Achim H. Pollert: Nachplapperer

Achim H. Pollert (*) über das Halbe an der Bildung /// — ///

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Haben Sie Knigge gelesen?

Wahrscheinlich nicht.

Meine Mutter wollte damals, dass aus mir ein besserer Herr werden sollte. Und weil so ein besserer Herr sich stilsicher auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegen kann, schenkte sie mir einst – nachdem ich nicht einmal in der Tanzschule gegangen war – das bewusste Buch von Adolph von Knigge „Über den Umgang mit Menschen“.

Dort sollte ich dann nachlesen können, dass man – beispielsweise – den Krawattenknopf zurechtrückt, den Blazer zuknöpft, bei der Veranstaltung an den Tisch der Angebeteten tritt, stramm steht, zunächst deren Vater anredet mit einem Spruch wie: „Ich heisse Adolph von Knigge. Darf ich mir erlauben, das geschätzte Fräulein Tochter zu einem Tanz aufzufordern?“

Ich hatte zu der Zeit wohl gehört von „dem Knigge“, so genannt nach einem, der ein Benimmbuch geschrieben hatte. Ein wenig nebulös war ich mitunter wohl auch mit der Vorstellung schwanger gegangen, es gäbe da irgendwo ein Zentralkomitee, das fortlaufend festhält, was unter richtigem und falschem Benehmen zu verstehen ist, und hin und wieder ein Buch darüber herausgibt. Ähnlich wie „der Duden“…

Schon für die Generation meiner Mutter war dergleichen für Menschen mit etwas charakterlichem Niveau bereits unwürdig. Später wurden diese Benimmregeln dann zunehmend lächerlich und peinlich. Was natürlich nicht heisst, dass kleine Leute sie nicht noch bis heute irgendwie faszinierend finden. Etwa so bedeutende Fragen, ob es nun „höflich“ oder „unhöflich“ sei, jemandem Gesundheit zu wünschen.

Und was jemand aus diesem Kreis der kleinen Leute sagen will, wenn er – oft mit einigem Stolz – bekundet, er habe Knigge gelesen, weiss ich natürlich auch.

Das Buch jedenfalls, das ich da geschenkt bekommen hatte, wanderte zunächst einmal ins Regal.

Mein Benimmbuch

Jahre später steckte ich in einem Lektoratsauftrag. Ich sollte ein Buch lektorieren, in dem es um solche Verhaltensregeln ging. Und in diesem Zusammenhang nahm ich dann den Ur-Knigge von meinem Bücherregal, der dort während vieler Jahre vor sich hin gegammelt war.

Ich blätterte darin. Ich suchte nach dem einen oder anderen Beispiel. Etwa wer wem zuerst vorgestellt wird, wer wem das Du anbieten darf u.ä.

Ich fand da aber nichts.

Was der Freiherr da im 18. Jahrhundert geschrieben hatte, das hatte nichts mit primitiven Benimmvorstellungen einfacher Leute zu tun. Vielmehr fand ich da einen recht fundierten Lebensberater, der sich in durchaus ernstzunehmender Weise mit Psychologie und Soziologie befasst.

Da stand etwas über den „Umgang mit Jähzornigen“, über den „Umgang mit Kindern“, über den „Umgang mit Schurken“. Und sogar über den „Umgang mit sich selbst“ hatte der Baron damals geschrieben.

Also so ganz und gar nicht das, was einfache Menschen sich unter „Benimm“ vorstellen. So gar nicht auf die gängigen Äusserlichkeiten ausgerichtet, sondern viel eher auf die Substanz. Und gerade, was den inneren Gehalt einer Einstellung angeht, zeigen sich viele benimmorientierte Charaktere ja allzu oft stark überfordert.

Wie auch immer: In „dem“ Knigge steht nichts davon, wie man die einzelnen Teile des drapierten Essgedecks zu verwenden hat, welche Bedeutung welcher Dresscode hat u.s.w.

Um den Baron Knigge herum gab es nun seinerzeit aber eine Verwicklung. Da hatte einer – Adeliger, Kammerherr, Würdenträger – ein Buch mit diesem Titel „Über den Umgang mit Menschen“ geschrieben. Ohne dass sie auch nur eine einzige Seite davon gelesen hätten, ist für viele Leute schon klar, worum es dabei geht. Klar – um Benimmregeln!

Worum auch sonst?

