Das Falsche am Meister…

Achim H. Pollert (*) über seine Beobachtung eines selbstenannten Meisterfälschers

Achim H. Pollert kontaktieren:

https://www.facebook.com/profile.php?id=100001880320908

Ich gebe es freimütig zu:  Obwohl natürlich die Gefahr besteht, ich würde das nur aus Neid sagen, weil ich selbst halt nicht so makellos malen könnte wie er, hat nach Ansicht der Sendereihe im Schweizer Fernsehen vorbestrafte Gemäldefälscher Wolfang Beltracchi in meinen Augen inzwischen sehr stark verloren.

Anstatt des von mir erwarteten spritzigen Hochintellektuellen, der den bierernsten Autoritäten der Kunstszene eine lange Nase dreht, indem er sie alle verarscht hat und ihnen heute frech ins Gesicht lacht im Bewusstsein, ihre ganze Absurdität mit ihrem Tanz um das Goldene Kalb öffentlich vorgeführt zu haben, sehe ich vor mir auf dem Bildschirm einen  Menschen, der mir einen erschreckend konventionellen Eindruck macht.

DAS WIRTSHAUS-MILIEU

Ich kenne solche Menschen aus meiner Verwandtschaft. Ich kenne solche Menschen aus dem Wirtshaus. Ich kenne solche Menschen, die mit grosser Sicherheit und ganz genau wissen, was „schön gemalt“ ist und was nicht.

Menschen, die aus diesem Grunde auch – weil sie wissen, was „schön gemalt“ ist und was nicht – genau wissen, was Kunst ist und was nicht.

Und daraus folgt dann der Schluss, dass derjenige, der möglichst „schön“ malen kann, ein Künstler ist, und dass derjenige, der „am schönsten“ malen kann, der beste Künstler ist.

Immerhin: El Greco hat im Stil von El Greco gemalt. Rubens hat im Stil von Rubens gemalt. Edouard Manet hat im Stil von Manet gemalt. Pablo Picasso hat im Stil von Picasso gemalt. Salvador Dali hat im Stil von Dali gemalt. Und Wolfgang Betracchi hat im Stil von El Greco, Rubens, Manet, Picasso, Dali u.s.w. gemalt.

Also wird in diesem Milieu, das ich aus meiner Kindheit allzu gut kenne, derjenige zum grössten Künstler, der nicht nur so wie er selber malen kann, sondern so wie hundert verschiedene Maler. Ist doch klar: Wenn ein Meister so malt wie er selbst, was für ein Übermensch und Übermeister muss dann derjenige sein, der so wie alle Meister malen kann?

So vergisst Beltracchi dann auch in dieser Sendereihe nicht, pro Folge wenigstens einmal darauf hinzuweisen, er wäre der „grösste Kunstfälscher“ aller Zeiten. Ein Hinweis, der sich zumindest implizit auch einmal dahingehend verselbständigen kann, dass man sich, wenn nicht für den Grössten, dann aber doch mindestens für einen ganz Grossen hält. Wenn etwa einer porträtierten Opernsängerin bei Überreichung des Bilds gesagt wird, in hundert Jahren wüsste wahrscheinlich niemand mehr, wer hier abgebildet sei, wohl aber würde man auch dann immer noch mit Hochachtung verzeichnen, es handelte sich aber um einen echten Beltracchi.

Wie so viele einfache Antworten findet diese einfache Logik grossen Beifall, wenn nicht gar regelrechte Begeisterungsstürme, geht es erst einmal um Politisches. Möglicherweise ist es nicht einmal ein Zufall, dass ganze politische Strömungen, die so ganz genau wissen, was „echte Kunst“ ist, ihren Ursprung im Wirtshaus-Milieu haben. Doch das würde hier zu weit führen.

KUNST IST INSPIRATION

Natürlich ist diese Annahme, derjenige, der „am schönsten“ malen kann, der so malen kann wie „alle Meister zusammen“, wäre selbst der „beste“ Künstler von allen, blanker  Unsinn.

Entgegen den Erkenntnissen aus dem Wirtshaus, hat Kunst natürlich herzlich wenig damit zu tun, ob man nun Darstellungen in einer bestimmten Form, besonders „schön“ (… gefällig, publikumswirksam, vorlagengetreu u.s.w.) zustandebringt.

Wer eine vorlagengetreue Abbildung braucht, kann fotografieren. Und inzwischen gibt es auch ganz billige Grafik-Software, die aus einer Online-Fotografie von Emil Steinberger in einer halben Stunde ein Bild fertigt, das aussieht, als hätte ihn ein Impressionist im 19. Jahrhundert gemalt.

Es ist ein grosses Missverständnis, die Kunst mit dem Handwerk gleichzusetzen.

