Achim H. Pollert: Geprägt, den Lumpen zu gefallen

ACHIM H. POLLERT: GEPRÄGT, DEN LUMPEN ZU GEFALLEN

Achim H. Pollert (*) über die Unerklärlichkeit des eigenen Tuns /// — ///

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Sicher.

Man war jünger. Man hatte noch nicht alles gesehen, was man wissen muss. Man war noch nicht allen begegnet, die einem als Beispiel dienen. Man glaubte noch, die Welt würde untergehen, falls einem die Stelle gekündigt wurde. Man glaubte noch, man brauchte all das Geld, um seinen Lebenswandel zu bestreiten.

Aber baff war ich damals schon.

Die beiden Kadergestalten waren so verraucht morgens in der Cafeteria gehockt, womöglich noch angedonnert vom übermässigen Alkoholgenuss des Vorabends, und hatten so vor sich hin geschwafelt, wie mehr oder weniger leitende Angestellte das so zu tun pflegen. Beide rechte Primitivlinge, wenn auch vielleicht nicht so richtig bösartig – was es in der Angestelltenwelt ja auch zuhauf gibt.

Und so kam dann das Gespräch darauf, dass der eine gerade von einer Geschäftsreise aus Luxembourg zurück gekommen war und jetzt noch so viele Kontaktberichte getippt haben müsste. Daraufhin sagte der andere, mein Vorgesetzter, mit dem Schreiben hätte er ja gar keine Probleme mehr. Dafür hätte er den Pollert. In dem Gespräch verwischten sich dann noch die Grenzen zwischen Schreiben und Abtippen.

Und dann stand mein Abteilungsleiter, so ein kleiner Mann mit nikotingebräunter Haut und weissem Haar, der oft nicht so recht die Zusammenhänge verstand, bei mir im Büro und erklärte mir, ich hätte dann noch die Kontaktberichte für den Walter zu schreiben. Zwar war ich nicht zum Tippen angestellt. Zwar ging mich die Abteilung von Walter nichts an. Zwar war mein Vorgesetzter selber in der Riesenbude auch nur angestellt und bezahlte somit mein Gehalt nicht aus seiner Tasche.

Aber er hatte mich für die Arbeit des Abtippens von handschriftlichen Notizen an einen seiner Kaffeehauskollegen „verliehen“, wohl weil der zu faul war, um das selber zu machen, ansonsten ohne jeden ersichtlichen vertretbaren Grund.

Im ersten Augenblick glaubte ich nicht, dass das jetzt passiert.

Während langer Jahre habe ich mich dann aber etwas anderes gefragt. Gefragt habe ich mich, warum ich mir das habe gefallen lassen. Anstatt ihn nämlich – im günstigsten Fall – zu fragen, ob er sie noch alle hätte oder ob er deswegen in Behandlung wäre, oder die vollgekritzelten Blätter von Walter durch den nächsten Shredder zu schieben und nichts mehr von mir hören zu lassen, habe ich das damals gemacht.

Ich habe damals wie eine Bürohilfe das Zeug von Walter abgetippt, seine Korrekturen entgegengenommen und es noch einmal abgetippt, damit er es dann seinerseits seinem Chef abgeben konnte. Walter war mir sogar dankbar. Er wollte mich zu etwas ganz Besonderem einladen, und als mich dann in ein Cabaret mit afrikanischen Prostituierten in der Zürcher Altstand führte, hatte ich die Bestätigung dafür, was für ein Primitivling er war.

Mein Chef, der mich verliehen hatte zu dieser Hilfsarbeit, war von diesem Tage an trotzdem als Mensch für mich nicht untendurch. Obwohl er ein ganz primitiver Hund war, bei dem man aufpassen musste. Wer weiss… wenn ihm der Chefkoch der Betriebskantine einmal erzählen würde, die Teller würden nicht mehr so richtig sauber in der Abwaschmaschine…

Obwohl der Typ sich als Sympathieträger spätestens hier disqualifiziert hatte, bin ich jahrelang noch mit ihm verkehrt. Auch als ich schon lange nicht mehr dort arbeitete, traf ich mich immer mal wieder mit ihm, rief bei ihm an, um zu fragen, wie es ihm geht. Ich gab ihm Ratschläge, wenn er in seinem Job vor einem grösseren Problem stand, als ein paar Notizen abtippen zu müssen.

