Achim H. Pollert: Ein Koffer voll Geld!

Achim H. Pollert (*) über die Möglichkeiten, die Bank zu beklauen /// — ///

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Ich war jung und arbeitete bei einer grossen Bank.

Ich hatte mit 21 Jahren als Sachbearbeiter im Bankfach angefangen. An meinem ersten Arbeitsplatz, einer anderen grossen Bank, hatte ich zwei Jahre ausgehalten, bis ich mich abseilte, um dann im nachhinein zu erfahren, dass man viel mit mir vor gehabt hätte.

Am zweiten Arbeitsplatz dann, eben jener Grossbank, am Hauptsitz, mit damals so an die 5,000 Angestellten, war es etwas zügiger vorwärts gegangen. Das sass ich dann im Vorzimmer eines Abteilungsdirektors, offiziell zwar ohne Vollmachten, inoffiziell aber wohl derjenige, der in der Abteilung das Heft in der Hand hatte.

Es sah gut aus, was die absehbare Karriere anging.

Klar. Ich hatte keine Frau, und was zur Auswahl stand, waren alles die angestellten Damen dort, für die ich wohl ein recht vielversprechender möglicher Heiratskandidat war. Das beruhte nur teilweise auf Gegenseitigkeit, und ich war mir auch noch nicht bewusst, wie bedeutend es für die persönliche Entwicklung es ist, jemanden zu haben, auf den man sich verlassen kann.

Sicher. Ich hatte eigentlich auch künstlerische Ambitionen. Ich wollte grosse Romane schreiben, brachte aber nur so eher mässige Action-Geschichten zustande, die mich selbst langweilten. Auf der anderen Seite gab es bei der Bank ja auch genug zu schreiben – Weisungen, Aktennotizen, Berichte, Personalbeurteilungen. Ich wollte vielleicht auch zeichnen und malen, beispielsweise Karikaturen. Aber zum einen hatten mich die verschiedenen Lehrer an den verschiedenen Schulen stets davon überzeugt, dass ich kein zeichnerisches Talent habe – bzw. dass ich angesichts solcher Lehrer auf dessen Entwicklung gerne verzichtet hätte. Und andererseits hatte man mir auch beigebracht, dass man es als Mannlimaler nie zu so einem besseren Herrn in seriösen Verhältnissen bringt. Ausserdem konnte ich ja auch bei der Bank ein bisschen zeichnen. Einladungen, Präsentationen u.s.w.

Aber auch wenn ich mir etwas Besseres hätte vorstellen können, als mein Leben bei der Bank zu verbringen, sah es wirklich gut aus bei dem, was man erwarten konnte. Ich war jung. Ich verdiente ganz gut. Ich stand ganz oben auf der Beförderungsliste.

Und jeder Tag dieser Existenz dort war ein neuer Anschiss.

Schlimm war, dass ich erkennen musste, dass die alte Annahme nicht stimmt, man müsste sich nur ordentlich Mühe geben und fachlich stets auf der Höhe sein, so dass man für „die“ interessant wäre, damit man dann auch weiterkommt. Schlimm waren auch die inkompetenten Vorgesetzten, denen man allüberall begegnete, die einem trotz aller Inkompetenz aber doch gerne frech kamen und den Chef heraushängten. Schlimm waren die vielen irregeleiteten Menschen, die nicht die geringste Ahnung hatten, wie ein erfülltes und glückliches Leben aussieht. Schlimm war, dass man einem ganzen System von Demütigungen und Einschränkungen ausgesetzt war. Dass man nicht essen und trinken konnte, wann man Lust hatte. Dass man morgens, mittags und abends mit einer Stechuhr seine Arbeitszeit erfassen musste, was einem dann jeweils am Monatsende minutengenau vorgerechnet wurde – ausser natürlich die Bonzen.

Am schlimmsten war aber wahrscheinlich, dass ich mitten in diesem Milieu sass und erst ganz langsam begriff, dass ich überhaupt nicht dort hin passte und eigentlich sowohl todunglücklich war, als auch nie etwas erreichen würde, was für mich irgendwie sinnstiftend und erstrebenswert war.

