben. Wenn Horst Seehofer zu einer Diskussion über bayerische Politik ins Fernsehen eingeladen wird, was hätte das dann damit zu tun, dass seine Ex-Frau vielleicht meinen mag, sie hätte noch die eine oder andere Rechnung mit ihm offen?

Stalkende Ex-Partner gibt es reichlich. Was hätte das mit den fachlichen Aufgaben, besonders der Bedrohten und Geschädigten, zu tun?

Ich konnte mir diese Reaktion nicht erklären.

Nach einigen Tagen dann meldete sich der Herr von Schweizer Fernsehen wieder. Und wieder mit dieser schmerzgedrückten Stimme. Nein, er hätte diesen oder jenen Menschen nicht erreicht, und er könnte noch nichts sagen. Jetzt müsste er noch seine Chefin… und so weiter und so fort…

Es ist nun nicht so, dass ich ein Groupie wäre, dass da vor dem Eingang steht und in den hellsten Tönen johlt, dass es auch einmal ins Fernsehen kommt. Deshalb dachte ich mir da dann, dass ich den Leuten vom Fernsehen die Entscheidung ein wenig erleichtern würde. Ich teilte dem Herrn von der Redaktion kurzerhand mit, nachdem sie offenbar so grosse Schwierigkeiten hätten, ob sie mich nun einladen sollten oder nicht, dass ich somit meine Teilnahme absage, um ihnen die Entscheidung etwas einfacher zu machen.

Sollten sie doch noch daran interessiert sein, dass ich teilnehme, bitte ich um ein kleines Mail. Dann würde ich den Herrn von der Redaktion noch einmal anrufen, und wir könnten die Details vereinbaren. Ansonsten möge man mich bitte in Ruhe lassen.

Und tatsächlich folgte zügig ein Mail mit der Bitte um Rückruf.

Einigermassen überrascht bin ich dann allerdings gewesen, als ich die gequälte Stimme meines neuen Freundes wieder hörte, der mir erklärte, es wäre nun also doch so, dass ich lieber nicht teilnehmen sollte. Immerhin… eine Live-Sendung… wenn ich jetzt beispielsweise ein Psychopath wäre, dann würde morgen wieder in den Zeitungen stehen… wer weiss… wer weiss…

Ich fragte mich zu dem Zeitpunkt eigentlich nur noch, warum ich denn überhaupt noch einmal hatte anrufen sollen.

Und da rückte der Herr vom Schweizer Fernsehen dann mit seinem Anliegen heraus.

Ob ich das Ganze nicht ein wenig vertraulich behandeln könnte. Ich hätte schliesslich Beziehungen zu anderen Fernsehsendern, würde vielleicht auch vom einen oder anderen Fernsehmitarbeiter gelesen, wäre mit diesem oder jenem bekannt… und da wäre es so gar nicht gut für sein Image, wenn so etwas überall herumgeboten wird…

Nicht schlecht für einen potentiellen Psychopathen wie mich. Nicht wahr?

ZENSUR

Und in dem Augenblick wurde mir schlagartig klar, worum es sich dabei handelt.

Es handelt sich bei diesem Medium des öffentlichen Fernsehens um eine Erscheinung, deren einziges Ziel darin besteht, möglichst schön aussehend, möglichst reibungslos und möglichst ohne Zwischenfälle über die Runden zu kommen.

Mehr nicht.

Im Interesse dieses Ziels wird alles, was nicht so schön nach reibungslos aussieht oder auch nur ganz zart nach Zwischenfall schmeckt, möglichst rasch entfernt. Der „zufällig im Publikum“ zu einer Vorstellung angesprochene Zuschauer, wird nicht gezeigt, wenn er sich nicht positiv zu der In-House-Produktion äussert. Entfernt wird oft aber auch, wer nicht so schön aussieht, einen unschönen Pickel auf der unschönen Hakennase hat u.s.w. Am Schneidetisch, wo das Ganze ja auch auf die verfügbare Sendezeit gebracht werden muss, verschwinden die Dinge, die von den Scheidern als unschön, als störend, als unsympathisch und – vor allem! – als problematisch eingestuft werden.

Auf allem ist nach Möglichkeit der Deckel zu halten, was diesem Eigen-Image eines reibungslosen, zwischenfallsfreien, schönen und unkritisierten Mediums zuwider läuft. Dazu gehört, neben der „Schere im Kopf“ – wie bestimmte freiwillige Selbstzensur seit den 1970er Jahren genannt wird -, eben auch das Bemühen darum, dass sich nichts herumspricht. Zumal nicht in Journalisten- und TV-Kreisen.

Der Zuschauer allerdings wird unter dieser Vorgabe zum Momentan-Konsumenten, der das zu fressen hat, womit er gerade gefüttert wird. Nachträglich, auf dem Korrespondenzweg, unter Ausschluss der Oeffentlichkeit, genügen ein paar lauwarme Standardsprüche, um Unrichtigkeiten, Unkorrektheiten und dergleichen vom Tisch zu wischen.

Schlimm sind in diesem Milieu nicht Fehler, sachlich berechtigte Kritik, unangenehme Fragen von Einzelnen. Als schlimm wird vielmehr immer nur eingestuft, was öffentlich ins Bewusstsein tritt.

Und so wird die Live-Sendung zur besonderen Bedrohung. Denn die kann man nachher nicht schneiden und von Unschönem bereinigen. Da kann man auch Dinge nicht herausnehmen, von denen man befürchtet, sie führen vielleicht nachher zu Gegendarstellungen (weil man die dann auch wieder ausstrahlen müsste…)

Das fängt bei Tralala-Sendungen an, wo sich einer bei dem Blödinn, den er da anstellt, vor laufender Kamera den Hals bricht. Ein paar Umweltaktivisten, die mit Transparenten in die Unterhaltungssendung rennen, weil da der österreichische Bundeskanzler zu Gast ist – und man sieht nur, wie Sicherheitsleute die Demonstranten hinauszerren wollen.

Ganz schlecht!

Und noch viel schlechter natürlich dann, wenn das Fernsehen selber in Mitleidenschaft gezogen wird. So etwa, wenn eine Kirchenkritikerin als Gast in einer Talksendung lange und laut über den Papst schimpft, und hinterher gibt es eine Konzessionsbeschwerde gegen das Fernsehen, weil der Talkmaster sie nicht gestoppt hat.

An dieser vorgekauten schönen neuen Welt ist zunächst nichts auszusetzen. Jeder will möglichst gut dastehen, und jedem ist es überlassen, wofür und wie weit er sich jeweils aus dem Fenster lehnen will.

Problematisch an diesem Zensurmedium ist nur, dass es einerseits einen aus öffentlichen Mitteln finanzierten Informationsauftrag hat – und somit nicht gehalten ist, die Welt wie in einem kommerziellen Reiseprospekt darzustellen. Und andererseits wäre es auch fair, der Oeffentlichkeit nicht gar so sehr mit dieser ganz speziellen reklamehaften „Wir-sind-Weltmeister“-Mentalität gegenüberzutreten.

UND WEITER?

Was weiter?

Ach so! Meine Ex…

… die wurde einige Zeit danach dann wegen übler Nachrede rechtskräftig verurteilt.

E-Mail-Kontakt mit Achim H. Pollert:

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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