Achim H. Pollert: Ist Schwulsein schwer?

Achim H. Pollert (*) über eine anhaltende Debatte /// — ///

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Ich räume es natürlich ein.

In den Verhältnissen, in denen ich aufgewachsen bin, war es ein ausgesprochenes Verbrechen, homosexuell zu sein. Und zwar konkret als Mann. Lesbische Frauen waren ja nie sonderlich von Strafe bedroht, ohne dass man das irgendwie nachvollziehbar erklären könnte. Lange ging man ja wohl auch davon aus, dass Frauen ohnehin am Sexuellen nicht so recht die Freude hätten, und so sah man es vielleicht als egal an, was Frauen auf diesem Gebiet so treiben.

Wie auch immer. Wo ich Umgang hatte, hatte man mit Honosexuellen durchaus Probleme. In den Augen jener Menschen aus meiner Mitwelt war es in Ordnung, Schwule zu beschimpfen, zu bestrafen, zu verhauen… immerhin, so das Gerede, waren sie selber schuld an ihrem Missgeschick.

Und natürlich muss ich auch gestehen, dass ich selber Jahre brauchte, um mich aus diesem gedanklichen Formenkreis zu befreien. Dass es nicht in Ordnung ist, wenn der Staat – wie in vielen Ländern noch bis in die 1970er Jahre – Dinge unter Strafe stellt, die Erwachsene bei sich daheim untereinander machen, das war mir recht früh klar. Dass homosexuelle Männer in Gefängnisse gesperrt wurden, ist eine der grossen Schweinereien, die sich die Obrigkeitsstaaten Europas im 20. Jahrhundert noch ausgiebig geleistet haben.

Aber auch wenn ich dieses Strafgesetz schon lange abgelehnt habe, so hatte ich doch so die eine oder andere Meinung über Schwule, von der ich mich im Lauf der Jahre innerlich verabschieden musste. Dinge wie, dass es sich dabei um eine Charakterstörung oder Krankheit handelt, die durch entsprechende Intervention vom Psychologen geheilt werden könnte (immerhin ein Ansatz, dem sogar Urvater Freud nicht ganz fern war).

Verabschieden musste ich mich auch von der Vorstellung, Homosexuelle wären alle so süssliche Schwuchteln, die Probleme mit ihrer Geschlechtsidentität haben und die keinen richtig harten Männerjob machen.

Als ich dann einmal in England einem schwulen Paar zuhörte, das deftige Witze über einen alten Mann und seine junge Freundin machte, musste ich mich auch von der Vorstellung verabschieden, Homosexuelle wären irgendwie bessere Menschen, die auf Grund ihrer persönlichen Erfahrung nicht über die Sexualität der anderen primitive Witze machen.

Und natürlich fand ich es in den 1980er Jahren auch zunächst einmal komisch, als die ersten zaghaften Forderungen nach der Homo-Ehe geäussert wurden.

FRANZOSEN GEGEN SCHWULENEHE

Bei alledem – obwohl ich in meinem Denken Vorbehalte beseitigen musste – habe ich selber nie das Bedürfnis gehabt, nun besonders gegen Homosexuelle vorzugehen. Weder als Privatmensch durch Beschimpfen oder gar Tätlichkeit, noch als politischer Befürworter hätte ich nun Homosexuelle sonderlich belasten wollen.

Um so mehr erstaunt es mich, dass derzeit in Frankreich gegen die Homo-Ehe so heftig demonstriert wird.

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Mal ganz ehrlich: Ist man nicht schon erstaunt zu hören, dass es die Homo-Ehe in Frankreich nicht schon seit vielen Jahren gegeben hat? Gerade in Frankreich, wo das „Leben-und-leben-lassen“ irgendwie doch mit zum nationalen Charakter, wenn nicht gar zum Bindeglied all der unterschiedlichen Regionen des Landes gehört. Gerade auch die Unterteilung in „rechts“ und „links“, die in Frankreich ja sehr ausgeprägt zu beobachten ist, scheint auf diesem Gebiet so gar nicht zu greifen. Dass der Mensch frei sei und sein Leben gestalten kann wie er will, das ist besonders in Frankreich ein überparteilicher Grundsatz. Schon immer gewesen.

Und ausgerechnet dort formiert sich erbitterter Widerstand gegen die zivilrechtliche Gleichstellung Homosexueller.

Demonstrationen. Sit-ins. Massenhafte Empörung.

Sind das denn wirklich meine lieben Franzosen, wie ich sie kenne? Die netten Menschen, deren Gesellschaft stark davon geprägt ist, den anderen ihre Freiheit zu lassen und zu gönnen. Irgendwie passt so etwas doch viel besser in die gut katholische Hinterwelt, wo der Wind von Freiheit und Menschenwürde irgendwie nie zu wehen begonnen hat.

Aber es ist ja nicht selten so, dass man gerade von den Menschen überrascht wird, von denen man dergleichen am wenigsten erwartet hätte.

Natürlich wird die Empörung nichts ändern.

Das Gesetz zur Homo-Ehe wird kommen, und in Frankreich gibt wohl keine verfassungsmässige Handhabe mehr, um das zu verhindern.

An den empörten Protesten ändert das aber nichts.

Irgendwie seltsam…

Was veranlasst die Menschen dazu, so verbissen an der Ablehnung einer Sache festzuhalten, die sie in aller Regel ganz persönlich überhaupt nicht betrifft?

Inzwischen, so hört man, sind die Fronten im Nachbarland sehr verhärtet. „Homophobie“ ist zum politischen Schlagwort geworden. Und so beginnen viele Aussagen von Gegnern dann auch mit der Floskel: „Ich bin zwar nicht homophob, aber…“

Vielleicht liegt hier ja auch die Erklärung für die Verbissenheit der Gegnerschaft.