Nicht zuletzt ist ja gerade das immer am schmerzlichsten: erkennen zu müssen, dass man einen gänzlich falschen Weg im Leben eingeschlagen hat und sich das ursprüngliche Traumziel mehr und mehr als hohles Phantom entpuppt. Wer weiss, wie viele Menschen diese schmerzliche Erkenntnis, sich in ihrer Lebensplanung geirrt zu haben, während Jahrzehnten verdrängen.

DIE VERSUCHUNG

Natürlich ist das eine hoch explosive Konstellation.

Ein Angestellter, der ein bisschen etwas zu sagen hat und der befürchtet, er könnte sein Leben verpassen. Und das bei einer Bank, mehr noch: am Hauptsitz einer internationalen Grossbank, wo die Millionen tagtäglich nur so durchhuschen.

Tatsächlich kam es auch immer wieder einmal vor, dass Angestellte dieser ständigen Versuchung erlagen.

Da gab es zum einem wohl die echten frechen Betrüger, die im grossen Stil bei den Kunden etwas behaupteten, das nicht stimmte, die gegenüber der Geschäftsleitung der Bank Gewinne vortäuschten, die gar nicht existierten, und so überzeugend waren, dass sie zeitweise sogar als besonders begabte Nachwuchskräfte galten.

Und daneben gab es die kleinen Betrüger, die sich immer mal wieder um einige hundert oder tausend Franken, mehr so nebenbei, bereicherten. Falsch abgerechnete Spesen. Faule Absprachen mit Angestellten bei Lieferanten und Geschäftspartnern. Rückvergütungen, die eingesackt wurden. All die kleinen und grösseren Mauscheleien in so einer bestimmten Grauzone.

Ich meinerseits habe alle diese Menschen damals nie so recht verstanden. Die echten Betrüger setzten sich der Gefahr einer massiven Strafverfolgung mit jahrelanger Gefängnisstrafe aus, denen danach meist nur noch eine sozial deklassierte Existenz in der Fürsorge winkte. Einige von denen enden in der Psychiatrie, oder sie werden wieder straffällig – weil sie auf ehrliche Weise kein Geld mehr verdienen können. Noch weniger Verständnis hatte ich natürlich für die Kleinbetrüger, die für ein paar lumpige Tausend alles aufs Spiel setzen. Oft gar für weniger.

Aber das heisst natürlich auch nicht, dass die Versuchung, die der Umgang mit so viel Geld mit sich bringt, auch mich ergriff. Zumal ich die Verhältnisse als hoch unerfreulich empfand.

Es gab seinerzeit auch den spektakulären Fall von drei Lehrlingen.

Drei junge Männer, wie die meisten von uns Bankangestellten wohl nicht aus den grossformatigen Verhältnissen der Gesellschaft. Diese drei kamen nun im Verlauf ihrer Ausbildung, in der sie jeweils für einige Monate in den verschiedensten Abteilungen der Bank eingesetzt wurden, neu in den zentralen Tresorraum.

Und da wurden diese drei Jugendlichen übermannt. Nicht von den grossen Buchungen im Bank-Zahlungsverkehr, von den enormen Beträgen im Devisenhandel, die da von Soll nach Haben wechselten, nicht von den Vorgängen in der Akkreditiv-Abteilung, wo ganze Schiffsladungen bezahlt wurden. Nein, sie wurden übermannt von dem, was sie auch im Zivilleben beeindruckte: dem Bargeld. Banknoten, die in einem bestimmten Milieu gerne gezeigt werden, um die eigene Bedeutung und Solvenz zu demonstrieren. Banknoten, die manch einer in einer Geldklemme mit sich herumträgt, um sie bei Bedarf zur Schau zu stellen.

Und nun war es eben so, dass die drei jungen Männer hier in ein Umfeld kamen, wo überall bündelweise Bargeld herumlag. Wer dort arbeitet, unterliegt nach und nach dem Sex-Shop-Effekt: für die Angestellten ist es Ware, viele andere sind beeindruckt und erregt davon.

Wie auch immer: die drei Burschen waren nach einigen Tagen Einsatz im Tresorraum so beeindruckt, dass sie – wahrscheinlich eher aus einer Bierlaune heraus – den Entschluss fassten, sich da an all den Bündeln doch einmal zu bedienen und dann abzuhauen.

