Achim H. Pollert: Matt in zwei Zügen

Achim H. Pollert (*) über die Verselbständigung von Ideen und die künstliche Intelligenz /// — ///

Kontakt zum Ghostwriter: http://www.pinwand.ch/Ghostwriting-148719.aspx

Ich fand Schach damals hohl und langweilig.

Weil ich aber ein Kind war, traute ich mich nicht so recht, das zu sagen. Schach, so hiess es nämlich, war DER Beweis für Intelligenz. Man kannte ein paar Schach-Grossmeister mit Namen. Fischer, Spasky, Kasparov… und dass die die einzigartigen Genies waren, daran war kein Zweifel.

In den Denksportecken der Rätselheftli gab es diese schematischen Bilder mit Figuren auf dem schwarz-weissen Brett und Bildunterschriften: „… weiss ist am Zug, und weiss ist Matt in zwei Zügen…“. Und es gab überall Menschen, die sich dafür begeisterten. So wie für Fussball oder später dann auch für den Rubick’s Cube (… schon wieder zwei so langweilige Hohlheiten…)

In jeder Studentenwirtschaft konnte man sich ein Schachspiel geben lassen, und überall sass man zwei rauschebärtige junge Männer beim Bechern gebeugt über die reichlich abgegriffenen Holzfiguren auf dem zusammenrollbaren Spielfeld.

Schach… das ist das Geniale im Menschen. Der gute Schachspieler überragt alle. Die guten Strategen mussten selbstverständlich auch gute Schachspieler gewesen sein. Alexander der Grosse, Caesar, Wallenstein, Friedrich der Grosse, Napoleon… An all dem gab es nicht den geringsten Zweifel.

Schach, das war das Synonym für Intelligenz! Für die Sonderstellung des Menschen in der Evolution! Ein untrügliches Zeichen für Hochbegabung!

In der Schule gab es allerlei rund um das Schachspiel, das gelesen werden musste. Ganz zu Anfang zu nennen die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig, möglicherweise Auslöser dieses ganzen Fiebers rund um die putzigen Figürlein. Dass Zweig selber kein guter Schachspieler war, wurde dabei eher diskret behandelt.

Im „Tatort“ flog der verdeckte Ermittler auf, weil er behauptet hatte, er hätte mit dem hoch verehrten genialen Ermordeten Schach gespielt, und es war offensichtlich, dass er zu schlecht spielte, um mit dem Opfer gespielt zu haben. Am Ende der TV-Magazine kamen kleine animierte Filmchen, in denen ein paar Züge einer Partie dargestellt wurden.

Wer immer etwas auf sich hielt und seinen intellektuellen Status unterstreichen wollte, erwähnte zumindest beiläufig, dass er Schach spiele und zumindest ein leidlich guter Spieler wäre. In frühen Jugendjahren schon wurde man an das Spiel herangeführt, immer das vermeintliche Kindeswohl im Auge. Und wo immer zwei im Wirtshaus oder im öffentlichen Park einander gegenübersassen, sammelte sich eine Schar von interessierten Beobachtern drumherum, die dann den Vorgang zum Teil auch kommentierte.

… und da sollte ich Würstli, der ich in der Schule meist nur mässige bis lausige Noten vollbrachte, besonders in Mathematik und Physik, der ich primitive Comic-Heftli und Billig-Science-Fiction las, erklären, ich hielte dieses anerkannte Mass der Genialität für hohl?

Langweilige Zeitverschwendung… ?

Dieser allgemeine Glaube an Schach, das war so eine Vorstellung, die sich damals irgendwie verselbständigt hatte und die sich niemand mehr in Frage zu stellen traute.