So als wären wir Freunde. Selbst nachdem ich ein paarmal am Telefon abgewürgt würde, er habe etwas Wichtiges vor und könnte jetzt nicht – wobei es sich um ein Fussballspiel im Fernsehen handelte.

Wie gesagt: In dem Augenblick damals war ich baff. Nicht nur, weil das überhaupt passierte, sondern auch, weil ich das widerspruchslos machte. Später dann blieb diese Unverständnis meinem eigenen Handeln gegenüber.

VERHALTENSMUSTER

Je mehr ich das allerdings unter die Lupe nahm, desto mehr fiel mir auf, dass ich das schon häufiger in meinem Leben gemacht hatte. Immer wieder hatte ich mir von unwürdigen Menschen Dinge gefallen lassen und war danach immer noch bereit, mich mit ihnen zu arrangieren – obwohl ich sie eigentlich verachtete.

Von Lehrern in der Schule. Ueber allerlei Vorgesetzte und Arbeitskollege. Bis hin zu Liebespartnerinnen.

Ich liess mir Dinge gefallen, igelte mich ein in meine Verachtung und machte aber irgendwie weiter, als wären das lauter nette, respektable, liebenswerte Menschen.

Das war in der Tat ein Verhaltensmuster von mir.

Den wirklich lieben, netten, respektablen Menschen konnte es schon eher passieren, dass ich einmal ruppig wurde mit ihnen, oder dass ich nichts mehr von mir hören liess, so dass der Kontakt abriss. Aber die Arschlöcher, die Charakterlumpen, die Abstauber, die gemeinen Hunde (… und „-innen“) wurden von mir gehegt und gepflegt, und es dauerte viele Jahre, bis ich solche „Freundschaften“ beendete.

In einem Fall war es sogar so, dass der Betreffende an einem Infarkt verstarb, bevor ich meine Entwicklung vollendet hatte. Ich gab damals einen horrenden Betrag für einen Linienflug von Nordfrankreich nach Genf, um an dessen Beerdigung teilzunehmen. An dem Begräbnis musste ich dann feststellen, dass mein lieber Freund die lange Liste von Verarschungen und Demütigungen, die er mit hatte zuteil werden lassen, fortgeführt hatte, indem er seinen anderen – seinen wahren – Kollegen nie auch nur mit einem Wort erwähnt hatte, dass er mit mir befreundet gewesen wäre.

Wer weiss: Vielleicht war das ein erstes Erlebnis, das mir damals den Weg wies.

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Es geht hier darum, dass ich lange nicht verstehen konnte, warum ich das getan habe. Warum habe ich mir das gefallen lassen? Von den übelsten Charakterlumpen. Immer und immer wieder. Und warum habe ich hinterher weiterhin den Kontakt zu denen gesucht, so als wären sie die liebsten Freunde?

Ein gutmütiger Dubel…

PRÄGUNG

Verstanden habe ich es dann irgendwann doch.

Das Geheimnis hinter dem Ganzen heisst Prägung. Dieser Begriff aus der Psychologie geht weiter als die reine Erziehung. Bei der Erziehung wird einem – im Idealfall – etwas vorgelebt. Bei der Prägung ist es eher so, dass man mit der Zeit an bestimmte Zustände gewöhnt wird.

Erzogen, beispielsweise, wird man dazu, dass man unter vier Augen über Dritte schimpft, während man denen gegenüber aber durchaus Freundlichkeit heuchelt. Geprägt wird man eher dazu, es völlig normal zu finden, sich nach aussen unaufrichtig zu verhalten und bei sich daheim ordentlich den Kropf zu leeren.