So kamen sie dann an einem Morgen in die Bank, warteten ab, bis gerade niemand hinschaute, rafften auf die Schnelle eine Reisetasche voll mit herumliegenden Banknoten, sprangen am Hauptbahnhof auf den nächsten Zug zum Flughafen und buchen dort Tickets für die nächste Maschine nach Lima, Peru.

In der Regel wurden solche Vorkommnisse bei der Bank vertraulich gehalten. Dass das überhaupt möglich war, sollte aus Image-Gründen nicht nach aussen dringen. Hier aber hatte wohl die Presse irgenwie Wind davon bekommen, und das Ganze stand dann am nächsten Morgen im Tagesanzeiger. Daneben ging es auch intern im Hause um wie ein Lauffeuer.

DIE REAKTIONEN

Es hatte insgesamt so etwas von einer Abenteuergeschichte. Ein bisschen wie ein Road Movie. Bonnie and Clyde. Thelma und Louise. Al Capone im deutschen Wald. Das liess einen sicher im ersten Augenblick schmunzeln.

Ich hörte dann, die drei hätten insgesamt etwa 700,000 Franken erbeutet.

Das war dann irgendwie auch klar. Der Koffer voll Geld… so richtig grosse Beträge bringt man in Form von Bargeld nicht so ohne weiteres zusammen. Eine Million wiegt in 10er Banknoten um die siebzig Kilo, als 20er immer noch um die vierzig Kilo. Als Tausender dann wiegt die Million vielleicht noch zwei Kilo – aber wo im Ausland will man mit einem Tausender eigentlich etwas bezahlen?

Drei junge Leute, 18 oder 19 Jahre alt, müssen noch sechzig oder siebzig Jahre leben, hocken in einem südamerikanischen Land, sind namentlich bekannt und international zur Fahndung ausgeschrieben… was will man da eigentlich mit 700,000 Franken? Macht pro Nase so etwas über 200,000. Eigentlich kein akzeptabler Schnitt, bedenkt man die vielen Jahrzehnte auf der Flucht, die man dann noch vor sich hat.

Diese Rechnung machten indessen nur wenige. Es überwog insgesamt wohl die Bewunderung für diese drei Lehrlinge, die es gewagt hatten, was keiner wagt, und die jetzt dem Establishment der Bank eine lange Nase drehten.

Da war etwa der altersmässig damals schon etwas fortgeschrittene Peter, der unter seiner ganzen Existenz so sehr litt, dass man es ihm auffällig ansah. Er sah immer etwas ungewaschen und zerknittert aus, mit einem Gesicht, als hätte er gerade in eine sehr sauere Zitrone gebissen. Seinen Posten als Abteilungsleiter hatten sie ihm schon lange abgenommen. Er trank viel, und er hielt immer eine Zigarette zwischen den zittrigen Fingern, an der er jedes Mal zog, als wäre es das letzte Mal. Der geriet ob dieses Ereignisses regelrecht ins Schwärmen. Von den jungen Männern, die alles noch vor sich hätten, die ihr Leben in die Hand genommen hätten.

Peter war dabei unter den Bankangestellten beileibe kein Einzelfall.

Ob es die Erkenntnis der Realität war oder vielleicht auch nur Skrupel und schlechtes Gewissen, ist schwer zu sagen. Die drei jungen Burschen kamen seinerzeit ein paar Tage später samt Geld wieder zurück. Das machte das Ganze dann vollends zum Wochenendabenteuer und zur Bieridee. Ihnen passierte nicht viel – ausser dass sie natürlich ihre Ausbildung bei der Bank nicht abschliessen konnten.

Wie gesagt: Die Versuchung empfand ich auch. Warum eigentlich hier zu unwürdigen Bedingungen jeden Tag antanzen, sich von schrägen Vögeln alles gefallen lassen, sich in ein Leben zwängen, das einem nicht entspricht, wenn man mit einem Schlag so viel auf die Seite bringen konnte, dass es für ein ganzes Leben reichte?

DIE ERWÄGUNGEN

Aber dazu gab es natürlich eine Reihe von weitergehenden Erwägungen.

Wieviel ist eigentlich genug für ein Leben? Wenn man 25 ist und auf einen Zeithorizont von sechzig Jahren hinaus planen muss.

