Achim H. Pollert: Inge macht die Tür nicht auf

Achim H. Pollert (*) über eine Kindheit auf der Gasse /// — ///

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Es war schon ziemlich dunkel.

Und wir waren auf dem Weg zur Oma.

Ich hoffte, dass es nicht so schlimm werden würde, wenn die Oma dabei war.

Die Mutti führte mich an der Schulter. Wenn sie so zügig vorwärts ging, so dass ihre hohen, spitzen Absätze mit jedem Schritt auf dem Strassenpflaster klapperten, dann spürte ich sehr, wie ihre Hand heftig an meiner Schulter ruckte.

Der Papa machte weniger Krach beim Gehen.

Er hatte etwas Dunkles, fast schon Geheimnisvolles, aber nur, wenn wir so im Dunklen herumgingen. Da sah man nur noch den kleinen roten Punkt an seinem Mund, der ab und zu heller wurde, aber nicht hell genug, dass man sein Gesicht sehen konnte. Speziell nicht, wenn man von unten hinauf schaute.

Die Oma wohnte im Haus hinter dem Hof.

Vorne war auf der einen Seite ein Grundstück, wo irgendwie ein Haus in ein Loch gefallen war. Und auf der anderen Seite so eine Hausfront. Dazwischen ging es durch einen langen dunklen Gang, der sogar tagsüber dunkel war.

Das war alles irgendwie komisch in der Stadt.

Bei uns auf dem Dorf gab es das nicht.

Bei uns auf dem Dorf lief die Mutti auch nicht im Costume herum, das unten so einen engen Rocksaum hatte. Vielleicht machte sie auch deshalb immer so abgehackte Schritte und zerrte mich so an der Schulter, weil es ihr um die Knie zu eng war.

Bei uns auf dem Dorf hatte die Mutti meistens einen Küchenschoss an und oft so ein Tuch um den Kopf, das ich “Türkenband” nannte, weil sie das so ähnlich in den Karl-May-Filmen auf hatten.

Der Küchenschoss von der Mutti war aber nicht so geblümt wie bei den anderen, sondern immer ganz schneeweiss.

Sie war ja schon klein. Und in dem schneeweissen Schoss sah sie dann noch kleiner aus.

Dafür sah sie dann nicht so alt aus wie die vielen anderen Muttis mit ihren geblümelten Schurzen, die so hellblau oder rosa waren.

Aber in der Stadt hatte die Mutti natürlich immer so eins von den vielen Costumes an, die sie im Schrank hatte.

Wenn sie sich vor den dreigeteilten Spiegel im Schlafzimmer setzte und sich die Haare machte, dann war sie immer lange beschäftigt. Dann rauchte sie ein paar Zigaretten, und man hörte die ganze Zeit das Geräusch von der Spraydose. Nach dem Zeug roch es dann auch in der ganzen Wohnung.

Da hatte sie so eine kleine Zange, die ein bisschen aussah wie ein Nussknacker, nur zierlicher. Mit dem kniff sie die Wimpern zusammen. Und danach malte sie die mit einem komischen kleinen Pinsel schwarz an. Dann trug sie so sie Meggabb auf. Das war so eine menschenfarbene Creme, die sie mit den Fingern im ganzen Gesicht verrieb.

Manchmal hatte ich mich auch schon gefragt, ob das andere dunklere Zeug, das sie auf die Augendeckel machte, etwas damit zu tun hatte, dass jemand im Schatten ein Lied sang. Jedenfalls war Lidschatten ein komisches Wort, weil den Schatten doch die Sonne macht und man den gar nicht so einfach hin und wieder wegmachen kann.

Wenn sie roten Lippenstift auftrug, dann kniff sie die Lippen so fest zusammen, dass sich die fettige Farbe verteilte und da am Rand so ein feiner kleiner Aufsatz übrigblieb.

Danach nahm sie so ein Costume aus dem Schrank, und es ging in die Stadt.