Ueberlassen Sie Ihre Texte nicht dem Zufall…

http://www.pinwand.ch/Ghostwriting-148719.aspx

http://texteservice.bplaced.net

Lächerlich, beinahe schon peinlich, war etwa die feste Ueberzeugung während der 60er und 70er Jahre, würde man erst einmal einen Computer bauen, der so Schach spielen kann wie ein Mensch, dann wäre das ganz selbstverständlich der Durchbruch zur künstlichen Intelligenz. Zugleich waren viele Menschen aber auch fest davon überzeugt, das würde natürlich nie gelingen.

Die denkerischen Vorgänge um die menschliche Intelligenz wären viel zu komplex, als dass man sie je in einem Computer würde nachbilden können. Und folglich würde es eben auch nie einen Computer geben, der so Schach spielen kann wie ein Mensch.

DIE KUENSTLICHE INTELLIGENZ

Das war alles so ganz, ganz sicheres Wissen.

Und stand manchmal daneben und kam mir ganz klein und hässlich vor mit meiner Langeweile rund um das Verschieben von Holzfigürchen auf einem Schachfeld. Ich hatte mir dann schon noch zurechtgelegt, dass es zur Intelligenz noch so eine Komponente wie Charakter und Persönlichkeit braucht, und dass es schwierig sein dürfte, das elektronisch nachzubilden… schwieriger als Schach zu spielen…

Aber wer war ich denn schon?

Es gab natürlich auch Hoffnung.

Wenn ich etwa irgendwo – nicht mehr im Comic und bei Star Trek – las, dass die guten Strategen nicht notwendigerweise gute Schachspieler, sondern eher etwa gute Pokerspieler wären, dann konnte ich das viel eher nachvollziehen als diese Aussagen über Schach & Co. Bluff, die anderen über die eigenen Fähigkeiten im unklaren lassen, sie glauben zu lassen, sie wären einem an Kräften weit überlegen, sie auszumanövrieren, mal schneller mal langsamer zu reagieren… das erscheint mir als viel plausibler für einen guten Strategen als das Schachspiel.

Hoffnung gab es auch, wenn ich bei Walter Kempowski las, Schach wäre kein Zeichen für gesteigerte Intelligenz, sondern eine Sonderbegabung.

Hoffnung gab es wohl auch, dass ich vielleicht auch einmal ein Spielchen gewann gegen selbsterklärte versierte Schachspieler, obwohl ich so gut wie keine Uebung hatte.

Für mich entwickelte ich also so nach und nach die Ueberzeugung, dass das wohl nicht hinhauen würde, dass ein Computer, der gut Schach spielte, automatisch im gleichen Schritt auch die intelligente Maschine wäre. Wohl kaum.

Und wie bei so vielen Dingen musste ich lange Jahre mit dem Gedanken leben, dass ich es anders sehe als die meisten Menschen.

Der Schach-Zirkus entlud sich dann gleichsam wie ein gewaltiger Furz im Jahre 1996, als der IBM Computer Deep Blue eine Anzahl von Spielen gegen den Schach-Grossmeister Garry Kasparov gewann.

Spätestens da war es dann vorbei mit den Gedanken rund um die grosse überragende Intelligenz, die mit dem Schachspiel angeblich verbunden war. Aus dem aufgeblasenen Mythos entwich alle heisse Luft.

Schachkünste bestehen in der relativ banalen Fähigkeit, die Folgen einzelner Zugvarianten nacheinander durchzurechnen und dann entsprechend zu ziehen. Möglicherweise braucht es dafür die eine oder andere Autisten-Fähigkeit, wie man sie aus einschlägigen Klischees kennt. Möglicherweise braucht es dafür die Abwesenheit von Emotionalität (sprich etwas Kaltblütigkeit).

Intelligenz braucht es dafür jedenfalls nicht.

Weder der damalige Superrechner Deep Blue noch heutige gängige Schach-Software, die einen Grossmeister besiegen können, sind intelligent.