Ich verdiente damals vielleicht 60,000 Franken im Jahr. Um das aufrecht zu erhalten, müsste ich also für die kommenden sechzig Jahre mehr als dreieinhalb Millionen haben. Abwicklungskosten aller Art und Geldentwertung inklusive, wahrscheinlich vier Millionen. Und zwar für mich alleine – jeder Komplize würde die erforderliche Summe erhöhen und würde ein zusätzliches Risiko darstellen.

Natürlich müsste man es so planen, dass idealerweise der Tatbestand als solcher nicht bemerkt würde, oder wenigstens nicht feststellbar wäre, wer das begangen hatte. Aber man musste auch von vorne herein einkalkulieren, dass man auffliegen, vor Gericht gestellt und verurteilt würde. Und dann müsste man für die Zeit danach, wenn man aus der Kiste kam, genug Geld sicher versteckt haben, um auch dann noch sorgenfrei leben zu können.

Also müsste man noch einmal vier Millionen irgendwo anonym deponieren, so anonym, dass man über alle Zweifel hinweg nur selbst alleine Zugang dazu hätte. So etwas ist machbar, als solches aber mitunter zeitaufwändig und sehr teuer.

In Anbetracht der Tatsache, dass diesen Zahlen ein normales bürgerliches Einkommen zugrunde liegt, ist ohnehin anzunehmen, dass es sich dabei eher um untere Minimlagrenzen handelt.

Realistisch wäre wohl ein Gesamtbetrag von zehn Millionen, den man hätte abzweigen müssen, die Hälfte, um ein Alltagsleben zu bestreiten, die andere Hälfte zum Verstecken, um wirklich für die kommende Zeit unbesorgt und sicher sein zu können.

Um die hundert Kilo in Hunderter-Noten, fast 200 Kilo in Fünfzigern. Ausserdem ist es auch bei einer grossen Bank schwierig, an eine solche Menge von Bargeld zu kommen.

Also von wegen: Mit einem Koffer voll Geld auf die britischen Jungferninseln…

DIE GELEGENHEIT

Um einen Betrag abzuzweigen, für den sich das alles lohnt, wäre es also realistisch gewesen, das Geld auf dem Wege der konventionellen Buchung auf der Bank herauszuschaffen – also irgendwo 10 Millionen belasten und irgendwo hin – auf ein Konto bei einer anderen Bank im Ausland – überweisen.

Ich war damals zwar tätig im Bereich Devisen, wo der internationale Zahlungsverkehr zwischen den Banken durchlief, die verschiedenen Handelsgeschäft, Währungskonversionen, kurzfristige Depots u.s.w.

Also alles grosse Beträge, wo grundsätzlich genug Geld vorhanden war, anders vielleicht als dort, wo Bausparverträge oder Kleinkredite abgerechnet werden.

Man hätte also irgendwo auf einem Konto – einer grossen Firma, einem internen Transferkonto o.ä. – zehn Millionen belasten und auf ein eigenes Konto irgendwo weit weg überweisen.

Die Gelegenheit hätte ich gehabt.

Aber die Frage wäre dann eben erneut gewesen, wie man unbehelligt an dieses Geld herankommen wollte. Irgendwo bei der Barclay Bank in St. Helier auf den Kanalinseln, der Liechtensteinischen Landesbank in Vaduz, dem Crédit Agricole auf Gouadeloupe könnte ich nur schlecht persönlich erscheinen und zehn Millionen in bar abheben – und zwar die zehn Millionen, die vorgestern ohne Vorankündigung für mich überwiesen worden waren.

Ausserdem: Wenn das inzwischen in Zürich aufgedeckt worden wäre, dann würde ich auch im Finanzparadies an Ort und Stelle verhaftet. Denn Unterschlagung, Diebstahl, Untreue sind dort ebenso strafbar wie überall. Wäre das also aufgefallen und hätten mich die Schweizer Behörden mich zur Fahndung ausgeschrieben, dann wäre ich dort – wo immer es auch gewesen wäre – bereits von der Polizei in Empfang genommen worden.

Unter dem Strich bleibt das das Problem, dass jede Buchung bzw. Überweisung verfolgbar ist und in vielen Fällen auch rückgängig gemacht werden kann. Natürlich kann man sich einen Betrag überweisen. Den bekommt man dann bei einer Bank auf dem Konto gutgeschrieben. Dort aber kann es jederzeit blockiert werden, so dass es von vorne herein fraglich ist, ob man ohne weiteres daran kommt.