Wenn wir dann so gingen, fragte die Mutti mich oft: “Hast Du mich noch lieb?”

Und ich fragte mich immer wieder, warum sie mich das fragte. Sie wusste doch, dass ich sie lieb hatte. Aber gerne sagte ich natürlich jedes Mal ja.

Oft sagte sie mir auch, ich könnte froh sein, dass ich so eine junge schöne Mutti hätte. Wie arm manche andere Söhne doch dran wären mit so einer dreissigjährigen alten Schachtel als Mutter… oder noch älter!

Die Oma wartete auf der Strasse, vor dem langen dunklen Gang, der in den Hof führte.

Das war nicht normal.

Normalerweise musste man an dem Hinterhaus bei der Oma klingeln. Dann machte sie oben das Fenster auf und schaute, wer da war. Und dann schmiss sie den Haustürschlüssel herunter.

Wenigstens wenn es dunkel war. Manchmal hatte der Papa schon ganz lange auf dem dunklen Hof nach dem Schlüssel gesucht.

Aber dass die Oma schon auf der Strasse wartete, war nicht normal.

Und ich fragte mich schon, ob die Oma denn etwas wusste. Und wenn die Oma etwas wusste, dann würde vielleicht alles herauskommen.

Obwohl ich mich fragte, wie das hätte sein können, spürte ich ein bisschen Herzklopfen.

Die Oma war die Mutti von der Mutti. Die hatte kein Telefon. Und wir hatten ja sowieso kein Telefon.

Das Ganze hatte angefangen in der Schule.

Ich war noch nicht so lange bei uns auf dem Dorf in der Schule.

Unser Fräulein Teffner war ganz alt und schrumpelig und hatte die Haare in kleinen Zöpflein so rund hinten an den Kopf gemacht. Ich fragte mich auch, wie das so festhielt. Die Fräulein nahm bestimmt auch ganz viel Haarspray jeden Tag. So wie die Mutti.

Ich wusste aber nicht, ob die Fräulein so lieb war wie meine Mutti.

Die Fräulein konnte schön erzählen. Aber sie hatte schon Kinder, eigentlich nur Buben, mit einem Stöckchen auf die Händchen geschlagen.

Das tat zwar nicht so weh, wie wenn die Mutti mir eine Ohrfeige gab, dass ich auf dem Arsch landete.

Aber schliesslich war die Fräulein ja schon alt und nicht mit mir verwandt und machte mir nichts zu essen.

Nun war es an einem Tag, dass eine andere Fräulein zu uns kam.

Die war viel jünger als die Fräulein Teffner. Sie hatte blonde Haare. Und sie war viel kleiner als die Fräulein Teffner, vielleicht sogar noch kleiner als meine Mutti.

Die sagte uns nicht, wie sie hiess. Die redete ziemlich streng und sagte etwas davon, dass sie sich nichts gefallen lassen würde, weshalb ich mich fragte, was sie denn damit meinen könnte.

Dann nahm sie mit uns das Lied “Ein Männlein steht im Walde” durch.

Plötzlich drehte sie sich um, schaute mich an und sagte: “Du da, mit dem roten Pullover, steh mal auf…”

Ich wusste gar nicht, ob sie mich meinte. Aber ich war der einzige, der einen roten Pullover an hatte.

Da stand ich auf.

Die falsche Fräulein kam zu mir her, blieb in einem Abstand von vielleicht zwei Metern vor mir stehen und fuhr fort: “Hol mal dein Lesebuch heraus und zeig mir, wo ihr gerade seid.”

Das machte ich.

“Das schreibst du jetzt mal ganz ab und zeigst es mir bis Montag.”

Das Männlein stand in der Klasse, und es herrschte Totenstille. Kein Kind machte auch nur einen Mucks.

Ich wollte dann noch etwas sagen wie, ich hätte doch gar nichts gemacht. Aber ich kam nur bis zum “Warum?” Dann schnitt mir die falsche Fräulein das Wort ab, noch strenger: “Weil ich es dir sage!”