Und weil sich ein solches Benimmbuch besser verkauft als ein fundierter psychologischer Lebensberater, fügte auch der Verlag nach Knigges Tod sogleich zu der weiteren Auflage des Buchs ein Kapitel mit Benimmvorschriften hinzu.

Dies alles sorgte dafür, dass seither „Knigge“ als Synonym für Benimmratgeber steht. Der Business-Knigge. Der Internet-Knigge. Der Bewerbungsknigge. Und so weiter. Und so fort. Obwohl der Freiherr selber diese Fragen des Benimm mit keinem Wort würdigte.

Wer also mit vor Stolz geschwollener Brust erklärt, er hätte sehr wohl Knigge gelesen, bei dem kann man getrost davon ausgehen, dass er ihn nicht gelesen hat. Sonst wüsste er immerhin, dass eben genau diese „Knigge-Themen“ da nicht drin stehen.

Nachplappern

Eins der prominentesten Beispiele für Nachplapperei. Ganz zu Anfang muss da einer etwas falsch verstanden haben, oder auch bewusst falsch behauptet. Danach wurde das einige Male ungeprüft nachgeplappert, und seither gilt es als unbestreitbares Gemeingut.

In einem Knigge – in „dem Knigge“ – steht, wie man sich zu welchem Anlass zu kleiden hat, welche Gläser man für Rot- und welche für Weisswein zu verwenden hat, wie man eine Dame anzureden hat – insbesondere wenn die kein Zimmermädchen ist.

Das ist das Ergebnis des fortlaufenden Nachplapperns.

Ähnlich wie etwa die Vorstellung, vor Kolumbus hätte man nicht gewusst, dass die Erde die Form einer Kugel und nicht einer Scheibe hat. Letzteres ist bereits in der Antike, zumindest bei den seefahrenden Zivilisationen bekannt gewesen.

Aber, wie gesagt, durch Nachplappern hält sich hartnäckig der Gedanke, Kolumbus wäre mit seiner Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde zu seiner Zeit ein Revolutionär gewesen und hätte das Wissen seiner Zeit auf den Kopf gestellt.

Nachplappern auch in Politik und Geschichte. Vom Bundeskanzler, der „aus politischer Verantwortung“ zurücktritt, weil in seinem Vorzimmer ein Ost-Spion beschäftigt war. Von den „anständigen deutschen Soldaten“, die all die schlimmen Dinge im Krieg nicht angestellt hätten.

Aber durchaus auch im trivialen Bereich. Etwa das Nachplappern von der Society-Lady, die „auf der Flucht“ von Kameraleuten „zu Tode gehetzt“ wurde.

Und so weiter.

Das Nachgeplapperte gehrt durch wenige Hände, und danach ist daraus für eine breite Öffentlichkeit gesichertes Wissen geworden, an dem es keinen Zweifel geben kann.

So etwa der damals sowohl an den Stammtischen wie auch in ernstzunehmenden Zeitschriften und TV-Zeitschriften propagierte Sicherheitsrat, wie man sich verhalten sollte, falls man bei einem Unfall mit dem Auto in einem Gewässer landet.

Zunächst sollte man nicht versuchen, die Autotür zu öffnen. Das wäre gar nicht möglich wegen des von aussen auflastenden Wasserdrucks.

Ruhig sollte man in dem absaufenden Auto sitzen bleiben. Unter dem gewölbten Dach würde sich eine Luftblase sammeln, von der man atmen könnte. Und erst wenn das Auto ganz voll gelaufen wäre, sollte man die Tür öffnen und aussteigen. Das wäre dann auch ohne weiteres möglich, wenn Innen- und Aussendruck gleich sind.

Eine Zeitlang galt das als gesichertes Wissen. Das hatte jeder schon gehört, und alle plapperten es weiter. Bis ins Automobil-Heftli und ins Verkehrssicherheitsmagazin im Fernsehen.

Ich selbst war damals Kind und hatte dazu keine Meinung, fragte mich allerdings schon insgeheim, wie wahrscheinlich es denn wohl wäre, mit dem Auto komplett ins Wasser zu fahren, dass man dafür eigens eine Verhaltensregel haben müsste.

Als Unsinn entlarvt wurde dies damals, als sie genau dieses in einer grossen Samstagabend-Fernsehshow nachstellten und eine Kandidatenfamilie in einem Auto ins Wasser senkten. Diese musste dann von einigen vorsorglich natürlich bereitgestellten Rettungstauchern aus diesem Auto befreit und gerettet werden.