Das Wesentliche am Kunstwerk ist nicht, dass es besonders „schön gemalt“ wäre, sondern einzig die Inspiration. Die Idee zu haben, etwas in einer bestimmten Weise darzustellen und damit beim Betrachter eine Reaktion zu provozieren, das ist die Kunst. Das ist das Wesen und die Natur aller Kunst. Angefangen bei Feuerstein-Plastiken in Neanderthalerhöhlen bis hin zu digitalen Videografiken der Gegenwart.

Daneben wird das Handwerkliche zur Nebensache.

Ob jemand freihändig zeichnet und mit ausgestrecktem Daumen immer wieder ganz bedeutungsschwanger Mass nimmt, sein Motiv immer wieder auffordert stillzusitzen, sich in eine andere Position zu bewegen u.s.w. Ob jemand viele Stunden lang immer wieder ein bisschen Farbe – und zwar nur von bestimmten Pigmenten, Zinkweiss oder Titanweiss – auf die Leinwand kratzt.

Oder ob jemand ein Foto schiesst, auf dem PC gestaltet, dann ausdruckt und in ein paar Minuten mit ein bisschen Wasserfarbe in den gewünschten Effekt bringt. Ob jemand ein Illustriertenbild auf dem Lichttisch durchpaust und dann nach der eigenen Inspiration bearbeitet.

Das ist unerheblich, weil es sich dabei um nichts weiter als das Handwerk handelt.

Wichtig ist einzig und alleine die Inspiration und das Ergebnis am Ende.

HANDWERK IST HILFSARBEIT

In der Gegenwart, in der uns die breite Palette von technischen Hilfsmitteln zur Verfügung steht, ist dies ohnehin der Fall. Digitale Kameras, Grafiksoftware aller Art, Printer, Projektoren, praktisch unerschöpfliches Reservoir von Bildvorlagen im Internet – das alles und viel mehr erleichtert die künstlerische Umsetzung von konzeptioneller Inspiration.

Die handwerkliche Umsetzung verliert dabei ohnehin zunehmend an Anspruch.

Aber auch in der Vergangenheit – bei den ganz grossen Meistern – war das Handwerkliche in der Malerei ein Nebenpunkt,  nichts weiter als eine Hilfstätigkeit, die zur Umsetzung bestimmter Konzepte nötig war.

Entweder die Umsetzung war so eigenwillig wie bei El Greco, der bereits im 16. Jahrhundert hoch abstrakte Gemälde schuf, durchaus mit Proportionen, die nicht stimmen,  mit „Eierköpfen“, mit verzerrter, „falscher“ Perspektive. Oder es kamen allerlei Hilfsmittel zum Einsatz wie etwa das Schnurraster, mit dem u.a. auch Leonardo da Vinci gearbeitet hat, das es ermöglicht, das vor einem stehende Original quasi abzukupfern auf ein Blatt Papier.

Oder – noch besser – man hielt sich wie viele anerkannte Meister eine Werkstatt mit Bediensteten und Lehrlingen. Die machten das Handwerkliche, und der Meister – Dürer, Rembrandt u.s.w. – vervollkommneten die Vorarbeit der Gesellen, nicht selten nur mit einigen wenigen Pinselstrichen.

Oder vielleicht Picasso, der seine Ideen in unzähligen kleineren Skizzen festhielt, immer wieder bearbeitete, neu zeichnete, ergänzte und veränderte, und der dann diese Skizzen auch mit allerlei Abkupferungsverfahren auf die grosse Leinwand brachte und damit dann Millionen Menschen beeindruckte.

Wohin man schaut: In der Kunst ist das Handwerkliche eine Hilfsarbeit, während das Wesentliche, das Grossartige, das Beeindruckende und das Bleibende nicht in der dieser Äusserlichkeit, sondern in der gelungenen Inspiration besteht.

Und besonders peinlich ist es immer wieder, wenn jemand, der das Handwerkliche gut beherrscht – durchaus im Einzelfall auch besser als ein Meister -, sich selbst für einen Meister hält.

Ich hätte erwartet, dass jemand, der die Absurdität der etablierten Kunstszene in so grossem Stil der Welt vor Augen geführt hat, dies weiss und nicht versucht, selber auf der Welle dieser Absurdität mit zu reiten.

Schade.

Achim H. Pollert auf facebook:

https://www.facebook.com/profile.php?id=100001880320908

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Über textepollert

Achim H. Pollert Autor, Publizist, Berater; Schwerpunkte: Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft, Personalwesen, Geschichte/Politik; lebt in der Schweiz und Frankreich; spricht Deutsch, Englisch, Französisch fliessend
Dieser Beitrag wurde unter Gebrauch der Sprache, Ghostwriting veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.