Und da war es eben nur natürlich, dass ich stärker Herzklopfen hatte, als die Oma uns vor dem Haus erwartete. Wenn sie nun irgendwie von der Sache Wind bekommen hatte, was sollte ich denn dann machen?

Ich hatte Angst, was aber keiner bemerkte, weil es ja dunkel war.

Sonst hätte mich vielleicht noch jemand gefragt, warum ich denn Angst hätte.

Die Oma kam kopfschüttelnd auf uns zu.

Ich schaute sie von unten an, und sie würdigte mich keines Blickes, sondern sah nur meine Eltern an.

“Was ist denn mit dir?” fragte der Papa.

Mit einer wegwerfenden Handbewegung sagte die Oma: “Das Inge hat mich ausgesperrt. Und es macht die Tür nicht auf.”

Die Inge war die jüngere Schwester von meiner Mutti. Die war zwar auch schon erwachsen, aber sie wohnte noch bei der Oma, weil sie keinen Mann hatte und irgendwo in einem Büro arbeiten musste.

Da war ich erleichtert.

Denn die Oma wusste offenbar nichts von der ganzen Sache.

“Ist es wieder hysterisch?” fragte meine Mutti die Oma.

Noch einmal machte die Oma so eine wegwerfende Handbewegung und zog die Schultern nach oben. Ich sah es zwar nicht, aber ich wusste auch, dass sie dabei so ganz typisch die Lippen schürzte.

“Den Schlüssel für die Haustür habe ich ja”, berichtete die Oma und hielt die Hand mit dem Schlüsselbund vor, “aber oben hat es eben die Tür abgeschlossen. Der Schlüssel steckt von innen.”

“Habt ihr Krach gehabt?” fragte die Mutti.

Und wieder antwortete die Oma mit einer ratlosen Geste.

“Vielleicht ist das ja ein Versehen, und es hat dich einfach nicht gehört…”, murmelte der Papa, nachdem er die Glut aus seinem Gesicht geholt hatte.

“Nein, nein, ich habe ja mit ihm geredet. Es macht einfach nicht auf.”

“Eben!” rief die Mutti, jetzt lauter als vorher. “Das Inge ist halt hysterisch. Das hat immer schon so Phasen gehabt!”

Ich verstand gar nicht richtig, was die da redeten über die Tante Inge. Jedenfalls war ich sehr froh, dass es nicht um die Geschichte mit meiner Strafarbeit ging.

Eine ganze Seite abschreiben!

Aufgegeben von der falschen Fräulein. Obwohl ich gar nichts gemacht hatte!

Wir konnten noch gar nicht richtig schreiben!

Das dauerte ja einen Tag!

So geht es ja nicht. Das würde ich der Mutti sagen, und die würde mir helfen. Ich brauche keine Strafe zu machen, wenn ich nichts gemacht habe. Das würde der Mutti auch nicht gefallen!

Nach der Schule ging ganz schnell heim. Wir wohnten nicht weit von der Schule, und die ganze Zeit freute ich mich schon.

Die Mutti war da gesessen in dem weissen Küchenschoss. Und sie hatte ihr Gläschen Wein geschlürft.

Das hatte sie vor kurzem der Tante Jenny erzählt. Die Tante Jenny war eigentlich gar keine Tante von mir. Sie war nur die beste Freundin von der Mutti, und ich sagte zu ihr Tante.

Dass sie nämlich gelesen hätte von einem Mann aus Russland. Der wäre über hundert Jahre alt. Und der hätte gesagt, dass er jeden Tag zuerst einmal sein Glas Wein getrunken hat.

Ausserdem hätte sie ja ein bisschen zu niedrigen Blutdruck. Deswegen wäre sie ja beim Herrn Doktor Czech gewesen. Und der hätte gesagt: Wenn es finanziell kein Problem für Sie ist, trinken Sie ruhig ein Gläschen Sekt am Tag.