Und weil es in einer grossen TV-Show war, die alle gesehen hatten, plapperte es dann keiner mehr nach. Mit dazu trug wohl auch Loriot bei, der diese Szene in einem bitterbösen schwarzhumorigen Sketch parodierte, so dass jeder, der das nachplappert, sich der allgemeinen Lächerlichkeit ausgesetzt hätte.

Eigentlich egal…

Sicher könnte man sich fragen, ob dieser Nachplapper-Effekt nicht egal ist.

Ob Knigge nun geschrieben hat, man dürfe Fisch nicht mit dem Messer essen. Ob sie damals in manchem hinteren Alpental gewusst haben, dass die Erde eine Scheibe ist. Dass Willy Brandt zurückgetreten ist, weil er die Nase voll hatte vom Polit-Betrieb. Dass Diana Spencer von Paparazzi verfolgt und bedroht wurde und dass ihr Liebhaber ansonsten noch nie vorher wie eine gesenkte Sau mit dem Auto durch das nächtliche Paris gerast wäre.

Ist es im Grunde nicht egal, dass da draussen Massen von Menschen herumlaufen, die das glauben, mehr noch, die es für gesichertes Wissen halten und bereitwillig nachplappern?

Eigentlich würde es doch reichen, wenn man sich ganz persönlich zu einer etwas kritischeren Haltung erzieht, um nicht jedem Unsinn aufzusitzen. Etwa dass die Mondlandung nie stattgefunden hätte und die Fotos in geheimen Studios der NASA nachgestellt wurden. Oder dass die Landschaftmarken im peruanischen Hochland Landeplätze für Ausserirdische sind. Oder dass Präsident Kennedy von der CIA erschossen wurde.

Wer es glauben will, soll es glauben. Und wenn es eine Mehrheit ist, die das glaubt, ist es schliesslich auch egal.

Die erste Schwierigkeit dabei liegt darin, dass man als einzelner von dann an kein gesichertes Wissen mehr besitzt. Denn nicht nur die offensichtlichen Absurditäten können dann als gesichertes Wissen gelten, sondern auch durchaus vernünftig erscheinende Behauptungen, die einfach nur falsch sind.

Damit verbunden ist der Umstand, dass diese Nachplapperei nach und nach Einzug in den Bereich der Wissenschaft hält. Das fängt an beim Schullehrer mit seinen Standardsprüchen (etwa: „der Computer kann nur unterscheiden zwischen ‚Strom ein‘ und ‚Strom aus'“) und reicht bis zur Universität, die einen Lehrstuhl für Homöopathie einrichtet (etwa: „Wir werden damit dem Denken in Analogien gerecht“).

Aussagen wie:

„Salz ist schädlich für die Gesundheit!“

„Möglichst viel Flüssigkeit zu sich nehmen!“

„Übergewicht ist hochgradig gefährlich für die Gesundheit – besonders Bauchfett!“.

„Zecken sitzen auf den Bäumen und lassen sich fallen, wenn ein Warmblüter unter dem Baum hindurch geht.“

„Geparden sind Hunde.“ (vom damaligen TV-Tierfilmer und Zoodirektor Grzimek)

„Man kann die Atmung des Menschen von Luft auf Wasser umstellen, so dass man im Wasser den Meeresboden besiedeln kann.“ (vom damaligen Aquanautik-Filmproduzenten und Meeresforscher Cousteau)

Einmal in der Welt, werden solche Aussagen nachgeplappert, bis sie dann nach kurzer Zeit schon für gesichertes Wissen gehalten werden, insbesondere wenn sie von entsprechend berufenen mediengerechten Wissenschaftlern ebenfalls öffentlich nachgeplappert werden.

Standardspruch vorgegeben, massenhaft nachgeplappert.

Im wissenschaftlichen Bereich, insbesondere wenn es um die ernsthafte Lehre ginge, ist dieser Mechanismus der Vorgabe aus berufenenem Mund und des Nachplapperns durch künftige berufene Münder hochgradig problematisch.

Denn da geht dann das gesicherte Wissen von Gesellschaft und Zivilisation insgesamt verloren.

Man könnte auch sagen: Durch den Mechanismus des Vorplapperns von Lehrern und des Spurens von Lernenden…

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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