„SIND SIE SCHWUL?“

Mir ist im Rahmen der Debatte über die Jahrzehnte schon immer etwas ganz anderes aufgefallen.

Da wurde einmal – irgendwo westlich von Zürich, in Schlieren, Spreitenbach, Dietikon – auf dem Bahnhof ein Journalist von einem Amokläufer zusammengeschlagen. Es muss 20 Jahre her sein. Der Journalist hatte einen Ohrring im Ohrläppchen, was damals vielleicht noch etwas aussergewöhnlich war. Ob das der Anlass für das Vorkommnis war, ist nicht so recht bekannt. Offenbar sah es mehr so aus, als wäre da jemand ausgerastet und habe sich den Erstbesten gepackt, um ihn zu maltraitieren. Und der Amokläufer plärrte wohl immer „Du schwule Sau!“

Die Geschichte sorgte damals für Wirbel wegen der heftigen Gewalttätigkeit. Aber anders als seither, wo auf der einen oder anderen Bahnstation auch mal wieder jemand tot geschlagen wurde, kam der Journalist damals mit einigen Schrammen und Prellungen davon.

Der Mann trat dann hinterher in einer TV-Sendung auf, um von dieser traumatischen Erfahrung zu berichten. Wie er da plötzlich von hinten niedergeschlagen wurde mit dem Ausruf „schwule Sau“, wie ihm dann ein Passant geholfen hätte und so weiter…

Und dann hielt das Verbrechensopfer es aber doch für nötig, in einem Nebensatz darauf hinzuweisen. Er könnte sich eben gar nicht erklären, wieso der Mann auf ihn losgegangen wäre. Wenn es wenigstens noch stimmen würde. Die Schwulen hätten ja, wenn überhaupt, schliesslich den Ring im anderen Ohr…

„Ich bin NICHT schwul!“

Diese Botschaft anzubringen, war ihm sehr wichtig. Und tatsächlich ist das ja ein durchgängiges Phänomen. Wenn ein Mann gefragt wird „Sind Sie schwul“, dann ist deutlich die Verfinsterung des Blicks, allenfalls gar ein merkliches Zusammenzucken zu beobachten.

Ein homosexueller Autor schreibt ein neues Buch, das im Fernsehen besprochen wird. Der Moderator geht sehr wohlmeinend und mit viel Sympathie auf seinen Gast zu, erörtert die verschiedenen Aspekte des neuen Werks, die besondere Situation der Homosexuellen. Aber man kann sich darauf verlassen, dass der Moderator, irgendwann im Gespräch, so ganz beiläufig im Nebensatz, natürlich anbringen muss, dass er selber nicht schwul ist.

Da kommen dann im Kulturjournal so Worthülsen wie „Ich als Hetero kann das selbstverständlich nicht voll und ganz nachempfinden“ oder „Es bleibt natürlich immer eine Spur von Fremdheit gegenüber dieser so ganz anderen Erotik“… schön aufgeblasene klugscheisserische Wendungen… aber eigentlich möchte so ein Moderator sich dann doch immer am liebsten mitten ins Studio stellen, die Hände links und rechts an die Lippen legen und ganz laut und deutlich hinausplärren: „ICH bin auf jeden Fall NICHT schwul!“

Aber in einer Kultursendung geht das natürlich nicht. Nicht nur würde das komisch aussehen. Es würde ja auch das liberale und verständnisvolle Image eines Kulturmoderators ruinieren.

Also kommt die schön verklausulierte Formel. „Ich habe mir von dem lieben Kollegen damals viel erzählen lassen über diese ganz andere Art der Erotik…“ – „Ich bin seit vielen Jahren glücklich verheiratet.“ – „Natürlich habe ich auch Verständnis für Ihr Anliegen als Homosexueller…“ und so weiter

Der Spruch kommt mit einiger Sicherheit.

Und vielleicht ist das schon der ganze Hintergrund…

Vielleicht wollen die Menschen einfach nicht im Verdacht stehen, schwul zu sein. Vielleicht sind sie zu sehr geprägt von der Verdammung der homosexuellen Männer in der christlichen Tradition. Immerhin steht das Verbot des Schwulseins ja klar zu lesen in der Bibel. Man mag sagen, solche Verbote kommen von zu viel schlechtem Schnaps – etwa wie auch, wenn man die göttliche Stimme hört, Tote auferstehen sieht und Engel sieht, wie sie ins Himmelreich auffahren.

Nichtsdestoweniger haben diese Schnapsvisionen die Tradition des Denken und Handelns in Europa nachhaltig beeinflusst.

Und so will halt niemand schwul sein.

Und auch nicht für schwul gehalten werden.

Und allzu viele Männer sind allzu gerne bereit, das dann auch zu beweisen. Als wir Jugendliche waren, da gab es die Mädchen, die, wenn man sich nicht für sie interessierte, gerne fragten: „Bist du schwul?“ Vielfach genügt das, um den Jungen dazu zu motivieren, sofort das Gegenteil davon zu beweisen.

Denn schwul zu sein, das ist offenbar zu schwer. Und für schwul gehalten zu werden, das ist offenbar für gar zu viele Männer unerträglich… jetzt wie einst…

… und wenn dann eben gerade kein Mädchen in der Nähe sitzt, das den Beweis direkt anfordert, dann ist es ja vielleicht auch ein ganz guter Beweis dafür, dass man selber nicht schwul ist, wenn man möglichst heftig und empört und möglichst öffentlich gegen alles Homosexuelle demonstriert.

Wer weiss…

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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