So hatte die Mutti zu Tante Jenny gesagt: “Finanziell ist auch eine Flasche Sekt kein Problem…”

Und jetzt jedenfalls sass die Mutti da in ihrem weissen Uebergewand bei ihrem Gläslein Wein und hörte mir zu. Mit sachtem Kopfschütteln hatte sie meinen Vortrag angehört. Ueber diese zu kurz geratene Fräulein. Ueber die Ungerechtigkeit. Dass das alles nicht in Ordnung war.

Und natürlich hatte die Mutti mir recht gegeben.

Sie hatte genickt, wenn ich über die Fräulein schimpfte. Und sie hatte bedächtig mit dem Kopf geschüttelt, wenn ich ihr das Benehmen von der falschen Fräulein schilderte.

“Die musst du mit Verachtung strafen”, hatte die Mutti dann gesagt.

Ich hatte zuerst gar nicht verstanden, was sie damit meinte. Wie könnte ich denn überhaupt jemanden strafen? Und Verachtung… was genau wäre das wohl? Und wie würde so jemand dann auch etwas von der Strafe spüren, wenn ich ihn verachtete?

Als ich gefragt hatte, sagte mir die Mutti: “Da musst du drüber stehen.”

Das verstand ich auch nicht. Wie sollte ich denn über der falschen Fräulein stehen? Wenn ich über der stehen würde, dann hätte sie mir ja nicht unrecht tun können. Dann wäre es ja umgekehrt.

“Du musst denken”, erklärte mir die Mutti und nahm einen Schluck von ihrem Wein, “die blöde Kuh. Die soll doch machen, was sie will.”

Das war gut!

Genau!

Ich hatte doch gewusst, dass meine Mutti mir helfen würde!

Die blöde Fräulein! Die soll doch machen, was sie will!

Die kann mich einmal am Arsch lecken!

“Geh du einmal hin, Helmut”, sagte die Mutti zum Papa, als wir das im Dunkeln vor dem Haus standen, wo die Oma wohnte. “Vielleicht wird das Inge dann doch vernünftig.”

Und der Papa ging, und die Mutti, die Oma und ich gingen hinterher die Treppen hinauf.

Vor der Wohnungstür blieben wir dann stehen.

“Inge…”, sagte die Oma mit ihrer hohen Stimme, fast so, als würde sie ein Lied singen, “das Eva und der Helmut sind jetzt da.”

Hinter der Glastür konnte man sehen, wie drinnen im Korridor das Licht angemacht wurde. Und die Gestalt von Tante Inge war zu sehen. Ich hörte sie nichts sagen. Ich fragte mich noch, ob man das im Treppenhaus überhaupt hören konnte, wenn drinnen hinter der Tür jemand etwas sagte.

“Mach auf”, sagte der Papa so ganz friedlich.

Tante Inge bewegte sich nicht.

Nach einer Weile sagte der Papa wieder so ganz friedlich: “Inge, sei vernünftig und mach jetzt die Tür auf.”

Ich war ganz erstaunt und beobachtete das Ganze sehr aufmerksam. Ich verstand auch nicht richtig, was vor sich ging. Zuerst hatte ich gedacht, die Tante hätte vielleicht nicht gehört, dass jemand draussen ist.

Aber man sah sie ja stehen. Nur sagte sie nichts.

Der Papa drückte auf die Klingel, und man hörte es drinnen läuten.

Jetzt müsste die Tante doch aufmachen. Wenn es läutet, muss man doch aufmachen.

Aber ich sah nur durch das dicke Glas, wie sie drinnen hinter der Tür einfach stehen blieb und nichts tat.

“Mach jetzt auf!” sagte der Papa, jetzt schon viel lauter.

Der Papa konnte ganz schön laut reden. Oft sagte er so Dinge, vor denen ich ein bisschen Angst hatte. “Wo ich hinschlage, wächst kein Gras mehr.” oder: “Der soll bloss aufpassen, dass er mir nicht mal bei Nacht begegnet.”