DIE WÄSCHEREI

Und dann wäre abschliessend noch eine weitere Frage aufgetreten: Hätte ich das Geld irgendwie dann am Ende doch in meinen Besitz bekommen, wie hätte ich es danach legalisieren können?

Verstecken ist gut, Waschen ist besser. Anstatt irgendwo solche Gelder irgendwo zu deponieren, in der Hoffnung, sie mögen nicht entdeckt werden, wäre es natürlich besser, sie so zu „waschen“, dass sie nachher wie legal erworbenes Vermögen aussehen. Sechzig Jahre sind eine lange Zeit, und eine geschickte Geldwäscherei hätte durchaus den Unterschied machen können zwischen geruhsamem Leben und ständigen Existenz auf der Flucht.

Natürlich hätte man versuchen können, das Ganze in hochwertige Kunstwerke zu tauschen und dann jeweils bei Bedarf wieder eins abzustossen. Aber ob das immer so diskret funktioniert wie beim einen oder anderen Nazi-Helfershelfer und seinen Abkömmlingen, ist fraglich. Normalerweise wirbelt es viel Staub auf, wenn das eine oder andere Meisterwerk plötzlich öffentlich zur Versteigerung steht. Und so etwas würde ich ja nicht riskieren können.

Trotz allem, was so herumgeht an Gerüchten, gibt es letztendlich nur eine Möglichkeit, um Geld zu waschen. Man muss vortäuschen, man hätte das Geld irgendwo ordnungsgemäss verdient. Man muss ein Geschäft eröffnen und das Schwarzgeld als Einkünfte deklarieren.

Aber natürlich wird es an dieser Stelle nun endgültig unübersichtlich.

Selbstverständlich könnte man sagen, ich wäre ein Sicherheitsfanatiker mit solchen Überlegungen. Einer, der immer auf Nummer Sicher gehen will und nie ein Risiko eingeht.

Aber es ist natürlich schon wohl auch so, dass es keinen Sinn macht, beim Versuch, sich aus einer repressiven, schwer autoritären Hierarchie abzuseilen, im Gefängnis zu landen – einer ebensolchen Hierarchie, die zudem noch gewalttätig ist und keine Gehälter zahlt – und später dann als Sozialfall und Ex-Knacki irgendwo verwahrlost herumzulungern und den verpassten Chancen im verpfuschten Leben nachzutrauern.

Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Vielleicht könnte man auch sagen, dass ich nicht genügend Mumm hatte, um so ein Verbrechen so kaltblütig durchzuziehen. Einfach zu viel Angst, schon bei der Ausführung, erst recht später dann davor, am Ende doch noch geschnappt zu werden.

Später dann, im vorgerückten Alter, mag ich mir dann vielleicht rückblickend gesagt haben, dass ich es hätte machen sollen. Womöglich hätte ich mir manche spätere Sorge in meinem Leben erspart. Aber es ist so gewesen, dass ich der durchaus vorhandenen Versuchung, mich an den Millionen der Bank angemessen zu bedienen, in all den Jahren damals nicht erlag. Aus welchen Gründen auch immer.

Trösten hätte man sich natürlich mit dem Gedanken daran, dass es ja keinen Armen getroffen hätte. Trösten hätte man sich auch können mit dem Gedanken daran, dass selbst schon mittelgrosse Banken für den grössten Blödsinn zehn Millionen – quasi nebenbei – aus dem Fenster werfen.

Es wäre also niemand durch mich ernsthaft geschädigt und in seiner Existenz bedroht worden. Mancher kleinere Manager hat grösseren Schaden angerichtet, einfach nur durch Unfähigkeit.

Aber auch wenn ich es vielleicht zu späteren Zeiten in meinem Leben bereut haben mag, ist es doch so, dass ich der Versuchung damals eben nicht erlegen bin, so dass ich mir über mögliche moralische Erwägungen keine Gedanken zu machen brauchte.


Wer weiss: Ein Leben ohne quälende Skrupel, Gewissensbisse und Selbstzweifel ist womöglich mehr wert als alle finanzielle Unabhängigkeit zusammen. Mehr wert als ein Leben auf jahrzehntelanger Flucht.

DIE AUFLÖSUNG

Dabei wäre es eigentlich ganz einfach.