Das überschneidet sich, wie aus diesem Beispiel hervorgeht.

Ich persönlich jedenfalls wurde von klein auf daran gewöhnt, Arschlöchern gefallen zu wollen und mich mit Arschlöchern zu arrangieren, besonders wenn die so richtig ihren miesen Charakter an den Tag legten. Von klein auf war ich daran gewöhnt worden, es als normal anzusehen, jede Gemeinheit hinzunehmen und mich trotzdem mit dem betreffenden Menschen zu arrangieren.

Oft der Not gehorchend.

Was sollte man als Kind tun gegenüber einem Lehrer, der einem – und vielen anderen – gemein kam? Was sollte man tun, wenn Eltern sich argumentatorisch auf die Seite dieses Lehrers schlugen, wenn andere Erwachsene einen aufforderten, man müsste eben schauen, dass man über die Runden kommt?

Man brauchte schliesslich alle diese Erwachsenen und musste sich mit ihnen arrangieren, sich immer noch um ihre Gunst bemühen – egal, was die mit einem so anstellten.

Wie gesagt: Man wurde nach und nach darauf geprägt, dergleichen als normal anzusehen. Die diversen Tobsuchtsanfälle von Lebensgefährtinnen über sich ergehen zu lassen, sich dadurch eher noch näher hingezogen zu fühlen, anstatt sich zu trennen. Sich von Vorgesetzten belügen und betrügen zu lassen, und dann noch den freundschaftlichen Kontakt zu ihnen zu suchen.

Das alles als normales, erstrebenswertes Verhalten anzusehen, sich von Menschen, die sich so verhalten, nicht zu distanzieren, sondern eher noch verstärkt auf sie zuzugehen. Sie zu beschwichtigen. Zu versuchen, das Menschliche in ihnen zu sehen. Ihnen gefallen zu wollen.

Prägung. Eigentlich ganz einfach. Die Prägung ist es, die dafür sorgt, dass Menschen sich immer wieder gleich – widersinnig – verhalten.

Etwa die Frau, die von ihrem gewalttätigen Mann verdroschen wird und ihn nicht nur nicht anzeigt, sondern in Schutz nimmt… und dreimal hintereinander ist immer wieder bei einem Schläger hängen geblieben. Oder der Mann, der nur noch damit beschäftigt ist, den Mist auszubügeln, den seine saufende Frau angestellt hat. Auch er: Immer wieder ist er bei so einer Alkoholiker-Existenz hängen geblieben.

Und so weiter.

Prägung sorgt dafür, dass wir die Dinge des Lebens in einer bestimmten Weise als normal und erstrebenswert anschauen – und eben genau diesen Zustand suchen, auch wenn er für uns gar nicht günstig und in Ordnung ist.

Prägung macht uns zu Tätern und – viel schlimmer – zu Opfern.

Prägung lässt uns das Maul halten oder herumplärren. Prägung lässt uns zwanghaft Prozesse führen oder auf unsere Rechte komplett verzichten.

HOFFNUNG

Natürlich können wir da heraus. Der Mensch ist von Natur aus vernunftbegabt und ist in der Lage, dieses Korsett der Prägung auszuziehen.

Es gibt Hoffnung.

Sie liegt einzig und alleine darin, dass man sich selber zu erkennen versucht. Wo hat man sich unerklärlich verhalten? Wo hat man etwas getan, das man nicht wollte, und ist darüber hinweggegangen, ohne sich um die Folgen zu kümmern? Wo ist etwas passiert, das immer wieder so passiert, ohne dass man sich so recht erklären könnte, warum.

Wer nicht erkennt, worauf er persönlich geprägt ist, wird allerdings den Schritt aus diesem Zwang der Prägung nie schaffen.

In meinem Leben jedenfalls ist seit langem kein Platz mehr für charakterliche Mieslinge – sehr sie mir menschlich vielleicht auch leid tun mögen.

Ein Ghostwriter für Ihre Ihre Texte…

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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