Der Papa konnte bestimmt alle verdreschen.

Die Mutti nahm mich ja immer in Schutz und hielt zu mir gegen den Papa.

Als ich ihr gesagt hatte, dass ich in dem Fall, wenn ich die nachgemachte Fräulein mit Verachtung strafen sollte, auch die Strafarbeit nicht machen würde, legte die Mutti den Kopf in den Nacken und ich sah ihren hoch erhobenen Zeigefinger vor meiner Nase hin und her ticken wie ein Metronom.

“Nein, nein… das musst du natürlich machen…”, erklärte sie mir. “Was du in der Schule auf bekommst, das musst du machen. Du kannst dir deinen Teil darüber denken. Aber das musst du machen…”

Ganz ungläubig fragte ich: “Aber Mutti, kannst du nicht zu da hingehen und denen sagen, dass ich das nicht machen muss, wenn ich nichts angestellt habe?”

“Nein…”, sagte die Mutti und wies das weit von sich. “Das ist die Sache von den Lehrern in der Schule. Da kann ich gar nichts machen. Was die dir aufgeben, das musst du machen…”

Da war ich traurig gewesen.

 TEXTE VON ACHIM H. POLLERT

Aber nach ein paar Augenblicken war ich dann wieder froh, dass ich die Mutti hatte und dass sie zu mir hielt.

Denn dann nahm sie meine Hand und hielt sie. Ganz ernst sagte sie: “Aber du brauchst keine Angst zu haben.” – Und sie legte die andere Handfläche auf ihre Brust. – “Ich sage es natürlich nicht dem Papa. Von mir erfährt der Papa nichts.”

Ich wusste zwar, dass ich deswegen beruhigt sein sollte. Aber trotzdem fragte ich sie: “Warum…?”

Sie legte die Handfläche jetzt auf ihren Mund und schaute mich mit grossen Augen an.

“Wenn der Papa erfährt, dass du in der Schule eine Strafarbeit aufgebrummt bekommen hast”, erklärte sie mir, “dann hängt der dir das Kreuz aus. So etwas darf der Papa nicht erfahren.”

Und von da an war mir klar, in was für einer Gefahr ich überhaupt schwebte.

Natürlich.

Es hatte ja schon geheissen, ich dürfte mich auf der Gasse nicht verhauen lassen von anderen Buben. “Wenn du irgendwo deine Schläge bekommen hast, und wenn du es dann daheim erzählst, bekommst du sie hier gleich noch einmal.”

Ein richtiger Bube muss lernen, sich durchzusetzen. Nur ein Jammerlappen bringt Schläge heim.

So war es natürlich ganz klar, dass das mit einer Strafarbeit auch so war.

Also hatte ich von da an eben diese Angst, der Papa könnte etwas erfahren.

Natürlich würde die Mutti dicht halten. Sie war eben doch für mich da wie sonst niemand.

Aber was, wenn der Papa das irgendwo sonst erfuhr?

Wenn ein anderes Kind es daheim erzählte und die Eltern von dem es dann dem Papa erzählten? Bei uns auf dem Dorf konnte so etwas doch schnell herauskommen.

Oder wenn die Oma irgendwie Wind davon bekam und sich verplapperte?

Das Kreuz aushängen. Das war gar keine schöne Aussicht. Obwohl ich mich immer fragte, wenn die Mutti das sagte, wie das denn vor sich gehen würde.

Auf jeden Fall hatte ich Angst.

“Helmut, du bis ein ganz ekelhafter Hund”, rief die Tante Inge drinnen hinter der Wohnungstür, nachdem der Papa immer lauter gerufen hatte, sie sollte jetzt aufmachen.

Er hatte geläutet. Dann hatte er ein paarmal an die Tür geklopft.

Dann machte er etwas mit der Hand oder dem Fuss, und ich hörte ein komisches Geräusch, wie ich es noch nie gehört hatte. Und die Tante Inge lief drinnen von der Tür weg.