Es gab da etwa einen gehobenen Manager, den ich damals kannte. Noch nicht ganz vierzig. Major im Militär, was bei den Schweizer Banken damals sehr gerne gesehen war. Grossmaul mit nicht ganz so viel dahinter, was bei den Schweizer Banken damals nicht so sehr auffiel. Von vorne herein auserwähltes Mitglied für den Führungsnachwuchs, was bei den Schweizer Banken damals üblicher Brauch war.

Der Mann fiel u.a. dadurch auf, dass er teilweise merkwürdigen Figuren sein Vertrauen schenkte. Immer wieder tauchten aus seinem Büro Typen auf – Pfeifen, Arschlöcher, teilweise Wahnkranke -, die sich auf die Gunst des Direktors bezogen und teilweise in der Abteilung für erhebliche Verstimmung und Unruhe sorgten.

Später dann wurde der Major Mitglied der Geschäftsleitung einer kleineren Bank. Dort schenkte er auch wieder einem Mitarbeiter sein Vertrauen, der das nicht verdiente. Der versuchte nämlich, einen zweistelligen Millionenbetrag zu unterschlagen und wurde dann irgendwo in einem asiatischen Paradies von der Polizei wieder eingefangen – wohl aus ähnlichen Gründen, wie ich sie oben beschrieben habe.

Und noch später dann wurde der Major – inzwischen wahrscheinlich Oberstleutnant – als hohes Tier im Effektenhandel selber Angeschuldigter in einem Ermittlungsverfahren, was das Ansehen der ganzen Branche massiv belastete. Schliesslich wurde er von dort noch in ein Gremium verfrachtet, wo Banken ihre überzähligen Manager parkierten, wenn deren Abgang zu spektakulär und rufschädigend gewesen wäre.

Man kennt solche Fälle. Häufig und vielgestaltig. Manager mit eher mässiger Begabung, die sich im Laufe der Jahre mehr oder minder peinlich über die Runden mogeln. Nicht wirklich bösartig, aber auch nicht wirklich leistungsfähig. Eher schlau als intelligent. Eher faul als kreativ. Eher laut als fleissig. Und natürlich opulent bezahlt in all den Jahren, meist in einer Grössenordnung, die nicht in einem vertretbaren Verhältnis zum Wert der erbrachten Leistung steht. Bei weitem nicht.

Interessant ist eben immer wieder die Beobachtung, was passiert, wenn bei so jemandem etwas so schief läuft, das man nicht mehr gerade heraus ableugnen und dementieren kann. Dann nämlich – oder kurz bevor ein dickes Ende kommt – tritt so jemand vom Posten zurück und erhält ein kleines Vermögen als Abfindung. Eine vertragliche Zahlung, die von vorne herein so im Vertrag steht, ausgerichtet nicht als Sonderzahlung für besondere Erfolge, Leistungen und Verdienste. Vielmehr eine Millionenzahlung einfach dafür, dass der Betreffende geht.

Umgangssprachlich wird dergleichen gerne auch als „goldener Handschlag“ bezeichnet, der übrigens weiter verbreitet ist, als viele Menschen sich bewusst sind. Denn als richtig skandalös wird dergleichen in der Öffentlichkeit meist erst empfunden, wenn der Betreffende im grossen Stil Mist gebaut und Millionenschäden verursacht hat.

Wie auch immer: Für mich stellt die Tatsache, dass das alles so ist, zugleich auch die Auflösung des Problems dar. Nachdem es sich nicht wirklich lohnt, einen solchen, sagen wir, kleineren Millionenbetrag an den Kontrollmechanismen vorbei abzuzweigen, weil der Ertrag nicht ausreicht und man zu viel riskieren müsste dafür, wäre es doch eigentlich viel einfacher, diesen legalen Weg zu gehen.

Man müsste zusehen, dass man möglichst zügig in so eine Position kommt. Und sobald man diesen Job hat, bei dessen Abgang man eben diesen goldenen Handschlag bekommt, müsste man sich so benehmen und alles dafür tun, dass die einem die Kündigung aussprechen müssen. Denn von dann an könnte man sich mit so einem kleinen Millionenvermögen ins Privatleben zurückziehen.

Aber ich weiss nicht, ob ich zu der Zeit schlau genug gewesen wäre, um das zu erkennen.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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