Das kam alles zu spät für mich. Denn ich hatte meine Meinung schliesslich schon lange gefasst. Es kam tatsächlich so spät, dass ich das Nachfolgende nicht einmal mehr mit Genugtuung sagen kann…

Wie es um die Intelligenz von ausgewiesenen Schach-Grossmeistern bestellt ist, mag dagegen jeder für sich entscheiden, etwa angesichts der Tatsache, dass Garry Kasparov seinerzeit offenbar so fassungslos war und so erfüllt vom gängigen Glauben, dass nur die menschliche Intelligenz überragend Schach spielen kann, dass er damals den Deep-Blue-Hersteller IBM des Betrugs bezichtigte, wonach wesentliche Teile der verlorenen Spiele nicht von der Maschine sondern heimlich von menschlichen Spielern getätigt worden wären… wahrscheinlich von anderen Grossmeistern…

FASZINATION MISSVERSTAENDNIS

Schach und Intelligenz. Schach und Strategie. Schach und Maschinisierung.

Es war alles ein grosses Missverständnis. Ein gewaltiger Irrtum, der sich verselbständigt hatte. Wie so viele feste Ueberzeugungen im Lauf der Zeit. Sie gehen von Mund zu Mund, werden gedruckt und abgeschrieben, werden von immer neuen Beobachtungen bestätigt, werden in Prognosen eingebaut und wieder neu aufgelegt.

Drumherum eine Masse von Menschen, die mit ernsthaftem Gesichtsausdruck bedächtig nickt und mit dem Finger auf die immer neuen Bestätigungen des allgemein anerkannten „gesicherten Wissens“ zeigt. So umfassend und so offensichtlich, dass Zweifler kaum den Mumm haben, selber zu ihren Ueberlegungen zu stehen, geschweige denn ihre Zweifel öffentlich zu äussern.

So wie ich. Als Kind.

Erst im Rückblick sind sich dann alle darüber im klaren, wie unsinnig doch diese Annahme gewesen ist.

Was aber ist eigentlich die Faszination gerade des Gedankens, Schachkünste wären Ausdruck und Abbild der menschlichen Intelligenz? Der Gedanke ist schliesslich so absurd wie die Annahme, die Erde stünde im Zentrum der Welt und alles andere würde sich um drehen.

Möglicherweise ist die Faszination beim Schach einfach nur der Umstand, dass es sich um ein Set von starren Regeln handelt. Einen Katalog von klaren Möglichkeiten, wo man genau weiss, woran man sich zu halten hat. Ein geschlossenes System vom Aeusserlichkeiten, das vergleichsweise einfach zu erfassen ist. Ein Anforderungsprofil von Fähigkeiten, die ohne weiteres nachgestellt werden können und bei denen man sich um das Wesentliche, das schwer Fassbare, das nicht Offensichtliche am einfachsten drücken kann.

Wer weiss… vielleicht hat das so viele Menschen in ihrem Glauben bestätigt, die Aeusserlichkeit Schach wäre dasselbe wie der Substanzgehalt Intelligenz…

Ob dieses Verhältnis zwischen Aeusserlichkeit und Substanzgehalt wohl noch für andere Bereiche gilt? Schulabschluss und Wissen? Wohlstand und Zufriedenheit? Biologische Herkunft und Identität? Und so weiter.

Eine Gesellschaft, die diesen Zusammenhang nicht erkennt und berücksichtigt, ist möglicherweise bald schon matt. Vielleicht schon in zwei Zügen.

Kontakt zu Achim H. Pollert:

http://texteservice.bplaced.net

Ghostwriter Ghostwriting akademisch Ghostwriting Ghostwriter Ghostwriting Diplomarbeit Ghostwriter Ghostwriting zuverlässig Ghostwriter Ghostwriting preiswert Ghostwriter Ghostwriting diskret Ghostwriter Ghostwriting Master 

Advertisements

Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
Dieser Beitrag wurde unter Eine kleine Denkschule, Laiengedanken zur Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Achim H. Pollert: Matt in zwei Zügen

  1. Pingback: Achim H. Pollert: Die drei Stufen der Rechthaberei | Texte von Achim H. Pollert

Kommentare sind geschlossen.