“Hör auf, Helmut”, sagte jetzt die Oma und nahm meinen Vater am Arm. “Jetzt hast Du einen Sprung in das Glas gemacht…”

Der Papa ging auf die Seite. Man konnte sehen, dass jetzt ein Sprung durch die untere Scheibe der Tür ging. Das hatte ich noch nie gesehen. Der Papa konnte ja wirklich alles machen.

Ich war wirklich froh, dass er nichts von meiner Strafarbeit wusste.

Wir gingen wieder die Treppe hinunter auf den Hof.

“Und jetzt?” fragte die Oma schulterzuckend.

“Jetzt gehe ich zur Polizei”, sagte der Papa und zündete sich wieder eine Zigarette an. “So geht es ja nicht. Wenn die mit der Pistole vor der Tür stehen, kommt das Inge dann schon zur Vernunft.”

“Oder sollen wir den Schlüsseldienst rufen”, sagte die Mutti, “dass die die Tür aufmachen?”

“Da ist jetzt keiner mehr da”, erklärte die Oma.

“Ausserdem können die nichts machen, wenn von innen zugeschlossen ist”, sagte der Papa. “Die müssten die Tür aufbrechen…”

Ich fragte mich, was das heissen sollte: eine Tür aufbrechen. Ob da einer kam, die Tür nahm und sie in der Mitte durchbrach? Und ob man die Tür hinterher dann noch brauchen könnte? Und warum machte der Papa das nicht selbst?

“Schluss”, sagte der Papa dann ganz entschlossen, warf die angefangene Zigarette auf den Boden und trat sie aus. “Ich gehe jetzt zur Polizei.”

Und er entschwand mit dem für ihn typischen schnellen kleinen Schritten in den langen dunklen Gang, der vom Hof auf die Strasse führte.

“Bleib du hier”, sagte die Mutti zur Oma. “Wenn die Funkstreife kommt, dass jemand da ist…”

Dann gingen wir dem Papa nach.

Der erwartete uns schon im Auto sitzend mit der glimmenden Glut in seinem dunklen Gesicht.

“Das ist doch unglaublich”, schimpfte er.

So wie er das sagte, hatte er das zu mir auch schon gesagt. Einen Augenblick lang fragte ich mich, ob er vielleicht jetzt etwas erfahren hatte von meiner Strafarbeit. Vielleicht hatte er ja zufällig etwas im Auto gefunden, einen Zettel, wo das alles drauf stand, oder so.

Wenn er von Inge so redete, dann fragte ich mich auch, ob er die wohl auch verhauen würde, wenn sie dann aus der Wohnung kam. Irgendwann musste sie ja wieder herauskommen. Und wenn der Papa sie dann erwischte, konnte das böse enden für sie.

Wir fuhren zur Polizei.

Das war so ein grosses Haus in dunkler Farbe mit so ganz vielen Schnörkeln in der Fassade.

An einer Tür an der Seite brannte noch Licht.

Da gingen wir hin. Drinnen war so eine lange Bar wie in einem Wirtshaus, nur ohne Gläser und Bierzapfer. Dahinter stand ein dicker Polizist hemdsärmelig mit so rotblonden Haaren.

Wenn jemand etwas verkehrt macht, dann kann man den bei der Polizei anzeigen. Das hatte ich schon verstanden. Ich fragte mich in dem Augenblick auch, ob ich dann nicht die falsche Fräulein, die mir die Strafarbeit aufgebrummt hatte, bei der Polizei anzeigen sollte.

Der Papa nuschelte dem Polizisten etwas vor, das ich nicht hörte.

Ein paarmal hintereinander sagte er dann mit Kopfschütteln: “… macht nicht auf… macht nicht auf…”

Der Polizist machte so dicke Lippen wie wenn er jemand küssen wollte und fragte: “Ist das denn Ihre Wohnung?”

“Nein”, antwortete der Papa, “von meiner Schwiegermutter…”

Der Polizist schaute die Mutti und mich an und fragte: “Aber Ihre Schwiegermutter ist jetzt nicht dabei?”

“Die wartet dort auf die Polizei”, sagte die Mutti.

“Haben Sie die Polizei denn schon gerufen?” fragte der Polizist jetzt.

“Nein. Deswegen sind wir ja hier”, antwortete der Papa.

“Und die Frau, die da nicht aufmacht… ist die da eingebrochen?”

“Nein. Das ist meine Schwägerin… also die Tochter von der Wohnungsinhaberin… die wohnt da…”

“Sehen Sie”, sagte der Polizist und zuckte mit den Schultern, “da kann ich nichts machen. Das ist kein Einbruch, eine reine Familienstreitigkeit… niemand ist gefährdet… da müsst ihr halt sehen, wie ihr miteinander einig werdet…”

Dazu machte er so eine weisende Handbewegung in Richtung Tür.

“Aber das geht doch nicht, dass die einfach ihre Schwiegermutter aus ihrer Wohnung aussperrt”, meinte der Papa noch ganz empört.

Der Polizist schüttelte nur noch mit dem Kopf, und seine Lippen wurden noch dicker dabei.

“Komm, Helmut, dann gehen wir wieder”, sagte die Mutti zum Papa, der gerade weiterreden wollte. Ob er wohl den Polizisten verhauen wollte, weil der ihm nicht helfen wollte? Ob die Mutti ihn vielleicht zurückhalten wollte?

Jedenfalls sollte ich mir das mit der Anzeige gegen die falsche Fräulein noch einmal überlegen. Schliesslich wollte ich nicht riskieren, dass damit alles doch noch herauskam. Immerhin hatte die liebe Mutti so gut dicht gehalten und mich geschützt.

Wir gingen zurück zum Auto und fuhren zurück zur Oma.

Die war nicht mehr im Freien.

Der Papa läutete. Im Treppenhaus ging das Licht an, und die Oma kam herunter und schloss uns auf.

“Als ihr fort wart”, sagte sie, “hat das Inge die Tür aufgemacht und mich wieder hereingelassen. Jetzt ist es in seinem Zimmer.”

Wir gingen hinauf. Der Papa bekam ein Bier, ich einen Sirup und die Mutti eine Tasse Tee.

“Das Inge war schon immer hysterisch”, meinte die Mutti dann noch.

Dann war alles still.

Nachdem wir eine Weile in der Küche gesessen waren, kam Tante Inge dann aus ihrem Zimmer und setzte sich zu uns. Sie sass auf dem Stuhl und schaute einfach vor sich auf den Boden.

Und es war weiter alles still. Die Mutti und der Papa rauchten Zigaretten, und die Oma rauchte eine mit. Mir war es natürlich recht. Denn solange die Erwachsenen nicht miteinander redeten, hatte ich schliesslich nichts zu befürchten.

Ich hatte das mit der Strafarbeit auch in Ordnung gebracht. Ich hatte zuerst nur die erste Seite von dem Kapitel abgeschrieben und es auf dem Schulhof der falschen Fräulein gezeigt. Unser Fräulein Teffner war inzwischen ja auch zurück, so dass ich mit der falschen gar nichts mehr zu tun hatte.

Das hatte sie aber gemerkt und mir erklärt, sie hätte mir gesagt, ich sollte das Ganze abschreiben.

Und weil ich Angst gehabt hatte, die würde vielleicht zu uns nach Hause kommen und sich über mich beschweren, so dass die Sache dann doch noch herauskäme, hatte ich dann auch noch den Rest abgeschrieben.

Aber an dem Abend bei der Oma, als wir so zusammensassen und nichts redeten, sagte ich mir dann schon insgeheim: Wenn noch einmal etwas ist in der Schule, dann erzähle ich daheim nichts mehr. Ganz bestimmt nicht!

Obwohl ich so eine gute Mutti hatte, die schön aussah und mich gegen alles in Schutz nahm.

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Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
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